Wissenschaft

Internetsucht: Warum immer mehr Jugendliche gefährdet sind

„Kein Hunger!", ruft Johannes. Seiner Mutter fällt auf, dass ihr 15-jähriger Sohn dies in letzter Zeit immer häufiger sagt, wenn er zur gemeinsamen Mahlzeit gerufen wird. Wegen des sozialen Rückzugs ihres Kindes sucht die alleinerziehende Mutter Irene P. (34) die städtische Suchtpräventionsstelle für Internetsucht auf. Wie Johannes P. ergeht es weltweit vielen Kindern und Jugendlichen, die sich in ihrer Freizeit immer stärker Internet-Aktivitäten widmen.

Foto: Krauthoefer

Frau P. berichtet, dass ihr Sohn vor drei Jahren auf Wunsch zum Geburtstag einen eigenen Internetanschluss in seinem Zimmer erhielt. Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit sei der Sohn überwiegend alleine zu Hause. Zunächst habe er sich eine CD-Rom-Spielesammlung angelegt, doch seit etwa einem Dreivierteljahr nehme er an einer Online-Community teil, die monatlich eine Grundgebühr von 11,65 Euro koste. Johannes habe keine Geschwister. Mit seinen beiden Freunden treffe er sich mittlerweile nur noch selten. Überwiegend ziehe sich der Junge auf sein Zimmer zurück und sei an seinem PC online, zum Teil bis spät in die Nacht. Gemeinsame Gespräche über sein Verhalten – so die Mutter – beantworte ihr Sohn gereizt, bis hin zu Wutausbrüchen.

Studien belegen, dass Heranwachsende inzwischen ebensoviel Zeit vor dem Bildschirm wie in der Schule verbringen. In einem Bericht des deutschen Ärzteblatts ist zu lesen, dass die Internetnutzung von Jugendlichen „zwischen 1997 und 2006 von durchschnittlich 6,3 auf 97 Minuten pro Tag“ stieg. Die Autoren fahren fort, dass als Risikofaktoren für exzessive Internetnutzung „dyssoziales Sozialverhalten, verminderte soziale Intelligenz, soziale Ängstlichkeit, Einsamkeit, depressive Verstimmtheit und vermeidende Problemlösestrategien (Realitätsflucht)“ ermittelt wurden.

Christoph Hertzberg, Leiter des Diagnose- und Behandlungszentrums für Kinder und Jugendliche in Berlin-Neukölln, hebt auf Anfrage hervor, dass „die Kombination von massiv gefühlsbeladenen Eindrücken mit eigener Untätigkeit, wie sie ja beim reinen Medienkonsum gegeben ist, sicherlich zu Spannungen führt, die Verhaltensstörungen unterstützen“. Den Kindern werde „sozusagen ein Stück eigenständiger Kindheit genommen, die eigentlich der Nährboden sein soll, um sich im späteren Erwachsenenleben selbstbewusst und selbstständig zurecht zu finden und eigenen Schwerpunkten zu folgen. Dies ist ganz sicher eine wesentliche Quelle von Störungen des Verhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung“.

Hat die Internetnutzung bereits wichtige kindliche Freizeitaktivitäten verdrängt und erfolgt zeitlich regelmäßig länger als geplant in einem Umfang von mehr als vier Stunden, besteht die Gefahr zur Entwicklung einer Internetsucht. Diese liegt vor, wenn eine immer höhere Dosis des Mediums benötigt wird, um die gleiche Wirkung bei dem Kind auf seine Stimmungslage zu erreichen, und bei Unterbrechung des Internetkonsums das Kind mit Symptomen wie Unruhe, Nervosität, Unzufriedenheit, Gereiztheit und Aggressivität als Ausdruck eines psychischen Verlangens nach der Internetnutzung reagiert.

Im Rahmen einer umfangreichen Schülerbefragung ermittelten Experten vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, dass insbesondere männliche Schüler hinsichtlich einer übermäßigen Internetnutzung gefährdet sind. Ihr Anteil lag – in der 9. Schulklasse erhoben – bei 21,8 Prozent gegenüber 5,7 Prozent der Mädchen. Ferner zeigte sich ein deutlich erhöhtes Risiko von suchtgefährdetem Spielverhalten bei bestimmten Onlinespielen.

Als schützende Faktoren zählen höhere Schulbildung, intaktes familiäres Gefüge und die Qualität der Medienkompetenz zum Zeitpunkt des kindlichen Entwicklungsalters. Letztere beinhaltet die kindliche Entwicklungsreife hinsichtlich Handlungskompetenz, sozialer und kognitiver Kompetenz, ethischer Kompetenz sowie ästhetischer und affektiver Kompetenz.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt in diesem Zusammenhang, altersabhängige Bildschirmzeiten für Kinder umzusetzen.

Johannes P. ließ sich schließlich auf einen Kontakt zur Suchtpräventionstelle ein und erhielt eine eingehende Beratung. Es zeigte sich, dass jedoch darüber hinaus eine psychotherapeutisch stützende Behandlung nötig war. Das frühzeitige Aufsuchen von Beratungsstellen bezüglich einer möglichen kindlichen exzessiven Internetnutzung erscheint sinnvoll. Entsprechende Adressen für das Land Berlin vermittelt die Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin (www.berlin-suchtpraevention.de).

(Quellen: Egmond-Fröhlich, A. van, T. Mößle, S. Ahrens-Eipper, G. Schmid-Ott, R. Hüllinghorst, P. Warschburger: Übermäßiger Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen: Risiken für Psyche und Körper. In: Deutsches Ärzteblatt 2007; 104(38), Hertzberg, C.: Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen und den zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten in dieser Altersgruppe. Stellungnahme auf Anfrage. 2009; Pfeiffer, C., T. Mößle, M. Kleimann, F. Rehbein: Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN). 2007)