Kleine Fluchten

Volle Muskelkraft voraus – und Mahlzeit!

Wie ein kulinarischer Kurzurlaub fühlt sich eine Tages-Draisinentour im Fläming an. Wer will, bleibt im Bahnhof Sperenberg über Nacht

Ausflüge mit den Draisinen sind im Fläming zu jeder Jahreszeit möglich.

Ausflüge mit den Draisinen sind im Fläming zu jeder Jahreszeit möglich.

Foto: PR

Fürs Mittagessen ist es noch zu früh. Es ist erst kurz nach neun am Morgen, als sich die Draisine in Zossen in Bewegung setzt. Von der Restaurant Gourmetstation winkt Sizilianer Giovanni herüber. Er bietet im historischen Bahnhof der Kleinstadt italienische Küche an. Das ist der neueste Clou entlang der 40 Kilometer langen Draisinenstrecke bis Jüterbog: Seit diesem Jahr kanngut und abwechslungsreich in alten Bahnhofsrestaurants gespeist werden, was heute getestet wird.

Das Handy ist aus, die Gedanken auch, die Beine treten in die Pedalen. Züge rasen seit 1998 keine mehr über die Bahnstrecke im Fläming südlich von Berlin, nur knallblaue Draisinen wie unsere. Diese tritt sich leichter als gedacht und ist ziemlich leise. „Das liegt an der Luftbereifung“, sagt Erlebnisbahnchef Jan Jähnke, der die Touren anbietet.

Vier Personen sitzen auf dem eigenartigen Gefährt, das im Jahrursprünglich 1817 von Karl Friedrich Freiherr Drais von Sauerbronn als Kontroll- und Reparaturfahrzeug für die Eisenbahn erfunden wurde: Zwei Leute treten mithilfe einer Sieben-Gang-Schaltung, zwei machen es sich auf der Bank in der Mitte bequem.

Der Weg führt durch Wälder und über Felder

Zossen scheint an diesem Morgen noch zu schlafen, die Natur nicht. Das Gezwitscher von Spatzen erfüllt die Luft. Der Himmel reißt auf, zeigt ein winterliches Blau. Von Zeit zu Zeit müssen wir auf der Fahrtdurchs malerische Grün den Kopf ducken, manche Äste hängen tief. Die Wipfel der Kiefern und Laubbäume bewegen sich leicht im Wind, wispern ihre ganz eigene Melodie von Heimat, während die Draisine über geschichtsträchtige Schienen rollt.

„1875 wurde die Strecke als Königliche Militäreisenbahn (KME) von Soldaten gebaut und geleitet“, erzählt Gleischef Jan Jähnke. „Damals fuhr die kleinste Staatsbahn Preußens von Berlin-Schöneberg zum Schießplatz nach Kummersdorf-Gut.“

Noch mehr Berühmtheit erlangte das Schienennetz, als vor etwas mehr als 100 Jahren ein AEG-Versuchswagen mit 210 Sachen darüber raste. Kein anderes Verkehrsmittel konnte damals mithalten.

Wie Schubkarren aus den Gleisen gehoben

So rekordverdächtig strampelt sich heute keiner ab. Der Weg ist das Ziel, und dieser führt durch Wälder, Felder und kleine Ortschaften zur ersten Station, dem fünf Kilometer entfernten Bahnhof Mellensee.

Hübsch herausgeputzt zeigt sich der rote Backsteinbau mit Tourist-Information. Ab Frühling kann man wieder im Biergarten der „Erfrischungshalle“ sitzen. Gegenüber glitzert der Mellensee durchs buschige Blätterwerk. Wer will, macht Halt. Die Draisinen haben zwei Bremsen und noch einen Vorteil: Sie können wie eine Schubkarre aus den Gleisen gehoben und neben dem Gleis geparkt werden.

Das ist der Plan am nächsten Bahnhof, wo das Mittagessen wartet. Zuvor gibt es dennoch einen kurzen Stopp. Ungewollt. Eine Straße kreuzt die Schienen, Schranken versperren den Weg. Per Hand müssen sie geöffnet werden. Dann geht die Fahrt weiter.

„Herzlisch Willkommen!“, grüßt Christophe Boyer einige Hundert Gleismeter später. Freudestrahlend steht der Gastronom vorm Bahnhof Rehagen, den Türmchen, Giebel, große Rundbogenfenster und die französische Flagge schmücken.

Französische Küche mit regionalen Produkten

Der gebürtige 39-jährige Franzose und seine Frau Manja bitten im ehemaligen Warteraum zu Tisch, auf dunkler Bistro-Bestuhlung, vor knallblauen Wänden. Bei gutem Wetter kann auch draußen auf dem alten Bahnsteig inmitten wilder Natur gegessen werden.

Die Boyers bieten französische Küche mit frischen, regionalen Produkten an. „Demnächst beziehen wir auch unser Rindfleisch von hier. Und Fisch aus dem Mellensee ist ebenfalls geplant“, sagt Christophe, der kein Koch sei, aber Gourmet. Geschichte und Geografie hat er studiert, danach noch Veranstaltungsmanagement. An die Kochtöpfe lässt er Landsmann Guillaume Leduc, 32.

Während kleine Crêpe-Häppchen mit Brie und Preiselbeersoße serviert werden, weiht Christophe in seine Firmengeschichte ein: „2010 sind wir auf den verschlafenen Bahnhof gestoßen und haben uns sofort verliebt.“

Jahrelang haben sie den denkmalgeschützten Bau, der um 1898 entstand, auf Vordermann gebracht. Elektrik, Heizung, Wasser fehlten, alles war zugewuchert, die Holzfenster verschlissen. Tischler bauten sie täuschend ähnlich nach. Auch die abgerundeten Backsteinecken an Durchgängen und Fensterbrettern wurden aufwendig restauriert.

George Clooney und Cate Blanchett waren bereits zu Gast

Vom Resultat ist sogar Hollywood begeistert: „2013 drehten George Clooney und Cate Blanchett Szenen des Weltkriegsfilms ,Monuments Men‘ bei uns“, verrät der Restaurantchef. Ob sie die Filetstücken vom Charolais-Rind in Rotweinsoße probiert haben? Sie schmecken herrlich zart. Ein Abschlussgenuss ist die Dessert-Trilogie aus Zitronen-Sorbet-Eis, Mousse au Chocolat und Crème brûlée, die restlos vertilgt wird.

Die Draisine rollt wieder an. Ihr sanftes Geratter vermischt sich mit dem Gekrächze der Krähen auf den Feldern. Blumig-süßer Lindenduft erfüllt die Luft. Auf den Feldern sprießt Gerste, dazwischen strecken Kornblumen ihre blauen Köpfe heraus. Hier und da taucht ein Hof auf, einstige LPG-Betriebe. Auf einer Wiese weiden Kühe. Friedlich und einsam ist es. Der brandenburgische Landstrich ist dünn besiedelt. Viele Menschen sind nach der Wende weggezogen.

Die Natur erobert sich ihr Terrain zurück – und der Tourismus, sagt Yvonne Krüger, die sich bei der Erlebnisbahn um die Pressearbeit kümmert: „Nach der Wende reisten die Leute lieber ins Ausland. Jetzt findet ein Gegentrend statt. Der Fläming ist wieder Tagesziel von Berlinern und Urlaubsadresse vieler Bundesbürger.“ Kleine, feine Unter­künfte entstehen – so wie fünfneuen Ferienwohnungen im historischem Bahnhof Werder (Jüterbog) oder die beiden Gästezimmer am nächsten Draisinenbahnhof, der Station Sperenberg.

Unweit davon liegen die Sperenberger Gipsbrüche. Schloss Sanssouci, Kloster Zinna oder der Bergfried von Luckenwalde wurden aus dem Gips gebaut. Seit 1954 sind die Brüche geschlossen und eine reizvolle Landschaft mit kleinen Seen ist daraus entstand.

Aber zurück zum Sperenberger Bahnhof, der mehr als außergewöhnlich ist. Denn in dem alten Gebäude wird gehämmert und gemeißelt sowie niederländisch gesprochen und gebacken.

Bildhauerkurs mit Kaffee und Kuchen

Mit einem fröhlichen „Challo“ heißen die Bewohner, Ine und Wouter Spruit, uns willkommen. Das Paar aus dem holländischen Eindhoven hat sich im Bahnhof eine Bildhauerwerkstatt eingerichtet und ermöglicht Draisinenfahrern, selbst Hammer und Meißel zur Hand zu nehmen. Ab 20 Euro aufwärts kostet ein zwei- bis dreistündiger Kurs, Kaffee und Kuchen inklusive.

Die süße Hausmannskost ist mit Liebe gemacht. Appeltaart, Kandijkoek (Honigkuchen mit Kandiszucker) und Gemberkoek (Honigkuchen mit Ingwer) sind auf Tellern angerichtet sowie Poffertjes, kleine Pfannkuchen mit Butter und Puderzucker. Mehr davon, bitte!

An der Kaffeetafel erzählt das Ehepaar Spruit, wie es sich seinen Traum verwirklichte. In einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, legten die beiden Mittsechziger noch mal von vorne los. „Wir haben das Modell einer ­offenen Bildhauerwerkstatt in Belgien gesehen“, erzählt der ausgebildete Software-Ingenieur Wouter Spruit, der seit 2005 künstlerisch mit Stein hantiert, „und haben einen Ort gesucht, an dem wir das verwirklichen können und ein bisschen Abenteuer haben.“

Ein Gefühl wie in den 60er-Jahren

Erst haben sie Frankreich sondiert, dann die Lage rund um Berlin, wo sie auf den alten Sperenberger Bahnhof stießen. „An Weihnachten 2010 haben wir ihn besichtigt und im Mai 2011 ­gekauft“, sprudelt es aus Ine Spruit heraus, die Zeit ihres Lebens im Büro gearbeitet und nur hobbymäßig mit Bildhauerei zu tun hatte. „In Brandenburg fühlen wir uns wie in den 60er-Jahren. Alles ist entspannt, offen, herzlich. Das Miteinander unter den Nachbarn und den Kursteilnehmern ist toll.“ – „Es kommen so tolle Leute bei uns vorbei,“ schwärmt ihr Mann.

Wer Lust hat, kann bleiben und (spontan) in der Bahnhofsidylle übernachten, denn in den ehemaligen Mannschaftsunterkünften im Obergeschoss befinden sich zwei Gästezimmer. Sie sind liebevoll und gemütlich einge­richtet mit Bad, Küche, Holzboden, ­Sitzecke, Doppelbett und Blick auf die Natur und Schienen.Wird der Platz im Haus zu knapp, kann auch im Garten gezeltet werden.

Bis überhaupt Gäste kommen konnten, gab es viel zu tun in der Station, die um 1892 bis 1907 entstand. Die Wohnung des ehemaligen Bahnhofvorstehers war zwar mehr oder weniger sofort zu beziehen, alles andere aber war ver­wahrlost.

„40 Container Schutt haben wir insgesamt hier rausgeholt“, berichtet Wouter mit typisch holländischem ­Akzent. „Hüfthoch standen wir darin im Kaninchenstall, unserem jetzigen Sommer­atelier.“ Ohne Handwerker hat das Paar ihn umgebaut und auch ohne fremde Hilfe alle Türen im Haus ab­geschliffen. Eine mühevolle Arbeit, da diese zwölfmal lackiert waren.

Vorzeigebahnhof mit vielen erhaltenen Originalteilen

Die vielen anderen erhaltenen Originalteile wie Holzböden, Doppelkastenfenster und Treppengeländer machen das neue Zuhause der Spruits insgesamt zu einem Vorzeigebahnhof. Und natürlich die Kunst an jeder Ecke. Kunst im Garten, Kunst im Flur, Kunst in den Gästezimmern, Kunst im Laden. Mal ­figural, mal abstrakt, mal mit Hang zum Kitsch, mal ironisch klug. Es sind eigene Werke und die von befreundeten Künstlern, die gekauft werden können, genauso wie Werkzeuge, Holz, Gestein.

Wie ist das nun mit der Bildhauerei? Bei der Frage ist Wouter Spruit ganz in seinem Element. Auf der Terrasse des Ateliers zeigt der große, schlaksige Mann rund 40 Steinsorten, von ­Alabaster bis Marmor und drückt jedem Hammer und Meißel in die Hand. Er ­erklärt, wie man das dreidimensionale Gestalten erlernt, dass man mit einem weichen Stein wie Speckstein beginnt und dass die Kunst ist, locker zu schlagen, damit kein Muskelkater droht.

Vorsichtig wird ausprobiert, und der Holländer mit dem wachen Blick kann sich nicht verkneifen zu sagen: „Viele sind zuerst ängstlich. Wer dann aber loslegt, merkt: ,Ui, was ich alles kann.‘“ Wie wahr.

Eine hübsche kleine Figur ist entstanden, und es ist nun Zeit, sich in der alten Bahnhofshalle zu erholen. Sind denn noch Poffertjes da? Bei all den Köstlichkeiten des heutigen Tages sind zwei Dinge klar: Die Draisinenbahnhöfe im Fläming haben zum Glück rein gar nichts mit den wenig überzeugenden 0815-Mitropa-Lokalen von einst gemeinsam. Und was Liedermacher Rainald Grebe vor Jahren textete, „Nimm dir Essen mit, wir fahr’n nach Brandenburg“, ist Schnee von gestern.

Tipps und Informationen

Anfahrt: Mit dem Auto über A 113 und B 96 oder mit der Bahn nach Zossen.

Draisinentour: Erlebnisbahn Zossen, An den Wulzen 23, 15806 Zossen, Tel. 03377/33 00 850, www.erlebnisbahn.de

Übernachtung: Bahnhof Sperenberg Tel. 033703/15 96 76, ab 45 Euro/DZ inkl. Frühst., www.bildhauerbahnhof.de

Restaurants: Bahnhof Rehagen, www. bahnhof-rehagen.de, Fischhof am Mellensee, www.fischhof-mellensee.de

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