Marotten

Haben Menschen in Metropolen besonders viele Ticks?

Psychologe Christian Kaufmann über den Ursprung von Marotten, ab wann sie krankhaft sind - und wie man sich befreien kann

Christian Kaufmann ist Psychologe und erforscht Zwangsstörungen

Christian Kaufmann ist Psychologe und erforscht Zwangsstörungen

Foto: privat / BM

Wann ist ein Spleen ein Spleen – und wann braucht man einen Therapeuten? Fragen an Dr. Christian Kaufmann, 46, von der Klinischen Psychologie der Humboldt-Universität in Berlin. Er erforscht Zwangsstörungen.

Herr Kaufmann, der eine macht vor dem Urlaub Fotos seiner Herdplatte, um sicherzugehen, dass er die auch wirklich ausgeschaltet hat. Der andere ist nur glücklich, wenn er in der U-Bahn immer wieder denselben Platz bekommt. Welches ist Ihr Spleen?

Christian Kaufmann: Ich muss meinen Kaffee morgens auf die Karlsbader Methode zubereiten, das heißt, der Kaffee muss einen besonders feinen Porzellanfilter durchlaufen. Nur dann ist das Frühstück ein Erfolg.

Was passiert, wenn Sie mal keinen Porzellanfilter zur Hand haben?

Dann geht es auch mal so. So exzentrisch bin ich nun auch wieder nicht.

Jeder Mensch hat irgendwelche Angewohnheiten, über die andere den Kopf schütteln. Welche Funktion haben diese Spleens?

Wahrscheinlich hängt es mit Ritualen zusammen. Spleens sind ritualisierte Handlungen. Und Rituale sind dazu da, Struktur und Ordnung ins Leben zu bringen. Wiederholungen tun der Psyche gut. Sie geben uns ein Gefühl der Sicherheit.

Aber ist es nicht eher belastend, wenn jemand die Angewohnheit hat, sich ständig die Hände zu waschen, weil er Angst davor hat, sich mit Krankheiten zu infizieren?

Ich rede von Marotten, also von Angewohnheiten, über die andere vielleicht den Kopf schütteln. Das Beispiel, das Sie erwähnt haben, ist aber keine Macke mehr, das können Symptome einer Zwangsstörung sein. Die ist auch vom Gefühl her etwas anderes. Patienten können sehr wohl zwischen beidem unterscheiden.

Wann ist eine Marotte eine Marotte und wann ist es krankhaft?

Wenn es einen selbst oder andere so sehr belastet, dass es den Alltag stark beeinträchtigt. Einfaches Händewaschen aus Angst vor Ansteckung würde in diesem Fall nicht ausreichen. Wir reden von einigen Stunden pro Tag.

Kann man diese Grenze immer glasklar ziehen?

Ja, das sind zwei verschiedene Dinge. Ein Zwang ist nicht die Summe vieler Marotten. Anders als Spleens sind Zwänge auch unabhängig von der Sozialisation oder der Zugehörigkeit zu einer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion.

Wie hoch ist denn der Anteil an Menschen, die zwangsgestört sind?

Ein bis drei Prozent aller Menschen zeigen irgendwann im Leben Zwangssymptome. Bei einem Prozent der Menschen sind diese Symptome behandlungsbedürftig. Es scheint in der Natur des Menschen angelegt zu sein. Und jeder kennt das auch. Aber bei einigen bricht es eben aus, bei anderen nicht.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Jeder, der Kinder hat, hat wohl schon mal Bilder davon im Kopf gehabt, dass seine Kinder Opfer eines Unfalls werden. Im nächsten Moment sind diese Bilder aber wieder weg. Wenn jemand unter Zwangsstörungen leidet, kommen die Bilder immer wieder. Er bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf.

Woran liegt das?

Es scheint eine gewisse genetische Disposition zu geben. Wenn die Eltern eine Zwangsstörung haben, haben die Kinder ein höheres Risiko als andere.

Wie ist das bei den Spleens: Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen besonders anfällig für Spleens machen?

Leute mit ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmalen wirken per se exzentrischer. Wenn jemand extrem narzisstisch oder ordnungsliebend ist, merkt man ihm die Marotten eher an.

Sind Marotten nicht die sprichwörtlichen Ecken und Kanten, die eine Persönlichkeit erst ausmachen?

Hmmm, das frage ich mich auch jedesmal, wenn ich mit meinen Kindern auf Spielplätzen in Prenzlauer Berg bin und beobachte, wie sich so genannte Helikoptereltern gebärden. Die lassen die Kinder keine Sekunde aus den Augen und schleppen noch einen ganzen Rucksack mit Lebensmitteln mit. Ich als gebürtiger Österreicher würde sagen, das ist eine Marotte, aber in diesem Stadtteil ist es eben total normal. Spleens hängen also davon ab, wo man lebt.

Sind Menschen in Metropolen spleeniger als auf dem Land?

Nach meiner Erfahrung gibt es auf dem Land genauso viele Exzentriker. Genau wissen wir das aber nicht. Bislang ist nur wissenschaftlich erwiesen, dass psychische Erkrankungen in den Städten häufiger vorkommen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Menschen hier größerem Stress ausgesetzt sind.

Warum wurden Spleens von der Psychologie noch gar nicht erforscht?

Sie stören ja niemanden. Solange jemand arbeiten gehen kann und weder sich noch andere gefährdet, hat er alle Freiheit der Welt.

Welche Spleens sind gesellschaftsfähig?

Also, meinen Spleen mit dem Kaffee kann ich jedem erzählen. Das wirkt sogar interessant. Ernährungsmarotten sind generell anerkannt. Über die kann man auch auf Partys reden. Dieser Veganismus zum Beispiel hat ja schon fast religiöse Aspekte. Wer sich nicht so ernährt, gilt als Sünder.

Was verrät uns das über die Natur des Spleens?

Er braucht einen Bezugsrahmen. Ob eine Angewohnheit als Spleen anerkannt wird, hängt vom Urteil des sozialen Umfelds ab. Mir zum Beispiel ist mein Kaffeetick erst aufgefallen, als mich Kollegen darauf angesprochen haben.

Auf Facebook oder Instagram gibt es den Trend, sich von seiner Schokoladenseite zu verkaufen. Sind Spleens da eher hinderlich oder förderlich?

Der Trend geht zur Selbstoptimierung. Marotten passen nicht dazu. Ich fürchte, das führt dazu, dass man sie leugnet oder versucht, sie abzustreifen. Und das wäre doch schade, oder? Es ist doch gerade das Schöne, wenn man verschiedene Persönlichkeiten auf einer Party trifft.

Sie sind Experte für Zwangsstörungen. Wie groß muss der Leidensdruck sein, damit Betroffene von sich aus professionelle Hilfe suchen?

Hilfe suchen sich die einen erst, wenn der mentale Stress zu groß wird, den Alltag so zu organisieren, dass der Zwang nicht mehr auffällt. Die anderen kommen, weil es ihren Eltern oder dem Partner zu viel wird. Leider wissen viele erstmal gar nicht, dass sie betroffen sind. Zwänge werden oft mit Angststörungen und Depressionen verwechselt.

Wie können Sie Betroffenen helfen?

Wir sind verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Das heißt, unsere Patienten setzen sich ihren Ängsten so lange aus, bis sie Kontrolle darüber gewinnen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Nehmen Sie zum Beispiel jemanden, der Angst hat, er habe vergessen, den Herd auszuschalten. Der schaltet die Platten in unserer Teeküche erst an und dann wieder aus. Aber nur einmal. Danach gehen wir mit ihm in einen anderen Raum. Der Patient hat dann erstmal irrsinnige Angst, dass das Institut abbrennt. Nach einer Stunde lässt diese Angst aber nach. Er lernt: Okay, seine Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet.

Geht die Angst jemals ganz weg?

Nein, ganz weg geht sie nie. Aber wenn Sie gelernt haben, damit umzugehen, haben Sie die Kontrolle wiedererlangt.

Wie sind die Erfolgsaussichten einer Therapie?

Ganz gut. Die Therapien dauern in der Regel ein Jahr. Und zwei Drittel bis drei Viertel der Patienten fühlen sich hinterher geheilt.

Die Humboldt-Universität sucht für eine der weltweit größten Studien zu den Ursachen der Zwangsstörung Verwandte ersten Grades (Vater, Mutter, Geschwister, Kinder) Betroffener.
Kontaktadresse: psyepocp@hu-berlin.de