Kleine Fluchten

Sommerfreuden zwischen Alster und Elbe

Ein ehemaliges Kontorhaus in Hamburg beherbergt das Henri Hotel. In lockerer Atmosphäre mit Retro-Industriecharme befindet sich der Gast mitten im Geschehen und hat das Wasser fast vor der Tür

Foto: Axel Heimken / picture alliance / dpa

Schlepper schieben sich durch die Elbe, vollbesetzte Barkassen ziehen an ihnen vorbei. Am gegenüberliegenden Ufer erheben sich blau-orangefarbene Kräne und hieven verschiedenfarbige Container auf ein türkises Schiff. Ein buntes Kontrastprogramm zum bedeckten Himmel.

Zunehmend mehr reißt die Wolkendecke auf. Die heiße Abendsonne lugt hervor und lässt Farben noch intensiver leuchten. In der HafenCity, Hamburgs jüngstem Stadtteil, legt die Fährlinie 72 an. Leute steigen aus, bleiben stehen, beobachten zwei junge Männer, wie sie ihre Angeln auswerfen. „Wir gehen auf Zander“, antwortet einer der beiden auf Nachfrage. Der Zanderbestand der Elbe ist einer der besten Europas, seitdem Anfang der 90er-Jahre in die Wasserqualität investiert wurde. Die zwei Männer sind guter Hoffnung an ihrem urbanen Angelplatz.

Das ist Hamburg. Hier mischt sich das Gefühl von großer, weiter Welt mit dem der kuscheligen, kleinen Heimat. Im Rücken haben die Jungs die angehende Elbphilharmonie und eine der schönsten Sommerterrassen: das Carls, Gourmet-Areal mit Brasserie, Bistro und Bar.

Vom Patron Francesco Potenza lassen wir uns zu einem Platz draußen führen. Möwen schweben am Himmel, der mittlerweile fast wolkenlos ist. Eine sanfte Brise weht, so wie fast immer in Hamburg. Die natürliche Klimaanlage ist verlässlich.

Während das lauschige Lüftchen durch die Haare pustet, fliegt der Blick durch die deckenhohen Glasfronten ins Innere des Lokals. Kachelbilder, auberginerote Lederbänke, wagenradgroße Leuchter an der Decke. Auf der Speisekarte steht – wahrscheinlich ahnen Sie es – Zanderfilet zur Wahl. Mit Erbsen, Kräuterseitlingen und Speckchips. Das nehmen wir.

Norddeutsche und französische Küche miteinander vereint

Wir wenden uns dem Kind zu, das vehement am Ärmel zieht – gerade noch rechtzeitig. Das imposante Kreuzfahrtschiff „MSC Splendida“ verlässt den Hamburger Hafen. Eindrucksvoll gleitet es vorbei. Unser Carpaccio verzieren gelbviolette, essbare Stiefmütterchen. Schmeckt ganz gut, das Zanderfilet toppt jedoch alles. Küchenchef Michel Rinkert versteht es, norddeutsche und französische Küche miteinander zu vereinen.

Der Verdauungsspaziergang führt durch die Speicherstadt mit Kontorhäusern des frühen 20. Jahrhunderts. Die Büro- und Lagerbauten aus rotem Klinker säumen die Kanäle oder vielmehr Fleets, wie die Wasserarme auf Hanseatisch heißen. Brücken spannen sich darüber bis zur Brandstwiete.

Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Messberg und zum zentralen Platz des Klinkerexpressionismus, dem Burchardplatz, wo eines der meistfotografierten Motive Hamburgs steht: das Chilehaus. Errichtet von Fritz Höger Anfang der 1920er-Jahre. Der Bauherr, Reeder Henry B. Sloman, hatte sein Vermögen durch den Handel mit Chile-Salpeter erworben. Das erklärt den Namen.

Noch einen Katzensprung ist es bis zur Bugenhagenstraße. In der Kaufhaus-Hinterhofgasse der Mönckebergstraße befindet sich einem alten Kontorhaus das Henri Hotel. Anfang 2013 wurde es von der Jacob-Familie eröffnet, zu der das traditionsreiche Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee gehört.

„Zweieinhalb Jahre haben wir am Konzept für das Henri gefeilt“, sagt PR-Leiterin Claudia Harms. „Unser Anliegen war es, durch lebendige Gastfreundschaft und kosmpolitische Atmosphäre ein vertrautes Gefühl zu erzeugen.“

Locker-entspannte Atmosphäre

Geschafft, könnte man sagen. Wer das Henri betritt, dem ist, als träfe er zu Hause ein. So locker und entspannt ist die Begrüßung an der Rezeption. Industriekultur mit Retro-Charme der 50er- und 60er-Jahre, weiße Wänden, Holz und unaufdringliche, warme Töne heißen in der Kontorhauslounge willkommen.

Eine alte Schreibmaschine zum Tippen der Gästebuch-Seiten steht neben einem Computer. Sessel zum Fläzen mit Armlehnen umringen dreibeinige Tische. Große bunte Teppiche mit grafischen Linien liegen auf dem Holzboden.

Der Einrichtungsstil setzt sich in den 65 Zimmern auf sieben Stockwerken fort. Sie unterscheiden sich nur von Größe, Aufteilung und Schätzen aus vergangenen Zeiten. „Es gibt viele Trödelmarkt-Fundstücke im Henri“, sagt Claudia Harms und zeigt hinter die Rezeption: „Der Registraturschrank stammt aus einer Schokoladenfabrik in Portugal.“

Jeder nimmt sich im Henri, was er braucht. Das fängt bei der Minibar im Zimmer an. Sie ist leer. Der Gast darf sich selber aus dem dicken, weißen Retro-Kühlschrank in der Kontorküche herausholen, was er möchte, Wein, Bier, Softgetränke. Eine Hemmschwelle der Förmlichkeit muss nicht übersprungen werden. Das Henri ist klar und unkompliziert, die Preise zivil.

Neben unserem Zimmer 702 befindet sich der Wellnessbereich mit finnischer Sauna und Blick über die Dächer Hamburgs. Den genießen wir vom Zimmerbalkon aus, nachdem wir den ein oder anderen Einichtungsclou bestaunt haben: ein Retro-Telefon mit Knöpfen und Strippe und dieTapete mit Piktogrammen von Telefonen, Ordnern, Brillen, Kameras, Stempeln, Schreibmaschinen, Schuhen. Maritim mutet der Schlafbereich an mit weißer Holzvertäfelung auf halber Wand.

Am nächsten Morgen steht unten in der Kontorküche das üppige Frühstücksbüffet bereit (am Wochenende sogar bis 12 Uhr). Skandinavische, englische und badische Wortfetzen schwirren munter durch den Raum. Städtereisende Pärchen sitzen neben Familien und Geschäftsleuten. „Viele wohnen länger bei uns, lassen freitags ihr Gepäck hier und montags, wenn sie wieder anreisen, steht es für sie bereit.“

Der rollende Großkoffer-Service für 18 Euro ist bei Geschäftsleuten gefragt. Fit fürs Büro können sie sich im Gym im Untergeschloss machen, wo Kraftstation, Fahrrad und Laufband warten. Die schönste Joggingstrecke befindet sich aber fast direkt vor der Tür, einmal um die Außenalster.

Uns lockt die große, weite Welt am Hafen. Die U-Bahnlinie 3 bringt uns zu den Landungsbrücken in St. Pauli, einer 700 Meter langen und schwimmenden Anlegestelle. Wir wollen aufs Wasser, blättern aber keine 20 Euro pro Person für eine Hafenrundtour in der Barkasse hin, sondern steigen auf die Fähre Nummer 62 nach Finkenwerder. Mit dem HVV-Ticket für etwa 3,10 Euro wird man am Övelgönner Ufer entlang, auf die andere Seite der Elbe ins Alte Land geschippert. Rechterhand tauchen Beachclubs auf und der nächste Halt, die Fischhalle mit dem legendären Fischmarkt sonntags in aller Herrgottsfrühe.

Ein Strandnachmittag in Neumühlen

Kurze Umüberlegung, dann gehen wir schon in Neumühlen an Land, um einen Badenachmittag einzulegen. Spaziergänger, Jogger und Sonnenanbeter schlendern mit uns vom Museumshafen Övelgönne zum Elbstrand. Ein riesiges Containerschiff gleitet vorbei. Die Nase wird in die Sonne gehalten, die Zehen spielen im Sand. Dank der gestiegenen Wasserqualität ist auch das Bad in der Elbe wieder bedenkenlos möglich.

Im Rücken erhebt sich das beschauliche Treppenviertel mit schmucken, historischen Backstein- und Fachwerkhäusern aus dem 19. Jahrhundert, lange Zeit bewohnt von Lotsen und Schiffskapitänen. Auf dem wohl belebtesten Abschnitt des Elbstrandes tummeln sich viele Hamburger: in der „Strandperle“. Wenn kein Tisch frei ist, Aperol Spritz schnappen, Füße in den Sand stecken und aufs Wasser gucken.

Wasser gehört zu Hamburg wie der Fisch – und ein Eis im Sommer an der Alster. Schön sitzt es sich bei einem solchen in der Abenddämmerung am Jungfernstieg, den Alstersee zu Füßen. Er ist der prägnanteste Teil des 56 Kilometer langen Nebenflusses der Elbe, und er lädt zum Spaziergang bei Sonnenuntergang ein.

Jogger kommen entgegen. Menschen picknicken auf Wiesen, bekommen Besuch von Schwänen. Die letzten Segler gleiten übers glitzernde Wasser der Außenalster hinter der Kennedybrücke, bestrahlt von der Abendsonne. Segelschulen, Bootsverleihe und Lokale wie die Alsterperle, ein einstiges „stilles Örtchen“, säumen das Ufer.

Unser Essen wartet im „Henri Hotel“. Für fünf Euro gibt es Abendbrot wie zu Hause: unter Leuten, in ungezwungener Atmosphäre, mit Jazzgedudel im Hintergrund, aufgebackenem Landbrot und herzhaften Aufstrichen und Salaten.

Fisch fehlt, aber Zander hatten wir ja schon. Apropos: Bei den jungen Anglern vorm Carls hat keiner mehr angebissen, verriet der eine noch, bevor er auf seinem Skateboard abrauschte. Machte aber nichts. Darum ging es auch nicht. Es ging um das Gefühl von Sommer – in der Stadt.

Diese Reise wurde unterstützt vom Henri Hotel und von der Brasserie Carls.

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