Entdeckung

Pinot Noir mit Ostsee-Aroma: Der Winzer von Bornholm

| Lesedauer: 7 Minuten
Helge Sobik
Die Voraussetzungen für Wein sind gar nicht schlecht, denn Bornholm gilt als sonnenreichste dänische Insel, liegt klimabegünstigt in einer Wetterscheide im äußersten Osten des Königreichs. Sogar Feigen gedeihen hier.

Die Voraussetzungen für Wein sind gar nicht schlecht, denn Bornholm gilt als sonnenreichste dänische Insel, liegt klimabegünstigt in einer Wetterscheide im äußersten Osten des Königreichs. Sogar Feigen gedeihen hier.

Foto: Gustaf Emanuelsson / Folio / Getty Images/Folio Images RF

Weinanbau an der Ostsee? Ein Urlaub in Südfrankreich hat Jesper Paulsen auf die Idee gebracht. 20 Tonnen Trauben erntet er pro Jahr.

Rönne.  Zweimal im Jahr ziehen Scharen von Wildgänsen im Tiefflug über die vielen Reihen aus Weinreben hinweg, die an Spalieren ranken. Manchmal sind Möwen zu Besuch. Die Trauben klauen sie nicht, sie machen nur mal kurz Rast, ­hocken auf Zaunpfählen in der Sonne, als wären es Dalben am Hafen, und schauen nur zu.

Manchmal ist es, als ob sie mit dem Kopf schüttelten, als wollten sie kurz vorm Rückflug Richtung Klippen von Allinge, Richtung Strand von Dueodde, Richtung Fischereihafen von Nexö dies sagen: „So was? Hier? Das kann doch nicht sein! Verrückt, mitten in der Ostsee Wein anzubauen! Auf Bornholm!“

Im Jahr erntet Paulsen genug für 12.000 Flaschen

Winzer Jesper Paulsen kennt das schon – weniger von den Möwen, mehr von den Menschen, die ihn auf seinem Weingut bei Aakirkeby in der Inselmitte besuchen kommen. Er erklärt dann immer in aller Ruhe, erzählt seine Geschichte, lässt sich nicht beirren, und er lässt sie probieren: von seinem eigenen Inselwein.

Zwanzig Tonnen Trauben erntet er auf 2,9 Hektar Anbaufläche in guten Jahren – genug für 12.000 Flaschen mit ungefähr 10.000 Liter Wein, die er in seiner eigenen Kellerei ansetzt. Der blonde Hüne mit dem Karohemd lacht: „Ich kann jeden verstehen, der sich wundert. Mir ginge es nicht anders. Aber ich hatte einfach Lust darauf, das zu machen, und habe die ganze Zeit daran geglaubt.“

Im Oktober werden mit 100 Helfern die Trauben geerntet

Die Voraussetzungen sind gar nicht schlecht, denn Bornholm gilt als sonnenreichste dänische Insel, liegt klimabegünstigt in einer Wetterscheide im äußersten Osten des Königreichs. Sogar Feigen gedeihen hier. Die Sommer sind sonnig, die Temperaturen angenehm, die Luft ist beizeiten mediterran, fast immer weht ein leichter Wind. Und wenn es drum herum auf See regnet, ist es auf der Insel, die der polnischen Küste näher liegt als der dänischen Hauptstadt, trocken und schön.

Deshalb kommen vor allem von Mitte Juni bis Anfang September die vielen Ferienhaus-Urlauber, deswegen sind die Campingplätze dann voll, die Fähren hierher sowieso. Deshalb ist es im Hochsommer schwer, einen Parkplatz in der Nähe des Dünenstrandes von Dueodde zu bekommen.

Zweimal im Jahr hat Jesper Paulsen Hochsaison

Deshalb gibt es ein Musikfestival mit vielen Tausend Besuchern in der riesigen mittelalterlichen Burgruine Hammershus. Und aus demselben Grund ist es voll auf den Wiesen rund um die Fischräuchereien, zum Beispiel von Hasle, wo Gäste die frisch aus dem Rauch gezogenen und noch warmen sogenannten Bücklinge wahlweise an Holztischen oder auf einer mitgebrachten Picknickdecke im Gras verspeisen können. Das ungewöhnlich schöne Wetter ist schuld am sommerlichen Urlauberboom – und daran, dass auf der Insel auch der Wein gedeiht.

Jesper Paulsen hat zweimal im Jahr Hochsaison: Mitte Oktober, wenn er mit 100 Erntehelfern seine Weintrauben pflückt und sie alle nach ein paar Stunden damit fertig sind und zusammen feiern können – und im Sommer, wenn die Urlauber auf Ausflugsfahrt vorbeischauen, das Gut besichtigen, etwas essen, eine Weinprobe mitmachen, Souvenirs einkaufen.

Paulsen hat viel Geduld gebraucht, bis er die richtige Traube fand

„Den Hof“, erzählt er, „habe ich von meinem Vater geerbt. Aber ich wollte nach 20 Jahren einfach nicht länger Schweinebauer sein, ich wollte auf dem Land etwas anderes machen. Etwas, was es hier nicht gab und wobei mir unser Klima helfen würde. Etwas, wozu ich im Urlaub in Südfrankreich inspiriert wurde und worauf ich Lust habe.“

Er hat einen langen Atem gebraucht und viel Lehrgeld bezahlt, ehe er ­herausgefunden hat, welche Rebsorte besonders gut mit dem Klima zurechtkommt und satte Erträge abwirft – und welche gar nicht. Einmal schon hat er komplett umsatteln müssen, alle Weinstöcke wieder ausgraben und durch die einer anderen Traube ersetzen müssen. Begonnen hat er mit Rondo, einer Traube, die von der Blüte bis zur Reife nur 90 Tage braucht – allerdings auf viel Septembersonne angewiesen ist. Die aber kann keiner garantieren. Nicht mal auf Bornholm.

Inzwischen stellt er auch Whiskey her

Seit ein paar Jahren setzt er stattdessen unter anderem auf Pinot Noir, der von der Blüte bis zur Reife 110 bis 120 Tage braucht, außerdem auf die weiße Orion-Traube. „Es ist wie in einer Ehe. Du denkst, du hast alles, und dann kommt es doch anders“, witzelt er: „Manchmal ist alles von Anfang an bestens und passt perfekt. Und ein anderes Mal stellst du fest, dass du einfach wechseln musst.“ Er lacht – und ist sehr zufrieden mit der Entscheidung.

Jetzt, da ist er sicher, ist er auf Kurs – mit dem Wein. Und mit dem Whisky, den er inzwischen auch herstellt. Die Destillerie hat er genau dort errichtet, wo früher die Schweine seines Vaters ihr Quartier hatten – hinterm Souvenirshop, hinter seinem Restaurant und der Terrasse mit dem Blick auf die Reben.

Der wichtigste Partner auf dem Weingut ist der Wind

Sein wichtigster Partner für den gelungenen Anbau auf dem Weingut ist der Wind: „Du brauchst hier keine Bienen, um die Blüten zu befruchten. Manche kommen trotzdem. Aber eigentlich erledigen das bei uns allein die Böen.“ Es sind dieselben, die in den Sporthäfen mit den Segeln spielen, vor Dueodde den Surfern dabei helfen, über die Wellen zu reiten – und an heißen Hochsommertagen Erfrischung bringen. Es ist derselbe Wind, der durch die mittelalterliche Burgruine Hammershus pfeift und beim Musikfestival die Töne der Bands neu sortiert, mitnimmt und anderswo auf der Insel wieder fallen lässt. Derselbe Wind, der um die Dächer der alten Rundkirchen pfeift.

Wie Jesper Paulsens Wein eigentlich schmeckt? „Nach Norden. Und nach Urlaubserinnerung!“, sagt einer, der gerade drei Flaschen gekauft hat und nun zurück zu seinem Ferienhaus fahren will. „Nach Wind und ­Sonne. Kräftig, herb, mit besonderer Note, irgendwie nach Bornholm“, sagt ein anderer. Ob es bessere Weine gibt? „Klar!“, lacht Jesper Paulsen. „Aber die haben einen Nachteil: Sie sind eben nicht von hier.“

Tipps & Informationen

Anfahrt z. B. mit Schiffen der Reederei Faergen (www.faergen.dk) von Saßnitz auf Rügen aus nach Rønne auf Bornholm. Tickets für Pkw mit bis zu fünf Personen kosten außerhalb des Hochsommers rund 110 Euro pro Strecke.

Ferienhäuser gibt es bei zahlreichen Anbietern (z. B. Novasol – www.novasol.de, DanCenter – www.dancenter.com, und auf dem Privatvermieter-Portal Fewo-direkt – www.fewo-direkt.de) ab rd. 350 Euro/Woche, wobei die Preise stark von Lage, Größe und Reisezeit abhängen.

Weingut Lille Gadegård, Søndre Landevej 63, 3720 Aakirkeby, www.lillegadegaard.dk, im Sommer täglich 11 bis 20 Uhr)

Auskunft Visit Denmark, Tel. 040/
32 02 10, www.visitdenmark.com, www.bornholm.info

(Die Reise wurde unterstützt von der Reederei Faergen.)