Leben

Stau adé! Was Menschen von Ameisen lernen können

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Wenn die Ferien in den bevölkerungsreichen Bundesländern beginnen, dann sind fast immer auf den vielbefahrenen Autobahnen, vor allem in Nord-Südrichtung, Staus angesagt. Wenn sich dann noch Baustelle an Baustelle reiht, ist der Verkehrskollaps vorprogrammiert. Sind Staus wirklich nötig? Vielleicht nicht unbedingt. Wenn wir nämlich einmal eine Ameisenstraße näher unter die Lupe nehmen, werden wir feststellen, dass hier der Verkehr ständig fließt und es auch bei hohem Verkehrsaufkommen und zahlreichen Hindernissen nur sehr selten zu Staus kommt.

Ein belgisch-französisches Forscherteam hat vor einiger Zeit herausgefunden, warum das so ist. Die Wissenschaftler bauten für zwei verschiedene Ameisengruppen zwei unterschiedliche Teststrecken auf. Auf der ersten Strecke errichteten die Wissenschaftler zwischen Nest und Futterquelle eine breite Brücke. Auf der zweiten Strecke stand den Ameisen dagegen an der vergleichbaren Stelle nur ein schmaler Steg zur Verfügung, auf dem sich gerade einmal zwei Ameisen aneinander vorbei quetschen konnten. Eigentlich eine gute Voraussetzung, um zumindest ein heftiges Gedrängel zu erzeugen. Das Ergebnis dieses Vergleichs war allerdings mehr als erstaunlich: Beide Gruppen schafften es in der gleichen Zeit, gleich viel Futter ins Nest zu transportieren. Die Ameisen hatten offenbar rasch rausgefunden, dass Drängeln nichts bringt. Am Beginn der engen Brücke angekommen, warteten die fleißigen Insekten stets geduldig, bis die ihnen entgegenkommenden Ameisen die Brücke allesamt überquert hatten. Erst danach ging die Ameisengruppe, die sich bis dahin angesammelt hatte, geschlossen über die Brücke, während wiederum die Ameisen auf der anderen Seite warteten.

Das Verhalten erinnerte stark an Ampelschaltungen bei Baustellen, die abwechselnd Fahrzeuge nur in der einen oder nur der anderen Fahrtrichtung durchlassen. Aber in Sachen „effektiver Verkehrsfluss“ haben Ameisen noch weit mehr drauf: Ameisenbaustellen arbeiten im Straßenverkehr nämlich oftmals mit Kurzzeitbaustellen, ja fast könnte man sagen „fliegenden Baustellen“. Eine Tatsache, die man sehr schön bei einer tropischen Ameisenart namens Eciton burchellii beobachten kann. Bei dieser Art, die zu den Wanderameisen zählt, die sich in riesigen Heerscharen von bis zu 200.000 Individuen auf ihre berüchtigten Raubzüge begeben, ist Geschwindigkeit beim Nahrungstransport von entscheidender Bedeutung. Gilt es doch, die Beute möglichst schnell ins heimische Nest zu bringen, um dort die hungrigen Artgenossen mit Nahrung zu versorgen. Je ebener die Transportstrecke ist, desto schneller kann die Beute transportiert werden. Deshalb stopfen einige der Ameisen „Schlaglöcher“ auf dem Weg mit dem eigenen Körper, damit ihre Beute tragenden Artgenossen auf der so geglätteten Straße schneller vorankommen. Ist ein Loch sehr groß, schließen sich mehrere Ameisen zusammen, um es im Verbund zu schließen. Wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, krabbeln die kleinen „Lückenfüller“ aus den Löchern und folgen ihren Nestgenossen nach Hause.

Die Pharaoameise regelt ihren Verkehr sogar mit Stoppschildern. Ihre Verkehrswarnzeichen sind zwar nicht aus Aluminium und tragen auch nicht den „Stop“-Aufdruck. Sie werden – für das menschliche Auge unsichtbar – aus Duftmolekülen gebildet. Aber das Prinzip ist das gleiche. Es ist seit längerem bekannt, dass Ameisenarten mit Duftspuren arbeiten, um zu gewährleisten, dass auch ihre Artgenossen den Weg vom Nest zur Futterquelle sicher finden. Vor einiger Zeit haben britische Forscher indes herausgefunden, dass die Krabbeltiere auch Duftsignale einsetzen, die ihre Artgenossen von bestimmten Wegen fernhalten. Die Wissenschaftler konnten in einer Versuchsreihe zeigen, dass die „Nahrungsscouts“ der Ameisen an Weggabelungen die Wege, die nicht zu einer Nahrungsquelle führen, mit einem duftenden „Zutritt verboten“–Schild versehen, um nachfolgenden Tieren überflüssige Wege zu ersparen.

Gibt es auf Ameisenstraßen auch Staus?

Sabine F., per E-Mail