Gastfreundschaft

Einheimische zeigen Fremden ihr persönliches Island

Isländer sind offen, sie empfangen Touristen sogar bei sich zu Hause. Unser Autor ist ein Wochenende lang jeder Einladung gefolgt, die sich ihm bot – und war von der Gastfreundschaft beeindruckt.

Der isländische Präsident Ólafur Ragnar Grímsson hat seine Landsleute zur Wintersaison aufgefordert: "Öffnet eure Türen." Die Isländer sollten ihre Gastfreundschaft unter Beweis stellen, offen auf Urlauber zugehen und ihnen das Land aus Sicht der Einheimischen näherbringen, lautet der erklärte Wille des Staatsoberhauptes.

Der Präsident selbst und seine Frau Dorrit gehen mit gutem Beispiel voran: In ihrem Amtssitz empfangen sie nicht nur Staatsgäste, sondern laden regelmäßig auch kleine Gruppen gewöhnlicher Touristen zum traditionellen Pfannkuchenessen ein.

Wie sehr der präsidiale Aufruf fruchtete, will ich testen. Das Experiment: Drei Tage lang werde ich jede Einladung annehmen, die sich mir bietet. Wichtigste Anlaufstelle ist hierbei die Website Inspiredbyiceland.com , die das isländische Tourismusministerium ins Leben gerufen hat.

Dutzende Isländer haben auf dieser Seite ihre Einladungen ins Netz gestellt: wie ein Sportler, der zur Fahrradtour durch die verschneiten Straßen der Hauptstadt lädt, oder ein Bootsbesitzer, der Urlauber auf eine Fahrt ins Meer mitnimmt, um Robben zu beobachten.

Nach einer ersten gelungenen Einladung – einer Partynacht in Reykjavík – melde ich mich verschlafen am nächsten Morgen bei Þórður. Der Isländer will Urlaubern den rund 900 Meter hohen Berg Esja am Stadtrand von Reykjavík zeigen.

Seine Tour startet in nicht einmal einer Stunde. Das wird knapp. Den Bus erwische ich nicht mehr - ich hetze zu einem Taxi. 6000 isländische Kronen (umgerechnet rund 40 Euro) kostet die Fahrt. Immerhin erreiche ich den Treffpunkt pünktlich – fast auf die Sekunde genau.

Þórður wartet schon. Er trägt einen roten Anorak, hat Wanderstöcke und seinen Hund dabei. Neben mir ist noch ein halbes Dutzend anderer Touristen der Einladung auf den Berg gefolgt. Zusammen mit einer Chinesin, die hier zwei Wochen Urlaub macht, einer Familie aus Frankfurt, die in Reykjavík Verwandte besucht, und zwei Franzosen, die ein verlängertes Wochenende in Island verbringen, stapfe ich hinter Þórður durch den Schnee.

Er erzählt, dass er 54 Jahre alt sei, bei einer Versicherung arbeite und mit seiner Frau fast jedes Wochenende auf den Berg wandere. Er zeigt uns aus der Ferne den verschneiten Gipfel. So weit klettern wir heute aber nicht.

Nach der zweistündigen Tour spendiert Þórður in einem Restaurant am Fuß des Berges jedem eine Tasse heiße Schokolade. Warum er sich so viel Zeit für wildfremde Menschen nehme, frage ich ihn. "Meine Frau und ich laden seit Jahren regelmäßig ausländische Besucher zu uns ein", sagt Þórður. "Wir finden es spannend, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen."

Fast als wollte er seine Gastfreundschaft noch zusätzlich unter Beweis stellen, spricht Þórður zum Abschluss die nächste Einladung aus. "Kommt doch heute Abend zu mir, dann können wir uns weiter unterhalten", sagt er. "Es gibt auch eine Kleinigkeit zu essen."

Später im Hotel komme ich ins Grübeln: Sagte er das bloß aus purer Höflichkeit? Oder würde er sich tatsächlich darüber freuen, mit uns den Abend zu verbringen? Die Regeln meines Experiments lauten: Jede Einladung muss angenommen werden, selbst wenn der Gastgeber das vielleicht gar nicht erwartet. Ich sage Þórður Bescheid, dass ich kommen werde, und mache mich auf die Suche nach einem Gastgeschenk.

Zu Gast bei Þórðurs

Eigentlich wollte ich eine gute Flasche Wein für den Abend kaufen. Alkohol wird in Island aber nur in staatlichen Läden verkauft - und die haben am Sonntag geschlossen. Ein Strauß Blumen von der Tankstelle ist das Beste, was ich in der kurzen Zeit finden kann.

Als ich in Þórðurs Einfamilienhaus ankomme, ist die deutsche Familie von heute Nachmittag schon da. Die Frankfurter haben eine Flasche Riesling von zu Hause dabei. Ich schäme mich für meine mickrigen Blumen und reiche sie Þórðurs Frau. "Wie nett", sagt sie höflich zu dem hässlichen Strauß.

Wir reden über die Essenskultur des Landes, Þórðurs Lieblingsspeise (gekochter Schafskopf) und seine Liebe zu den Bergen. Er zeigt uns Fotos, die er heute Nachmittag von unserer Gruppe aufgenommen hat. Wir sehen glücklich aus.

Kurz vor Mitternacht verabschiede ich mich. Ich habe für morgen früh bereits die nächste Einladung in der Tasche: Guðlaugur nimmt mich mit auf die Golden-Circle-Tour, einen Tagesausflug zu den berühmten Naturschauspielen.

Pünktlich um acht Uhr morgens wartet er an dem Treffpunkt und lädt mich und drei Amerikaner in seinen klapprigen roten Toyota. Es ist noch dunkel, die Sonne wird erst um elf Uhr aufgehen. Wir fahren auf verschneiten Straßen ins Landesinnere.

Wir besuchen den gigantischen Wasserfall Gullfoss und den Geysir Strokkur, der als einziger Geysir Islands regelmäßig in Abständen weniger Minuten ausbricht. Guðlaugur zeigt uns auch den Bauernhof seiner Eltern, sein Vater lädt uns zum Essen ein.

Unser letzter Stopp ist das "Fontana", ein Dampfbad, das sich aus geothermischer Energie speist. Guðlaugur arbeitet hier in der Marketingabteilung. Die heiße Luft riecht nach Schwefel, das Atmen fällt schwer. Ich verlasse die kleine Hütte und entspanne im 30 Grad Celsius warmen Freiluftbad. Erschöpft blicke ich in den Sternenhimmel.

Das Programm hat an den Kräften gezehrt. Dennoch es sich gelohnt. Ganz nach einem berühmten isländischen Sprichwort: "Ein Feind ist zu viel. Hundert Freunde sind noch zu wenig."

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt.