Abschied vom Sommer

In Schweden fangen Urlauber ihre Krebse selbst

Auf Krebssafari in Südschweden: Im Spätsommer dreht sich rund um den Vätternsee alles um die delikaten Schalentiere mit den kräftigen Scheren.

"Wenn ihr einen Krebs anfassen wollt, müsst ihr von oben und hinten zugreifen, dann kann er euch nichts tun“, erklärt Bengt Samuelsson. Sein Demonstrationsobjekt führt prompt vor, wie weit es mit seinen Scheren ausholen kann, während die restlichen acht Beine in der Luft herumrudern.

Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel betrachten die Teilnehmer der Krebssafari auf dem Borensee im schwedischen Östergötland den sich windenden Flusskrebs. Etwas Mitleid ist auch dabei, denn sein Leben wird in kochendem Wasser enden. „Das geht ganz schnell“, tröstet uns Bengt. Der Tod trete innerhalb weniger Sekunden ein. Außerdem seien es ziemlich fiese Kreaturen, die nicht davor zurückschreckten, ihre eigenen Artgenossen zu fressen, und sich bei Zweikämpfen gegenseitig gern die Scheren abknipsten.

Abschied vom Sommer mit Schnaps und Gesang

In Schweden spielen die Schalentiere eine wichtige Rolle: Mit den im August und September stattfindenden Krebsfesten verabschieden sich die Schweden vom Sommer. Diese „Kräftskiva“ sind zwar eher familiäre Veranstaltungen, doch Touristen können besonders rund um den Vätternsee im Süden des Landes diese von viel Schnaps und Gesang begleitete Tradition kennenlernen. Passend zum Anlass quellen die Deko-Läden in der Fußgängerzone von Vadstena über von Servietten, Lätzchen, Tischdecken, Papierhütchen, Lampions und Lichterketten – alles im Krebsdekor.

Wer etwas auf sich hält, fängt die Schalentiere selbst. Das kann mittlerweile als Urlaubsaktivität gebucht werden – zum Beispiel bei Bengt Samuelsson in Borensberg, einem kleinen Ort zwischen Linköping und Vadstena.

Aber wie holt man diese Tiere nun am besten aus dem Wasser? Vielleicht auf dem Steg sitzen und so lange die Füße ins Wasser halten, bis einer anbeißt beziehungsweise -kneift? Oder die Augen offen halten, um die braunen Krebse auf den ungefähr genauso braunen Seekieseln zu erkennen, und dann schnell zugreifen? Nein, weder noch, das Fangen erweist sich eher als eine Art Ernte. Weiter draußen auf dem See sind Bojen zu erkennen, an denen mehrere Reusen an langen Schnüren befestigt sind. Wir nehmen eine große Plastiktonne an Bord des Motorboots und fahren hinaus. Bengt zieht die erste Reuse hinauf und leert sie über der Tonne; vom Fischköder haben sich zwei Krebse anlocken lassen. In den nächsten Reusen ist die Ausbeute höchst unterschiedlich – mal sind sieben Stück ins Netz gegangen, mal gar keiner. Krebse unter neun Zentimeter Länge wirft Bengt wieder ins Wasser – das ist hier so üblich.

Aggressiv bäumen sich die Leiber auf

In den 50er-Jahren habe eine Krankheit die meisten schwedischen Krebse dahingerafft, sagt der 57-Jährige. Diejenigen, die wir heute verspeisen werden, sind Nachfahren einer amerikanischen Art, die Bengt und sein Vater 1965 im Borensee ausgesetzt haben. Aus der sich langsam füllenden Tonne dringt ein leises Knirschen und Zischen. Das kommt daher, dass die Krebse Luft einatmen. Zwei bis drei Stunden können sie an Land überleben. Wenn man mit der Hand etwas über den Tieren herumwedelt, kommt Leben in die Tonne: Aggressiv bäumen sich die Leiber auf, werden die Respekt einflößenden Scheren gereckt.

Dann dürfen die Gäste ihr Glück versuchen. Das Einholen und Öffnen der Reuse ist noch einfach, doch beim Ausschütten halten sich einige Krebse mit ihren Scheren an den Maschen fest. Und jetzt? Anfassen? Ach nein, trotz vorheriger Instruktion lieber doch nicht. Also noch einmal kräftig schütteln oder – die einfachste Variante – Bengt rufen, damit er das widerspenstige Tier löst. Unsere Ausbeute ist gut, obwohl es hier Probleme mit Wilderern gibt, denen geklaute Krebse einfach besser schmecken. Oder die sich ein Zubrot verdienen: Für ein Kilo Krebse zahlen Stockholmer Restaurants 500 Kronen, das sind ungefähr 50 Euro.

Nur Wenigen gelingt die Flucht

An Land kippen wir unseren „Fang“ in einen großen Drahtkorb. Einem Krebs gelingt dabei die Flucht. Flink krabbelt er über den Steg und hüpft ins rettende Wasser. Seine Kumpel haben weniger Glück. Einige ganz Schlaue klettern an den Maschen hoch, plumpsen aber kurz vor dem Ziel wieder hinunter. Die ganze Plackerei ist umsonst, denn später werden sie mit Salz, Zucker, Bier und viel Dill zehn Minuten lang gekocht, bis sie sozusagen krebsrot sind.

Dann beginnt der gemütlichere Teil der Safari – denken wir jedenfalls. Doch so ein Krebspanzer ist trotz spitzem Messer nicht einfach zu knacken. Außerdem sind da noch kleine Dornen an der Schale, die ganz gemein in die Finger piken können. Da an so einem Krebs nicht viel Essbares dran ist, das Herauspulen des Fleisches eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und im wahrsten Wortsinn schon mal ins Auge gehen kann, gibt es bereits vorher Aufläufe sowie Brötchen, Butter und Käse.

Der erste Krebs ist irgendwann geschafft. Beim zweiten geht es schon einfacher, Nummer drei ist ein Kinderspiel. Auf dem Teller bietet sich ein martialischer Anblick. Traditionell soll nach jedem Krebs ein Schnaps getrunken und ein Lied gesungen werden. Nach einigen Gläschen „Stockholm Kristall“-Wodka und „Skåne Aquavit“ und viel „Hoppfallerallanlei“-Gesang geben wir neidlos zu, dass unser schwedischer Gastgeber auch hier weitaus geübter ist als wir.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Sweden.