Morgenpost-Macher

„Sportreporter sind Überzeugungstäter”

Wie der Alltag eines Sport-Chefs aussieht, wollten Gero Baltschukat, Dennis Quindt, Annika Gosda, Chantal Lill und Chantal Richter im Interview mit Morgenpost-Sportchef Raik Hannemann genau wissen. Kein Wunder, denn sie besuchen selbst die Poelchau-Oberschule, die „Eliteschule des Sports“. Dabei hatten sie auch Fragen zu seiner Vergangenheit als Leistungsschwimmer:

Foto: Glanze

Berliner Morgenpost: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Raik Hannemann: Der tägliche Ablauf hängt davon ab, welche Aufgabe der Reporter hat. Bei uns hat jeder ein Spezialgebiet – es gibt z. B. Hertha-Reporter oder Eisbären-Reporter. So etwa richtet der Hertha-Reporter seinen Tagesablauf nach dem Spielplan des Vereins aus. An einem Spieltag redet er nach dem Match noch mit den Spielern und dem Manager und besucht die Pressekonferenz. Am nächsten Tag wird er schon früh wieder auf dem Trainingsplatz sein, weil das erfahrungsgemäß die beste Zeit für Gespräche mit den Spielern ist. Hertha hat als größter Verein der Hauptstadt einen besonderen Stellenwert, aber natürlich sind wir auch bei jedem Spiel von Alba, Füchsen, Union oder der Eisbären dabei. Ich selbst bin als Sportchef ab etwa 10 Uhr in der Redaktion, kümmere mich um die Planung der Sportseiten und besuche interne Konferenzen, bei denen die Themen für die ganze Zeitung koordiniert werden. Um diese Zeit erfahre ich auch, wie viel Platz wir für den Sport haben, was unter anderem von der Anzeigenbelegung abhängt.

Wie arbeiten Sie mit den Vereinen und Verbänden zusammen?

Im professionellen Sportbereich gibt es Presseabteilungen, die uns informieren. Bei ganz kleinen Vereinen müssen wir uns selber kümmern. Generell ist es aber so, dass man die besten, exklusiven Geschichten nicht auf Pressekonferenzen erfährt, sondern in persönlichen Gesprächen im kleinen Kreis. Diese Kontakte, dieses Vertrauen, muss sich ein Reporter erarbeiten.

Trauern Sie noch manchmal Ihrer Sportkarriere hinterher?

Oh nein. Ich bin geschwommen, bis ich 22 Jahre alt war und habe alles erreicht in meinem Sport, was ich wollte. Ich war fünf Jahre in der Nationalmannschaft, war bei allen internationalen Meisterschaften dabei und habe sogar mal eine Medaille erreicht. Ich bin mit mir im Reinen. Ich schwimme heute gar nicht mehr – es ist mir zu unkommunikativ.

Bringt Ihr Beruf mehr Spaß oder mehr Stress?

Eindeutig mehr Spaß. Ich glaube, Sportreporter sind alle Überzeugungstäter. Ich habe bislang kaum jemanden getroffen, der nicht sagt, er habe sein Hobby zum Beruf gemacht. In meinem Fall ist es so, und ich mache das jetzt seit rund 20 Jahren. Auch ohne diesen Beruf würde ich am Samstag um 15.30 Uhr vor dem Fernseher sitzen und mir Bundesligaspiele ansehen – oder ins Stadion gehen. Aber natürlich ist es sehr zeitaufwendig und da sehr viel am Wochenende passiert, ist der Beruf des Sportreporters nicht sehr familienfreundlich. Danach muss man sein Leben ausrichten und das ist nicht immer einfach, aber es geht. Meine beiden Kinder sind jedenfalls auch sehr sportbegeistert.

Wie haben Sie es ohne Studium so weit gebracht?

Ich habe mein Sportstudium abgebrochen, das war der besonderen Situation nach der Wiedervereinigung geschuldet. Damals gingen die Verlage in den Osten und haben frische Kräfte gesucht und ich war damals in dem Alter. Als man merkte, dass ich geradeaus schreiben kann, als Reporter ziemlich hartnäckig und außerdem im Sport gut vernetzt bin, wurde mir relativ schnell ein Vertrag als Redakteur angeboten. Das war ein Glücksfall und das wird es so wohl nicht mehr geben. Ich bin sozusagen ein Wendegewinner.

Wie wichtig war dabei Ihre Karriere als Leistungsschwimmer?

Ich glaube, dass ein Sportler unbedingten Leistungswillen mitbringt, der einen von anderen Menschen abheben kann, auch später im Beruf.

Warum sind Sie Reporter bei der Zeitung geworden und nicht beispielsweise beim Fernsehen?

(Lacht): Ich halte mich nicht für einen besonders telegenen Typen und habe auch keine Sprachausbildung. Dafür habe ich aber schon relativ früh in der Schule gemerkt, dass ich gut schreiben kann. Ich denke auch, dass die Herangehensweise an Themen bei der Zeitung tiefgründiger ist. Wir analysieren, decken Hintergründe auf – das reizt mich mehr als der schnelle elektronische Happen.

Wie sind Sie zur Morgenpost gekommen?

Wenn man als Reporter auffällt, gibt es Wechselangebote – das ist ähnlich wie beim Fußball. So kam ich vom Vorgänger des heutigen Berliner Kuriers zur BZ und später dann zur Welt am Sonntag, ehe man mir in diesem Jahr dem Traumjob als Morgenpost-Sportchef anbot.

Warum wird in der Zeitung nicht mehr über jugendliche Nachwuchssportler berichtet?

Weil das öffentliche Interesse am Nachwuchssport noch nicht so groß ist. Auch wenn jeder weiß, wie wichtig er ist. Aus verschiedenen Studien wissen wir, welche Themen den Leser einer Tageszeitung besonders interessieren. Daraus ergibt sich auch beispielsweise, dass Fußball den größten gemeinsamen Nenner hat. Aber die Berichterstattung über Nachwuchssport findet eher in Fachmagazinen statt.

Über welche Sportart berichten Sie am liebsten?

Im Schwimmen und Eishockey kenne ich mich am besten aus, deshalb liegen sie mir am meisten. Aber private Vorlieben zählen da nicht, zudem gibt es bei ersterem ja kaum noch was zu berichten.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?

Man erlebt so viele Dinge, die ein Normalbürger nicht erleben kann. Zehn Meter daneben zu stehen, wenn ein deutscher Sportler eine Olympiamedaille gewinnt, ist großartig. Die Euphorie, die der Sport transportieren kann, die bekommt man hautnah mit. Sehr schön war auch, dass ich das Sportidol meiner Kindheit, die Sprinterin Wilma Rudolph, einst die schnellste Frau der Welt, hier in Berlin interviewen konnte. Das war die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Bei all dem Schönen darf man aber natürlich die dunkle Seite nicht ausblenden. Dazu gehört auch die Dopingproblematik, in die ich mich tief einarbeiten musste. Dafür benötigt man inzwischen fast ein halbes Medizinstudium - aber auch das ist Teil des Jobs.