Island

Warum Isländer so gern Geschichten erzählen

Naturgewalten, bewegende Geschichte(n): Am besten versteht man das Gastgeberland der Buchmesse, wenn man sich auf die Spuren der Sagas begibt.

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Bloß nicht nach den Elfen fragen! Den Isländern gehe der Elfenfimmel der Deutschen gehörig auf die Nerven, hatte ein landeskundiger Kollege gewarnt. Und es steht sogar schon in den Reiseführern: Die staatliche isländische Elfenbeauftragte, von der in Deutschland immer mal wieder erzählt wurde, gibt es in Wirklichkeit gar nicht – sie ist reine Erfindung.

Also doch nicht so verrückt, dieses Island. Aber verrückt genug. Allein die Ankunft: Minutenlang geht es bei der Landung über Gletschereis, eine Stunde später fährt man im Bus durch verbrannte Erde, kein Baum, kein Grün, kein Haus, kein Tier, nur dunkles Vulkangeröll.

Bad im mineralhaltigen Wasser

Und plötzlich Wasser. Von einer Farbe, als wäre einem Bergtroll die Milchkanne ausgerutscht. Die Blaue Lagune. Es gibt Reisende zwischen Europa und Amerika, die einen Zwischenstopp in Island einlegen, nur um in dem warmen mineralhaltigen Wasser zu baden.

Wer hier ein bisschen hinausschwimmt, durch die Dampfwehen in die verkohlte Landschaft schaut, fühlt sich den Elfen ganz nah. Wer sonst soll dieses himmlische Blau in das Wasser gezaubert haben?

Kein Wort davon zu Arthúr Björgvin Bollason. Der ist sowieso mit etwas anderem beschäftigt, als er am nächsten Nachmittag am Borgarfjord, eine Autostunde nördlich von Reykjavík, steht: „Hier ist Brák ins Wasser gesprungen, und Egils Vater nahm einen Stein wie diesen da“, Bollason weist auf das felsige Ufer, „traf Brák ins Kreuz, und sie ertrank – das kann man sich doch hier richtig gut vorstellen, oder?“

Eigentlich nicht. Zu fröhlich glitzert die Sonne auf dem Fjord, zu weit ist der Nordhimmel, zu harmlos die am Wasser liegende Wohnsiedlung.

Völlig unauffällig im Vergleich zu dem, was man in dieser Gegend sonst so zu sehen bekommt: Erdspalten, aus denen kochend heißes Wasser quillt; Schneeberge, unter denen Vulkane dösen; frei mäandernde Flussläufe, aus denen Angler dicke Lachse ziehen, Wasserfälle in jeder Größe.

Dagegen wirkt der kleine Küstenfleck Borganes am Brákarsund völlig unspektakulär. Doch kennt ihn jeder Isländer. Denn hier hat sich ein Familiendrama abgespielt, eines der ältesten der Insel, und vielleicht das berühmteste.

In dem der Vater nicht nur die Kinderfrau seines Sohnes per Steinwurf im Fjord ertränkte, sondern auch dessen besten Freund erschlug, was den Sohn erst recht nicht daran hinderte, ein Held zu werden: der Wikinger Egil, ein dickköpfiger, streitsüchtiger Seefahrer, der sich in jedes Abenteuer stürzt, ein Vermögen erbeutet und mit seiner Dichtung sogar die Herzen seiner Feinde erweicht. Moment mal: ein Wikinger, der dichtet?

Und ob. „Das Dichten liegt den Isländern im Blut“, sagt Arthúr Bollason, der selber ein unermüdlicher Erzähler ist. Reiseführer aus Leidenschaft ist er und zurzeit PR-Manager bei Icelandair.

Isländische Geschichte

Immer aber hat ihn ein Thema beschäftigt: die uralten isländischen Geschichten der Siedlerfamilien, die Sagas. Die Elfenwelt, ach, nein, danach mag man ihn nicht fragen, das ist wohl nur eine Fußnote im Kosmos der Gründersagen.

Auf der Frankfurter Buchmesse, bei der Island dieses Jahr Gastland ist, tritt Bollason als Autor auf: mit einem Band über die bekanntesten Sagas und einem Saga-Hörbuch.

Leicht hat man es nicht mit den verschlungenen Familienepen wie Egils-, Njáll- oder Laxdæla-Saga, deren Personal manchmal in die Hunderte geht, vielleicht zitiert Bollason lieber eine Definition von Saga, die 200 Jahre alt ist und die kürzeste Inhaltsangabe überhaupt: „Bauern haben sich verprügelt.“

Das taten sie natürlich überall auf der Welt. Aber in Island kamen noch ein paar Besonderheiten dazu: Die sich hier prügelten, waren die ersten Bauern, ja, die ersten Menschen in Island überhaupt.

Als norwegische Seefahrer sich im 9. Jahrhundert der fremden Küste im Westen näherten, trafen sie auf keine Urbevölkerung, nur Vögel gab es dort, Füchse und ein paar keltische Eremitenhöhlen.

Die neuen Siedler mussten nichts erobern, sie nahmen sich das Land, lebten von dem, was sie kannten, Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, und gründeten wie nebenbei einen neuen Staat.

In einem Land allerdings, das völlig menschenleer und fremd war, in dem es aus der Erde dampfte und rumorte, über das Polarstürme hinwegfegten, ein Land ohne Schutz und König, in dem auf niemanden Verlass war, nur auf sie selbst. Das ungeheuerliche Abenteuer der Landnahme, an dem Siedlerfamilien erstarkten oder zerbrachen, wurde zum Quell vieler Geschichten.

Die Isländer erzählten sie sich nicht nur in den langen, dunklen Nächten, sie schrieben sie auch auf, in ihrer eigenen Sprache. Aus dem 12. Jahrhundert stammen die ersten isländischen Handschriften.

Damals war Island nicht mehr selbstständig, sondern unter dem Joch der norwegischen Könige – umso mehr faszinierten die Berichte aus der freien Welt der ersten Siedler.

Die Handschriften sind im Museum in Reykjavík ausgestellt, doch die Geschichten, die sie bewahren, erzählt das Landnahmezentrum in Borganes. Die Idee zu diesem Museum kam Kjartan Ragnarsson auf dem Pferderücken: Als Leiter von Reitertouren durch die isländische Wildnis hatte er seine Gruppen gern an die Schauplätze der Sagas geführt.

Denn die Sagas spielen nicht an einem Fantasieort, sondern in der realen isländischen Landschaft. „Sie dienten in ihrer Zeit sozusagen als Beweis dafür, welcher Siedlerfamilie welches Stück Land gehört“, sagt Ragnarsson, „sie handeln alle davon, wie die Leute versuchen, hier Fuß zu fassen und in diesem Land, in dem es keine Regeln gab, irgendeine Art von Organisation des Chaos hinzubekommen.“

Weil Ragnarsson im Hauptberuf Regisseur ist, wird in seinem Museum auch Theater gespielt. Eine seiner Produktionen handelt von einer der Frauen, die die Wikinger aus Irland entführten – was wegen des Männerüberschusses in Island absolut üblich war.

Verrückt, versponnen

Und für Arthúr Bollason zu der eigentümlichen Mischung des isländischen Charakters führte: „Das Verrückte, Versponnene, Kreative in uns kommt von den Kelten, das Vernünftige von den Norwegern.“

Vermutlich brauchte es genau diesen Mix, um mit einem Land zurechtzukommen, in dem Gletscher sich in Vulkane verwandeln. Wo man tagelang durch moosbewachsene Einöde reiten kann.

Und das Nordlicht geheimnisvolle Zeichen auf den Winterhimmel malt. Die Volksdichtung hat sich auf all das ihren Reim gemacht und mischt dabei Heidnisches mit Christlichem.

Das Staatswappen von Island zeigt die vier Ungeheuer, die die Insel vor feindlichen Angriffen schützen: Drache, Monstervogel, Stier und Bergriese. Auf dem Gipfel der gnadenlosen Hekla, des Vulkans, der alle 50 Jahre zu Ausbrüchen neigt, ist das Tor zur Hölle. Isländische Kinder warten nicht auf einen Weihnachtsmann, sondern auf 13 Weihnachtsmännchen, deren Eltern Trolle sind.

Und Elfen gibt es auch. Snorri Sturluson, der große Gelehrte aus dem 13. Jahrhundert, der die Snorra-Edda, das poetische Lehrbuch für altnordische Dichtung, geschrieben hat, kennt sogar zwei Sorten: Licht- und Schwarzalben – mehr erfährt man im Mittelalter-Forschungszentrum im Reykholt, wo das Wohnhaus des Dichters steht.

Wer auf den Spuren der Sagas reist, kann sich so viele Ziele aussuchen, eines aber ist Pflicht: Er muss zum Thingvellir hinauf. Nirgends in Island wurde so viel Geschichte geschrieben wie auf diesem grünen Hochplateau.

Seit 930 tagte hier das Althing, die jährliche Volksversammlung der Isländer, es gab ja keinen Herrscher, also setzte man sich seine Regeln selbst. Und natürlich ist diese frühparlamentarische Zusammenkunft, auf der Gesetze gemacht, Ehen gestiftet und Feste gefeiert wurden, Schauplatz vieler Episoden in den Sagas.

Alles ist in Bewegung

Auf dieser felsenumstandenen Wiese beschlossen die isländischen Häuptlinge im Jahr 1000, das Christentum anzunehmen – Religionswechsel als Willensakt. Und hier riefen die Isländer am 17. Juni 1944, nach fast 700 Jahren Kolonialherrschaft durch die Norweger und Dänen, die neue Republik aus.

Auch unter der Erde war viel los – ist es noch: Tief unter dem Thingplatz driften die eurasische und die amerikanische Erdplatte auseinander, Zeuge dafür ist der tiefer Graben, der sich jedes Jahr um acht Millimeter senkt.

Alles ist in Bewegung, vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Isländer das Geschichtenerzählen so lieben. Dabei ist in dem adretten Reykjavík, wo zwei Drittel der 320.000 Isländer leben, nicht mehr viel wilde Natur zu Hause.

Für Albträume sorgten in jüngster Vergangenheit ohnehin nicht die Figuren aus der „Anderwelt“, sondern Leute, die sich, als es noch gut lief, „die neuen Wikinger“ nannten.

Banker mit waghalsigen Spekulationen, die in Island nun als „Bankster“ beschimpft werden. Von dem Bankencrash am 6. Oktober 2008 hat sich das Land noch nicht erholt.

Der Tourismus allerdings hat profitiert: Man kann es sich wieder leisten, nach Island zu fahren, das Preisniveau ist stark gesunken.

Und Arthúr Bollason wird in den Bars in Reykjavík jetzt öfter nach seinen Sagas gefragt: „Nachdem die Isländer bei ihrem Versuch, die moderne Finanzwelt zu erobern, so kläglich gescheitert sind, fangen sie wieder an, sich für ihre Wurzeln zu interessieren.

Und für die Tugenden er Sagahelden.“ Für das Durchhalten also, das Zähnezusammenbeißen? Für noch mehr, sagt Bollason: die starken Freundschaftsbande und den Familienzusammenhalt. „Darauf müssen ?wir uns wieder besinnen – denn letztlich sind wir eine große Familie. “

Was ja stimmt. Spätestens in der achten Vorfahrengeneration sind alle Isländer miteinander verwandt.

Die Reise wurde unterstützt von Icelandair und dem „Hilton Reykjavík Nordica“.