Mittelamerika

El Salvador, kleines Land mit großartiger Natur

Etwa nur so groß wie Hessen: El Salvador bietet sattgrüne Landschaften mit tiefblauen Vulkanseen – und das Vermächtnis alter Untergrundkämpfer.

El Salvador ist das kleinste Land Zentralamerikas, von seinem Nationaldichter Roque Dalton liebevoll "der Däumling" genannt. Doch ebenso wie Dalton einst von Militärs gejagt und schließlich 1975 von seinen linken Genossen ermordet wurde, assoziiert man bis heute mit El Salvador vor allem Todesschwadrone und Bürgerkrieg.

Dieser ist allerdings bereits 1992 zu Ende gegangen, auch stellen die Ultrarechten nicht mehr die Regierung; als Präsident amtiert seit 2009 der beliebte und dynamische Sozialdemokrat Mauricio Funes. Doch muss man all dies tatsächlich wissen, wenn man doch vor allem hierhergekommen ist, um atemberaubende sattgrüne Berg- und Tal-Landschaften und blau leuchtende Vulkanseen zu genießen?

Kann man in der nahe gelegenen Kleinstadt Juayúa sich nicht einfach in das Getümmel des Wochenendmarktes stürzen, wo links gewebte Tücher und rechts knusprige Pupusas (das beliebte Tortilla-Nationalgericht) verkauft werden, vorn aus einem Pavillon Latino-Pop dröhnt und hinten die Kirchenglocken läuten, während fremde Leute uns mit freundlichem „Hola, que tal?“ begrüßen?

Neben dem Kirchenaltar mit der leidenden Christus-Statue aber zeigt ein Plakat eine Hand am Revolvergriff und warnt in biblischer Sprache: „Wo ist dein Bruder? Er ist dein Blut und von deinem Volk. Im Namen Gottes: Ändere dich!“

Gott sei Dank ist unser Reiseführer Jorge Drago aus anderem Holz geschnitzt. Der 40-Jährige, der einst als Gastschüler im Allgäu Deutsch gelernt hat, schätzt allein seine ganz besondere Dreieinigkeit: El Salvador, Frauen und Bier.

Dass er gleichzeitig am liebsten Hermann Hesse liest und sich als Student an Husserls Phänomenologie abgearbeitet hat, verrät der gutmütig-korpulente Macho freilich erst mit der Zeit, was übrigens auch gut zur Landschaft passt – hinter jeder Wegbiegung ein neuer, unerwarteter Ausblick. Dort der hauptstädtische Hausvulkan San Salvador, wenig später im Westen dann die sich in den wolkenlosen Himmel streckenden Vulkane Izalco und Santa Ana.

Und ehe wir uns versehen, sind wir im Auto auch schon ganz nahe dem Rio Paz und der guatemaltekischen Grenze – und werden über einen von Palmen flankierten Schotterweg geradewegs in eine Unterkunft gebracht, die der schwerreiche Unternehmer Marcos Batres errichtet hat: Bungalows im terrassenförmig abgestuften Dschungel, zu denen je ein eigenes Thermalbecken gehört.

Aufsteigender Dampf vermischt sich mit dem würzigen Aroma gerösteten Kaffees, während ein Wächter in Unicef-T-Shirt und mit abgesägter Flinte das Miniatur-Paradies bewacht. Jedes der Becken ist von verführerischen Steinnymphen beschirmt, und gern geben wir zu, dass dieser Geheimtipp ungleich interessanter ist als die eher spärlichen Maya-Pyramidenüberreste der archäologischen Stätten im nahen Tazumal oder Chalchuapa.

Jeder Tourist verhilft El Salvador zurück zur Normalität

Fast überflüssig zu sagen, dass wir uns auf dem Rückweg nach San Salvador im noblen Gartenrestaurant „El Jardín de Celeste“ an saftigen Rindersteaks gütlich tun und als Dessert zwischen acht Mango-Sorten wählen können. Gleichzeitig fragen wir uns, ob dies nicht auch etwas zutiefst Frivoles ist: Als frohgemuter Gourmet durch ein Land zu reisen, in welchem bis vor knapp 20 Jahren ein blutiger Bürgerkrieg mit geschätzten 70.000 Opfern getobt hatte?

„Mit jedem Reisenden, mit jedem Vulkan-Kraxler oder Surfer am Pazifik kehren wir in die Normalität zurück“, entgegnet Jorge und setzt hinzu: „Und natürlich auch mit jedem Bier.“ Sein Zynismus ist allerdings nur vorgeschoben, denn schon am nächsten Tag folgt bei einer Visite der Hauptstadt San Salvador die geballte Ladung Historie:

In der immensen Kathedrale im Stadtzentrum hatte einst der legendäre Erzbischof Romero gepredigt, ehe er 1980 von rechten Todesschwadronen ermordet worden war.

Straßenhändler haben den Platz vor dem Parlament in Besitz genommen, Frauen mit pittoresk ausladendem Gesäß wühlen in bunten Schnäppchen-Körben, in der offenen Tür einer Apotheke wirbt ein junger Mann für Mobiltelefone und lockt die Käufer mit dem scheppernden Rambazamba aus seinem Miniatur-Lautsprecher, während vis-à-vis das lange heruntergekommene Nationaltheater in neuem Glanz erstrahlt.

Es bleibt dabei den ehemaligen Widerständlern überlassen, in einem kleinen Museum an den kulturellen Reichtum des Landes zu erinnern, das trotz allem Zwist immer wieder bedeutende Schriftsteller und Maler hervorgebracht hat.

Am interessantesten im täglich geöffneten „Museo de la Palabra y la Imagen“ aber ist wohl der Herr des Hauses, ein durchtrainierter, grau melierter Sechziger, der zu Zeiten des Bürgerkriegs unter dem Namen „Santiago“ als landesweit bekannte Stimme des verbotenen Radiosenders „Venceremos“ aus den Dörfern und Bergen im Osten sendete.

Bier-Limonen-Aperitif mit einheimischen Oktopus

Und heute? Diskutieren der elegante Ex-Guerillero und Jorge angeregt darüber, wo man dem deutschen Besucher das beste Mittagsmahl vorsetzen könnte. „Natürlich im ,La Hola Betos', dort kriegt er diesen leicht salzigen Bier-Limonen-Aperitif und dazu den großartigsten Oktopus des Kontinents. Apropos, wollen wir danach ans Meer bei La Libertad fahren? Sind nicht mal zwei Stunden bis dahin…“

El Salvador und die Liebe zur Improvisation, die genauso groß erscheint wie die Entfernungen geringfügig. Wir entscheiden uns am nächsten Tag für die Fahrt nach Perquin in den waldreichen Osten des Landes, wo einst die Guerilla herrschte und heute „Santiagos“ alte Freunde ein beeindruckendes Freilicht-Museum betreiben, das an den damaligen Kampf der Bauern erinnert.

Garfield neben Jungfrau Maria und Che Guevara

Bedeuten nun die Che-Guevara-Bildchen, die gleich am Eingang verkauft werden, dass hier nostalgische Kommunisten am Werk sind?

Nichts weniger als das, denn jeder Ansässige ist tief gläubig und trägt ein silbernes Kruzifix, während die Che-Konterfeis in trauter Nachbarschaft liegen zu Bildern der Jungfrau Maria und – Garfield. El Salvador mag ein kleines Land sein, aber es ist in seinem Nebeneinander von Religion und Bürgerkrieg, verzauberter Natur und realem Straßenleben so magisch wie schön.

Die Reise wurde unterstützt von der Organisation zur Förderung des Tourismus in Zentralamerika (CATA) und Taca.