Zu Gast im Haus des Schleierherrn

Mit der Aussicht auf genussreiche Tage erweist sich Schloss Wernersdorf als stilvolle Adresse am Rand des Riesengebirges. Hier befindet sich das niederschlesische „Tal der Schlösser und Gärten“.

Foto: Sabine Mattern

Schauplatz: Piechowice, eine kleine Stadt im Südwesten Polens, die vor langen Jahren einmal Petersdorf hieß. Dort, wo ein nicht zu übersehendes Schild mit der Aufschrift „Pałac Pakoszów“ die Autofahrer anweist, die Hauptstraße zu verlassen, beginnt für uns die Ouvertüre einer Reise durch das niederschlesische „Tal der Schlösser und Gärten“.

Keine zwei Kilometer windet sich das Sträßlein durch den Ortsteil Pakoszów, bevor es erneut abbiegt und vor einem herrschaftlichen Anwesen sein Ende findet. Weit öffnen sich da die kunstvoll geschmiedeten Flügel eines Tores und geben einen ersten Blick auf Schloss Wernersdorf, eben jenen Pałac Pakoszów, frei, der sich wie ein kostbares Juwel im Schutz hoher Feldsteinmauern verbirgt.

Eine gepflasterte Auffahrt schneidet sich durch die weite Wiesenfläche vor dem Haus und eilt in schnurgerader Linie auf den Eingang zu. Es war das Jahr 1725, als der Textilkaufmann Johann Martin Gottfried erstmals die Tür seines neu erworbenen Heims öffnete, das er im Stil des Barock umbauen ließ. Eine passende Adresse für einen Mann, der – wie andere „Schleierherren“ des Hirschberger Tals auch – durch die Veredelung und den Handel von hochwertigem Leinen, besonders des feinen Schleierleinens, zu großem Reichtum gelangt war.

Gewohnt und repräsentiert wurde im ersten Stock des U-förmigen Baus, während das Erdgeschoss der Arbeit vorbehalten war. Die gewebten Stoffe wurden dort in Fässern mit Wasser und Pottasche eingeweicht und draußen auf der Wiese zum Bleichen ausgebreitet, bevor sie als wertvolles Exportgut in die damals erreichbare Welt gingen.

Über viele Generationen blieb das Schloss im Familienbesitz. Erst 1945 endete die Zeit der Gottfried’schen Erben in Wernersdorf. Vorläufig jedenfalls. Denn genau 60 Jahre nach Kriegsende erwarb Hagen Hartmann, jüngster Enkel der letzten Bewohnerin, zusammen mit seiner Frau Ingrid den inzwischen verwahrlosten Landsitz aus polnischem Privatbesitz zurück und machte dessen Zukunft als Hotel zum Familienprojekt.

Es existierten nur noch Bilder, Beschreibungen, Erinnerungen

„Das Haus war praktisch eine Ruine“, erinnert sich Christoph Hartmann, Sohn des saarländischen Ärztepaares. „Viele der Fenster bestanden aus Plastikfolie, die Decke des heutigen Restaurants war gar nicht vorhanden.“ Was die Restaurierung des Anwesens erschwerte: Es existierten keine originalen Pläne, nur Bilder, Beschreibungen, Erinnerungen. „Auf dieser Basis haben wir versucht, das zu erhalten, was erhaltenswert war, oder es in einen möglichst originalen Zustand versetzt.“ Anderes wurde modern oder neu gemacht.

Es brauchte dann auch mehrere Jahre, bis die verfallene Leinenbleiche zu dem Schmuckstück von heute wurde. Seit seiner Eröffnung 2012 empfängt der edel herausgeputzte Schlossbau Gäste, die unaufgeregten Luxus und entspannende Ruhe gleichermaßen zu schätzen wissen – als kleines, feines Hotel mit 19 ganz individuell eingerichteten Zimmern.

Neues trifft da auf Altes, modernes Design geht mit antikem Mobiliar eine Verbindung ein. Kein Zuviel an Deko oder Farbe lenkt die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ab, das sich in der hochwertigen Ausstattung der Räume zeigt, im warmen Holz der Fußböden wie im kühlen Marmor der teils offenen Bäder.

Für die Gäste, die sich fühlen wie Schlossherren auf Zeit, mag der Tag mit einer sportlichen Runde im Pool beginnen, der sich den Anbau mit Sauna und Fitnessraum teilt. Oder es geht gleich zum Frühstück auf die große Terrasse oder ins Restaurant, das schon ein Versprechen für den Abend gibt: Dann setzt man sich in der eleganten Atmosphäre rund um den offenen Kamin an den Tisch, voller Vorfreude auf die moderne Interpretation einer polnischen Küche, die in Rippchen vom Wildschwein aus heimischen Wäldern oder Champagnerhefesuppe mit Königsberger Piroggen ihren Ausdruck finden könnte.

Aber bis zum Abend bleibt noch viel Zeit, um auf eine erste Entdeckungstour im Hirschberger Tal zu gehen, das sich, eingefasst von Teilgebirgen der Sudeten, zu Füßen des Riesengebirges erstreckt – eine liebliche hügelige Gegend, bedeckt von Weiden, Äckern und Wald, in der holprige Landstraßen durch kleine Dörfer führen. Und die perfekte Kulisse für eine einzigartige Schlösser- und Parklandschaft, die hier nach ihrer Blüte im 19. Jahrhundert gerade eine Renaissance erlebt.

Ein Magnet für Künstler und Adlige

Mit dem Grafen und der Gräfin von Reden fing damals alles an. Ihr in den 1790er-Jahren im klassizistischen Stil umgebautes Anwesen in Buchwald (Bukowiec), zu dem sich wenig später ein englischer Landschaftspark gesellte, sollte sich bald schon zum Magneten für Künstler und Berliner Adlige entwickeln. Und nicht nur das. Buchwald wurde zur Inspirationsquelle für zahlreiche Angehörige des preußischen Adels, die kamen, um zu bleiben.

Viele der Schlösser, Burgen und Herrenhäuser des Hirschberger Tals bekamen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts neue Besitzer, wurden umgebaut und mit prachtvollen Parkanlagen geschmückt. Wobei berühmte Baumeister wie Karl-Friedrich Schinkel und Hofgärtner Peter Joseph Lenné ihre Handschrift hinterließen.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verblasste die ganze Noblesse, Schlösser und Parks verfielen. Bis einige polnische und deutsche Idealisten anfingen, das vergessene Tal ins Leben zurückzuholen. Wie die von Küsters, die sich vor 20 Jahren vom Anblick ihres in Trümmern liegenden einstigen Familienbesitzes nicht entmutigen ließen.

Heute ist Łomnica (Lomnitz) Ziel vieler Touristen, die im Hofladen des Gutshofs schlesisches Leinen kaufen, das Museum im Hauptschloss besuchen oder sich vor dem romantischen Witwenschloss zum Essen niederlassen. Im Auge das Grün des Parks, zwischen dessen Bäumen sich, zerlegt in Puzzleteile, die Fassade vom Pałac Wojanów (Schildau) am anderen Bober-Ufer blicken lässt.

Wo heute in dem nach einem Brand neu erbauten Märchenschloss ebenfalls Hotelgäste Logis beziehen, residierte einst Prinzessin Luise, während Papa Friedrich Wilhelm III. im nahen Schloss von Erdmannsdorf die Sommerfrische genoss.

Ebenso wie viele Schlösser wurde in jüngerer Vergangenheit auch das historische Zentrum von Jelenia Góra, das einstige Hirschberg und „Hauptstadt“ des Hirschberger Tals, aufwändig saniert. Eine Augenweide ist da der Markt (Plac Ratuszowy), in dessen Mitte das klassizistisch gewandete Rathaus steht, eingerahmt von einer Garde farbenfroher giebelgekrönter Laubenhäuser aus Barock und Rokoko, in denen einst die reichsten Bürger der Stadt, Kaufleute und Händler, zu Hause waren. Ein perfekter Ausgangspunkt für eine Stadtbesichtigung und ein guter Ort für eine Pause in den netten Terrassencafés.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Schloss Wernersdorf und vom Polnischen Fremdenverkehrsamt.

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