Interview

Hip-Hopper Marteria hält nichts vom Gangster-Look

Mit seiner Single „Verstahlt" hat der Hip-Hopper Marteria einen Super-Lauf: Gerade trat er bei der „You" auf und wer MTV einschaltet, kommt an seinem Video nicht vorbei. Am Freitag und Sonnabend wird der 27-Jährige, der eigentlich Marten Laciny heißt, bei Raabs „TV Total Stock Car Challenge" mitmischen. Kurz vor dem Start seiner Tour „Zum Glück in die Zukunft" wollten Jugendreporter wissen, warum Marteria Profifußball und Model-Karriere für den Hip-Hop aufgegeben hat:

Foto: Goetz Schleser

Jakob: Wie bist Du zur Musik bzw. zum Hip-Hop gekommen?

Marteria: Mein großer Bruder ist acht Jahre älter als ich und der hat – noch zu DDR-Zeiten – von Radio Sputnik viele HipHop-Titel mitgeschnitten. Weil mein Bruder mein Vorbild war, habe ich mich auch dafür interessiert. Hip-Hop war damals nicht nur Musik, sondern ein Lifestyle und im Osten, wo ich herkomme, ein Minderheitenprogramm. Es hat einfach Spaß gemacht.

Johannes: Hip-Hop hat hierzulande einen schlechten Ruf, gilt als frauenverachtend.

Marteria: Das war Hip-Hop nie und es ist schlimm, dass er dieses Image hat, ein Auffangbecken für Doofe zu sein. Hip-Hop war mal eine Kultur, eine kreative Jugendbewegung, die in New York entstanden ist. Ich versuche den Leuten klarzumachen, dass es im Hip-Hop nach meinem Verständnis nicht darum geht, andere auszugrenzen. Ich rede z. B. auch mit Schwulenmagazinen, denn mir ist es egal, ob jemand schwul ist oder nicht. Es ist traurig, was manche aus dem HipHop gemacht haben, denn diese Musik kann einem soviel geben und Dir über schlechte Zeiten hinweghelfen.

Benedict: Rapper wie Bushido und Sido treten gerne im Gangster-Look auf. Du performst in Deinem Video „Verstrahlt“ im Anzug. Willst Du Dich auch äußerlich von anderen Rappern absetzen?

Marteria: Ich bin nie so ganz krass HipHop-mäßig verkleidet rumgelaufen. Die Kleidung muss zum Song passen und bei „Verstrahlt“ hat es sich einfach angeboten. Der Anzug macht das Ganze ein bisschen hochwertiger. Man muss sich nicht gangstermäßig verkleiden, mir geht es um die Texte und die Musik.

Juri: Du hast ja schon in Rostock gelebt, in New York und in Berlin. Welche Stadt gefällt Dir am besten?

Marteria: Von Rostock, wo ich herkomme, nach New York zu gehen, war ein Kulturschock. Auch in Berlin ist das Leben schnelllebig, aber New York toppt das noch, es ist der Wahnsinn. Ein Heimatgefühl habe ich in Berlin, ich wohne in Kreuzberg und fühle mich hier wohl. Ich mag die Subkultur und dass Berlin ein bisschen dreckiger ist als andere Städte und eine so lange Vergangenheit hat. Manchmal vermisse ich allerdings das Meer in Rostock. Am Strand zu sein mit meinem kleinen Sohn oder zu surfen: Das ist toll und das fehlt mir ab und an.

Simon: Wie bist Du denn auf die Künstlernamen Marteria und Marsimoto – Du trittst ja auch unter diesem Namen auf – gekommen?

Marteria: Ich bin mal mit einem Freund auf Kuba gewesen und habe ein bisschen im Spanisch-Wörterbuch geblättert. Ich heiße ja eigentlich Marten und bin dann auf das Wort ,materia’, was Stoff bedeutet, gestoßen. Das hat mir gefallen und so wurde daraus Marteria. Bei Marsimoto war es so: Es gibt einen Rapper aus Kalifornien, der sich Quasimoto nennt. Der Name ist eine Hommage an ihn, beide – Quasimoto und Marsimoto – haben so eine gepitchte Stimme. Marsimoto ist cool, der kommt aus Kopenhagen und ist hier in meiner Welt in Berlin gelandet. Der ist ein bisschen wie Alf, der Außerirdische, nur viel cooler.

Juri: Du hast ja schon mit vielen berühmten Leuten zusammengearbeitet, z. B. Peter Fox und Jan Delay. Mit wem würdest Du denn künftig gerne mal zusammenarbeiten?

Marteria: Meine Mutter wünscht sich, dass ich mal etwas mit Herbert Grönemeyer zusammen aufnehme und diesen Wunsch würde ich ihr natürlich gerne erfüllen. Ich mag auch Udo Lindenberg sehr gerne, Jay-Z oder Björk wären auch nicht schlecht, denn das sind wirkliche Vorbilder für mich. Keine Ahnung, ob das mal klappen wird. Jay-Z ist cool und sehr intelligent. Wenn der Konzerte macht, dann kommt er mit einer Riesen-Band und bietet eine Super-Live-Show und nicht irgendeine Halb-Playback-Show.

Benedict: Ist Deine Mutter ein wichtiger Mensch für Dich?

Marteria: Meine Mutter war halt immer da für mich und hat die Kinder quasi alleine groß gezogen. Ich mag meinen Vater auch, aber er war Seefahrer und zweimal im Jahr da. Meine Eltern haben sich dann getrennt. Ich habe Respekt davor, wie meine Mutter uns groß gezogen hat. Sie ist unheimlich sozial.

Nadine Lerche: Auf Deinem Album sind viele Lieder, die von bestimmten Erlebnissen im Leben erzählen. Willst Du mit Deinen Songs einfach nur eine Geschichte erzählen oder damit bestimmten Leuten die Augen öffnen?

Marteria: Ich finde Musik immer gut, wenn sie einem in bestimmten Situationen helfen kann. Oder wenn sie einem Kraft gibt, mit Schicksalsschlägen fertig zu werden. Aber ich gehe nicht an einen Song ran und frage mich: Wie kann ich den Leuten helfen? Man muss ehrliche Musik machen und nicht auf bestimmte Knöpfe drücken, indem man ständig Worte wie Herz, Schmerz etc. benutzt. Das kann schnell peinlich werden. Man kann auch Gefühle erzeugen, ohne solche Wörter zu verwenden. Alle meine Songs haben aber in jedem Fall einen Bezug zu dem, was ich selbst erlebt habe.

Simon: Gibt es ein Lied, das Du besonders gerne singst?

Marteria: „Verstrahlt“ spiele ich am liebsten, weil die Leute da voll abgehen. Aber vom aktuellen Album mag ich alle Songs gerne, da ist mir keiner peinlich…

Jakob: Magst Du auch andere Musikrichtungen neben dem HipHop?

Marteria: Ja, total. Ich mag gerne Londoner Sachen, elektronische Musik, auch Rock und Metal.

Und was ist mit Klassik?

Marteria: Beethoven, den mag ich sehr.

Benedict: Du warst mal Profifußballer bei Hansa Rostock, hast es sogar in die U17-Nationalmannschaft geschafft. Dann hast Du als Model gearbeitet. Warum hast Du mit beidem aufgehört? Oder bereust Du die Entscheidung heute und denkst, Modeln wäre doch das Beste gewesen?

Marteria: Auf keinen Fall. Das hat mich eben mit knapp 18 gereizt, als ich das Angebot bekommen habe. Deshalb habe ich mit Fußball aufgehört. Ich bin nach New York gegangen und das war eine echte Herausforderung. Aber der Job, das Modeln an sich, ist furchtbar. Gut war, dass ich in New York angefangen habe zu schreiben, das ging in der U-Bahn los.

Johannes: Haben die Verantwortlichen bei Hansa Rostock Deine Entscheidung verstanden?

Marteria: Das war ein großes Geheule, als ich mit meiner Mutter zur Vertragsauflösung gegangen bin. Ich war ja durchaus ein Talent, sogar Nationalspieler. Aber im Leistungssport geht es eben immer nur um die Leistung, Du musst absolut auf den Fußball fixiert sein. Ich war immer schon ein bisschen anders und habe mich nicht nur für Fußball, sondern auch für ganz viele andere Sachen interessiert. Deshalb hat mir mein Bauchgefühl gesagt, dass ich etwas anderes machen sollte. Allerdings sehe ich mir immer noch gerne Fußballspiele an, oft zusammen mit Peter Fox.

Wo siehst Du als Fußballfan Hertha und Union am Ende der Saison?

Marteria: Hertha wird aufsteigen und Union wird den Klassenerhalt schaffen.

Johannes: Welche Pläne und Hoffnungen hast Du für Deine eigene Zukunft?

Marteria: Meine nähere Zukunft sieht so aus, dass jetzt im Oktober meine Tour startet. Also das Live-Geschäft. Eine coole Live-Show zu machen, ist anstrengend und füllt einen ganz aus. Was in fünf oder zehn Jahren ist, das kann ich leider nicht sagen.

War Dein Sohn auch schon mal mit auf einem Deiner Konzerte?

Marteria: Nein, der ist noch zu klein, er ist erst drei Jahre alt. Aber die Videos kennt er natürlich.

Benedict: Ist das nicht schwierig, sich um den Sohn zu kümmern, wenn man Musiker ist und viel unterwegs?

Marteria: Das ist natürlich hart und ein Problem, weil ich nicht mehr mit der Mutter zusammen bin und mein Sohn nicht in Berlin, sondern in Rostock wohnt. So oft ich frei habe, fahre ich hin und will ihn mindestens alle zwei Wochen sehen. Länger will ich nicht ohne ihn sein, das macht mich verrückt. Aber es ist schwierig. Mit meiner früheren Freundin verstehe ich mich aber ganz gut, sodass wir Streit von dem Jungen weghalten können. Das finde ich wichtig.

Simon Ellger, Benedict Ertelt & Juri Hörster , Canisius-Kolleg, Tiergarten, Jakob Schmidt & Johannes Heymann , Theresienschule, Weißensee, Nadine Lerche , Gustav-Heinemann-OS, Marienfelde

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