Interview mit Bela B.

Der Code zu Bela B.

Bela B., Sänger und Schlagzeuger der Band "Die Ärzte", gönnt sich einen neuen Solo-Trip: "Code B" heißt sein zweites Soloalbum. Im Interview sagt er, warum das Album auch den Ärzten nützt.

Svenja: Macht Dir die Solokarriere inzwischen mehr Spaß als das Auftreten mit den Ärzten?

Bela B.: Jein. Es macht mir tierischen Spaß, Sachen auszuprobieren. Sachen, die ich mit den Ärzten nicht machen würde. Dazu gehört auch, sehr viel Gitarre zu spielen. Umgekehrt hat das zur Folge, dass es mir wieder mehr Spaß macht, mit den Ärzten zu spielen. Als ich vor drei Jahren das erste Soloalbum gemacht habe, hat mich das mit so viel Freude erfüllt, dass ich völlig locker einen neuen Song für die Ärzte geschrieben habe. Das Resultat war "Jazz ist anders". Nach Meinung vieler Menschen ist das eine der besten Ärzte-Platten der letzten Jahre. Jetzt herrscht in der Band eine fast ekelerregend anmutende Harmonie, die man bei einer Band, die so lange zusammen ist, fast nicht erwartet. Farin Urlaub und ich brauchen unsere Soloprojekte und das kommt wiederum der Band zugute.

Svenja: Was hat Dich inspiriert, das neue Album zu machen?

Bela B.: Ganz einfach: Ich habe Bingo, mein erstes Soloalbum, als Gitarrist gemacht. Seitdem habe ich extrem viel Gitarre gespielt. Und wenn ich viel Gitarre spiele, dann habe ich viele Ideen und die habe ich für das neue Solalbum "Code B" gesammelt. Das Ganze hat sich dann noch etwas verzögert, weil privat eine sehr wichtige Sache dazwischen gekommen ist: Ich bin nämlich Vater geworden.

Svenja: Aus dem neuen Album ist der Titel "Altes Arschloch Liebe" als Single ausgekoppelt worden. Ist das Dein Lieblingslied?

Bela B.: Ich habe den Song einen Tag, bevor ich ins Studio gegangen bin, geschrieben. Und ich hatte das Gefühl, dass die Textidee, die Liebe mit unflätigen Worten zu beschimpfen, ungewöhnlich ist und habe den Song einem Freund vorgespielt. Das ist jemand, der nicht so viel Glück hat in der Liebe, und der sagte: ,Das ist mein Song'. Weil es eine Hymne für all die Ausgestoßenen und Verlassenen da draußen sein könnte, fand ich, dass der Song ein Opener für die Platte ist. Allerdings bin ich mit dem Titel "Altes Arschloch Liebe" bei einigen Radiostationen an Grenzen gestoßen. Dabei kommen in Hip-Hop-Songs ganz andere Wörter vor, aber eben nicht unbedingt im Titel.

Svenja: Warum heißt die CD "Code B"?

Bela B.: Wenn man das Wort Code hört, denkt man an Agentenfilme, an Chiffriermaschinen. Soundtracks von Agentenfilmen der sechziger Jahre, von James-Bond-Filmen haben mich beim Song-Schreiben beeinflusst. Die Romantik des einsamen Agenten, der in der Welt unterwegs ist und gegen das Böse kämpft, ist mir nahe. Inzwischen finde ich, dass sich alles immer mehr zusammenfügt. Songtexte sind ja auch ein Code zur Seele des Texters und Komponisten, in diesem Falle in Personalunion ich. Setzt man sich damit auseinander, ist das der Code zum Bela.

Svenja: Du engagierst Dich seit Jahren gegen Nazis. Planst Du Neues?

Bela B.: Ich äußere mich öffentlich gegen Nazis, weil sich junge Leute offenbar für mich interessieren und es deshalb wichtig ist, etwas zu sagen. Es gibt meinen Song "Deutsche, kauft nicht bei Nazis", der kostenlos im Internet runtergeladen werden kann. Außerdem unterstütze ich vor allem zwei Anti-Nazi-Organisationen - "Laut gegen Nazis" und "Kein Bock auf Nazis". Ich hoffe, dass jüngere Fans durch mein Engagement gar nicht erst in die Nähe von irgendwelchen Rattenfängern geraten.

Svenja: Willst Du mit diesem Engagement - und natürlich mit Deinen Songs - wirklich vor allem Jugendliche ansprechen oder alle?

Bela B: Wenn jemand mit 40 in der NPD ist, dann wird er sich nicht durch einen Bela B.-Song ändern, sondern durch andere Sachen. Ich glaube wirklich, dass es eine Verantwortung von Musikern gibt, sich gegenüber Jugendlichen zu äußern. Die Ärzte sind eine Band, die relevant sind für Jugendliche. Wir wundern uns ja selber, dass wir, obwohl wir alle längst über 40 sind, immer noch neue zwölfjährige Fans bekommen.

Svenja: Woran liegt es, dass Ihr gerade bei jüngeren Leuten so beliebt seid?

Bela B.: Wenn ich das wüsste! Ich will es gar nicht so recht deuten, denn das führt vielleicht dazu, dass ich plötzlich denke, dies oder jenes könnte eine Masche sein, wie man den Erfolg bei Jugendlichen noch ein bisschen verlängert. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass wir eine gewisse Geradlinigkeit haben und wir als ehrlich wahrgenommen werden. Als wir unseren größten Erfolg mit "Männer sind Schweine" hatten, haben wir die Notbremse gezogen und gesagt: ,Okay, man hört uns jetzt am Ballermann und auf dem Oktoberfest, aber da machen wir nicht weiter.' Das hält man uns vielleicht zugute. (Lächelnd ergänzt er:)...Was die Leute nicht wissen, ist, dass alles totales Kalkül ist und wir Hitproduzenten sind, die sich 'ne Masche ausgedacht haben...

Svenja: Wer sind Eure Vorbilder?

Bela B.: Für uns gibt es keine Erfolgsvorbilder. Wir haben natürlich musikalische Ziele. Rodrigo und Farin sind wahnsinnige Beatles-Fans, was mich total nervt. Ich will Songs schreiben, auf die ich stolz bin und die so klingen wie auf meinen Lieblingsalben, z. B. auf denen der Punkband Social Distortion. Und natürlich möchte ich, dass meine Tour toll wird. Einen direkten Punkt, wo ich hin will, gibt es aber nicht. Nach oben gibt es ohnehin keine Grenzen. Und nach unten kann der Fall immer tiefer werden. Jedenfalls ist Erfolg für mich nicht der alleinige Maßstab, dafür gibt es viel zu viele Platten, die nicht erfolgreich sind.

Svenja: Wenn Du Deine Karriere noch einmal beginnen würdest, würdest Du den gleichen Weg wieder gehen?

Bela B.: Ich lebe total glücklich im Hier und Jetzt. Und ich bin glücklich, dass ich ein paar Mal in meinem Leben die richtige Entscheidung getroffen habe. Als Jugendlicher wollte ich Grafiker werden, doch meine Mutter meinte, das sei ein Job ohne Zukunft. Dann bin ich Schaufensterdekorateur geworden, weil ich dachte, ich könne dann meine kreative Seite ausleben. Heute gibt es den Beruf nicht mehr, aber dank des Internets werden die Fähigkeiten des Grafikers immer stärker gebraucht. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich nicht Grafiker geworden bin, weil ich diesem Beruf vielleicht die Ärzte geopfert hätte...

Die Fragen stellten Svenja Billib, Kl. 9.1, Martin-Buber-Oberschule, Spandau; Lea Bethmann, Anna-Freud-Oberschule, Kl. 11c, Charlottenburg; Lennart Seiler & Leonard Werner, Kl. 11.3, Lilienthal-Gymnasium, Lichterfelde