Kurische Nehrung

Reisen in Litauen: Mit dem Rad durch die Sahara der Ostsee

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Henrik Jacobs

Litauen bietet an der Küste eine der spektakulärsten Landschaften Europas, die mehr als nur die Geschichte des Baltikumstaats erzählt.

Vilnius. Die Kräne der Hafenstadt Klaipeda leuchten im Hintergrund auf, als Alfredas Matutis anfängt, seine Geschichte zu erzählen. Der 52-Jährige steuert eine deutsche Reisegruppe mit seinem Kleinbus an die Ostseeküste Litauens. Dem Land, das so viele Geschichten zu erzählen hat, dessen Geschichte aber so selten thematisiert wird. Und die man am besten mit einer Fahrradtour an der Küste erleben und verstehen kann.

Kein anderer Ort in dem kleinen Baltikumstaat eignet sich besser als Ausgangspunkt für eine historische Reise durch das Land als die Stadt Klaipeda, die früher Memel hieß und bis 1918 die nördlichste Stadt des deutschen Kaiserreichs war. „Als ich hier zur Schule ging, haben wir nicht so viel gelernt über unsere Geschichte“, sagt Matutis. Dabei kann man viel lernen über die europäische Vergangenheit, wenn man das Land mit seiner vielfältigen Historie bereist. Matutis schaut verträumt aus dem Autofenster. „Man müsste viel mehr in den historischen Tourismus investieren.“

Seit 1990 ist Litauen wieder unabhängig

Gesagt – und schon vor vier Jahren getan. Zusammen mit seiner Frau, einer Geschichtslehrerin, gründete Matutis ein kleines Unternehmen für Radtouren. „Wind“ heißt ihr Reisebüro, für das der gelernte Bankkaufmann seinen Job bei der Scandinavian Bank aufgegeben hat. Jetzt repariert er hauptsächlich die Räder der Touristen. Und ist glücklich über seine Entscheidung.

„Die Arbeit hilft uns zu verstehen, wer wir sind und wo wir herkommen“, sagt Matutis, der heute jede Jahreszahl nennen kann, wann Litauen mal den Deutschen, mal den Polen oder einmal mehr den Russen zugesprochen wurde. Seit 1990 ist Litauen wieder unabhängig. Und tut heute viel, um seine Geschichte mit Touristen zu teilen. Ganz nebenbei reisen die Besucher durch ein Land mit einer diversen Natur, wie man sie in einer so großen Vielfalt auf so kleinem Raum nur selten findet.

Die meisten Touristen, die bei „Wind“ eine geführte Radreise buchen, kommen aus Deutschland. Matutis holt sie zunächst mit dem Kleinbus aus Vilnius ab, bevor er sie zur Küste bringt. Es lohnt sich, in der Hauptstadt Zeit einzuplanen. Vilnius glänzt mit einer Komposition aus junger Szene und historischer Altstadt, die sich im Vergleich mit beliebten Zielen in Osteuropa wie Danzig, Tallin oder Riga nicht verstecken muss.

Palanga erinnert an Timmendorf

Matutis bringt die Reisenden nach einer Nacht in der Hauptstadt an die Ostsee. Bevor es von Klaipeda mit der Fähre auf den wohl schönsten Teil Litauens geht, die Kurische Nehrung, geht es nördlich nach Palanga. Das frühere Fischerdorf hat sich über die Jahre zu einem mediterranen Urlaubsort entwickelt, der mit seiner weitläufigen Promenade, den schicken Restaurants, dem langen Sandstrand und der breiten Seebrücke an Scharbeutz oder Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein erinnert.

Am meisten lernen über das Land kann man hier im berühmten Bernsteinmuseum auf einer Schlossanlage im botanischen Garten. Auf 750 Quadratmetern in 15 Räumen zeigen 28.000 Exponate, wie das starre Harz zu einem wertvollen Schmuck wurde und welche Bedeutung die Bernsteingewinnung für Litauen hatte. Die Kulisse des weißen Prachtbaus samt Rosengarten ist ein beliebtes Fotomotiv für Hochzeitspaare, genau wie die Steilküste auf der anschließenden Fahrt entlang der Ostsee. In den dichten Kieferwäldern kann man den Harz förmlich atmen und würde am liebsten selbst auf Bernsteinsuche gehen.

Nazibunker erinnert an Kriegszeit

Aber auch die deutsche Geschichte lässt sich aufsaugen, wenngleich sie keine schöne ist. Der 1939 erbaute Nazibunker Memel-Nord direkt am Ostseeufer erinnert an das dunkelste Kapitel der Deutschen in Litauen, als die Wehrmacht das Land besetzte und schwere Verbrechen gegen Minderheiten beging. Wer hier mit dem Fahrrad anhält, kann entweder direkt auf den endlos langen Sandstrand zusteuern – oder man biegt ab in den Bunker und lässt sich durch die düsteren Räume führen und historische Fotos, verstaubte Munition und verrostete Stahlhelme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zeigen.

Die Geschichte der Deutschen in Litauen begann allerdings schon früher, wenige Kilometer weiter westlich der Küste entlang. Im 13. Jahrhundert hatten deutsche Ritter die Stadt Klaipeda als Memelburg gegründet. Anfang des 19. Jahrhunderts war sie Residenzstadt des preußischen Königs. Vereinzelt sind die Spuren noch zu sehen. „Ich bin ein Fan dieser deutschen Architektur. Ich mag die Häuser. Sie erinnern mich an Danzig“, sagt Reiseguide Matutis, der die deutschen Gäste nach ihrer ersten Tour aus Palanga kommend am frühen Abend in Klaipeda erwartet. In den kleinen Kopfsteingassen pulsiert heute wieder das Leben, das Studenten, Kunstliebhaber und Kreuzfahrttouristen gleichermaßen anzieht.

Klaipeda hat viele Altbauten verloren

Wer durch die schmalen Straßen mit den vielen Restaurants spaziert, hört immer wieder deutsche Stimmen. Das Erbe der deutschen Vergangenheit ist allgegenwärtig. Viele Nostalgietouristen, die in der Stadt Wurzeln haben, besuchen heute das ehemalige Memel. „Sie suchen die Spuren ihrer Großeltern, Straßen und Häuser“, erklärt Matutis. Man sieht schnell, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört wurde. Die meisten Altbauten sind verschwunden und wurden nicht wieder aufgebaut. „Unsere Regierung hatte leider kein Geld für die Wiederherstellung. Es ist schade, dass wir interessante Gebäude und Kirchen verloren haben.“

Matutis liebt es, den Reisenden die Geschichte Litauens zu erzählen, während er die Räder präpariert. Es ist früh am Morgen, als der Höhepunkt der Tour durch die Historie des Landes mit einer zehnminütigen Fährfahrt auf die Kurische Nehrung beginnt. Fast alle Passagiere haben ihr Fahrrad mit an Bord. Auf die Reisenden wartet einer der geografisch spektakulärsten Strandabschnitte Europas.

Die 98 Kilometer lange Halbinsel, die an der breitesten Stelle nur vier Kilometer misst, gehört zur einen Hälfte zu Litauen und zur anderen zu Russland und ist der wohl schönste Teil der 200 Kilometer langen Radstrecke an der Ostseeküste des Landes. Aufgrund seiner einzigartigen Topographie wurde der Nationalpark im Jahr 2000 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Einziges Manko: Wer die beliebte Eurovelo-Route 10 durch die Kurische Nehrung fährt, freut sich über einen reifenfreundlichen Untergrund und schöne Waldabschnitte, bekommt von der besonderen Landschaft aber wenig mit, solange er nicht das Fahrrad stehen lässt. Wer genügend Zeit einplant und links und rechts die Augen aufhält, erfährt dafür eine Menge über diesen historisch bedeutsamen, schmalen Landstreifen. Seit 1945 gehört der 52 Kilometer lange Abschnitt zwischen Smiltynė und Nida zu Litauen, die südlichen 46 Kilometer zur russischen Oblast Kaliningrad, das zur preußischen Herrschaftszeit noch Königsberg hieß.

Dünen sind bis zu 67 Meter hoch

Weil man für den russischen Teil der Kurischen Nehrung ein Visum braucht, bleiben fast alle Touristen in der litauischen Hälfte. Diese reicht aber aus, um die wichtigsten Ziele zu besichtigen. Allen voran die beiden Wanderdünen, die einem bereits bei einem Fensterplatz im Flugzeug ins Auge fallen. Die Vecekrugas-Düne ist mit einer Höhe von 67 Metern der heimliche Star der Nehrung, auch wenn die meisten Touristen die 54 Meter hohe Parnidis-Düne bei Nida ansteuern. Beide gehören als Unesco-Weltkulturerbe zu den größten Wanderdünen Europas.

Wer im Sommer durch den heißen Sand auf ihre Hügel läuft, der versteht, warum dieser Ort oft als Sahara der Ostsee bezeichnet wird. 25 Grad meldet die Wetter-App, doch barfuß verbrennt man sich im Dünensand beinahe die Füße. Die braungebrannten Beine des Dünenrangers am Aussichtspunkt sind der Beweis, dass die Sonne nicht nur an diesem Tag scheint. Von hier aus genießt man zur einen Seite den Blick auf die raue Ostsee, zur anderen auf das still anmutende Kurische Haff.

Weiter geht es mit dem Rad Richtung Süden. Auf dem Weg lohnt sich ein Stopp am sogenannten Hexenberg in Juodkrante mit Holzskulpturen der litauischen Sage oder in einem der vielen Fischrestaurants. Architektur-Liebhaber erfreuen sich einfach nur an den traditionellen Holzhäusern der idyllischen Fischerdörfer.

Thomas Mann hatte ein Ferienhaus in Nida

Die meisten von ihnen sind in demselben Stil gebaut wie das berühmteste Bauwerk der Halbinsel: Das Thomas-Mann-Haus in Nida. Der deutsche Schriftsteller entdeckte diesen Ort auf einer Reise und baute sich ein Ferienhaus, in dem er zwischen 1930 und 1933 jeden Sommer verbrachte. Er schrieb an seiner Trilogie „Joseph und seine Brüder“, ehe die Nazis an die Macht kamen und Mann sein Feriendomizil verließ. Das Haus ist 90 Jahre später noch immer da und öffnet heute als kleines Museum seine Türen.

Die Kunst ist geblieben auf der Kurischen Nehrung. Als wichtiger Teil der litauischen Geschichte soll sie künftig wieder eine größere Bedeutung einnehmen und noch mehr junge Leute anziehen. Das freut vor allem Alfredas Matutis. „Die Zeiten ändern sich, die Architektur ändert sich, aber der Stil der Kurischen Nehrung sollte erhalten bleiben“, sagt er.

Nach fünf Tagen Radtour, die über das Kurische Haff mit alten Dörfern und modernen Surfcamps fortführt und schließlich im moorigen Memeldelta und der litauischen Seenlandschaft endet, bringt Matutis die Touristen zurück nach Vilnius. Er ist zufrieden. Auch wenn viele seiner Landsleute noch zu wenig wissen über ihre eigene Geschichte – seine Gäste haben in der kurzen Zeit umso mehr gelernt.