Austauschjahr

Mein neues Leben in Spanien

Eine 17-jährige Berlinerin hat sich einen Traum erfüllt. Die nächsten Monate wird Franziska im Süden Spaniens leben. Da, wo andere Menschen Urlaub machen. Der Start war super. Das liegt vor allem an den warmherzigen Andalusiern. Und hat auch mit der "Feria" zu tun. Franziska hat in kurzer Zeit eine Menge erlebt.

Foto: Hübner

Vor 16 Tagen habe ich meine Heimat Berlin verlassen, um für neuneinhalb Monate als Austauschschülerin im andalusischen La Palma del Condado, einer 10?000-Einwohner-Stadt zwischen Sevilla und Huelva, zu leben und den „spanish way of life“ kennenzulernen.

Meine Gastfamilie besteht aus meinem Gastvater Agustin, meiner Gastmutter Ana Mari und meinen Gastschwestern Ana Belen (19) und Maria (17), die mich vom ersten Augenblick an herzlich bei sich aufgenommen haben. Wir verbringen viel Zeit miteinander und haben schon Ausflüge zum Strand und nach Sevilla gemacht. Das Wichtigste für mich aber ist, dass ich mit der Familie auf derselben Wellenlänge bin – da habe ich großes Glück! Eine andere Austauschschülerin musste aufgrund zahlreicher Unstimmigkeiten bereits die Familie wechseln.

Im Vergleich zu Berlin ist das Leben hier einfacher, beschaulicher. Man lebt mehr in den Tag hinein, die Siesta wird eingehalten, Stress und Hektik sind hier auf dem Land Fremdworte, die Spanier lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Im Haushalt muss ich hier mehr mithelfen als in Berlin, doch mehr Selbstständigkeit soll ja auch ein Teilziel des Austausches sein!

Da ein Auslandsjahr keine Pauschalreise ist, hat man als Austauschschüler nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten – sei es die Mithilfe im Haushalt oder das Üben einer Fremdsprache mit der Gastschwester. Da Ana Belen Dolmetscherin für Deutsch und Englisch studiert, sprechen wir ab und zu Deutsch; es ist immer sehr lustig.

Nur wenige Tage nach meiner Ankunft begann bereits das erste Highlight meines Aufenthaltes: die alljährliche ,Feria’ von La Palma C., ein fünftägiges Fest, bei dem die Uhren im wahrsten Sinne des Wortes still standen. Es wurde Tag und Nacht bis zum Sonnenaufgang ausgelassen gequatscht, getanzt und gefeiert; die Läden hatten geschlossen. Der letzte Tag der Feria war dem Flamenco gewidmet und so trugen nahezu alle Einwohner von La Palma C. Flamenco-Trachten und es wurde die ganze Nacht über ,Sevillana’ getanzt. Auch ich habe mir ein Flamenco-Kleid gekauft und mich wie eine richtige „Flamenca“ (schöne Frau) gefühlt. Meine Gastschwestern hatten mir vorab ein paar Tanzschritte gezeigt, die es nun umzusetzen galt. Es war ein tolles Gefühl, Teil dieses Festes sein zu dürfen. Die Spanier wissen wirklich, wie man Feste feiert!

Außerdem bin ich in den Genuss kulinarischer Köstlichkeiten gekommen. Neben Oliven, Fisch und Krabben habe ich Paella, Tortilla, Churros und Turron gegessen. Letztere sind typische Süßwaren Spaniens.

Nach der ganzen Fiesta hat dann die Schule begonnen. Ich gehe hier ins erste Abiturjahr. Neben Pflichtfächern wie z. B. Englisch, Französisch, Spanisch, Philosophie und Geschichte habe ich Mathematik und Wirtschaft gewählt, da mein Stundenplan so dem deutschen am nächsten kommt. Der Unterricht beginnt um 8.30 Uhr und endet um 14.45 Uhr. Alles in allem ist das Niveau niedriger als in Deutschland. In Mathe befasst man sich in meinem Jahrgang beispielsweise mit Exponentialfunktionen oder Trigonometrie. In Berlin hingegen sind dies Themen der zehnten Klasse. Ich werde nach meiner Rückkehr im Juni 2009 sicher eine Menge aufzuholen haben. Ganz anders ist das bei Französisch: Damit hatte ich vorher noch nie etwas zu tun…

Obwohl ich mit der spanischen Sprache schon gut zurechtkomme, fällt es mir noch relativ schwer, Spanisch, Englisch, Deutsch und Französisch auseinanderzuhalten. Wenn ich mich mit anderen Austauschschülern unterhalte, sprechen wir meistens einen Mix aus allem.

Und noch etwas ist anders: Hier spricht man die Lehrer mit dem Vornamen an und duzt sie sogar. In Deutschland unvorstellbar! In Spanien ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern lockerer und freundschaftlicher. Etwas enttäuscht bin ich jedoch über den Unterrichtsstil: Frontalunterricht. Hier spricht der Lehrer, die Schüler fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben; so etwas wie mündliche Beiträge gibt es nicht. In der Schule habe ich mit der spanischen Sprache mehr zu kämpfen als erwartet: Zum andalusischen Akzent kommt die Schnelligkeit hinzu. Die Lehrer reden oft ohne Punkt und Komma. Den groben Zusammenhang verstehe ich zwar, doch Kleinigkeiten entgehen mir.

In solchen Situationen wende ich mich hilfesuchend an meine Mitschüler, die mir alles erklären. Auch in der Pause und auf dem Heimweg zeigen sie reges Interesse an uns Austauschschülern, wollen etwas über uns und unsere Heimat erfahren. Für solche Fragen sind wir dankbar, da es das Knüpfen von Kontakten erleichtert. Überhaupt sind die Menschen hier sehr offen und warmherzig!

Obwohl ich Protestantin bin, nehme ich hier freiwillig am katholischen Religionsunterricht teil, um einerseits einen Teil der spanischen Kultur, andererseits um meine Mitschueler besser kennen zu lernen, denn wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch wieder hinaus.

Ich fühle mich hier sehr wohl und bin sehr glücklich, dass ich einen so tollen Start habe. Nichts desto trotz denke ich oft an mein Zuhause und finde es schade, dass ich meine zahlreichen Erlebnisse und Erfahrungen positiver und negativer Art nur sehr selten mit meiner Familie per Telefon oder per E-Mail teilen kann.