Leben

Die Mutterschaft bewusst genießen

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Hinter ihrem Kinderwunsch habe sicher auch „die Sehnsucht nach heiler Familie“ gesteckt, sagt Julia Sell heute selbstkritisch. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie zehn Jahre alt war. Interessanterweise besteht zwischen ihr und Janoschs Papa der gleiche Altersunterschied wie zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter: 14 Jahre. „Da wiederholt sich einiges“, sagt sie nachdenklich.

Plötzlich alleine zu sein mit Kind, war für Julia Sell schwierig. Da ist vieles, womit sie auf einmal alleine klarkommen muss: mit ihren Verletzungen, mit der Einsamkeit. In Leipzig, wo Julia Sell derzeit Biologie studiert, besteht ihr Freundeskreis nur aus Paaren. Viel Zeit zum Grübeln hat die Frau mit den weizenblonden Haaren aber nicht. Janosch ist sehr lebhaft und fordert viel. Schon mit neun Monaten machte er die ersten Schritte. Seitdem hält er seine zarte Mutter auf Trab. Im Moment findet er es toll, Dinge fallen oder rollen zu lassen. Alles in seinen Händen gehorcht dem Gesetz der Schwerkraft. Seine Flasche, sein Brot. Und natürlich seine Autos.

Er macht auch jede Menge Blödsinn. Vor allem, wenn Julia Sell es eilig hat und zur ersten Vorlesung um halb neun an der Uni sein muss. Böse sein kann sie ihm trotzdem nur schwer. Inwieweit auch er unter der Trennung leidet, kann Julia Sell schlecht einschätzen. Der Papa wohnt im Nachbarhaus und kümmert sich gut. Mehrfach pro Woche ist Janosch bei ihm. Doch wenn er auf Geschäftsreise ist, wird es eng für die junge Mutter. Dann hilft ihr ihre Schwester. Auch Freunde kommen sie besuchen, um für sie zu kochen oder mit Janosch spazieren zu gehen. Auch finanziell geht es, sagt sie. Sie bekommt Bafög, Unterhalt für Janosch und Kindergeld. „Wir leben sparsam.“

Häufiger als in der Uni ist Julia Sell auf dem Spielplatz. Janosch tollt umher, klettert auf die Rutsche. Zu Hause macht er gerne Musik und tanzt. In den Tobepausen braucht Janosch Mama zum Ausruhen. Dann wird er ganz kuschelig und schmiegt sich an sie, wenn sie ihm vorliest.

Dass sie früh Mutter geworden ist, findet Julia Sell nach wie vor schön. Sie sieht viele Vorteile. „Man ist näher am Kind.“ Ihr Muttersein bezieht sie ein in ihr „inneres Wachstum“. Aber sie sieht auch Nachteile. Hätte sie mehr Erfahrung, könnte sie in manchen Situationen gelassener sein, meint sie. Nicht immer ist es für sie einfach, vom Spiel- auf den Lernmodus umzuschalten. Manchmal ist sie abends so müde, dass sie mit ihrem Biochemiebuch in der Hand einschläft.

„Ich hatte nie das Gefühl, für Janosch etwas aufgeben zu müssen“

Trotz aller Herausforderungen empfindet sie es aber immer noch so, als sei sie genau im richtigen Moment schwanger geworden. Verallgemeinern will sie das jedoch nicht. Jede Frau müsse selbst spüren, wann für sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sagt sie.

Dass die Partnerschaft gescheitert ist, liegt für sie nicht an ihrem Alter. Auch hatte sie nie das Gefühl, dass sie für Janosch etwas aufgeben musste. Ihr Umfeld reagierte im großen Ganzen positiv auf ihre frühe Mutterschaft. Einige machten ihr Mut und sagten: „Ein Kind im Studium, das ist doch perfekt.“ Das hat sich trotz aller Schwierigkeiten für Julia Sell bestätigt. „Es gibt viele Hilfsangebote für junge Mütter“, findet sie. Die Professoren kämen ihr bei Terminen entgegen. Janoschs Krippe ist nur wenige Schritte von ihrer Haustür entfernt. In zwei Jahren will die ausgebildete Heilpraktikerin ihren Bachelor machen und danach ihren Master. Sie will sich spezialisieren auf den Bereich Heilpflanzen und Pharmazie. Bis sie ihr Ziel erreicht hat, dauert es noch eine Weile. Um für Janosch da zu sein, hatte sie ein Jahr ganz pausiert und zwei Semester nur ein Modul belegt.

Immer wieder trifft Julia Sell Frauen in ihrem Alter, die sich durchaus vorstellen könnten, ein Kind zu bekommen, sich aber nicht trauen. Denn erst, sagen sie, müssten sie noch fünf Jahre studieren, dann eine Arbeit suchen, dann sich finanziell stabilisieren und schließlich ein Nest bauen. Viele stellen entsetzt fest, dass sie, wenn sie das geschafft haben, schon Mitte Dreißig sein werden.

Der Forscher Hans Bertram spricht vom „alteuropäischen Heiratsmuster“. Demnach erwäge man erst Kinder, wenn man auf eigenen Beinen stehe. Früher sei das die Aufgabe des Mannes gewesen. Heute gelte das Gleiche für die Frauen. Doch das Warten aus Vernunftgründen kann schiefgehen. Hans Bertram: „Ein interdisziplinäres Forschungsteam hat herausgefunden, dass zwar die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen ist, die Frauen aber trotzdem nicht länger Kinder bekommen können.“ Seit Mitte des 20. Jahrhunderts habe sich der Zeitpunkt des Eintritts der Menopause nicht verschoben, sondern läge nach wie vor bei durchschnittlich 51 Jahren. „Die Biologie lässt sich trotz Technik nicht einfach austricksen“, gibt der Wissenschaftler zu bedenken.

Mathilde Knaus, heute 58, hatte Glück. In ihrer Lebensplanung gab es den Wunsch nach einem Kind schon lange. Doch erst, als sie sich richtig verliebt hatte, wurde er konkret. Das Baby kam, als sie eigentlich dachte, es sei schon zu spät. Da war sie 45. Nicht alle aus ihrer Umgebung freuten sich mit ihr. Eine Freundin sagte ihr nach der Ultraschalluntersuchung, dass ihr das Kind leid tue mit so einer alten Mutter. „Wahrscheinlich war es Trauer über die eigenen verpassten Gelegenheiten“, interpretiert Mathilde Knaus heute den Kommentar der kinderlos gebliebenen Freundin. Trotzdem blieb er nicht ohne Wirkung. Sie hatte Schuldgefühle, wenn sie an die Risiken ihrer späten Schwangerschaft dachte.

Die Geburt verlief für Mathilde Knaus traumatisch. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals des Babys gewickelt und Peters Gesicht war blau gefärbt. Doch als der Kleine endlich auf Mamas Bauch lag, waren die Qualen vergessen und sie empfand großes Glück. Ein Glück, das mit den Jahren nicht weniger geworden ist.

Mutter und Sohn sind heute ein gut eingespieltes Team. Zum neun Jahre jüngeren Vater herrscht Funkstille. Die Endfünfzigerin muss alles alleine stemmen und gerät bisweilen an ihre Grenzen. Der Job der Freiberuflerin verlangt ein hohes Engagement und viel Flexibilität. Nicht immer kann sie für ihren 13-jährigen Sohn so intensiv da sein, wie sie es gerne möchte. „Qualität statt Quantität“ lautet deswegen ihre Devise.

Zeit für eine Paarbeziehung bleibt ihr nicht. Die Entscheidung gegen eine Partnerschaft fällt ihr heute aber weniger schwer, als wenn sie noch jünger wäre: „Ich hatte vor Peter ein intensives Leben“, sagt sie. Den Vorteil der späten Elternschaft sieht sie in ihrer Lebenserfahrung und dem Mut, nicht immer den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen zu müssen.

Eigentlich fühlt sich Mathilde Knaus wie eine ganz normale Mutter. Trotzdem ertappt sie sich immer wieder dabei, dass sie manchmal nicht wirklich kindgemäß denken kann. Ihre eigene Kindheit scheint sehr weit weg. Auch ist sie nicht so verspielt, wie es vielleicht jüngere Mütter sind. Bedauerlich findet sie auch, dass Peter kaum Kontakt zu seinen inzwischen verstorbenen Großeltern mütterlicherseits hatte. Der größte Wermutstropfen für sie aber ist, dass sie nicht weiß, wie lange sie selbst noch da sein kann, um Peter zu begleiten. Wird sie es noch miterleben, wenn er selbst eines Tages Vater wird?

„Ich bin mir nicht sicher, ob die ,späten Eltern’ sich der Tatsache ihrer eigenen Vergänglichkeit immer in dem Maß stellen, wie sie das tun sollten“, sagt der Schweizer Autor Eric Breitinger. In seinem Buch „Späte Kinder“ beschreibt er, wie es für die Kinder ist, mit älteren Eltern aufzuwachsen. Er selbst kam als Kleinkind zu Pflegeeltern, die damals schon fast 50 waren. An seinen Pflegevater kann er sich nur als „einen Mann mit weißen Haaren“ erinnern. Als er mit Ende 20 selbst zum ersten Mal Vater wurde, war der Opa schon am Ende seines Lebens angekommen. Nur mit Mühe konnte der schwer an Parkinson Erkrankte das kleine Bündel Mensch halten. Zwei Jahre später verstarb er.

Besonders berührt hat es ihn zu sehen, „wie eine späte Elternschaft das Leben von manchen Kindern beeinflusst – vor allem, wenn ein Elternteil früh stirbt“. Der Autor hat mit vielen „späten Kindern“ über ihre Erfahrungen gesprochen. Sein Fazit: „Als Kind bemerkt man das Alter der Eltern eher nicht. In der Pubertät fangen oft die Probleme an.“ Häufig spürten die „späten Kinder“ eine große emotionale Distanz zu ihren Eltern. Viele schämten sich für sie oder müssten sich gegen veraltete Werte auflehnen.

Allerdings hat ein höheres Alter der Eltern für Eric Breitinger nicht nur Nachteile. „Späte Kinder“ dürfen, wie Studien zeigten, „mit mehr Selbstbewusstsein ins Leben starten“. Denn viele Eltern hätten ihre Ankunft jahrelang herbei gesehnt. Oftmals bekämen sie eine bessere Förderung als ihre Altersgenossen. Auch seien ältere Eltern eher in der Lage, eine funktionierende Partnerschaft zu führen und ihren Kindern eine harmonische Familie zu bieten. Nicht zuletzt investierten sie viel Zeit, Aufmerksamkeit und Geld in ihre Kinder.

Der Trend, Kinder immer später zu bekommen, verändert auch die Familienstruktur. Immer mehr Kinder wachsen heute ohne Geschwister auf. Möglicherweise müssen sie schon früh zwei alte Eltern versorgen. Dadurch entstünden verstärkt Tendenzen, die auf mehr Vereinzelung und weniger Sozialleben zielen, so der Autor. Bei den sogenannten Nachzüglern sieht die Konstellation anders aus. Sie erleben die Eltern oft als gelassener, liebevoller und weniger streng als ihre älteren Geschwister. Manchmal aber auch als müde, abgekämpft und emotional distanziert. Geschwister spielen eine wichtige Rolle im Leben der Nesthäkchen.

Nachzügler werden von ihren Geschwistern mit erzogen

Das beobachtet auch die dreifache Mutter Ruth Krämer. Ein Stück weit wird der vierjährige Josef auch von seinen älteren Geschwistern Jan und Maita erzogen, die mit ihm über den Spielplatz toben oder auf Knien durch die Wohnung rutschen. Wenn sich der 13-jährige, mittlerweile 1,80 Meter große Jan wilde Verfolgungsjagden mit dem Kleinen um den Tisch liefert, ist das genau das Richtige für Josef. Die Mutter selbst mag es inzwischen ruhiger. Sie liest Josef vor oder puzzelt mit ihm. Oder er „hilft“ ihr in der Küche, indem er das Essen umrührt, es „abschmeckt“ oder den Kuchenteig aufschleckt.

Ein bisschen schade findet sie es manchmal schon, dass der Altersabstand zwischen den Kindern so groß ist. Jetzt, wo ihre älteren Kinder zunehmend eigene Wege gehen, könnte sie mit ihrem Mann eigentlich neue Freiheiten genießen. Durch Josef fühlt sie sich schon manchmal angebunden. Für Städtereisen eignet sich ein Kleinkind schlecht. Immerhin gelingt es ihr als Osteopathin mit eigener Praxis, Familie und Beruf gut zu vereinbaren. Auch ihr Mann ist Freiberufler. Gemeinsam sind sie flexibel genug, die drei Kinder zu managen. Auch die Familie hilft mit. Manchmal übernimmt die Oma die Kinder sogar für ein ganzes Wochenende. Dann hat das Paar sogar das seltene Glück der Zweisamkeit.

Und eine große Bereicherung ist Nachzügler Josef allemal. Ruth Krämer genießt es, viel bewusster als bei den ersten beiden Kindern zu beobachten, wie Josef die Welt entdeckt. Im Gegensatz zu seinen manchmal kratzbürstigen Geschwistern im Teenager-Alter ist Josef außerdem lieb und kuschelig. Wenn der Vierjährige morgens in die Küche komme und „Guten Morgen“ rufe, „dann geht für mich die Sonne auf“, berichtet Ruth Krämer strahlend.

Bloggerin Sarah Depold dagegen kann es sich nicht vorstellen, mit 40 noch einmal schwanger zu sein. Sie wollte immer schon früh Mutter werden. Das ist ihr gelungen. Mittlerweile ist sie 29 und das dritte Kind ist unterwegs. Den passenden Vater dazu traf sie bereits in der ersten Klasse. Im Gymnasium wurden sie ein Paar. Weitere Kinder sind nicht geplant. „Wir wollen für die Kinder da sein.“ In ihrem Umfeld haben alle positiv auf ihre Familienplanung reagiert. Im beschaulichen Wilmersdorf aber, wo die Familie lebt, sind die anderen Eltern im Schnitt acht bis zehn Jahre älter. Manche sogar so alt wie ihre eigenen Eltern.

Sarah Depolds Mutter ist erst 48 und fit genug, manchmal auf die Kinder aufzupassen. Aber werten will sie nicht. „Jeder soll auf seine Art glücklich werden. In Berlin ist eh alles normal.“ Sie selbst sieht in ihrer frühen Mutterschaft viele Vorteile: „Ich habe noch viel Energie, die ich vielleicht in 20 Jahren nicht mehr hätte, und muss nicht mit Mitte 30 aus dem Beruf aussteigen.“

Kinder und Karriere, das war für sie zunächst kein Widerspruch. Das erste Kind bekam sie mit 23 und war mitten im Studium. Für sie eine gute Zeit. Ihr Baby kam bei der Tagesmutter der Technischen Hochschule Brandenburg unter und sie schrieb in Ruhe an ihrer Bachelorarbeit. Gleichzeitig konnte sie auf dem Campus zu ihrem Sohn, wenn er gestillt werden musste. Trotz Baby schloss sie ihr Betriebswirtschaftsstudium als beste Absolventin ihres Jahrgangs ab.

Im Moment arbeitet sie Teilzeit und ist manchmal ganz schön erschöpft. Wenn die Kinder im Bett sind, freut sie sich auf eine ruhige Stunde mit ihrem Mann. Das muss sein. „Schwangerschaft und Kinder, das ist wirklich anstrengend!“ Auf ihrem Blog mamaskind.de erzählt sie vom ganz normalen Alltagswahnsinn und davon, wie sie es schafft, als Mehrfachmama Beziehung, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Der Mitherausgeber der Studie „Zukunft mit Kindern“ Hans Bertram weiß, dass der Nachwuchs eine Karrierebremse sein kann. „Ein Kind im ersten Lebensjahr braucht wöchentlich etwa 60 Stunden Aufmerksamkeit“, betont er.

Das sind Fakten, über die man früher wenig nachgedacht hat. Davon erzählt Barbara Jauer, heute 75 Jahre alt.

Zu ihrer Jugendzeit war es normal, früh Kinder zu bekommen. Besonders romantisch war das meist nicht. „Viele Schwangerschaften waren nicht geplant und für die werdenden Eltern eine mittlere Katastrophe“, erinnert sie sich. Die Pille gab es noch nicht und die praktizierten Verhütungsmethoden waren sehr unsicher. So kündigte sich bald ihre erste Tochter an. Barbara Jauer hatte gerade das Abitur gemacht und war erst 19, der Vater ihres Kindes noch in der Ausbildung. Zusammen mit dem Baby zogen sie in eine sogenannte Stube in Wilmersdorf. Das war ein möbliertes Zimmer bei einer alten Dame. Das zweite Kind kam ein gutes Jahr später.

Barbara Jauer wünscht sich rückblickend, sie hätte für die anspruchsvolle Aufgabe der Kindererziehung mehr Lebenserfahrung gehabt und sei selbstständiger gewesen. Doch in den Familien von damals hatten die jungen Leute nicht viel Raum für die eigene Entwicklung.

Ihr Leben lang hat Barbara Jauer gespürt, welche Auswirkungen es für sie hatte, dass sie so schnell und unwissend Verantwortung für Kinder übernehmen musste. Später bekam sie noch zwei Kinder, das letzte mit 35. Und obwohl sie da alleinerziehend war, konnte sie plötzlich ihr Muttersein genießen: „Ich hatte einen Beruf gelernt, ein ganz anderes Wissen und eine andere Stabilität.“ Die Frauen von heute haben es leichter, findet Barbara Jauer. Sie könnten bewusst entscheiden, wann für sie der ideale Moment für ein Kind gekommen ist. Sie hätten die Möglichkeit, sich vorher auszuprobieren und Lebenserfahrung zu sammeln. Sie selbst allerdings genießt heute auch die Vorteile ihrer frühen Mutterschaft – mit drei Enkelkindern. Die Älteste ist 17.