Leben

Wie Schlangen Tausende Menschenleben gerettet haben

Können Tiere wirklich Erdbeben vorhersehen?

Marie W., Potsdam

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, seit es in Südostasien zu einer der größten Naturkatastrophen aller Zeiten gekommen ist. Über 250.000 Menschen verloren beim Tsunami rund um den Indischen Ozean ihr Leben. In der Tierwelt waren dagegen deutlich weniger Opfer zu beklagen, als man hätte vermuten können. So wurden zum Beispiel im Yala-Nationalpark in Sri Lanka die Leichen von mehreren hundert Menschen gefunden, wohingegen Tierkadaver fehlten – und das, obwohl das Reservat etliche Krokodile, Wildschweine, Wasserbüffel, Affen und Elefanten beherbergt. Die Tiere hatten sich offensichtlich rechtzeitig in das Landesinnere oder auf ausreichend hoch gelegene Stellen zurückgezogen. Aber können Tiere wirklich etwas, das uns Menschen trotz besten technischen Equipments nicht gelingt, nämlich Naturkatastrophen zuverlässig voraussehen?

Beobachtungen, dass Tiere auf kommende Erdbeben sensibel reagieren, gibt es schon seit der Antike. Zum Beispiel berichtet im 1. Jahrhundert v. Chr. der griechische Historiker Diodorus Siculus, dass die am Golf von Korinth gelegene griechische Stadt Helike im Jahr 373 v. Chr. durch einen gewaltigen Tsunami völlig zerstört wurde. Er berichtet aber auch, dass bereits fünf Tage vor der Katastrophe Schlangen, Mäuse und Ratten gleich scharenweise ins Landesinnere geflohen wären, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Auch die alten Römer kannten „Unheil redende Tiere“: Hunde, Pferde und Gänse, die dann besonders laut bellten wieherten oder schnatterten, wenn ein Erdbeben zu erwarten war. Zeigten sich diese Tiere von ihrer lauten Seite, verlegte man die Sitzungen des römischen Senats ins Freie. Als reine Vorsichtsmaßnahme, versteht sich.

Und wie erklärt die Wissenschaft die hellseherischen Kräfte? Trotz intensiver Studien gibt es zurzeit noch keine gesicherten Erkenntnisse, woran und mit Hilfe welcher Sinnesorgane Tiere registrieren können, dass ein Erdbeben bevorsteht. Es gibt lediglich mehrere mehr oder weniger plausible Theorien. Die im Augenblick favorisierte Theorie geht davon aus, dass bei einer Verschiebung der Erdplatten, und das ist ja der Auslöser für ein Erbeben, elektrische Ströme freigesetzt werden. Diese Ströme wiederum zersetzen das im Gestein gespeicherte Wasser. Dadurch entstehen positive geladene Schwebeteilchen, sogenannte Aerosole, die von den Tieren über die Atemluft aufgenommen werden und im Gehirn eine massive Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin veranlassen, der Angst und Panik auslöst und damit für die Flucht der Tiere sorgt.

Es ist sogar bereits einmal gelungen, mit Hilfe von Tieren eine Erdbebenkatastrophe abzuwenden. Anfang der 1970er Jahre rief die chinesische Regierung zum „Volkskrieg gegen die Erdbeben“ auf und forderte von der Bevölkerung, auf verdächtige Verhaltensweisen ihrer Haustiere oder anderer Tiere zu achten und diese zu melden. Innerhalb weniger Tage wurden über 100.000 Amateurbeobachter, sogenannte Barfuß-Seismologen, rekrutiert. Die meldeten Anfang Februar 1975 gehäuft Hinweise. So krochen etwa auf einmal zahlreiche Schlangen aus ihren Höhlen, in denen sie zu dieser Jahreszeit üblicherweise Winterschlaf hielten. Die Behörden lösten daraufhin am 4. Februar um 10 Uhr morgens Katastrophenalarm aus. Prompt bebte um 19.30 Uhr die Erde mit einer Stärke von 7,3 auf der Richterskala. Durch die Warnung konnten viele tausend Menschen gerettet werden.

Ein Jahr später funktionierte das volkseigene Vorwarnsystem zwar wiederum, konnte aber eine Katastrophe nicht verhindern. Als am 27. Juli 1976 ein Erdbeben der Stärke 8,2 die chinesische Millionenstadt Tangshan erschütterte, waren über 600.000 Opfer zu beklagen. Zuvor hatten die Behörden zwar wiederum über 2000 „tierische Warnhinweise“ aus der Bevölkerung erhalten. Da aber im Zuge der Kulturrevolution zuvor viele Beamten entlassen worden waren, wurden diese Warnhinweise nicht weiter verfolgt. Wenig später wurden die systematischen Tierbeobachtungen dann vollständig eingestellt.