50 Jahre Élysée-Vertrag

Botschafter: „Deutsch-französische Freundschaft ist kostbar“

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Foto: Christiane Baumann/Böse Wölfe

Die deutsch-französische Freundschaft feiert ein großes Jubiläum..... Warum das etwas besonderes ist, wollten vier Schülerreporter des Französischen Gymnasiums genauer wissen und besuchten Frankreichs Botschafter in Berlin in seinem Büro: Maurice Gourdault-Montagne nahm sich Zeit - und gab viele überraschende Antworten.

Chloé, Emil, Emmanuelle und Ulysse: Wollten Sie schon Botschafter werden, als Sie noch ein Kind waren?

Maurice Gourdault-Montagne: Als ich klein war, habe ich immer gerne Menschen getroffen, die anders waren als ich und ihnen zugehört. Mit 15 Jahren entdeckte ich für mich die Deutschen. In diesem Alter drückt man sich ganz frei aus und da habe ich gemerkt, dass man ganz viel über sich selbst erfährt, wenn man mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Als Student bin ich dann nach Freiburg gegangen und habe dort Kommilitonen getroffen, die von überall her kamen. Während dieser Zeit habe ich darüber nachgedacht, vielleicht die diplomatische Laufbahn einzuschlagen. Denn als Diplomat erfährt man durch die Sicht der anderen, wer man ist und versucht, sein Bestes zu geben.

Wie lange sprechen Sie schon Deutsch?

Seit der sechsten Klasse. Ich komme aus einer Familie, in der seit vielen Generationen Deutsch gesprochen wurde. Man hat Kriege gegen die Deutschen geführt, mein Vater war Kriegsgefangener, meine beiden Großväter haben im Ersten Weltkrieg gekämpft - und trotz allem bewunderten wir Deutschland. Wir hatten großen Respekt vor der deutschen Kultur, den Philosophen, der Literatur und der Musik. Einerseits war Deutschland ein Feindesland, aber es war auch ein Teil von uns. Deshalb hat mein Vater zu mir gesagt: "Du wirst Deutsch lernen, weil es wichtig ist." Und ich fand Gefallen an der deutschen Sprache.

Und heute? Denken Sie, dass es wichtig ist, Deutsch zu lernen?

Heute gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich, eine Freundschaft, wir bauen Europa auf, es ist also wichtiger denn je, Deutsch zu sprechen.

Sie waren noch ein Kind, als der Élysée-Vertrag unterzeichnet wurde. Erinnern Sie sich trotzdem an etwas?

Um ehrlich zu sein: nicht wirklich. Mir war die ganze Tragweite der Ereignisse nicht bewusst, aber mir war klar, dass wichtige Dinge geschahen. Ich wusste, dass der französischen Staatspräsident General de Gaulle nach Deutschland gereist und dass Adenauer nach Frankreich gekommen war. Über einige Dinge wurde sehr viel gesprochen, immerhin war der Krieg noch nicht einmal 20 Jahre her. Es war absolut unglaublich zu sehen, wie sich Deutsche und Franzosen die Hand schüttelten, sich umarmten, immerhin waren da noch die Erinnerungen an schreckliche Dinge. Es brauchte schon großen Mut, um sich das zu trauen: dem deutschen Kanzler in Namen von ganz Frankreich die Hand zu schütteln und umgekehrt.

Was bedeutet der Élysée-Vertrag für Sie?

Für mich ist er etwas absolut Einzigartiges. Es gibt kein anderes Beispiel für zwei Länder, die sich so sehr bekämpft haben, so sehr gehasst haben und die es mit diesem Hintergrund geschafft haben, all das zu überwinden und Frieden zu schaffen, Beständigkeit, einen Raum der Freiheit und einen Raum für Wirtschaft. Zwei Länder, deren Grenze der Grund für all unsere Kriege und Konflikte war. Jetzt geht man über die Grenze und man merkt es nicht mal. Und das, das ist wirklich etwas Einzigartiges.

Und wie hat man das geschafft?

Nach dem letzten Krieg gab es Leute, die sagten: Es muss aufhören, dass wir gegen die Deutschen kämpfen. Drei Mal, das reicht, es gab genug Tote, genug Leid. Das geschah zunächst auf kommunaler Ebene. Bürger und Bürgerinnen haben sich getroffen. Wir sind die beiden Länder mit den meisten Partnerschaften auf der Welt. Wir haben zwischen 2000 und 2500 Städtepartnerschaften. Nach 15 Jahren haben General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer dann gesagt: Es gibt eine Basis. Es gibt Bürger, die wollen, dass wir die Sache ein für allemal zu einem guten Ende bringen. Wir werden einen Freundschaftsvertrag schließen. Das Wort Freundschaft scheint uns heute normal. Aber damals von einem Freundschaftsvertrag zu sprechen war etwas Unglaubliches. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag! Also wurde ein Rahmen geschaffen und dieser Rahmen stellt für mich die Basis der Europäischen Union dar. Die Europäische Wirtschaftsunion war 1957 gegründet worden. Aber das hat ihr noch einmal ganz neue Kraft gegeben, die deutsch-französische Kraft. Man sagt immer, dass die deutsch-französischen Beziehungen das Rückgrat von Europa bilden.

Der Élysée-Vertrag wurde vor 50 Jahren unterzeichnet. Sollte man nicht ein paar Dinge verändern oder den Vertrag aktualisieren?

Der französische Präsident Hollande hat gesagt, dass man eventuell zwei Dinge überarbeiten könnte. Zum einen den kulturellen Aspekt: Was interessiert die Jugendlichen am Nachbarn, können wir das fördern? Das deutsch-französische Jugendwerk hat bereits eine hervorragende Arbeit geleistet. 12 Millionen junge Deutsche und Franzosen haben schon einen Austausch gemacht! Das ist sehr wichtig. Aber kann man das vielleicht noch verbessern? Es gibt eine deutsch-französische Hochschule, aber kann man nicht auch etwas für Auszubildende tun? Also können wir nicht die Ausbildungsmöglichkeiten verbessern? An zweiter Stelle Europa. Als der Elysée-Vertrag zustande kam, war die Europäische Gemeinschaft noch ganz am Anfang, denn sie ist 1957 gegründet worden. Zu diesem Zeitpunkt gehörten ihr erst sechs Länder an und jetzt werden es mit Kroatien bald 28 sein. Sollte der Vertrag diese neue europäische Realität nicht konkreter mit einbeziehen? Müsste man nicht diese deutsch-französische Beziehung mehr in ein Europa einbetten, das wächst und sich entfaltet? Man muss also den Vertrag anpassen. Und das sollte über so viel Austausch wie möglich geschehen, zwischen den Gemeinden, zwischen jenen, die bereits Partnerschaften haben und jenen, die keine haben.

Wie wird das 50-jährige Jubiläum des Élysée-Vertrags gefeiert?

Es wird viele verschiedene Veranstaltungen geben, Festakte, offizielle Dinge. Der französische Präsident wird mit der gesamten französischen Regierung für einen deutsch-französischen Ministerrat hierher kommen. Und dann wird es noch etwas Einmaliges geben. Wir werden hier in Berlin das gesamte Parlament empfangen, die ganze Nationalversammlung wird kommen, 577 Abgeordnete und ihre Kollegen, die vom Bundestag empfangen werden. In diesem Zusammenhang wird es eine gemeinsame Sitzung und eine Erklärung vom französischen Parlament und vom deutschen Bundestag geben. Es wird Feierlichkeiten und ein Konzert geben, Dinge, die es immer gibt, wenn man mit Freunden feiert. Aber auf politischer Ebene ist die Bedeutung für all unsere Nachbarn, für Europa ganz wichtig, für alle die uns zuschauen werden.

Ist die deutsch-französische Freundschaft etwas wirklich Besonderes für Sie?

Ich denke, dass wir nicht vergessen dürfen, dass wir von ganz weit herkommen. Ich werde euch eine kleine Anekdote erzählen. Als ich 17 war, habe ich meiner Großmutter gesagt, dass ich sie mit einem deutschen Freund besuchen würde. Meine Großmutter war während des Ersten Weltkriegs vier Jahre lang Krankenschwester gewesen. Sie arbeitete als Freiwillige in einem Bahnhof in Paris, wo die Verwundeten von der Front eintrafen. Nicht alle konnten operiert werden, weil es nicht genug Behandlungsmöglichkeiten gab. Diese Soldaten hätten ihr Bruder, ihr Onkel oder ihr Vater sein können. In der Familie wurde die deutsche Kultur zwar respektiert, aber man traf die Deutschen nicht gerne.Meine Oma mochte mich, sie konnte nicht nein sagen, so sagte sie zu mir, bring deinen Deutschen mit. Ich kam mit meinem Freund und wir aßen zusammen. Meine Oma war sehr freundlich zu ihm. Es lief wirklich gut. Danach sagte sie mir: Weißt du, hätte man mir gesagt, eines Tages würde mein Enkelkind einen Deutschen zum Essen bei mir einladen, das hätte ich niemals geglaubt. Von so weit her kommen wir. Deshalb ist für mich die deutsch-französische Freundschaft so kostbar.

Die Fragen stellten: Chloé Höllerer (11), Emil Wendt (14), Emmanuelle Denove (11) und Ulysse Coulons (14), Jugendreporter von der Masterplan AG Grand méchant loup am Französischen Gymnasium, Tiergarten