Vera Friedländer

"Man kann keine halbe Jüdin sein"

„Ich war eine ganze Jüdin und eine ganze Deutsche. Ich fühlte mich so", sagt Vera Friedländer. Die 82-jährige Schriftstellerin besuchte vor Kurzem die Corrie-ten-Boom-Schule in Prenzlauer Berg. Die Schüler der achten und zehnten Klassen lauschten ihren Erzählungen, wie sie von den Nazis verfolgt wurde.

Vera Friedländer berichtete von den Deportationen in die Konzentrationslager, dem „stillen“ Streik in der Großen Hamburger Straße und dem Frauen-Protest in der Rosenstraße. Damals war Vera 15 Jahre alt. Sie, ihr Vater und andere Partner aus so genannten Mischehen verharrten einige Stunden vor dem Gebäude und konnten nach einigem Warten ihre Mutter wieder in die Arme schließen. Dann kam der Beschluss, dass "halbe Juden" - ein Begriff aus der menschenverachtenden Rassenlehre der Nationalsozialisten - den "normalen Juden" gleichgesetzt wurden. Für die "Halbjüdin" Vera Friedländer kam bald der Abschied von ihrem Vater.

Um zu verdeutlichen, wie sie als Kind gelitten hatte, las sie einen Teil aus ihrer Autobiografie „Man kann nicht eine halbe Jüdin sein“ vor. Sie las ein Stück, in dem sie erzählte, wie ihre Großmutter von einem Lkw der Nationalsozialisten abgeholt und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurde. Der Abschied war still und einsam. „Ein letztes Winken, keine Träne, doch ein trauriges Gesicht“, las die Autorin vor. Damit beendete sie das Kapitel über die Deportation ihrer geliebten Großmutter.

Im Jahr 1942 gab es Judenhäuser, in denen auch zwölf Familienmitglieder von Veras Mutter untergebracht wurden. Vier lebten, so wie Veras Eltern, in Mischehen. 1943 zog das Tempo der systematische Judenermordung weiter an, in dieser Zeit wurden 24 Familienangehörige von Vera Friedländer umgebracht.

Doch die ehemalige Professorin an der Humboldt-Universität erlebte nicht nur diesen Schicksalsschlag, sondern noch viele andere. Sie musste bei der Salamander- A.G., Reparatur-Betrieb, Zwangsarbeit leisten. Für ein Mädchen ihres Alters eine Möglichkeit zu überleben, aber stetig wurde ihr gedroht, dass man sie ins Lager schicken würde.

Doch auch von dort wurde sie bald gerettet. Ihr Vater, der sich freiwillig in ein Lager hatte eintragen lassen, weil er die Ehe mit seiner jüdischen Frau nicht hatte aufgeben wollen, war zu seiner Familie zurückgekehrt. Da das Lager nicht stark bewacht wwar, hatte er fliehen können und war unbeschadet zurückgekommen. Seit jenem Tag ging Vera Friedländer nicht mehr zur Salamander-A.-G., Reparatur-Betrieb an der Köpenicker Straße in Berlin SO 36.

"Ich bin eine nicht fromme Jüdin“, erklärte sie, als wir fragten, ob sie dem Judentum folge oder dem Christentum. Aber alles in allem ist es egal, welchen Glauben sie hat. Denn am am wichtigsten ist es, dass sie diese schreckliche Zeit überlebt hat und heute ihre Erinnerungen mit uns teilen kann.

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