Leben

Ab ins kLOSTER!

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Cirstin Listing

Das Klosterleben – ein Auslaufmodell? Nicht für Ulrike und Carsten. Sie gehören zu einer lebendigen religiösen Gemeinschaft, die zusammen wohnt, betet und arbeitet – mitten in Prenzlauer Berg

„Der Himmel freue sich und die Erde frohlocke vor dem Herrn, wenn er kommt.“ Mitten am Tag erklingt in der Segenskirche an der Schönhauser Allee der 96. Psalm. „Singt dem Herrn ein neues Lied, singt dem Herrn, alle Länder der Erde.“ Neun Stimmen intonieren den Psalm, die wunderbare Akustik der 108 Jahre alten Berliner Kirche lässt die Melodie nachhallen wie einen gregorianischen Gesang. Das Lied steigt auf zur Kuppel und ein Gefühl der Geborgenheit fällt herab auf die Betenden.

Das ganze Jahr über wird in der Segenskirche gemeinsam gebetet, von Montag bis Freitag, morgens um acht und mittags um zwölf. Denn hier wird nicht nur auf den Herrn gewartet, sondern vor allem auf Menschen. Wer mitbeten oder übernachten möchte, erhält Einlass. Es ist immer jemand anwesend, denn die Kirche gehört zum Stadtkloster Segen. Das Kloster wird bewohnt von einer Lebensgemeinschaft von Gläubigen, die zur Schweizer Communität Don Camillo gehört.

„Die Stundengebete sind der Pulsschlag, der uns am Leben hält“, sagt der Leiter des Stadtklosters Georg Schubert. Präsent sein bedeute, zu Hause zu sein, wenn die Leute kommen – weil sie die Kirche ansehen wollen, ein Gespräch suchen oder einfach nur etwas zu essen.

Mit dem, was man sich gemeinhin unter einem Kloster vorstellt, hat das Leben in der Gemeinschaft in Prenzlauer Berg nichts zu tun. Schon im Namen liegt ein Augenzwinkern. Don Camillo ist eine Gemeinschaft von Gläubigen, die einem Ruf folgen, den sie von Gott erhalten haben, und die den Glauben an Jesus Christus ernst nehmen. Aber eben nicht bierernst. Nicht nach einem Heiligen oder Märtyrer haben sie ihre Communität benannt, sondern nach eben jenem Don Camillo aus den Romanen von Giovanni Guareschi, die auch verfilmt wurden.

Karge, kleine Zellen? Die gibt es im Stadtkloster Segen nicht

„Mild wie die Kamille, wenn es darum geht, den Menschen beizustehen, aber auch unverwüstlich und zäh in Konflikten“, beschreiben die Mitglieder Don Camillo. Das Berührendste an ihm aber sei seine Beziehung zu Christus. Mit Humor würden die Herausforderungen des Alltags gemeistert. Lebenslange Verpflichtung zu einem Leben im Zölibat? Karge, kleine Zellen, nur mit Kreuz, Tisch, Stuhl und Schrank ausgestattet? Das gibt es hier nicht.

Dienstagabend, in der Küche der Wohnung von Klosterleiter Georg Schubert. An der Wand hängen Fotos seiner vier Kinder, Hochzeitsfotos, Urlaubsbilder. Ehefrau Barbara, wie Georg Schubert aus der Schweiz stammend, hat weihnachtlich gedeckt. Eine Tannengirlande schmückt den Tisch, liebevoll bestückt mit Clementinen, kleinen Schweizer Schokoladentäfelchen und für jeden zwei Grättimaa, Männchen aus Hefegebäck, die zum Nikolaustag in der Schweiz nicht fehlen dürfen.

Die Studenten-WG aus der Wohnung eine Etage höher ist fast vollzählig gekommen, ebenso Sebastian, der für einige Monate in der Gemeinschaft lebt, und auch Ulrike und Carsten. Noch wohnen die beiden in Neukölln. Doch in vier Monaten, wenn die Studenten aus dem Stadtkloster Segen ausziehen, wird deren Wohnung das neue Zuhause für Ulrike und Carsten und ihren vier Jahre alten Sohn Klemens.

Ein Gebet vor dem Essen, ein Lied, das Gott preist, dann summen die Stimmen durcheinander und das Besteck klappert. Es riecht fruchtig nach gepellten Clementinen. Die Gespräche drehen sich auch um Christus, manchmal. Doch vor allem um vieles andere. Die Nichtschweizer am Tisch fragen die Gastgeber nach Schweizer Weihnachtsbräuchen aus. Josef, ein aramäischer Christ aus Syrien, spricht über seine Schwierigkeiten beim Deutschlernen. Und Ulrike erzählt, dass sie schon eifrig Dinge aussortiert, wegwirft oder verschenkt.

Ohne Wenn und Aber werden Ulrike und Carsten in naher Zukunft der Communität angehören – erstmal für ein Jahr, mit der Option auf mehr. Ihren Beruf als Ergotherapeutin hat Ulrike aufgegeben. Seit einigen Wochen arbeitet sie bereits im Kloster.


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