Leben

Soundtrack des Lebens

Das Projekt „Letzte Lieder“ erzählt von der Freude, lebendig zu sein, und unterstützt die Hospizarbeit

„Guten Tag“ sagt er, und dass er heute einen guten Tag habe. Das ist nicht selbstverständlich an diesem Ort, an dem sterbenskranke Menschen begleitet werden. Der Ort ist das Ricam Hospiz in Neukölln und am Tisch sitzt Helmut Bürger, 63, ehemals Postangestellter, außerdem Maler, Musikliebhaber und Lebenskünstler.

Schmächtig ist er, das rot-schwarze Karohemd sitzt ihm luftig am Leib, die langen blonden Haare sind über die Krankheit schütter geworden. Bürger murmelt etwas von Krebs und Strahlentherapie und die unerträglichen Schmerzen in Mund und Hals. Und wischt dann mit der Hand durch die Luft, als wolle er alle düsteren Gedanken verdrängen. Er lächelt, fixiert sein Gegenüber aus tiefblauen Augen. Die Krankheit, sagt er, habe seinen Blick auf die Welt auch intensiver gemacht. „Sie hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, auf der Welt zu sein. Jede Stunde, die man auf diesem Planeten tanzt, ist wertvoll!“

Stefan Weiller lächelt ebenfalls und nickt.

Er ist gerade mit dem Zug aus Frankfurt am Main gekommen, um Helmut Bürger zu interviewen. Seit 2010 reist Weiller durch die Republik und sammelt für sein Kunstprojekt „Und die Welt steht still… Letzte Lieder und Geschichten aus dem Hospiz“ berührende Stoffe. Genauer: Er sammelt Musik. Und die dazugehörigen Erinnerungen aus dem Leben der Menschen, die diese Musik lieben. Im Mai 2013 kam Weillers Projekt, eine Collage aus Liedern, Geschichten, Bildern und Tanz, erstmals in Hessen zur Aufführung. Am 21. November wird es auch in Berlin gastieren, in der Marienkirche am Alexanderplatz – mit neuen Liedern und Geschichten, auch der von Helmut Bürger aus Alt-Buckow.

Ernste und heitere Begegnungen

Mehr als 100 sterbende Menschen zwischen 27 und 93 Jahren hat Stefan Weiller auf seinen Reisen schon getroffen und die unterschiedlichsten Begegnungen gehabt. Traurige, heitere, tiefgründige, leichte, ernste, verrückte, schmerzvolle, mit Wut oder Bitterkeit geschwängerte. „Jeder geht anders mit der nahen Endlichkeit des Lebens um“, sagt Weiller. So, wie auch die ihm anvertrauten Lieder von der Vielfalt der Lebensmelodien zeugen. Da kommt Klassik neben Pop zur Aufführung, Instrumental- steht neben Chormusik, ein Musicalhit findet neben einem schwedischen Volkslied Platz. Es ist die Musik, die seine Interviewpartner als den Soundtrack ihres Lebens empfinden. Die Texte, die Weiller aus Gedächtnisprotokollen verfasst, werden in Berlin von den Schauspielern Hansi Jochmann und Christoph Maria Herbst vorgetragen.

„Wenn es mir gelingt, den Zuschauern einen neuen Gedanken, eine Frage für ihr Leben und Sterben mitzugeben, dann wäre das wunderbar“, sagt Stefan Weiller. Vor allem aber will er mit der Musik und den Geschichten von der Freude am Leben erzählen lassen – und die Arbeit der Hospize unterstützen. Der Eintritt zu den „Letzten Liedern“ ist kostenlos, Spenden sind erwünscht. Der Gastgeber in Berlin, das Ricam Hospiz, möchte sie für den Aufbau eines ambulanten Hospiz-Zentrums in Rudow verwenden.

Musik nimmt die Angst

Ob Helmut Bürger noch lebt, wenn sein Lied zur Aufführung kommt, ist ungewiss. Nigel Kennedy live: Das wünscht er sich als musikalisches Vermächtnis. Nicht Bürger hat die Musik gefunden, sondern die Musik ihn: „Eines Tages bekam ich diese CD bei meiner Arbeit bei der Post in die Hände, ohne Adressat, ohne Absender“, erzählt er. Er folgte einem Impuls und nahm sie mit nach Hause, anstatt die Sendung wie üblich zu vernichten. Und war gleich zutiefst berührt. Ein Gefühl von Zusammenhalt gebe ihm die Musik, erklärt er Stefan Weiller und schaut ihn mit Nachdruck an. Der nickt. Musik nimmt die Angst, das hat er immer wieder in seinen Interviews erfahren.

„Aber noch“, stellt Helmut Bürger klar, „will ich nicht abschweben.“ Malen will er noch, das Vogelgezwitscher am Morgen genießen – und natürlich Musik hören. Ein guter, flotter Blues, das sei das richtige Lied, wenn man ihn nach dem Heute frage. Stefan Weiller lacht. Und sagt Danke dafür, dass Helmut Bürger ihm ein Stück seiner kostbaren, knappen Zeit geschenkt hat. Und ein Lied für die Ewigkeit.

Mehr Informationen zum Projekt:
www.und-die-welt-steht-still.de, www.ricam-hospiz.de

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