Spaßbäder

Brandenburg, ein ganzes Bundesland geht Baden

Der Osten Deutschlands ist nicht nur FKK-, sondern auch ein Sauna- und Schwimm-Paradies. Gleich ein halbes Dutzend Spaßbäder gibt es in Brandenburg. Mit Tropenwärme, Yin und Yang und Indoor-Rafting.

Sie werden sich vielleicht fragen, ob die Brandenburger bei all ihrer Zähigkeit und Ausdauer nicht mal irgendwann abschlaffen. Und Sie haben recht. Nichts anderes verbirgt sich hinter ihrem unerschütterlichen Badebedürfnis. Wetterbedingt können die Brandenburger diesem Bedürfnis nur knapp ein Viertel des Jahres im Freien nachgehen. Für die übrige Zeit gibt es überdachte Gewässer.

Die Indoor-Gewässer unterteilen sich in Thermalbäder und Spaßbäder. In beiden geht es darum, sich gehen zu lassen. Der Auftrieb des salzhaltigen Wassers und die Endlosrutschen ins Spaßbecken ermöglichen jene Leichtigkeit, jenes schwebende, selbstentrückte Gefühl, die im Alltag nicht so leicht zu haben sind. Wollen Sie die Einheimischen von ihrer besten oder von ihrer enthemmtesten Seite erleben, dann besuchen Sie ein Bad.

Bevor Sie sich auf den Weg machen, müssen Sie sich zunächst einiges überlegen. Vor allem sollten Sie darüber nachdenken, was Sie während des Badens noch tun wollen. Sie könnten zum Beispiel Sole inhalieren. Sie könnten nach der Sauna vor einem offenen Kamin chillen und sich im Bademantel fühlen wie im coolsten Club Berlins (Spreewaldtherme Burg).

Sie könnten auch durch ein Gradierwerk laufen und danach in der Edelstein-Meditationsgrotte nach der Heilslehre von Hildegard von Bingen darüber meditieren (Bad Wilsnack Therme). Vielleicht wollen Sie sich nach dem Saunagang aber lieber im Schneeraum beschneien, vom Unterwassergeysir durchquirlen lassen und danach erotisch mit ihrem Partner im Heilerdenschlammbad suhlen (SaarowTherme). Oder Sie schwimmen saunierend auf einem See (Fontane Therme Neuruppin).

Zählen Sie sich zu den Hardcoresaunisten, dann werden Sie sich vielleicht am wohlsten dabei fühlen, in der Gruppe über minigolfartige Wege von der Salzsauna zur Heusauna zur Kristallsauna zum nächsten Aufguss zu ziehen (Kristall Saunatherme Ludwigsfelde).

Textilfrei oder textilunfrei

Sind Sie der weichere Typ, empfiehlt sich das Schweben in jodhaltigen Salzbädern, der Besuch der Gradiersauna oder einer Banjazeremonie (Stein-Therme Bad Belzig). Sie können ins Thalassobecken oder in Quelltöpfe steigen (Lausitztherme Wonnemar). Oder Sie tauchen in die Licht-Wasser-Orgel des "kleinen Meeres der Uckermark" ab (NaturThermeTemplin).

Ob Sie das textilfrei oder textilunfrei machen werden, hängt ebenfalls von der Wahl Ihrer Therme ab (in Ludwigsfelde FKK). Und nun sollten Sie noch ein Stück tiefer in sich gehen. Ergründen Sie, ob das Yin oder das Yang Ihrer Persönlichkeit angesprochen werden soll oder doch nur die Schönheit Ihrer Haut. Davon hängt ab, ob Sie am Schwimmen bei Mondlicht teilnehmen oder zu Sonnenaufgang ayurvedische Tänze tanzen, ob Sie zu Highnoon die Wassergymnastik mitmachen oder zur Teestunde mit einer Schlammpackung vorm Samowar sitzen.

"Aktiv in den Sommer" oder "Fit in den Winter" kommen Sie auf jeden Fall. Und denken Sie darüber nach, mit wem Sie das tun. Sie können sich aussuchen, ob Sie mit Ihrem Baby in der Babysauna oder mit Ihrem Großvater in der Großvatersauna schwitzen wollen, oder ob Sie gleich mit der ganzen Familie am Familientag die Sauna für sechzig Leute stürmen möchten.

Nun sind Sie mit den Vorüberlegungen schon fast fertig. Bleiben nur noch ein paar Kleinigkeiten zu klären. Zum Beispiel, ob Sie beim Saunen gern einen vierhändigen oder nur einen zweibeinigen Aufguss hätten, mit Klangschalen oder ohne, ob Sie ihn asiatisch-ästhetisch mit Fächer von einem sehnigen Buddhisten oder brachial deutsch und nach dem Motto "Es muss brennen!" mit dem Handtuch von einem halb nackten, schwitzenden Bodybuilder haben wollen oder doch vom Kasachen in Filzstiefeln, der Ihnen zuerst eiskalten Wodka reicht und Sie dann mit dem Birkenzweig namens Wenik nicht wenig schlägt.

Saunaaufguss mit Zitronenscheibchen

Sie müssen jetzt nur noch entscheiden, ob Ihnen der Mandarine-Sekt-Kokosnuss-Duft oder das Grapefruit-Minzbeere-Schokoladen-Öl besser gefällt oder ob Sie lieber beim klassischen Eukalyptusaufguss bleiben und Ihnen nur Menthol-Kristalle oder Zitronenscheibchen dazu gereicht werden sollen.

Hinterher können Sie einen Salztrunk von hintenherum und gebückt zu sich nehmen oder einen Sellerie-Mangold-Echinacea-Drink im Sitzen; Sie bekommen alles, und manchmal sogar ein einfaches Bier. Sie können für Ihr Eintrittsgeld auch bei Regen barfuß über Stock und Stein den Pfad der Sinne entlangwandeln oder im Bad der Sinne baden und das Gebade dann im LichtKlangRaum, im Sinnenraum oder in der Wasserklanginstallation ausklingen lassen, wichtig ist nur: Checken Sie rechtzeitig aus! Denn das war nur der eine Teil des brandenburgischen Kurprogramms.

Wer sich gesund gebadet hat, will ein bisschen Spaß haben, und zum Spaßhaben gehen die Brandenburger in ihre Spaß- und Erlebnisbäder wie das Kristallbad Lübbenau, das Marienbad Brandenburg, die TURM ErlebnisCity Oranienburg, das Spaßbad Schwapp in Fürstenwalde, das Erlebnisbad Senftenberg oder die FlämingTherme Luckenwalde, die für Spaßgestresste sicherheitshalber auch ein Entspannungs- und Therapiebecken hat.

In Begleitung von Pinguinen schwimmen

Die Bespaßung findet statt mithilfe von Strömungskanälen, Bodenbrodlern, Luftblubbern, Wasserpilzen, Hangelseilen, Kletternetzen, Turborutschen, Großwasserrutschen, Breitwasserrutschen, Black-Hole-Wasserrutschen, Indoor-Rafting oder Outdoor-Hüpfing, und manchmal kann man auch schwimmen.

Wer nicht allein, sondern in Begleitung von Pinguinen schwimmen möchte, dem seien die Spreewelten in Lübbenau empfohlen. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Ihnen ein Pinguin auf die Schulter kackt. Die schwimmenden Vögel, südamerikanische Humboldt-Pinguine, sind hinter Glas im eigenen salzwasserhaltigen Becken, sodass Sie und die Tiere sich gegenseitig unter oder über Wasser ungestört betrachten können.

Den größten, weil exotischen Spaß gibt es im künstlichen Urlaubsparadies Tropical Islands. Wetterunabhängig amüsieren Sie sich wie in den Tropen. Regenwald, Strände, Bambushütten und Lagunen unter dem Dach einer Cargo-Halle wurden 2004 eingeweiht.

Die Halle ist mit sechsundsechzigtausend Quadratmetern die größte freitragende Halle weltweit. Unter solchen Superlativen machen es die Brandenburger heutzutage nicht mehr. Die Halle ist so groß, dass man mit einem Fesselluftballon fünfundfünfzig Meter in die Höhe steigen und sich das Badespektakel aus der Hallenluft von oben ansehen kann.

Ursprüngich eine Zeppelingarage

Diese Luftreise ist die einzige Verbindung zur ursprünglichen Nutzungsidee. In den 90er-Jahren sollte aus der stützenlosen Halle eine Zeppelingarage und Werfthalle für Luftschiffe werden, speziell für ein noch zu entwickelndes Schiff, das bis zu hundertsechzig Tonnen Lasten in die Luft heben sollte, auch das ein Superlativ.

Die Cargo Lifter AG aus Wiesbaden nannte ihre Halle Aerium und verkündete, dass man zur Not auch den Eiffelturm darin unterbringen könne, falls jemand das Bedürfnis habe, ihn nach Brandenburg zu schaffen. Man müsse ihn nur hinlegen.

Solche gedanklichen Spielereien schienen in der euphorischen Nachwendezeit nicht gigantomanisch, sondern völlig realistisch. Schließlich wurde nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa mit der deutschen Wiedervereinigung mitvereinigt, die Verfügbarkeit von Feldern und Fördermitteln schien grenzenlos zu sein und einem expansiven Denken nichts im Weg zu stehen.

Die AG kassierte vierzig Millionen Euro Steuergelder vom Land Brandenburg, ging im Jahr 2000 an die Börse und zwei Jahre später insolvent. Ein ähnliches Schicksal ereilte übrigens ein weiteres Großprojekt der Region. Auch die geplante Chipfabrik in Frankfurt (Oder) in der Nachfolge eines Halbleiterwerks, für die schon ein arabischer Großinvestor gefunden war, scheiterte. Und der Eurospeedway Lausitz meldete zwei Jahre nach seiner Eröffnung ebenfalls Insolvenz an, hält sich seither aber mit wechselnden Betreibern wacker über Wasser.

Die Sehnsucht nach dem Süden

Die Cargo-Halle nördlich des Spreewalds kaufte der malaiische Konzern Tanjong. Die Aufsichtsräte kombinierten geschickt das Badebedürfnis der Brandenburger mit der Sehnsucht nach dem Süden, fingen den Urlaubsfliegern nach Mallorca oder Fuerteventura Kunden weg und beförderten Brandenburg ins Zeitalter von Postmoderne und Globalisierung.

In einer Zeppelinwerft auf brandenburgischem Boden am Strand der Südsee zu liegen, im gechlorten Wasser einer Illusion von Lagune unter einem Leinwandhimmel zu baden, durch seltene tropische Gewächse zu wandeln, die inmitten von Kiefern und Apfelbäumen wachsen, in echten Safarizelten unter dem Dach eines riesigen Cargozeltes im "Regenwald-Camp" zu übernachten, das auf herbeigeschafftem märkischem Sand auf dem Boden der Werfthalle unter malaiischer Anleitung errichtet wurde und Dschungel vorgaukelt, sich malaiische Drinks an der balinesischen Lagune von deutschen Kellnern im Thai-Restaurant servieren zu lassen, erinnert nicht nur an die Truman-Show.

Nach einer Weile in diesem Illusionskunstwerk beginnt man sich zu fragen, ob das nicht der wahrste Ausdruck der Welt ist, wie wir sie in den 90er-Jahren erlebten: die Gleichzeitigkeit und die atemlose Vermischung von Stilen, Gebräuchen, Herkünften, von Mentalitäten und Wetterlagen. Dieser Effekt wird bloß durch die "echte" Sonne am Strand der Südsee durchkreuzt: nur, wenn's in Brandenburg schön ist, wird man auch in den Tropen braun.

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch "Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg", das am 12. März 2012 im Piper Verlag erschien, 224 Seiten, 14,99 Euro.