Abenteuer

Schlafen auf einem Ponton überm Great Barrier Reef

Wer auf einem Korallenmeer vor Australiens Küste übernachtet, braucht Mut und Muße. Ein Zelt und ein warmer Schlafsack helfen auch.

300 Personen passen auf die „Sunlover“, die sich jeden Tag auf den Weg zum Pontonriff macht.

300 Personen passen auf die „Sunlover“, die sich jeden Tag auf den Weg zum Pontonriff macht.

Foto: Stefanie Bisping / Bisping

Cairns.  Am Nachmittag liegt Schweigen über dem Riff. Allen Lärm hat die „Sunlover“ mit sich genommen: das Klatschen, mit dem Kinder von der Rutsche ins Wasser tauchen; das Lachen der chinesischen Urlauber, die mit Victory-Zeichen für die Kameras ihrer Smartphones posieren; das Motorengeräusch des Hubschraubers, der von einem zweiten Ponton zu Rundflügen über dem Riff abhebt; die Pfiffe der Bademeister, wenn ein Schwimmer sich hinter das Seil verirrt hat. Bis zum nächsten Vormittag gehört das Riff dem Grüppchen, das auf dem eine Bootsstunde vor Cairns gelegenen Ponton übernachten wird.

Chris Mcquillen, der sich auch nach mehr als 5000 Tauchgängen am Moore-Riff – und etwa ebenso vielen an anderen Abschnitten des Great Barrier Reef – nicht satt gesehen hat an der Unterwasserwelt, hebt das Seil und entlässt seine drei Schnorchler in die Freiheit.

Von Schauergeschichten hält Chris nichts

Chris weiß, wo orange-weiße Clownfische heimisch sind und wo die größten der Riesenmuscheln liegen, um deren bunte Lippen sich allerhand Mythen ranken: etwa, dass sie manch Schnorchler-Hand, die zwischen sie griff, unbarmherzig festhielten, bis ihr Besitzer ertrank. Chris hält von Schauergeschichten so wenig wie von Grenzüberschreitungen gegenüber Meeresbewohnern. Er freut sich, die bedrohten Muscheln zu sehen und zu zeigen.

Blau-gelbe Doktor- und türkisfarben und grün leuchtende Papageifische ziehen vorbei. Vor uns taucht ein Napoleon-Lippfisch von der Größe eines Kinderfahrrads auf. Es ist das dominierende männliche Exemplar, das regelmäßig in seinem Revier anzutreffen ist. Chris deutet nach vorn. Eine Grüne Meeresschildkröte paddelt durchs Wasser. Ganz nahe lässt sie uns an sich herankommen. Chris erkennt sie an einer Einkerbung in ihrem Panzer, die ein Boot oder ein Hai hinterlassen hat, erzählt er später; das Tier sehe er häufig.

Unter Wasser wartet hier eine farbenreiche Parallelwelt

Und es schwimmt tatsächlich zutraulich auf ihn zu. Zwei weiteren Grünen Meeresschildkröten begegnen wir, während wir uns treiben lassen, den Knistergeräuschen des Riffs lauschen und schauen: Fische in allen Farben und Größen, weitere Riesenmuscheln, schließlich eine Schlucht zwischen zwei Korallenbänken, in der es von Fischen wimmelt – eine farbenreiche Parallelwelt. Auf den Bänken liegt aber auch totes Holz – oder etwas, das so aussieht.

„Das sind tote Korallen“, erklärt Chris zurück auf dem Ponton. Zwar sei dieser Teil des Riffs seiner Auffassung nach sehr widerstandsfähig, weshalb man wenige Schäden ­sehe. Doch das Great Barrier Reef, mit 2300 Kilometern Länge das größte Korallenriff der Erde und seit 1981 Unesco-Weltnaturerbe, hatte zuletzt viel auszuhalten.

Die Unterwasserwelt ist das wichtigste Kapital der Region

Nach ex­tremer Korallenbleiche im vergangenen Jahr, als die Wassertemperatur durch einen starken „El Niño“-Effekt am nördlichen Abschnitt der Küste wochenlang bei 30 Grad oder darüber lag, fehlte eine Erholungsphase, bevor sich das Meerwasser dieses Jahr neuerlich stark ­erwärmte – diesmal auch im mittleren Bereich des Riffs. Sechs, acht, manchmal zwölf ­Wochen halten Korallen das aus, bevor sie die „Zooxan­thelle“ genannte Alge abstoßen, mit der sie eine Symbiose bilden und die ihnen die Farbe verleiht; dann verblassen und sterben sie.

„In einigen Gebieten habe ich große Veränderungen gesehen, hier weniger“, sagt Chris. Seit Wochen misst das Wasser 26 bis 27 Grad. „Das ist noch etwas warm, aber bei ­dieser Temperatur ist die Koralle ganz zufrieden.“ Es ist nicht nur Berufsoptimismus, der sich durch die Abhängigkeit der Riff-Metropole Cairns von der Tourismusindustrie erklärt, deren wichtigstes Kapital die Unterwasserwelt ist.

Die Belastung mit Kohlendioxid macht den Korallen Probleme

Für jemanden, der wie er den wichtigeren Teil seines Lebens im Meer verbringt, wäre das Ende des Riffs eine persönliche ­Katastrophe. Doch es habe schon viele klimatische Veränderungen überdauert. Allerdings keine so massive, fügt er gleich hinzu, die in so kurzer Zeit entstand.

Neben dem globalen Problem der Erderwärmung bereitet die Belastung mit Kohlendioxid den Korallen Pro­­bleme; sie macht sie brüchig, was Ende März wiederum für Schäden durch den Zyklon „Debbie“ sorgte. So ­kamen mit erhöhten Wassertemperaturen, ­intensiven Stürmen und der Versauerung des Meeres gleich mehrere vom Menschen verursachte Faktoren zusammen.

Berückend ist die Ruhe nach dem Trubel

Immerhin sind einige der schmutzigsten Minen des weltweit viertgrößten Kohleexporteurs Australien ­geschlossen worden – gleichwohl nicht aus Sorge um die Umwelt, sondern weil die Nachfrage auf dem Weltmarkt sank. Als zweitwichtigstes Exportgut nach Eisenerz erschwert diese den Klimaschützern dennoch ausgerechnet an der an Naturwundern so reichen Küste Queenslands die Argumentation.

Im Hier und Jetzt ist es einfach, ­solche unangenehmen Tatsachen zu verdrängen. Zu berückend ist die Ruhe nach dem Trubel des Tages. Jeweils 300 Menschen passen auf die beiden Schiffe der Sunlover Reef Cruises, eines macht sich pro Tag auf den Weg zum Ponton. Die größte Besuchergruppe stellen Chinesen.

Für die Crew sind die Tagestouren Bildungsmissionen

Während der wogenreichen Passage werden die Ausflügler in Grundsätzlichem unterwiesen. Crew-Mitglieder erklären, in welche Richtung die Flossen am Fuß zeigen sollten und dass das Betreten der Korallenbänke unbedingt verboten ist; nebenbei sammeln sie gefasst Spuckbeutel ein. Die Tagestouren begreifen sie auch als Bildungsmission: Wer die Wunder des Riffs erst gesehen hat, wird sie schützen wollen, glaubt Unterwasserexperte Chris.

Nur ein australisches Paar von der Gold Coast schlägt heute auf dem Ponton sein Nachtlager auf. Eigentlich wollten die beiden am ­Wochenende zuvor auf dem Riff nächtigen, doch das Wetter machte einen Strich durch die Rechnung. Ist das Meer zu unruhig, wird der „Reef Sleep“ abgesagt. Heute liegt das Wasser fast spiegelglatt – ideale Voraussetzungen für einen ruhigen Abend auf dem ­Great Barrier Reef. 18 Menschen können auf dem 45 Meter langen Ponton übernachten; auch exklusiv ist es zu mieten, wovon auch häufig Hochzeitspaare Gebrauch machen.

Das Zeltdach lässt sich aufklappen und öffnet den Blick zum Himmel

Bei so geringer Gästezahl wie heute erfordert der Reef Sleep minimalen Personalaufwand. Luke Smith aus Liverpool, seit sieben Jahren am und auf dem Riff heimisch und seit bald zwei Jahren für den damals neu eingeführten Reef Sleep verantwortlich, komplettiert die Besatzung. Luke ist Tauchlehrer und Sanitäter, und er weiß, wie man „Swags“ aufschlägt, eine Art Kompromiss zwischen Schlafsack und Einmannzelt, den Aus­tralier zum Camping nutzen.

Das Dach des Swags lässt sich zurückklappen und öffnet den Blick zum Himmel. Luke baut die Swags Richtung Sonnenaufgang auf und bindet sie an der ­Reling fest. Später wirft er den Grill an, öffnet Weinflaschen, grillt Fisch und Steaks – und er redet, am liebsten über Fische.

Schon lange keine Attacke mehr durch einen Tigerhai

Kurz vor Sonnenunter- und nach Sonnenaufgang sei die Unterwasserfauna am besten zu beobachten, sagt er. Am Abend versteckten sich kleinere Fische vor Haien in den Korallen. Luke kennt die Ängste seiner Gäste und ­erklärt, dass es eine Attacke durch einen ­Tigerhai hier sehr lange nicht gegeben habe. Mit Begeisterung spricht er von den dekorativen Falterfischen: „Dass wir hier so viele sehen, ist ein Zeichen für die Gesundheit des Riffs.“

80 Prozent des nördlichen Riffs ­seien tot, wurde Ende 2016 bisweilen gemeldet. Luke glaubt das nicht. „So etwas ärgert mich. 80 Prozent wovon? Von welchem Riff, welchem Gebiet, wer hat das alles untersucht?“ Aber auch er sieht Veränderungen. „Im vergangenen Jahr habe ich noch gesagt, das passiert jedes Jahr, so wie im Herbst das Laub von den Bäumen fällt. Das heißt schließlich auch nicht, dass die Bäume tot sind. Aber es war eine massive Bleiche, und nun war es wiederum eine massive.“

Ein großer Vollmond steht am ­klaren Himmel

Um 21 Uhr schaltet Luke den Strom ab. Ein großer Vollmond steht am ­klaren Himmel. Luke erzählt, wie sich frühe Siedler anhand der Sternbilder der südlichen Hemisphäre orientierten. Als die Gespräche verstummen, wird das Meer laut. Vernehmlich schlägt es an die Plattform, dieses winzige Stück Blech in einem gewaltigen Ozean.

Der nächste Morgen beginnt früh – und still. Den Generator stellt Luke erst an, wenn er Kaffee kocht, Eier brät und Müsli und Früchte arrangiert, als wäre das Deck ein Hotel. Wir zwängen uns in klammes Neopren und gleiten ins Meer. Die Sonne lässt das Wasser leuchten, und alle Fische sind schon da.

Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit Singapore Airlines von Frankfurt nach Cairns.

Übernachten z. B. Hotel Hilton Cairns. DZ ab 107 Euro. 34 Esplanade, Cairns City, www3.hilton.com

Reef Sleep Die Riff-Übernachtung bietet nur Sunlover an. Sie kostet mit Mahlzeiten, Ausrüstung und Glasbodenboot-Tour p. P. 499 austr. Dollar (ca. 333 Euro). www.sunlover.com.au

Auskunft www.queensland.com

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Tourism Queensland und Singapore Airlines.)

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