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Die Stadt als Kräutergarten

Wer mit Kräutern kochen will, kann auch am Wegesrand fündig werden. Und das mitten in der Stadt. Ein Rundgang mit Kräuterpädagogin Andrea Schubert.

Foto: Amin Akhtar

Berlin ist die grünste Metropole Deutschlands. Das jedenfalls sagt das Tourismus-Portal „www.visitberlin.de“: Das Stadtgrün nimmt stolze 44 Prozent der Gesamtfläche ein, so viel ist es in keiner anderen Stadt hierzulande. Andrea Schubert kennt sich in diesem grünen Teil Berlins besonders gut aus, denn sie ist ausgebildete Kräuterpädagogin und weiß, was in der Hauptstadt wächst und blüht. Was wenige wissen: Am Straßenrand ist nicht nur Unkraut zu finden. Hier gibt es auch viele Kräuter, die beim Kochen zuhause verwendet werden können. Das erfuhren die Teilnehmer von zwei Stadtnatur-Führungen, die Andrea Schubert im Auftrag des städtischen Wohnungsunternehmens Gesobau im Märkischen Viertel angeboten hatte.

Ob Hopfen, Wiesenkerbel, Sauerampfer oder Giersch – alle diese Pflanzen sind genießbar, sehr nährstoffhaltig und sind zudem in rauen Mengen direkt vor unserer Nase, in Gärten und Parks zu finden. „Oft werden diese vermeintlichen Unkraut-Haufen verkannt, dabei kann man sie toll zum Kochen, Würzen oder als Salatzutat gebrauchen“, sagt Andrea Schubert. Auch die Wilde Rauke ist in der Stadtnatur weit verbreitet. Bekannt ist die Pflanze eher unter einem anderen Namen, denn im Supermarkt wird sie als Rucola-Salat verkauft.

Ebenso können die Holundersträuche, die in Berliner Parks wachsen, vielseitig genutzt werden. Sind die Holunderbeeren gereift, kann aus ihnen Saft gepresst werden. Auch eignen sich die hellen Holunderblüten zur Herstellung von leckerem Sirup. Zwei gute Beispiele dafür, dass ein Gang an die frische Luft einen Supermarktbesuch in mancher Hinsicht ersetzen kann. Außerdem sagt Andrea Schubert, dass die Pflanzen und Kräuter, die in der Natur zu finden sind, „meist ein breiteres Spektrum an Inhaltsstoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen haben“ als Kulturpflanzen. Schließlich müssen sie sich in der freien Wildbahn durchsetzen und werden nicht gehegt und gepflegt, wie es bei Kulturpflanzen üblich ist. Oft sind es diese Schutzstoffe, die wild wachsende Pflanzen entwickeln, die auch für den Menschen wertvoll sind.

Natürlich ist Vorsicht geboten, bevor man frei wachsende Pflanzen pflückt, isst oder in den Kochtopf wirft. Zum einen sollten Beeren ausschließlich reif verzehrt werden, denn viele Beeren werden für den Menschen erst im ausgereiften Zustand genießbar. „So schützen sich die Pflanzen davor, frühzeitig abgeerntet zu werden und sichern ihre Vermehrung“, erklärt Schubert. Auch die Sicherheit, dass die Pflanzen frei von Bakterien und damit gesundheitlich unbedenklich sind, ist in der freien Natur nicht garantiert. Besonders tief wachsende Gewächse sollten daher vor ihrer Verwendung in jedem Fall gründlich gewaschen werden.

Auch Expertin Andrea Schubert gibt zu, anfangs gezögert zu haben, was den Verzehr auf dem Boden gewachsener Kräuter angeht – wegen der vielen freilaufenden Hunde in Berlin. „Höher wachsende Beeren habe ich von Anfang an bedenkenlos gegessen, Bodengewächse dann erst später und auch nur von geschützten Orten“, so Schubert.

Wichtig für eine saubere Luft

Besonders für Großstädte wie Berlin spielt die Natur eine wichtige Rolle, wenn es um das städtische Klima geht. Bäume und Pflanzen seien nicht nur für die Produktion von Sauerstoff zuständig, sondern säuberten auch die Luft von Staub- und Schmutzpartikeln. Sie sorgen also dafür, dass die Berliner trotz starkem Stadtverkehr und entsprechender Schadstoffbelastung möglichst reine Luft atmen können. Im Gegenzug bietet die Großstadt vielen wärmeliebenden Gewächsen den geeigneten Lebensraum. An Berlins Straßenrändern und Bahnschienen wachsen Pflanzen, die aufgrund des kühleren Klimas in ländlichen Gegenden weniger oft vorkommen.

Andrea Schuberts Interesse an der Natur entwickelte sich übrigens schon, als sie jung war: Sie wuchs auf dem Land auf und war von der Naturbegeisterung ihrer Mutter früh angesteckt: „Als ich dann in die Großstadt zog, fehlte mir der Bezug zur Natur und ich dachte mir, dass ich irgendetwas in diese Richtung machen möchte“. So entschloss sie sich, eine einjährige Ausbildung zur Kräuterpädagogin BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) zu absolvieren und sich nebenberuflich intensiv mit der Stadtnatur Berlins samt seiner Kräuter- und Pflanzenwelt zu beschäftigen. „Da gibt es wirklich eine Menge und immer wieder Neues zu entdecken“, sagt Schubert.

Auch die Bewohner des Märkischen Viertels schätzten das viele Grün um sie herum sehr, berichtet Gesobau-Mitarbeiterin Susanne Stöcker. Deshalb sind für das kommende Frühjahr auch weitere Stadtnatur-Führungen mit Andrea Schubert geplant. Wann genau diese stattfinden, darüber wird die Internetseite www.mein-märkisches-viertel.de rechtzeitig informieren.