Kleine Fluchten

Saalfelds größte Attraktion liegt unter der Erde

Von Feenstaub und goldenen Gänsen: Seit genau 100 Jahren erkunden Besucher in Thüringen die „farbenreichste Schaugrotte der Welt“ und stärken sich danach in der „Güldenen Gans“.

Foto: Jan-Peter Kasper / pa/dpa

Lisa streut aus einer Kugel goldenen Feenstaub auf ihren Handteller und pustet ihn behutsam über die Köpfe ihrer Gäste. Ob das verzückte kleine Mädchen oder deren eher als cooler Typ daherkommender Papa – alle glitzern nun, und alle dürfen sich was wünschen.

Lisa ist nämlich eine Mondfee, 240 Jahre alt, also eine der jüngsten unter ihresgleichen. Nur wenn sie für ihren Abschluss als Tourismuskauffrau büffelt, ist sie Azubi Lisa Halluschky, und dann kann sie auch nicht mehr zaubern.

Die Mondfee lebt und schwebt mit ein paar Kolleginnen im Feenweltchen über den Saalfelder Feengrotten. Wer nicht an Feen, Elfen und andere Wald-Wesen glaubt, der sieht in ihnen schlichtweg mit Flügeln und Tüllkleidchen ausgerüstete Animateurinnen, der findet Hörstationen und diverse Spielgeräte.

Wer sich aber von der Anderswelt bezaubern lässt, der lauscht den Märchen über die Waldbewohner, der entlockt Instrumenten wunderliche Klänge oder verlässt das Feenwipfelschloss fliegend über eine lange Rutsche. Oder er lässt sich Feenkringel ins Gesicht pinseln. „Vorsicht, das kitzelt jetzt ein bisschen“, warnt Lisa und dekoriert ihr Gegenüber, mit dem sie gemeinsam in einer kleinen Hütte sitzt, mit Ornamenten in Pink und Violett und ganz viel Glitzer. Und weil ganze Familien so bekringelt werden, kann man in Saalfeld schon mal fantastisch geschminkte Menschen treffen.

Und historische gekleidete auch: einen Ratsherren, einen Mönch, Stadtwachen, Mägde, die Bürgersfrau – sie alle sind Stadtführer, und wer mit ihnen unterwegs ist, kann viel entdecken. Zugegeben, Saalfeld steht in der Thüringen-Statistik weit hinter Reisezielen wie Weimar, Erfurt oder Eisenach, und die Feengrotten sind in der Liste der 15 wichtigsten Besuchermagneten auch nicht zu finden.

„Steinerne Chronik Thüringens“

Was nicht heißt, dass eine kleine Flucht in dieses Städtchen, das sich gern auch „Steinerne Chronik Thüringens“ nennt, ins Leere führen würde. Fast alle Bauepochen haben ihre Beispiele im Stadtbild zurückgelassen: Die Burg „Hoher Schwarm“ steht noch als Ruine da. Das Stadtmuseum im Franziskanerkloster präsentiert sich zwar als Sammlung nicht besonders spannend, aber als Bauwerk schon, zumal man bei Führungen bis auf den Dachboden klettern darf.

Viel echte Renaissance ist noch zu sehen. Das Schloss aus dem 18. Jahrhundert lädt in seine barocke Kapelle. Und die Geschichten dazu erzählen die Stadtführer, laden zum Umtrunk im Bierkeller, zum Platznehmen in der Kutsche, zum kulinarischen Rundgang, zur Nachtschwärmerei – oder einfach nur dazu ein, sich in der Stadtinformation am Markt Audio-Guides auszuleihen.

Der würdevoll gewandete Ratsherr – „Ich bin Bergherr Jeremias Ehrenreich“ – führt sein Touristentrüppchen gerade in das Restaurant „Güldene Gans“ am Markt. Dass der echte Bergherr einst hier ein- und ausging, ist wahrscheinlich. Das Gasthaus bestand nämlich bereits 1543, die Grundmauern sind noch älter. Überliefert ist, dass hier anno 1547 der Kurfürst Johann Friedrich I. auf Geheiß Kaiser Karls V. gefangen gehalten und aus einem einstürzenden Gewölbe gerettet wurde. Bis auf zwei Jahrzehnte Unterbrechung wurden hier über 450 Jahre lang Gäste bewirtet.

In der „Güldenen Gans“ stehen André Dubrow und Jan Fischer gemeinsam am Herd. Sie teilten die Gewölbe in das französisch angehauchte Gourmetrestaurant „Kurfürstenkeller“, zu dem auch der Genussgarten im Innenhof gehört, und in die Thüringer Stube, wo regionale Küche aufgetischt wird. In beiden Restaurants werden keine Fertigprodukte verwendet, die Kloßmasse wird selbst gerieben und die Nudeln im Haus produziert.

Ein halber Michelin-Stern für die „Güldene Gans“

Dieser Aufwand findet Anerkennung. Zum dritten Mal in Folge wurde die „Güldene Gans“ mit dem Bib Gourmand, dem halben Michelin-Stern, dekoriert. Das ist für Thüringen, wo nur zwei ganze Sterne leuchten, durchaus ein guter Platz. Dass die „Güldene Gans“ damit aus dem Saalfelder Standard ausbricht, ist unumstritten – und gewollt. So findet man auf den beiden Karten auch Gerichte, die man in der Kleinstadt kaum erwartet: Mufflonpastete mit Preiselbeer-Pannacotta oder handgeangelte Lachsforelle mit Bärlauchfarce. Selbst die Desserts verbinden Exklusivität und Regionalität: So gibt es unter anderem Saalfelder Bier-Eis aus dem Gerstensaft der ortsansässigen Brauerei.

Die „Güldene Gans“ nistet im Keller des „Hotels Anker“, das deshalb nur als Garni fungiert. Insofern kann auch das Hotel einige Jahrhunderte Gasthaus-Geschichte erzählen. Aus der ganz alten Historie haben kaum Zeitzeugen das 21. Jahrhundert erreicht. Was heute an antiquarischen Stücken zu sehen ist, kam mit der Sanierung vor 20 Jahren ins Haus. Das – nicht zertifizierte – Hotel mit rund 50 Zimmern kann von sich behaupten, das erste Haus am Platze zu sein. Die Zimmer mit Blick auf den Markt geben sich rustikal-romantisch, die zum Hofe hin sind einfach nur aus den Neunzigern.

Führungen kann man auch mit Bertha Margarethe Mützelburg machen. Sie war die Gattin des Berliner Kaufmanns Adolf Mützelburg, dem seit 1912 die Grube „Jeremias Glück“ gehörte. Den würde wahrscheinlich niemand mehr kennen, hätte es nicht die Entdeckung vom 22. Dezember 1913 gegeben. Wissenschaftler suchten am Berg heilende Quellen und stießen auf Hohlräume. Die waren zwar von Menschenhand entstanden, aber von der Natur dekoriert worden.

Von 1530 bis 1850 wurde in der Grube Alaunschiefer abgebaut. Immer dort, wo die Bergleute ihre Arbeit beendeten, hatten die von der Decke ungestört herabfallenden Wassertropfen Gelegenheit, Tropfsteine wachsen zu lassen. Von deren Schönheit beeindruckt – und wohl auch auf ein Geschäft hoffend – fasste Mützelburg den Entschluss, die Grotten für jedermann zu öffnen. Er ließ Geländer montieren, Stufen bauen und elektrisches Licht legen. Pfingsten 1914 waren die Tiefen empfangsbereit.

Filmkulisse und Forschungsthema

Seitdem dienten die Höhlen nicht nur als Ausflugsziel für bislang rund 18 Millionen Neugierige, sondern auch als Heilstollen und Luftschutzbunker, als Mineralwasserquelle und Standesamt, als Filmkulisse und Forschungsthema. 1993 wurden sie im Guinness-Buch der Rekorde sogar als „farbenreichste Schaugrotte der Welt“ geadelt.

Das Jubiläum 100 Jahre Schaubergwerk Feengrotten wird natürlich dieses Jahr gebührend gefeiert. Um sich dabei nicht zu blamieren – und weil Thüringen auch anderswo reich mit sehenswerten Höhlen ausgestattet ist – musste in den abgewirtschafteten Anlagen viel passieren. Nach dem Feenweltchen wurde das Erlebnismuseum Grottoneum geschaffen. Hier lässt sich ergründen, wie steter Tropfen den Stein baut.

Höhepunkt jeder Saalfeld-Visite ist aber nach wie vor der Aufenthalt in der Tiefe. Nach dem obligatorischen Gruppenfoto geht es hinein in den Berg. Wer im Gefolge der plaudernden Bertha Margarethe Mützelburg durch die Höhlen wandert, den versetzt sie auch mal in die Situation der Entdecker. Dann schaltet sie die elektrische Beleuchtung aus, und alle versuchen, sich im spärlichen Schein der Grubenlaternen zu orientieren.

Feucht ist es und rund ums Jahr etwa acht Grad kühl. Überall ist das Tropfen zu hören, hier und da erklingt Musik, die Beleuchtung lässt Szenerien erwachen und erneut ins Dunkel tauchen … Wer aufmerksam ist, wird Wunderwesen begegnen. Nur eben nicht Lisa. Die hat draußen Feen-Dienst.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Saalfelder Feengrotten und Tourismus GmbH.