Gedenktourismus

Geschichtsstunde zum Ersten Weltkrieg in Lüttich

Die Stadt Lüttich im Osten Belgiens will mit Bunkern, Forts und Gräbern aus dem Ersten Weltkrieg Touristen anlocken. Dabei lässt sich an der Maas auch das Leben genießen – gutes Essen inklusive.

Foto: pa / pa/Bildagentur-online

Nach Lüttich kann man immer fahren. Die kleine Stadt an der Maas im Osten Belgiens ist alt und hübsch. Um die 200.000 Einwohner, eine Universität mit vielen feierwütigen Studenten, Kneipen an jeder Ecke, viele Galerien, viele Museen. Nach Aachen ist es nicht weit, nach Köln auch nicht. Viele Deutsche unternehmen deshalb gern einen Wochenendtrip nach Lüttich. Oder Liège, wie man in der wallonischen Region Belgiens sagen würde.

Aber wie ist es, wenn man wegen des Ersten Weltkriegs nach Lüttich fährt? „Gedenktourismus in der Provinz Lüttich“ heißt eine Broschüre der Tourismusbehörde der Stadt. Sie wirbt dafür, die Spuren zweier Weltkriege in der Provinz zu bestaunen. Und preist Forts, Bunker, Gedenkstätten und Militärfriedhöfe der Region an. Tourismus und Krieg – kann das funktionieren? Ist es angebracht, als Sightseeing über die Gräber junger belgischer Soldaten zu flanieren, die es gleich in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs erwischt hat?

Offenbar war man sich beim Tourismusverband auch nicht ganz sicher. „Da wir schon über ,Tourismus’ reden, scheint es uns wichtig, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es keinen scheinbaren Widerspruch zwischen diesem Begriff und dem Begriff des ,Gedenkens’ gibt“, steht einleitend in der Broschüre.

Geschichte ist ein boomender Markt. Auch die Geschichte der Weltkriege. Gerade jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Was daraus folgt? Die Verkaufsmaschine brummt: Bücher, Sonderhefte in Zeitungen, Fernsehsendungen, Ausstellungen. Es gibt ein breites Publikum, das sich sehr ernsthaft für die Vergangenheit interessiert.

Aber deshalb gleich auf Reisen gehen? Warum? Was erfahre ich durch einen Trip nach Lüttich, was ich nicht schon vorher weiß? Gibt es überhaupt einen Erkenntniswert? Den gibt es. Sehr sinnlich erfahre ich vor Ort, warum der Erste Weltkrieg der erste wirklich moderne Krieg war. Und was das damals für die Soldaten hieß. Aber der Reihe nach.

Ein Verteidigungsring von zwölf Festungen

Im Jahre 1888, dem Dreikaiserjahr, in dem am Ende der deutsche Kaiser Wilhelm an die Macht kommt, wird um Lüttich ein Verteidigungsring von Festungen errichtet. Zwölf Stück sind es, sechs große und sechs kleine. Im jungen Belgien ahnt man, dass die neutrale Haltung des Landes womöglich nicht immer respektiert wird. Dass irgendwann jemand einmarschiert – oder zumindest im Kriegsfall durchmarschiert. Franzosen, Holländer, Engländer, Deutsche? Keiner weiß, von welcher Seite der Angriff droht. Deshalb der Ring. Jetzt scheint Lüttich rundum geschützt.

Am 4. August 1914 ist es so weit. Die Deutschen überschreiten bei Tagesanbruch die belgische Grenze, trampeln über die Neutralität des Landes hinweg. Vom belgischen Militär hat man im kaiserlichen Berlin keine hohe Meinung. „Festungen aus Karton“, witzelt man über Lüttich. Doch da täuschte man sich.

Die Fahrt zum Fort Lantin führt durch die feinen Vororte Lüttichs; Einfamilienhäuser, gepflegte Gärten. Aus dem Fort dringen Techno-Beats. Junge belgische VW-Liebhaber treffen sich an diesem Wochenende, haben ihre getunten Autos im Festungsgraben abgestellt. Es ist eine unwirkliche Atmosphäre, der Beton des Forts verstärkt das Wummern. In den Gängen ist es feucht und kühl.

Fort Lantin ist das einzige der zwölf Forts, das noch die Original-Struktur von 1914 hat. Es hat eine dreieckige Form, die Spitze ragt von der Stadt weg, die breite Basis ist Lüttich zugewandt. Steht man auf dem massiven Betondach hat man das Gefühl, ein riesiger Tarnkappenbomber sei hier gelandet. Oder gleich ein Ufo. Eine unwirkliche Architektur.

Kanonendonner von der Tonkonserve

Im Herzen der Anlage gibt es nicht viel mehr zu sehen als nackten Beton und flackerndes Licht. Aber die labyrinthartige Anlage, die auf vier große Geschützstände ausgerichtet ist, hinterlässt ein klaustrophobisches Gefühl. Dazu Kanonendonner von der Tonkonserve. Die museale Inszenierung ist etwas hilflos; sie ist aus der Eigeninitiative von Anwohnern entstanden. Aber die Verlorenheit des Krieges wird hier spürbar.

Hat das Fort die Deutschen aufgehalten? Zumindest hat es den Vormarsch verzögert. Darauf ist man in Belgien bis heute sehr stolz. Allerdings hatte der Bau von 1888 einen fundamentalen Denkfehler: Er war falsch ausgerichtet. Anders als geplant eroberten die Deutschen schnell Lüttich selbst. Und beschossen ab dem 12. August 1914 die Forts von der Stadt aus. Damit hatte niemand gerechnet. Das Problem: Die Toiletten, die durch den Festungsgraben vom Herzstück des Forts getrennt lagen, konnten nun nicht mehr erreicht werden. Bald waren die hygienischen Zustände unhaltbar. Nach drei Tagen Belagerung gab man auf.

Die Fahrt zum Nachbarfort dauert kaum fünf Minuten. Fort Loncin ist ein tragischer Ort, ein großes Gräberfeld. 350 junge Männer liegen bis heute unter der Grasnarbe, unkenntlich, ohne Grabstein. Am 15. August 1914 schlug ein Geschoss der „Dicken Bertha“ in der Pulverkammer ein. Die Wucht der Explosion zerriss das halbe Fort.

Die Gewalt des Krieges wird hier unmittelbar klar

Der Besucher läuft heute am Krater vorbei, schlängelt sich durch riesige Betonblöcke, die in der Landschaft liegen. Das tonnenschwere Metall eines Geschützdaches hat sich in der Luft gedreht, liegt verkehrt herum auf der Luke. Die Gewalt des Krieges wird hier unmittelbar klar. Und gleichzeitig erkennt man – besonders wenn man gerade vom Fort Lantin kommt – noch die ursprüngliche Struktur des Forts. Und damit auch die Zerstörung.

Hier ist die museale Aufarbeitung viel professioneller. Schaukästen und Inszenierungen verdeutlichen den Alltag im Fort. Und man sieht das Original-Geschoss einer „Dicken Bertha“ und ahnt die Sprengkraft dieses Geschützes. Der Beton von 1888 war auf solche Einschläge nicht vorbereitet: Man baute ohne Armiereisen, mit sehr grobem Beton. Das wurde den Soldaten zum Verhängnis.

Wieder hinunter nach Liège. Auf der Anhöhe unmittelbar über dem Bahnhof, der 2009 von dem spanischen Architekten Santiago Calatrava erbaut wurde und sich wie der Panzer eines Reptils in die Landschaft schmiegt, steht die Gedenkstätte von Cointe. Ein 42 Meter hoher Turm im Art-Deco-Stil, der direkt aus dem Film „Metropolis“ stammen könnte. 1925 wurde er errichtet – in Gedenken an den Ersten Weltkrieg.

Bezahlt wurde das Monument, dem noch eine riesige Basilika im Sacre-Coeur-Stil zur Seite steht, von allen alliierten Gewinnern des Krieges. Der Turm mit Aussichtsplattform ist leider nur an wenigen Tagen im Jahr zugänglich. Am 4. August wird hier die zentrale belgische Gedenkfeier zum Ersten Weltkrieg stattfinden.

Reichtum durch Waffenhandel

So viel Krieg – wie kann man dann noch Lüttich genießen? Die Stadt macht es einem leicht. Die alte Bischofsresidenz hat die Lebenskultur einer zutiefst katholischen Region; das heißt, hier weiß man zu leben. Die Lütticher treffen sich gerne am späten Nachmittag zu einem Bier auf den schönen Plätze links und rechts der Rue de la Cathédrale. Oder zu einem Aperitif. Unbedingt probieren sollte man den Pékèt genannten fruchtigen Wacholder-Schnaps.

Und wie man gut isst, weiß man hier auch. Feinkostläden in der Fußgängerzone zeigen einem, was es alles Wunderbares gibt. Und überhaupt – das schöne Lüttich gäbe es nicht ohne Krieg und Auseinandersetzung. Denn die Stadt wurde auch durch Waffenhandel reich. Ab dem 16. Jahrhundert existierten hier Waffenschmieden. Ihre Besitzer bauten die wunderschönen Palais’ der Stadt.

Abends sitzt man dann im urigen Restaurant vor einem Teller „Boulets à la liégeoise“, einem typischen Gericht der Region: große Hackfleischkugeln in einer leicht süßen Bratensoße mit Rosinen, dazu die berühmten belgischen Pommes Frites. Dass die Lütticher trotzdem schlank sind, mag vielleicht an der berühmten Buerentreppe mit ihren 374 Stufen liegen. Vergnügt genießt man das Gericht Doch dann der Gedanke: Die „Boulets“ sind so schwer, die hätte man glatt im Krieg als Kanonenkugeln verwenden können.

Ja, wer sich auf den Gedenktourismus einlässt, bekommt neue Assoziationen. Andere Bilder setzen sich im Kopf fest. Das ist gut. Der Krieg ist ein Teil der Geschichte, ein Teil der Wahrheit. Warum sollten wir da wegschauen?

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband der Provinz Lüttich.