Tschechien

Sprudelnde Kräfte im böhmischen Karlsbad

Das böhmische Karlsbad alias Karlovy Vary ist einer der berühmtesten und traditionsreichsten Kurorte Europas. Aus seinen heilenden Quellen können Gäste noch heute schöpfen.

Foto: Czech Tourist Authority – CzechTourism

Welcher Name soll es denn sein: Karlsbad oder Karlovy Vary? Fast noch wichtiger aber scheint die Frage nach der Zeit, denn die roten Fensterlamellen im Frühstücksraum des Hotels „Thermal“ erinnern ebenso an die 80er-Jahre wie die Lampen.

Der 1977 erbaute und damals zeitgemäße mehrstöckige Betonklotz scheint inzwischen ein wenig wie ein Relikt aus alten Ost-Zeiten zu sein, trotz Renovierung, bestem Service sowie Sauna und Thermalwasser-Schwimmbecken unter freiem Himmel.

Es ist aber alles eine Frage der Perspektive: Der Blick vom Ufer des Flüsschens Teplá hinauf zum Thermal-Klotz lässt an das sozialistische Karlovy Vary denken (aber auch an das moderne des hiesigen Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary), während ein Balkon-Blick aus eben jenem Hotel die ganze wiederauferstandene Herrlichkeit des alten, seit Hunderten von Jahren bestehenden böhmischen Kurorts sichtbar werden lässt: Rechts und links der Teplá liegen schneeweiße, bordeaux- oder ockerfarbene Häuser, die mit ihren Kuppeln und Giebeln kleinen Palästen gleichen und trotz des Mix’ aus Pseudo-Barock, Art déco und Jugendstil wunderbar harmonisch wirken.

Doch wem ist diese Renaissance des Kurortes zu verdanken, von dem bereits Goethe und Fontane geschwärmt hatten? Den Russen. Die offizielle Erklärung lautet, dass es schon im 19. Jahrhundert Aristokraten aus Petersburg und Moskau zu den Heilquellen Böhmens gezogen habe, wo das gesellschaftliche Klima überdies unter der Ägide der k.u.k.-Monarchie entspannter war als unter dem rigiden Zaren.

Hof halten wie damals lässt sich auch heute noch im altehrwürdig noblen „Grandhotel Pupp“, dessen Geschichte bereits über 300 Jahre alt ist. Im Jahr 1701 wurde der erste Bau errichtet, der Sächsische Saal. Nach und nach wurden weitere Gebäude von der Familie Pupp hinzugekauft, bis der gesamte Gebäudekomplex schließlich nach einer bewegten Geschichte zum Grandhotel wurde. Im luxuriösen Grandrestaurant werden altböhmische, hausgemachte Spezialitäten und edle Tropfen von Weinbergen der Region ebenso serviert wie internationale Speisen.

Böhmisches Bier und Becher-Bitter

Wir laufen die Flusspromenade entlang, sehen über den Fenstern der Schmuck- und Kristallgeschäfte kyrillische Buchstaben, begegnen bejahrten Damen mit hochtoupiertem Haar und eleganten jungen Frauen, die mit ihren Ehemännern russisch sprechen. Mögen auch manche Gestalten nicht unbedingt vertrauenswürdig wirken – sie betrinken sich nicht übermäßig in der legendären „Becher’s Bar“ mit böhmischem Bier oder dem Kräuterlikör Becherovka, dem Karlsbader Becher-Bitter, den man hier gern als „13. Heilquelle“ bezeichnet.

Vielleicht liegt es am Namensgeber, Josef Vitus Becher. Der Apotheker ist Erstproduzent jener grünlich-gelben Alkohol-Gewürzmischung. Sein Onkel, der in Karlsbad noch überaus präsente David Becher, machte als Doktor und Heilpraktiker Ende des 18. Jahrhunderts die Stadt in ganz Europa populär als mondänen Ort, welcher dank seiner Mineralquellen beinahe jedes Leiden linderte.

Das frei zugängliche, aus Messinghähnen in steinerne Becken laufende Wasser entspringt unterschiedlichen Quellen. Damit die Kurgäste das Heilwasser auch bei schlechtem Wetter an den Quellen trinken können, wurden zunächst einfache Schutzdächer errichtet. Ab dem 19. Jahrhundert baute man über den Quellen weitaus elegantere, auf Säulen ruhende Trink- und Wandelhallen. Daher wird Karlsbad auch „Stadt der Kolonnaden“ genannt.

Eine dieser Hallen ist die Marktkolonnade. In ihrem Inneren sprudeln drei Mineralquellen: die Quelle Karls IV., der Untere Schlossbrunnen und die Marktquelle. Auch sie sind frei zugänglich. Die Kolonnade liegt am historischen Markt unterhalb des Schlossturmes, ist mit Holzschnitzereien im Schweizer Stil verziert und wurde in den Jahren 1882 bis 1883 errichtet.

Ein 73,4 Grad Celsius heißer Mineralwassergeysir

Als verglaster Stahlbetonbau aus dem Jahr 1975 weniger prächtig, aber ebenso berühmt ist die „Sprudelkolonnade“, meist schlicht „Sprudel“ genannt. Denn hier schießt ein 73,4 Grad Celsius heißer Mineralwassergeysir bis zu zwölf Meter hoch an die Oberfläche: Die Gemüter beruhigt’s, die Verdauung fördert’s, und der Schwefelgeruch hat nichts Diabolisches an sich. Für Trinkkuren wird das Wasser in Vasen aufgefangen, in denen es abkühlt.

Auch Goethe kurte gern in Karlsbad. Er ziert als Gedenktafel-Kopf zahlreiche der pittoresk restaurierten Fassaden, auch eine Marmorbüste aus dem Jahr 1883 erinnert an den berühmten Kurgast. Hinter dem „Grandhotel Pupp“, wo die Pferdekutschen für eine Ausflugstour warten, gibt es sogar den „Goethova stezka“, einen nach Goethe benannten Waldweg. Linkerhand das idyllische Flüsschen Teplá und rechts an den Felsen eingelassene Tafeln mit Versen des Meisters: „Was ich dort gelebt, genossen / was mir all dorther entsprossen / welche Freude, welche Kenntnis / Wär’ ein allzu lang Geständnis! / Mög’ es jeden so erfreuen / Die Erfahrenen die Neuen!“

In Schrittentfernung dann ein moosüberzogenes Schiller-Denkmal, dahinter, auf einer Parkwiese, eine Statue des tschechischen Nationalkomponisten Bedřich Smetana und vis-á-vis der weißkieslige Zufahrtsweg zum Hotel „Richmond“. Schon die Namen vermitteln ein Anhauch von Welt und Kultur, von Weite und der Inspirationskraft eines genius loci, der sich auch Johann Sebastian Bach und Franz Liszt gern unterworfen hatten. Und all das in einem so überschaubaren Städtchen mit gerade mal 50.000 Einwohnern!

Läuft man über Wanderwege ein wenig hügelan – vorbei an edlen Herbergen wie dem „Bristol Palace“ oder dem „Savoy Westend“ – findet sich sogar eine Karl-Marx-Büste. Ironischerweise gegenüber einem kleinen See, der nach Versailles benannt ist. Freilich passt sie sich in die Parklandschaft ein und erinnert unprätentiös an das Jahr 1874, als in Karlsbad ein gewisser „Dr. Charles Marx“ mit Familie und Privatarzt logiert hatte, um sich kurieren zu lassen – sicherheitshalber unter jenem halben Pseudonym, um preußische Polizeispitzel zu täuschen.

Zum Glück aber gehörte Böhmen zur toleranten k.u.k.-Monarchie, was den im August 1893 aus Berlin angereisten Theodor Fontane einen frohen Stoßseufzer machen ließ: „Das Preußische verkrümelt sich hier zum Glück völlig.“

Und die Restspuren des realen Sozialismus, der – beginnend mit der Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung und der Verstaatlichung aller Kuranlagen – vom Weltkriegsende bis zum Revolutionsjahr 1989 Karlsbad heruntergewirtschaftet hatte? Im wieder fein herausgeputzten Stadtzentrum erinnert höchstens das eingangs erwähnte Hotel „Thermal“ und ein weiterer, unterhalb der Maria-Magdalena-Kirche gelegener Klotz an die vergangene Herrschaft der Un-Ästheten. Doch gibt es auch oberhalb des Flussufers noch so manches Relikt aus dieser Zeit.

Fein bemalte Schnabel-Trinkbecher

Aber selbst hier: Dieses „echt österreichische Lebensbehagen Karlsbads“, wie es der Berliner Lustspieldichter Oskar Blumenthal gegen Ende des 19. Jahrhunderts genannt hat. Stark und gleichzeitig zivil genug, noch heute in seinen Bann zu ziehen. Im Zentrum begrüßen uns dann fast wie alte Bekannte die riesigen Topfpalmen und die römisch anmutenden Marmorsäulen in der Mühlbrunnenkolonnade, in der die Menschen nicht etwa drängeln, sondern sanft aneinander vorbei gleiten.

Die wahren Kurgäste sind erkennbar an den schmalschnäbeligen Trinkbechern in individueller Farbgebung, die sie da in ihren Händen oder unter den 56-Grad-Celsius-Wasserstrahl der hiesigen Quelle halten. Bereits die feine Bemalung all dieser Steingut-Becher scheint von Karlsbads Wiederaufstieg zu zeugen.

Und wie schön und sinnig, dass wir zum Abschluss unserer kleinen Reise noch eine würdige, alte Russin treffen, die uns auf deutsch und mit warmherzig slawischen Akzent dies mitgibt: „Hier in Karlsbad wir können freier atmen als in Putins Russland.“ Worauf sich dann im Hotel „Thermal“ beim Panoramablick aus unserem Zimmer über das abendlich funkelnde Karlsbad/Karlovy Vary, die nächste Frage ergibt: Wo beginnt eigentlich der Westen, wo endet der Osten? Vielleicht ist es ja tatsächlich weniger eine Frage der Geografie als des freien Atmens.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Tschechischen Zentrale für Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit