Kleine Fluchten

Hier dreht sich alles um das Drehen

Filmemacher lieben die Kulisse der ostsächsischen Stadt. Für Filmfans gibt es spezielle Führungen zu den historischen Gebäuden.

Blick von dem aus dem Jahre 1511 stammenden Rathausturm von Görlitz über die Türme und Dächer der ostsächsischen Stadt

Blick von dem aus dem Jahre 1511 stammenden Rathausturm von Görlitz über die Türme und Dächer der ostsächsischen Stadt

Foto: picture alliance / picture-alliance / ZB

Görlitz könnte ein Problem bekommen: Es wird zu schön. Das freut fast jeden, vor allem die Touristen, von denen auf manchen Plätzen gleich mehrere Gruppen ihren Stadtführer umringen. Und es freut die Einwohner, deren Anzahl von rund 55.000 nicht zu sinken scheint.

Nur die Filmemacher freut es nicht, zumindest nicht immer. Die schätzen nämlich seit 60 Jahren und mittlerweile mehr als 80 Streifen die Stadt an der Neiße als Drehort. Nirgendwo anders gab es so durchgängig graue Straßenzüge, so herrlich bröckelnde Hinterhöfe, so winzige Läden in den Erdgeschossen. Die Stadt, die den Krieg durch einige Zufälle und letztlich durch die kampf­lose Übergabe nahezu ruinenlos überstanden hatte, bot kaum Lücken für Neubauten aus Glas und Beton.

Das Altersschwache einfach abreißen? Armut ist der beste Denkmalschützer. Also erreichten in Görlitz wie auf einer Arche rund 4000 Baudenkmale das Ende des 20. Jahrhunderts: Mittelalterliche Gassen, Hallenhäuser aus der Renaissance, barocke Fassaden, ganze Stadtviertel aus der Gründerzeit. Vieles davon bekam in den vergangenen zwei Jahrzehnten sein ursprüngliches Antlitz zurück.

Manchmal rollen tagelang Panzer durch die Stadt

Die Filmleute jedenfalls haben sich angesichts dieser Rückverwandlungen etwas einfallen lassen: Wenn ihre Produktion in tristen Zeiten spielt und das heutige Görlitz mit seinen immer weniger werdenden Dreckecken nicht mehr mithalten kann, tünchen sie mit wasserlöslicher Farbe die hellen Fassaden für ein paar Tage grau. Oder sie vernageln mit schäbigen Brettern die kunstvollen schmiedeeisernen Balkonbrüstungen. Und wenn selbst das fast durchweg historische Pflaster in Görlitz’ Altstadt zu neu für eine Geschichte ist, werden Folien ausgebreitet und Tonnen von Sand und Erde in die Straßen gekippt.

Die Tricks der Szenenbildner und Regisseure offenbart der Stadtrundgang „Film ab!“ – und nebenbei auch noch etwas Görlitz für Neueinsteiger. Vor der Stadtinformation am Obermarkt wartet Karina Thiemann auf ihr Trüppchen. Zu erkennen ist sie leicht: Sie trägt eine Klappe, wie sie beim Filmen benutzt wird. Das handelt ihr unterwegs allerdings die neugierige Frage von Passanten ein: „Was wird denn heute hier gedreht?“

Im Ort kennt man sich aus mit der Filmerei. Die Stadtverwaltung hat sogar eine spezielle Ansprechpartnerin für Filmproduzenten eingestellt. Mehrmals jährlich werden teilweise Komparsen gecastet, wofür die Görlitzer zu Hunderten Schlange stehen. Später werden Straßen gesperrt, Schienen verlegt, Fassaden verändert; tagelang rollen Panzer oder Kutschen durch die Straßen, wird geschossen oder geküsst. Die Zuschauer hinter den Absperrungen freut es, die Handwerker der Region allemal.

Nach Erscheinen des Films strömt ganz Görlitz ins Kino, um zu erfahren, was und vor allem wer diesmal zu sehen ist. Filmaffine Touristen können zwar in der Stadtinformation DVDs mit den hier gedrehten Streifen kaufen, aber das wars dann auch. Um einen Film gleich am Ort des Dreh-Geschehens sehen zu können, müsste man die Spielpläne der beiden kleinen Szenekinos genau studieren und viel Glück haben.

Vor zehn Jahren entdeckte Hollywood die Neiße-Stadt

Nachdem also vor gut zehn Jahren auch Hollywood die Neiße-Stadt entdeckte, nennt die sich gern auch Görliwood; oder Görlywood, da ist man sich noch nicht ganz einig. Fakt ist, die Bekanntheit der Stars färbt auf die Szenerien ab und auf die ganze Stadt, in der allein 2014 vier neue Hotels eröffnet wurden. In der langen Liste der in Görlitz gedrehten Streifen stehen Titel wie „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan, „Der Vorleser“ mit Kate Winslet oder „Die Bücherdiebin“ mit Emily Watson.Görlitz vertrat schon Schauplätze wie New York und Berlin, Paris und Heidelberg. Was man sich unter der Hand erzählt: Die Amis klopfen mitunter an die alten Fassaden, weil sie bezweifeln, dass die echt sind.

Erfahrungen mit Filmcrews, die schnell mal ein ganzes Hotel aufmischen, hat auch Oliver Bugglé, Geschäftsführer des Best Western Hauses Via Regia. Er und sein Compagnon vereinten zwei eins­tige Wohnhäuser im südlich des Altstadtkerns gelegenen Gründerzeitviertel zu einem Hotel. 2014 hat es eröffnet, aber bis jetzt in noch keinem Film mitgespielt, nur als Herberge von Filmemachern gedient. Von außen wäre es– hängt man das behutsam montierte Hotel-Schild ab – durchaus geeignet, die vergangene Jahrhundertwende zu repräsentieren.

Drinnen jedoch herrscht Neuzeit. Nun geschieht ja in den meisten Hotels eher Alarmierendes, sobald die Gattin des Chefs die Gestaltung selbst in die Hand nimmt. In diesem Haus erwies es sich als Glücksfall, dass dDie Frau von Bugglés Geschäftspartner ist Innenarchitektin, und sie schuf ein ganz heutiges, boutiqueartiges Ambiente mit leisem Farbspiel Materialkontrasten und geschickter Beleuchtung. Aus den zahllosen unterschiedlichen Stuben des Wohnhauses entstandennicht nur die 40 Gästezimmer,sondern im Erdgeschossauch mehrere, in der Hotellerie eher kleine Restaurants. Hier und da schimmert etwas Historie durch: das vermeintlich verwischte Ornament auf den Teppichen, der Gold- und Silberglanz von Leuchten und Accessoires oder die gescheuerten Holztische im Restaurant. Die historischen Landkarten auf den Korridoren oder das Sandsteinrelief an der Rezeption sind Leihgaben des Museums. Unter dem Dach bestimmt die Balkenkonstruktion die Atmosphäre der kleinen Sauna.

Es war die Straße Via Regia, die den Reichtum brachte

Wie das Hotel zu seinem Namen kam, beschreibt Oliver Bugglé: „Wir hatten 2011 die Landesausstellung ‚Via Regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung‘ besucht und uns wurde da erst bewusst, dass diese seit zwei Jahrtausenden bestehende Straße die älteste und längste Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa ist – und Görlitz einer der wichtigsten Orte an dieser Route. Bis dahin, das gebe ich zu, war die Stadt für uns so was wie das Ende der Welt. Wir wollten hier investieren, und wie das Hotel heißen sollte, war überhaupt keine Frage.“ Damit auch der Hotelgast ein wenig dazulernt, wurde jedes Zimmer nach einer Stadt entlang der Via Regia benannt. An deren Wänden stehen einige Zeilen der Erklärung.

Dass es die Via Regia war, die Görlitz zur reichen Stadt gemacht hatte, erfährt der Gast auch auf den Rundgängen. ­Allein mit Ackerbau und Handwerk hätte man sich keine so großen Kirchen und Plätze, keine so repräsentativen Geschäftshäuser und nicht so viele Schulen leisten können. Selbst bei der „Film ab!“-Runde geht es immer wieder um den Handel. Wo anders als in einer boomenden Stadt konnte solch ein Prachtstück gebaut werden wie das 1913 er­öffnete Jugendstilkaufhaus? Es durchlebte fast 100 Jahre lang wechselnde Besitzer und machte sich dann wie vieles in Görlitz als Filmkulisse nützlich. Als bei der Oscarverleihung 2015 der Streifen „The Grand Budapest Hotel“ den Goldjungen gleich vierfach erhielt, unter anderem für das beste Szenenbild, knallten auch in Görlitz die Sektkorken.

Ein Investor will aus dem Prachtbau das KaDeO, Kaufhaus der Oberlausitz, machen. Allerlei Zeichnungen hängen schon in den Schaufenstern und werden von Passanten entschlüsselt, ein Schriftzug verspricht „Hier wird renoviert, was Sie morgen fasziniert“. Nur über die im Planungsbüro stehenden Modelle ließ ein seltsamer Zufall oder eine aufmerksame Assistentin weiße Servietten sinken. Hoffentlich wird es nicht zu schön.

Tipps & Informationen

Übernachten z. B. im Best Western Hotel Via Regia, Jauernicker Str. 15/16, 02826 Görlitz, Tel. 03581/764433-0, Doppelzimmer inkl. Frühstück ab 85 Euro. Oder im Hotel Börse, Untermarkt 16, 02826 Görlitz, Tel. 03581/ 764 20, Doppelzimmer inkl. Frühstück 113 Euro.

Einkehren z. B. im Schankhaus Zum Nachtschmied, Obermarkt 18 oder im (info@zum-nachtschmied.de)Caféhaus Lucullus, Petersstraße 4. (cafe-lucullus@t-online.de)

Entdecken Altstadtführung täglich 10.30 Uhr ab Görlitz-Information (Obermarkt 32) Tel. 03581/475 70, je nach Jahreszeit weitere Termine und thematische Führungen. „Film ab!“ etwa einmal monatlich oder auf Bestellung (102 Euro, bis zehn Personen). Weitere Führungen unter anderem: Heiliges Grab, Europastadt Görlitz und Zgorzelec, Nachtwächterführung, Nikolaifriedhof, Radtouren Stadtrundfahrten mit Stadtschleicher, Tel. 03581/41 41 63.

Landskron Brau-Manufaktur Görlitz, eine Station an der Route der Industriekultur in Sachsen, Führungen unter 03581/465 218, www.landskron.de

Weitere Auskunft Görlitz-Information, Tel. 03581/4757-0, www.goerlitz.de.

Die Reise wurde unterstützt vom Best Western Hotel Via Regia und der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen.

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