Männer und Mode

Der Kult ums Haar

| Lesedauer: 23 Minuten
Jennifer Hinz
Wenn es ums Haar geht, sind Männer zu viel bereit

Wenn es ums Haar geht, sind Männer zu viel bereit

Foto: Amin Akhtar

Kaum etwas schenken Männer mehr Aufmerksamkeit als ihrer Frisur. Doch was, wenn das Haar schütter wird oder an den falschen Stellen wächst?

Julian traf Sarah auf einer Buchparty. Beide waren Mitte 30 und in der PR-Branche tätig. Gemeinsame Gesprächsthemen gab es genug, und so verlegten sie ihr Gespräch im Laufe des Abends in seine Wohnung. Sarah fand ihr Gegenüber interessant, fühlte sich von dem jungen Mann aber ansonsten nicht angezogen. Auf seine Frage, ob sie über Nacht bleiben wolle, hatte Sarah daher eine schnelle Antwort: Sie griff sich ihren Trenchcoat und machte sich aus dem Staub. Auf dem Weg nach Hause erreichte sie eine SMS von Julian. Er fände es schade, dass sie nur wegen seiner Geheimratsecken nicht mit ihm schlafen wolle. Besonders, da sie ihn selbst nicht stören würden. Sarah bekräftigt bis heute, von den kahlen Stellen gar nichts bemerkt zu haben.

Männer und ihre Haare: Das ist ein höchst sensibles und gleichzeitig nahezu unerschöpfliches Thema. Es beschäftigt den Teenie, der stundenlang mit der Geltube vor dem Spiegel die neueste Trendfrisur nachbaut, genauso wie den reiferen Herrn, der mühsam die lichter werdenden Stellen auf seinem Kopf zu kaschieren versucht. Hauptsache, die Frisur sitzt. Schließlich ist sie seit Urzeiten ein Ausdruck von Persönlichkeit, Erfolg und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Zugleich gelten die Haare als Indikator für Jugendlichkeit und Gesundheit. In dieser Hinsicht sind Haare für Männer das Äquivalent zu glatter Haut bei Frauen: So, wie sich die Frauen vor den ersten Fältchen grauen, geraten die Männer leicht in Panik, wenn das Haupthaar dünner wird oder gar ausfällt.

Vertrauen statt Frisurenbuch

Yavuz Sasmaz war etwa 35 Jahre alt, als er seine Visitenkarte verlor – seine Haare. Arbeitsprobe und Aushängeschild für sein Handwerk. Seit rund 30 Jahren führt der Friseur und Barbier seinen Laden am Kottbusser Tor. Unscheinbar gelegen, in einer Einkaufspassage mit orientalischem Flair, zwischen Bäcker, Handyhändler und Reisebüro. Kunden fläzen sich auf ein paar Kunstledersesseln vor dem Laden. Bei türkischem Tee und Kaffee warten sie auf de

n nächsten freien Termin, wenn möglich, beim Meister selbst.

An der Scheibe hängen Vorher-Nachher-Fotografien von Kunden, am heimischen Drucker erstellt. Zufriedene Kunden lassen sich am Lächeln auf der Nachher-Aufnahme erkennen. Bunte Friseurblättchen mit den neusten Frisurentrends gibt es nicht. Braucht hier auch keiner. Wer bei den Kunden nachfragt, hört immer wieder: „Yavuz sieht, was einem steht.“

„Guck nach vorne“

Dem Friseur selbst ist mit 59 Jahren nur ein Haarkranz geblieben. Erst seien die schwarzen Locken lichter geworden, kreisrund am Hinterkopf, um irgendwann nur noch einen dünnen Flaum zu hinterlassen, der sich nun bis zu den Schläfen zieht. Doch Yavuz Sasmaz gehört zu jener Minderheit von Männern, die es eher gelassen nimmt. Oder, besser ausgedrückt: die sich Gelassenheit verordnen. Kunden, die sich über weniger werdende Haare aufregen, gibt Yavuz Sasmaz den gleichen Rat, den er sich selbst zuflüstert: „Guck nach vorne, was hinter dir liegt, kriegst du nicht mehr zurück.“ Und was am Hinterkopf passiert, lässt sich ja ohnehin gut übersehen.

Von Mützen und Hüten rät Yavuz Sasmaz ab. Die würden das Haar eindrücken, zu Haarbruch führen und im schlimmsten Fall die Entstehung einer Glatze forcieren. Ein bisschen Eitelkeit hat er sich aber auch bewahrt und färbt die verbliebenen Haare – im Naturton, versteht sich, soll ja keiner was merken.

Konzentration ist lebenswichtig

Heute nimmt Stephan Heiser bei dem Barbier mit türkischen Wurzeln Platz. Alle zwei Wochen lässt er sich den blonden Bart richten. Immer wieder greift Yavuz Sasmaz zu einer der vielen bunten Dosen mit arabischer Beschriftung, tunkt den Pinsel und schäumt das Gesicht des jungen Mannes ein. Mit einem scharfen Messer rückt er den Barthaaren zu Leibe. Setzt er die Klinge an, schweigt er. Konzentration ist vor allem im Halsbereich lebenswichtig.

Schnell und präzise fährt das Messer über die Haut und macht dabei ein ratschendes Geräusch. Das war der angenehme Teil. Jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen.

Yavuz Sasmaz greift zu einem an den Enden zusammengebundenen Faden. Wie bei dem Kinderspiel „Abnehmen“ dreht er den Faden mehrmals in sich und steckt die Hände durch die entstandenen Schlaufen. Mit flinken Bewegungen streicht die Fadenschlaufe über Stephan Heisers Wangen. Der ist bemüht, die Contenance zu behalten, während sich sein Gesicht zusehends mit roten Pünktchen sprenkelt. Die Haut rebelliert gegen die Fadenkonstruktion, die jedes noch so kurze Härchen packt und mitsamt der Wurzel herausreißt. Das sei mal mehr und mal weniger schmerzhaft, sagt der mittlerweile rosig angelaufene Kunde. Sein Bart wird aber nun mindestens zwei Wochen in Form bleiben, die Wangen haarfrei.

Glatze kann nicht jeder tragen

Praktisch findet Stephan Heiser das, dafür nimmt er den Schmerz in Kauf. Sorgen bereitet ihm allerdings die lichte Stelle am Hinterkopf. Noch ist die nur auf den zweiten Blick auszumachen. Langfristig will sich Heiser die Kontrolle über sein Haupthaar aber wieder zurückholen, notfalls auch mit dem Rasierer. „Wenn es irgendwann zu wenig werden sollte, kommt der Rest eben auch noch ab“, sagt er.

Ein Blick auf Berlins Straßen beweist: Die Glatze ist wieder tragbar. Gern auch zusammen mit einem Vollbart. Vielleicht liegt es daran, dass Kojak als Inbegriff des blanken Schädels längst durch attraktivere Typen wie Bruce Willis oder Vin Diesel ersetzt wurde. Oder auch Bayern-Trainer Pep Guardiola: Die Fußballwelt gibt in der Männer-Haarmode ganz entscheidende Impulse. Zudem erscheinen Männer mit Glatze angeblich größer. Doch auch wenn einiges für die Glatze spricht: Tragen kann sie nicht jeder. Wichtig, wenn es gut werden soll, sind folgende Merkmale: ein kleiner Kopf, anliegende Ohren und keine Dellen oder Narben. Außerdem sollte die Kopfform an sich stimmen. Wer sich Fotos eines glattgeschorenen Matt Damon oder Brad Pitt anschaut, wird zu dem Schluss kommen, dass auch attraktive Männer jene Kriterien besser beherzigen.

Eine neue Ära

Mit dem Alter kommt die Weisheit – oder manchmal nur das Weiß. Das erste graue Haar löst, anders als der Haarverlust, bei der Mehrheit der Männer jedoch keine Midlife-Crisis mehr aus. Im besten Fall läutet es eine neue Ära ein. So wie bei Giuseppe.

Giuseppe ist 41, Italiener und stolz auf seine schwarzen Locken, die er Zeit seines Lebens lang und zurückgenommen trug. Nur bei der Farbe musste eines Tages die Chemie aus der Drogerie nachhelfen. Neuerdings jedoch sieht man Giuseppe mit kurzen Haaren, an den Schläfen deutlich meliert. Ein Unfall beim Färben, sagt er. Betrübt war der Italiener aber nur kurz, denn der neue Look habe ihm eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem gewissen Herrn Clooney eingebracht. Freunde rufen ihn nur noch „Georgeee“. Und schließlich war auch Schauspieler und Frauenmagnet George Clooney nie erfolgreicher als mit grauen Haaren. Reife und Lebenserfahrung strahlt das graue Haupthaar bei Männern aus. Und das finden Frauen anziehend.

Wer sich mit diesen Attributen in seinen Zwanzigern – denn da können die ersten grauen Haare bereits sprießen – nicht wohlfühlt, dem bleibt der Gang zum Haarkoloristen. Mit Geheimratsecke & Co. haben Männer es deutlich schwerer. Wo nichts mehr da ist, kann auch nichts zurecht geschummelt werden. Um dem Ärgernis trotzdem beizukommen und zu stoppen, was sich entblößend auf dem Kopf breit macht, ist Mann zu Vielem bereit.

Suche nach dem Wundermittel

Mit Cremes und Tinkturen fängt es an. Die meisten versprechen viel und halten wenig. Gekauft werden sie trotzdem. Was, so die Hoffnung, wenn nun in diesem Tiegel das lange gesuchte Wundermittel steckt?

Fakt ist: Geht es um Haare, sind nur wenige Wirkstoffe erfolgversprechend. Und bevor der Griff zur Chemiekeule geht, ist es wichtig herauszufinden, was eigentlich bekämpft werden soll. Ist der Haarausfall krankheits- oder erblich bedingt? Ist er krankheitsbedingt, etwa nach einer Chemotherapie, werden die Haare in vielen Fällen von allein nachwachsen. Also kein Grund zur Panik. Häufiger und viel verbreiteter ist der erblich bedingte Haarausfall (Panik!). Ein Blick auf Vater und Großvater genügt, um abschätzen zu können, wie es langfristig um die eigene Matte bestellt ist. Die üblichen Präventivmaßnahmen gegen das Altern wie „Treiben Sie viel Sport und ernähren Sie sich gesund“ helfen nur dem restlichen Körper. Die Haare folgen brav ihrer inneren Uhr.

Es gibt Hoffnung

Mit kahlen Stellen abfinden muss sich aber niemand. Zumindest ein Wirkstoff wird unter behandelnden Ärzten und Leidenden als Hoffnungsschimmer gehandelt: Minoxidil. Es wurde ursprünglich entwickelt, um hohen Blutdruck zu senken. Als Nebenwirkung ließ es Haare sprießen. Bei erblich bedingtem Haarausfall wird es heute als Tinktur oder Schaum auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Über die genaue Wirkweise sind sich Wissenschaftler noch uneins. Man vermutet jedoch, dass Minoxidil die Durchblutung in der Kopfhaut anregt und die Haare so besser wachsen können. Aus Härchen werden wieder Haare. Der Nachteil: Das Mittel wirkt nur so lange, wie es konsequent angewandt wird. Setzt man es ab, ist in Windeseile alles wie vorher.

Schnelle Hilfe verspricht eine Dose Streuhaar. Ja, das ist genau, wonach es sich anhört. Auf der Hand verteilt, erinnert es optisch an Bohrstaub: puderig mit kleinen Klümpchen. In verschiedenen Haarfarben erhältlich, wird es auf die lichten Stellen gesprüht oder geschüttet und mit etwas Haarspray fixiert. Die künstlichen Haarfasern aus Keratin sollen sich nahtlos in das Gesamtbild einfügen. Aus Staub werden Haare. Mit etwas Shampoo lässt sich das Streuhaar wieder auswaschen.

Tückisches Hilfsmittel

Daraus jedoch ergeben sich Schwierigkeiten. Wer auch beim Sport nicht auf puderig-volles Haar verzichten will, sollte sich besser das Schwitzen abgewöhnen. Auch von romantischen Spaziergängen im Sommerregen ist abzuraten. In beiden Fällen machen sich die Kunsthaare selbstständig und verwandeln den Mann mit dem vollen Haar in einen Abklatsch des tragischen Eric aus dem Film „The Crow“. Ein Gegenüber, das gern durch die Haare wuschelt, gehört vor sich selbst geschützt. Das Ergebnis wären Haare an Stellen, wo sie nun wirklich nicht hingehören.

Die einzige Lösung, um dauerhaft zu vollem Haar zu kommen, scheint die Haartransplantation. Auch wenn viele Männer unzufrieden sind, wagen bislang nur wenige den Schritt zur teuren wie auffälligen Operation. Der größte Vor- und Nachteil des Eingriffs liegt auf der Hand: Die Veränderung ist sofort sichtbar.

So rangiert die Haartransplantation auf der Liste der beliebtesten ästhetisch-plastischen Eingriffe weit hinter etwa der Fettabsaugung an Bauch und Brust oder der Augenlidstraffung. Grund dafür könnte auch die Stigmatisierung sein, die in vielen Fällen damit einhergeht. Wer will sich schon sagen lassen, er betreibe auf seinem Kopf „Dreifelderwirtschaft“, wie es einst Miranda aus der Erfolgsserie „Sex and the City“ mit einem Kollegen tat.

Nachfrage nach Transplantationen steigt

Auch Jahre später haben es Männer nicht leicht. Ex-BVB-Trainer Jürgen Klopp thematisierte nach zahlreichen Spekulationen seine Haartransplantation offen. Danach gab es reichlich Häme von der Konkurrenz. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge trat mit den Worten „Er hätte besser ein paar Haare verwettet. Die könnte er dann transplantieren lassen“ einen öffentlichen Zank los. Letztlich wurde Jürgen Klopps Offenheit aber belohnt. Er fand prominente Nacharmer. Diskuswerfer Robert Harting offenbarte in einem Interview, er hätte gerne Haare wie Klopp. Im Januar dieses Jahres unterzog er sich nun selbst einer Haartransplantation.

Womöglich wird die Prozedur doch langsam salonfähig. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie unter ihren Mitgliedern ergab, dass die Hälfte der niedergelassenen Chirurgen im vergangenen Jahr eine größere Nachfrage bei den Haartransplantationen bemerkt hat. Einer von ihnen ist Dr. Klaus Ueberreiter von der Park-Klinik Birkenwerder. Er reagierte auf die gestiegene Nachfrage und verstärkte sein Team. Von nun an kommt Dr. Anna Jastak ins Spiel, wenn es haarig wird.

Eine Mähne wird es nicht

Den Anfang macht eine ausführliche Beratung, erklärt sie. Die meisten Patienten seien allerdings heutzutage durch das Internet zu Hobby-Ärzten avanciert. Bestens informiert, lassen sie sich weder bei der Technik noch beim Preis etwas vormachen – sie haben ja recherchiert. Das nimmt den Ärzten Erklärungsarbeit ab. Unstimmigkeiten gäbe es allerdings gelegentlich bei den Erwartungen. Dann macht die Chirurgin klar: Die Verbesserung ist groß, aber eine Mähne wird aus dem Haupthaar nicht mehr werden. Schließlich werden nicht büschelweise fremde Haare eingesetzt, sondern die eigenen, und von denen ist ja nur noch eine begrenzte Anzahl übrig.

Der untere Hinterkopf ist glücklicherweise die einzige Stelle, an der die Haare auch bis ins hohe Alter nicht ausgehen. Hier greift Anna Jastak zu, wenn die Haare wandern sollen. Die meisten Kunden lassen, unabhängig vom Ausmaß des Problems, zuerst den Vorderkopf behandeln. „Wenn sie in den Spiegel schauen, wollen die Patienten eine Veränderung sehen, und ihren Hinterkopf können sie eben nicht sehen“, sagt die Spezialistin.

Haare mit Gedächtnis

Etwa vier bis sechs Stunden dauert die Operation. Es gibt Musik. Der Patient bekommt eine örtliche Betäubung und etwas zu essen, wenn er denn mag. Bei der sogenannten Strip-Technik wird ein Streifen Haut vom Hinterkopf entnommen und die entstandene Wunde direkt wieder vernäht. Haare werden die Narbe verdecken, wenn sie etwa drei Zentimeter lang sind. Unter dem Mikroskop entfernt währenddessen eine Schwester das komplette Haar mit Wachstumszentrale, also dem Haarfollikel, aus dem Hautstreifen. Danach pflanzt die Ärztin sie an ihrem neuen Bestimmungsort wieder ein. Das Haar behält dabei sein Gedächtnis: Es wächst weiter, als wäre nichts geschehen.

Ihre Patienten sind zwischen dreißig und vierzig, berichtet Anna Jastak. Männer, bei denen ein guter Auftritt zum Beruf gehört oder die aus der Medienbranche kommen, seien häufig darunter. Beim Sehen und Gesehen werden muss alles stimmen, das Haar sitzen.

Diese Männer gehören auch zu den Selbstkritischsten. Felix war 42, als er sich die Haare verdichten ließ. Ein notwendiger Eingriff, wie der Grafikdesigner fand. Freunde und Familie kündigten Zweifel an, ob man sich wirklich für ein paar leichte Geheimratsecken unters Messer legen müsse. Felix ließ sich nicht beirren, unterzog sich der Operation – und ist bis heute unglücklich. Das Haar ist zwar wieder dicht und voll, steht nun aber in alle Himmelsrichtungen ab. Hier zeigt sich das Know-how der Chirurgen. Beim Transplantieren müsse die Wuchsrichtung und jeder Wirbel auf dem Kopf berücksichtigt werden, sagt Anna Jastak. Geschieht dies nicht, erinnere das Ergebnis an einen toten Seeigel.

Glatte Achseln, haarfreier Rücken

Hartnäckig hält sich das Gerücht, eigentlich würden die Haare eines Menschen gar nicht weniger werden, sondern nur „wandern“. Am liebsten an Stellen, wo vorher gar keine oder nur wenig Haare waren, also den Rücken, den Bauch oder die Ohren. Tatsächlich wird alles, die Anzahl der Haare und der Ort, an dem sie wachsen, von Hormonen gesteuert. Veränderungen „verdankt“ Mann der Hormonumstellung im Laufe des Lebens. Und da rebelliert bisweilen unser modernes Verständnis von körperlicher Ästhetik. Denn auch wenn der persönliche Geschmack durchaus eine Rolle spielt – was den Körper in seiner Gesamtheit betrifft, geht der Trend zu weniger Haaren. Zum guten Ton gehören heute glatte Achseln, ein haarfreier Rücken und eine zumindest gestutzte Intimzone. Als seltsam wird es dagegen von beiden Geschlechtern empfunden, wenn Männer sich die Beine oder Arme enthaaren. Geht es um die Brust, spielen Saison, Statur und Grad der Behaarung eine Rolle.

Schon in der Antike war die Haarentfernung angesagt. Wer es sich leisten konnte, ließ sich regelmäßig am gesamten Körper vom Haar befreien. Das hatte zum einen hygienische Gründe: Eine unbehaarte Haut galt als reinlich und hielt Parasiten fern, die sich im Haar festsetzen. Doch es ging auch damals schon um die Ästhetik. Haarlosigkeit gilt als Privileg des Menschen. Alles andere ist Tier. Ist ein Tier nackt, ruft es bei den Menschen Ekel hervor. Etwa der Anblick einer Nacktkatze: Ihre Haut erinnert zu sehr an die des Menschen, sie irritiert. Daraus ergibt sich ein gewisser Druck, den Haarwuchs nach den aktuellen kulturellen Trends bitteschön im Zaum zu halten. So ist die Möglichkeit, den eigenen Haarwuchs zu lenken, egal ob etwas dazukommt oder für immer verschwinden soll, Privileg und Zwang zugleich.

Lichtimpulse helfen

Des Rasierers, des Warmwachses und der Haarentfernungscremes überdrüssig, entscheiden sich heute immer mehr Männer sogar für eine dauerhafte Haarentfernung. Die Intensed Pulsed Light-Haarentfernung, , kurz: IPL, gehört zu den beliebtesten Methoden. Lichtimpulse dringen durch die oberste Hautschicht, verwandeln sich in Hitze und veröden so den Haarfollikel. Der kann dann keine neuen Haare mehr produzieren. Die Haut bleibt dabei unverletzt. So weit die Theorie.

Wichtig sei vor allem die Konstitution der Haare, sagt Alexandra Heinrich. Die Leiterin des Kosmetikstudios Laderma in Mitte musste schon mehrmals Kunden abweisen, weil deren Haare für die Methode nicht geeignet waren. Dunkel sollten sie sein, mit möglichst großem Kontrast zur Haut. Blonde oder graue Haare übersehe das Gerät, weil es sie für Haut halten würde. Außerdem brauche das Gerät möglichst lange Haare, um richtig arbeiten zu können.

Im Wartezimmer des Kosmetikstudios stehen auf kirschholzfarbenem Laminat schwarze Kunstledermöbel und ein menschgroßer Pappaufsteller, der die Haarentfernungs-Flatrate bewirbt. Spätestens hier wird klar: Mit einem Termin ist es nicht getan. „Auch wenn wir die meisten Haare beim ersten Termin erwischen, Haare wachsen nicht alle gleichzeitig“, sagt Alexandra Heinrich. Je nach Region ruhen die Haarfollikel und produzieren längere Zeit keine Haare. Nach etwa acht Wochen kann dann die nächste Behandlung stattfinden.

Bereit für den Mount Everest

Simon gehört zu den Männern, die sich für eine Haarentfernung entschieden haben. Er ist 37 Jahre alt und arbeitet bei einer Bank. Die tägliche Bartrasur ist für ihn Pflicht. Leider ist diese bei ihm auch regelmäßig mit unschönen Hautirritationen am Hals verbunden. Ähnlich wie der Bart sind auch die ein No-Go in seiner Branche. Vor ein paar Monaten ließ sich Simon daher die Barthaare Richtung Hals entfernen. Anstelle mit dem Rasierer zu hantieren, hat er nun morgens Zeit für eine zweite Tasse Kaffee.

Gründe für eine dauerhafte Haarentfernung sind längst nicht nur ästhetischer Art, berichtet Alexandra Heinrich. Großes hatte ein Kunde vor, der den Mount Everest besteigen wollte. Dafür ließ er sich die Beinhaare entfernen. Die würden bei eisigen Temperaturen und Gänsehaut Schmerzen verursachen und den Aufstieg behindern, erläuterte er der Kosmetikerin. Nicht viel Zeit verlieren wollte wiederum ein anderer Kunde. Am Tag verdiente er als Vertreter sein Geld, in der Nacht war er als Dragqueen unterwegs. Die lästige Rasiererei jeden Abend dauere zu lange, begründete er seinen Haarentfernungs-Wunsch.

Bloß keine Mütze

Manchmal verhilft Mann aber jenseits von Schönheits-Treatments, Operationen und Chemie auch schon ein ganz einfaches Mittel zum gewünschten Ziel: zu sich zu stehen, die mehr oder weniger ausgeprägte Haarpracht inklusive. Davon erzählt die Geschichte von Tina und ihren Männern.

Sie, 27, mit langen, blonden Haaren und von Beruf Hostess, lernte ihn, 31, kennen. David Beckham-Verschnitt, Hobby-Skater und niemals ohne seine Beanie-Mütze unterwegs. Auch im Sommer, allen Schweißperlen zum Trotz. Freunden erzählte er, die Mütze sei sein Markenzeichen. Nur Tina vertraute er die Wahrheit an: Sein Haupthaar bestünde seit dem 25. Lebensjahr nur noch aus fusseligen Härchen, die er aus Verdruss und der zu großen Ähnlichkeit mit Homer Simpson wegen regelmäßig abrasiere. Viel wohler fühle er sich mit der daraus resultierenden Glatze aber kaum. Mit dem Beanie auf dem Kopf dagegen schon.

Der junge Mann bat Tina um Verständnis, die Mütze nicht abnehmen zu wollen. „Nicht“ meinte „nie“, und daran hielt er auch in der Nacht fest. Zu viel für Tina. Sie verließ ihn nach einem halben Jahr und ist nun mit einem Eishockeyspieler zusammen. Der hat auch keine Haare, aber das ist beiden egal.