Alpen

Annäherungsversuch an einen Schweizer Kult-Berg

Ein Gipfel vom Glück: 2015 jährt sich die Erstbesteigung des Matterhorns zum 150. Mal. Wie unsere Autorin den Hausberg von Zermatt eroberte.

Foto: Anthony Anex / dpa/Anthony Anex

Die Luft wird dünner. Es fühlt sich an, als würde ich Papier einatmen. In der Gondel hatte ich erfahren, dass die Sauerstoffkonzentration mit zunehmender Höhe gar nicht sinke, in Wahrheit sei es der Luftdruck, der abnehme, sagte einer der Teilnehmer unserer kleinen Wandergruppe. Das Blut bekäme nicht genug Sauerstoff, ab einer Höhe von 5000 Metern werde es deswegen sehr schwierig zu atmen. Als ich das hörte, ist mir zum ersten Mal schwindelig geworden.

Jetzt schon Atemnot. Dabei sind wir vor einer Viertelstunde erst aus der schwebenden Kabine gestiegen. Die Luftseilbahn hat ihre Station auf einer Höhe von 2583 Metern. Viel höher können wir jetzt nicht sein. Auch wenn es sich nicht nur für mich so anfühlt. Ein paar Männer aus unserer Gruppe halten auffällig oft an, um Fotos zu machen. Ich bin nicht sicher, ob sie es des Motivs wegen tun, oder ob es doch eher um die kurze Verschnaufpause geht.

Wir stehen am Fuß des Matterhorns, mit Blick auf die Ost- und Nordwand. Das Gesicht dieses Charakter-Bergs. Das Matterhorn ist mit 4478 Metern über dem Meer einer der höchsten Berge der Alpen, aber das ist es nicht, was ihn so bekannt macht. Es ist das leicht geneigte Horn aus anderem Gestein, das auf den Rest des Berges gesetzt ist, diese erhabene und doch geneigte Gestalt, die einem das Gefühl vermittelt, dass dieser ein ganz besonderer Berg ist. Ein Naturphänomen.

Ds’Hore, das Horn, sagen die Zermatter zu ihrem Schatz. Die Italiener nennen ihn Monte Cervino. Entstanden ist das Matterhorn vor 250 Millionen Jahren unter dem Druck, der ausgelöst wurde, als Afrika auf Europa donnerte. Auch deswegen ist das Bergsteigen so aufregend. Es hat etwas Archaisches.

Von Schwarzsee, das wir eben hinter uns gelassen haben, beginnt traditionell der Aufstieg aufs Matterhorn. Ich hätte immer gedacht, ein echter Bergsteiger ginge aus dem Tal los und halte sich mit so einem Kinderkram wie Gondeln gar nicht auf. Aber ich liege falsch. Technik begeistert im Bergsport. Sich die ersten Meter in einer Seilbahn hochschaukeln lassen ist durchaus okay.

Fortschritte bei der Funktionskleidung

Während wir uns die ersten Höhenmeter selbst erkämpfen, kann ich die erstaunlichsten Fortschritte bei der Funktionskleidung feststellen. Einer trägt eine Brille, mit der man auch den Himalaya bezwingen könnte; ein anderer hat eine Trinkflasche dabei, mit der man auch im Space Shuttle brillieren könnte. Nur die Stöcke, mit denen einer der Teilnehmer voranschreitet, stören mich. Zweimal stolpere ich fast drüber. Danach halte ich Abstand.

Ich habe wirklich keine Ahnung vom Bergwandern. Die höchste Erhebung in meiner Nähe ist der 66 Meter hohe Kreuzberg im Viktoriapark. Warum ich mir jetzt direkt 3000 Meter zutraue, weiß ich selbst nicht so genau. Wandern ist gerade schick.

Mein Berliner Freundeskreis träumt seit Jahren vom Bergaufstieg. Wir erzählen uns gegenseitig, wie toll das wäre, doch mal einen Aktivurlaub zu machen. Wir träumen von strammen Waden, grünen Wiesen und karierter Bettwäsche in Berghütten, von einem verdienten Bier mit Sonnenuntergang und dem Gefühl, seinen Körper zu spüren, nachdem er Tausende Meter Gestein erklommen hat. Aber am Ende fahren wir doch an die Ostsee.

Silberzelte und Dixi-Klos

Je länger der Aufstieg dauert, desto mehr fällt die Gruppe auseinander. Zu fünft erreichen wir den Hirli auf 2880 Meter. Auf der Senke stehen spacige Silberzelte, das Basecamp. Auf einer Schiefertafel werden „Spaghettis“ angeboten. Die Rechtschreibung schreckt mich fast noch mehr ab als die Toilettenkabinen. Bergromantik und Dixi-Klo, das geht einfach nicht.

Die anderen bleiben stehen, Michael und ich steigen weiter auf. Zu dem Zeitpunkt weiß ich allerdings noch nicht, dass er Michael heißt. Ein Berg verändert die Beziehungen.

Das Gestein ist brüchig, der Weg nicht immer erkennbar. Die Zermatter hatten Hilfe aus Nepal holen wollen, um diesen Weg zur Hörnlihütte zu festigen. Doch die Verwaltung schlug Alarm: Das müssen Einheimische machen. Die aber wollten nicht, nun macht es keiner.

Ich muss mich konzentrieren, mit jedem Schritt das Gelände im Blick haben. Das ist ungewöhnlich für mich. Normalerweise ist mir das Reden und mein Gegenüber wichtiger als der Weg. Vielleicht mögen Männer deshalb das Bergsteigen so. Man kann seine Kräfte messen, und man muss sich nicht unterhalten.

Ein Wettlauf unter Männern

Im nächsten Sommer jährt sich die Erstbesteigung zum 150. Mal. Damals wie heute war es ein Wettlauf unter Männern. Edward Whymper hatte gehört, dass von der italienischen Seite eine Seilschaft gestartet war. Er ging nach Zermatt, überredete dort ein paar andere britische Abenteurer, gewann Bergführer und stieg auf.

Am 14. Juli 1865 erreichten sieben Männer den Gipfel. Nur drei kamen lebend wieder im Tal an. Whymper und zwei Zermatter namens Peter Taugwalder, Vater und Sohn.

Beim Tanzen führt der Mann. Wenn eine Frau sich nicht führen lässt, wird auch nicht getanzt. Dann wird nur herumgehampelt. Am Berg, stelle ich fest, ist es auch so. Michael führt, ich folge. Unmerklich bestimmt er Tempo, Weg und Haltung. Ich passe mich an.

Ganz automatisch, ganz ohne Körperkontakt. So muss das sein, wenn man einen guten Bergführer hat. Noch vor einer Stunde hätte ich im Leben nicht davon geträumt, einmal bis ganz auf den Gipfel des Matterhorns zu steigen. Jetzt scheint es mir möglich.

Die Wichtigkeit des Bergführers, sie ist das große Thema im Tal dieser Tage. Seit drei Tagen wird ein Japaner vermisst. Er stieg unbegleitet auf. Ab 1300 Schweizer Franken kann man sich einen Bergführer leisten. Wollte er nur Geld sparen, oder wollte er alleine sein? Das ist er jetzt auf jeden Fall.

Jubiläum mit Theaterstück

Überhaupt, die Bergführer. Zum Jubiläum möchte Zermatt etwas klar stellen. Mag sein, dass der Engländer der erste war, der auf dem Gipfel ankam. Aber ohne die drei Bergführer hätte er das nicht geschafft. Ein Freilichttheater ist für das nächste Jahr geplant. Bei dem Stück soll endlich die ganze Wahrheit über die tragische Erstbesteigung zutage kommen.

Über uns am Berg geht eine andere Gruppe. Ein orangefarbenes Hemd sticht hervor. Das ist Martin aus Köln. Mit dem habe ich gestern Abend auf der Terrasse unseres Hotels Wein getrunken. Ein bisschen zuviel. Der Blick aufs Matterhorn war zu schön gewesen.

Der Blick auf Martin spornt uns an. Michael verschnellert den Schritt. Es wird immer steiniger und steiler und schwieriger. Einmal machen wir eine kleine Pause. Martin teilt seine Kekse mit mir. Unterwegs überholen wir das orangefarbene Shirt, es gehört einem Japaner um die 70.

Als wir endlich auf der Baustelle ankommen, die nächstes Jahr wieder die Hörnlihütte ist, sind wir total euphorisch. Wir sind die ersten. Und wir bleiben die einzigen. Kurt Lauber, der Hüttenwart, schmeißt uns leider sofort wieder raus.

Der Aufstieg unserer Gruppe, so stellt sich heraus, war nur bis zum Basecamp geplant. Der Rest der Gruppe ist latent sauer auf Michael und mich. Egal. Das war es wert. Nächstes Jahr steigen wir auf den Gipfel. Vielleicht.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.