Familie

Sind Einzelkinder anders?

Einzelkinder sind verwöhnt. Sie können nicht gut teilen. Und haben mehr Probleme, Freunde zu finden als Gleichaltrige mit Geschwistern. Das sind häufige Vorurteile, die es über Einzelkinder gibt. Forscher haben jetzt herausgefunden: Das stimmt so alles nicht. Auch die Meinung, dass die Zahl der Einzelkinder wächst, ist falsch: Rund 22 Prozent aller Kinder bleiben geschwisterlos.

Diese Zahl sei seit Jahrzehnten etwa gleich geblieben, sagt der Soziologe Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut in München. Allerdings ist die Zahl der Einzelkinder in Großstädten wie Berlin immer höher als in kleineren Orten. In der Hauptstadt hat jedes dritte Kind keine Geschwister: mehr als 150 000.

Doch wie denken Kinder und Jugendliche selbst über ihre Situation: Wie wichtig sind ihnen Geschwister? Haben Einzelkinder aus ihrer Sicht Nachteile? Ein Gespräch mit Projektschülern aus der Klasse 5b der Ludwig-Heck-Schule.

Welche Vorurteile gibt es?

Die Frage, ob Einzelkinder anders sind, bringt alle in der Klasse zum Nachdenken. Vier von 21 Schülern der 5b haben keine Geschwister. Florian sagt: "Es ist schon besser Geschwister zu haben und ich mag meine Schwester sehr. Aber ich finde nicht, dass Einzelkinder anders sind." Wie er denkt auch Duaa, die fünf Geschwister hat, aber viele Freunde kennt, die ohne aufwachsen. Die Meinung der beiden bestätigen die Forscher: "Bei Vergleichen von Einzelkindern und Geschwisterkindern lassen sich keine grundlegenden Unterschiede in der Persönlichkeit feststellen", hat der Familienforscher Hartmut Kasten herausgefunden. Vorurteile wie jenes, dass geschwisterlose Kinder nicht teilen könnten, dürfe man getrost vergessen. Das hat auch damit zu tun, dass die Kinder heute in aller Regel früh in den Kindergarten gehen und dort mit anderen zusammenkommen.

Verwöhnt? Das hat auch Nico bei Einzelkindern so noch nicht beobachtet. Er selbst hat einen Bruder und eine Schwester. Aber: "Wenn die beiden weg sind, werde ich schon verwöhnt", erzählt er und grinst.

Immerhin: Ein Mädchen aus der Klasse hat beobachtet, dass sie nachmittags öfter von einer Freundin angerufen wird, die Einzelkind ist. Wahrscheinlich, weil diese öfter alleine sei, vermutet sie. Dass Einzelkinder aktiver sein müssen, ist verständlich. Denn wer als Kind ohne Geschwister aufwachse, lerne schnell, auf andere zuzugehen, um nicht alleine spielen zu müssen, sagt die Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger.

Fühlen sich Einzelkinder allein?

Entscheidend ist natürlich die Frage, wie Einzelkinder selbst mit ihrer Rolle klar kommen. Dazu Virginia aus der Ludwig-Heck-Grundschule: "Ich finde es okay, Einzelkind zu sein." Energisch fügt sie hinzu: "Eines will ich mal klarstellen: Einzelkinder können auch teilen." Virginia hat viele Freunde und Freundinnen, verabredet sich oft mit ihnen. Am Wochenende übernachten diese auch schon mal bei ihr - oder umgekehrt.

Auch Mitschüler Lukas kommt gut mit seiner Situation zurecht: "Ich finde es besser, Einzelkind zu sein, weil ich keinen Ärger mit Geschwistern habe." Er hat zum einen Freunde, die er regelmäßig trifft, aber auch Haustiere wie Kaninchen und Fische, sodass er sich nicht alleine fühlt. Ein anderer Mitschüler, Timothy, sieht das anders. Er findet es zwar auch nicht schlimm, Einzelkind zu sein. Zugleich gibt er aber zu, dass es oft langweilig sei, weil nicht immer jemand zum Spielen da sei. Dann beschäftigt er sich zum Beispiel mit Konsolenspielen."Ich hätte gern Geschwister", sagt Timothy.

Nerven Geschwister?

Nicht nur Einzelkinder haben manchmal Probleme. Auch unter Geschwistern gibt es neben positiven Gefühlen auch öfter mal Stress bzw. offenen Streit. Alexandra aus der Klasse 5b erzählt: "Ich habe drei Brüder, leider keine Schwester. Zwei meiner Brüder sind älter, und der mittlere ärgert mich immer." Allerdings hat sie schon ein paar Tricks entwickelt, wenn ihre Brüder mal wieder nerven. Unter dem Strich findet sie es deshalb ,,schon schöner" mit Geschwistern, "weil es nie langweilig wird". Mitschülerin Vivien denkt genauso: "Mein Bruder ärgert mich oft. Trotzdem ist es auch schön, kein Einzelkind zu sein, zum Beispiel an Weihnachten und an Geburtstagen."

Fünftklässlerin Michelle wiederum hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht. "Wenn man Geschwister hat, die noch sehr klein sind, kann das auch nerven. Kleine Babys schreien viel und alle kümmern sich dann nur noch darum. Das finde ich unfair", sagt sie.

Der elfjährige Dion gehört zu denen, die richtig froh sind, Geschwister zu haben: "Mit meiner jüngeren Schwester verstehe ich mich wirklich sehr gut."

Mitarbeit: Kl. 5b , Ludwig-Heck-Grundschule, Mariendorf

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