Wintersport

Tirol: Anfänger-Skikurs für Erwachsene – ein Test

Auch Erwachsene sollten das Experiment Anfänger-Skikurs wagen. In der Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental wird klassische Technik gelehrt.

Konzentration bei den Anfängern im Übungsbereich. Die Skilehrer tragen auffällige schräggestreifte Kombinationen in Rot-Weiß. Man kann sie stets um Rat fragen. 

Konzentration bei den Anfängern im Übungsbereich. Die Skilehrer tragen auffällige schräggestreifte Kombinationen in Rot-Weiß. Man kann sie stets um Rat fragen. 

Foto: FOTO: SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental / Wilder Kaiser

Ellmau. „Ich bin glücklich, hier zu arbeiten, guck dir das Panorama an! Und im Anfängerbereich passiert zum Glück auch nichts Schlimmes“, sagt Lukas. Der 32-Jährige ist Liftangestellter in Ellmi’s Winterwelt, einem kleinen Übungsareal für Skianfänger im österreichischen Ellmau. Er hat, passend zu seinem Spitznamen „Lucky“, rechts am Hals faustgroß ein Kleeblatt tätowiert. So viel Glück, Lucky, davon könnte doch für mich etwas übrig sein.

Denn hier findet in diesem Winter mein persönliches Experiment „Anfänger-Skikurs“ statt, auf das man sich als semi-sportliche Mittfünf­zigerin ruhig mal einlassen kann. Besonders wenn man dringend wissen will, ob der alpine Wintersport wirklich so überaus erholsam ist, wie die Leute sagen.

Eine Studie der österreichischen Universität Klagenfurt aus dem Jahr 2015 kam gar zu dem Ergebnis, dass Skifahren zu den Sport­arten gehört, die die intensivsten Glücksmomente bescheren. Die Österreicher müssen es ja wissen, sie betreiben in ihrem Bundesland Tirol mit der Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental zwischen Gipfeln des Kaisergebirges eines der größten Skigebiete der Welt – dafür schlossen sich neben Ellmau noch weitere acht Skiorte zusammen und verfügen nun über 284 Pistenkilometer, 90 Lifte, 77 Hütten, 21 Tal­abfahrten und vier Funparks.


Vielleicht braucht es für diesen Plan auch etwas Verrücktheit

Im Prospekt, den ich vor Abfahrt erhalten habe, stehen Kinder auf Skiern am Hang mit knallbunten Kunststoff-Figuren, und plötzlich sah ich mich in Gedanken in einem Kurs mit lauter Vier- bis Siebenjährigen. Die Rolle der Versager-Omi fürchtend, war ich fast geneigt, diesjährige Meldungen über abgegan­gene Lawinen in den Alpen vor­zuschieben und das Ganze abzusagen. Noch dazu warnte eine Bekannte: „Du musst wohl verrückt sein, wenn du das machst. Denk mal, wie schnell man sich etwas brechen kann. Das passiert Anfängern schnell, gerade in unserem Alter!“

Doch halt, kneifen gilt nicht, und so treffen an einem Donnerstagabend in der knapp 3000-Einwohner-Gemeinde Ellmau im Hotel Tirol Lodge zwölf Kursteilnehmer – zum Glück im Alter von Mitte 20 bis Mitte 60 – zusammen. Ab­solute Anfänger sind neben mir noch fünf weitere, die anderen sechs wollen einfach ihr Können etwas auffrischen.

Am kommenden Morgen werden im Skiverleih die Schuhe angepasst, dazu Ski, Stöcke und Helm. Bekleidung nebst Sonnenbrille und Handschuhen hat jeder mitgebracht und hoffentlich griffbereit in einer Jackentasche den Skipass, mit dem sich die Schwingtüren der Bergbahn wie durch Zauberhand öffnen.


Um die Entstehung des Namens Wilder Kaiser rankt sich eine Sage

Dann geht es in den Zehnergondeln der Hartkaiserbahn in die Höhe. Die verschneite Welt ist so wunderschön, dass allein der Rundumblick die Anreise gelohnt hat. Doch hoppla, was sind das für Flitzer, die sich da unten waghalsig über Abhänge stürzen? Das wird doch wohl nicht unsere Piste zurück ins Tal sein?

Jemand in der Gondel zeigt auf die Bergkette mit Namen Wilder Kaiser, um deren Entstehung sich eine Sage rankt: Es sei Karl der Große, der im Tode dort ruht – und wirklich erkennt man in der Gipfellinie das Profil einer liegenden Gestalt. An den Folgen eines Skiunfalls ist der Mann schon mal nicht gestorben, die Bretter, die die Piste bedeuten, wurden viel später erfunden. Das nennt man wohl die Gnade der frühen Geburt.

Unser Babykurs startet direkt hinter dem Ausstieg an der Bergstation im Lernbereich von Ellmi’s Winterwelt. Sieben Anfänger bilden einen Kreis. Geübt werden Ausfallschritt, Bein heben, Balance halten, mit dem Stock die Skibindung öffnen, damit man nach einem Sturz wieder hochkommt – wie bitte, ein Sturz war aber nicht eingeplant!?

In Österreich lehrt man übrigens wieder die natürliche Weise des Skifahrens, nachdem lange Zeit die Carving-Methode als elegant galt. Absolute Anfänger sollen die Technik leicht begreifen, das Gleiten auf Brettern wird so einfach und normal wie Gehen auf der Straße, heißt es. Mit etwas Schubkraft von der schiefen Ebene üben wir unsere Standfestigkeit, nach jedem Versuch klettern wir höher. Und dann probieren die Teilnehmer schon an Tag eins die ersten Schwünge am leichten Hang.


Ellmi’s Zauberteppich ist ein überdachtes Laufband

Was ist das? Mini-Menschen sausen auf Skiern vorbei, in Anzügen wie Tabaluga, Leopard oder Hai. Es sieht aus, als schlügen sie Haken wie Kaninchen, indem sie sich beim Sprung in der Luft drehen. Sind das wirklich Kinder – oder vom Skigebiet bezahlte kleinwüchsige Artisten, die uns motivieren sollen? Das geht allerdings nach hinten los, man fühlt sich noch ungelenker.

Bei der ersten Abfahrt hüpft mir in Bruchstücken das Gelernte über Haltung und Skistellung durch den Kopf – Beugung der Knie bergwärts, Oberkörper talwärts gerichtet, Talski belasten. Es verwirrt mehr, als es nützt. Auch die Übung Superman, bei der jeweils der vom Hang abgewandte Arm in die Luft gereckt wird, bringt durcheinander. In einem Beitrag über Erwachsenen-Skikurse stand, dass uns manchmal der Kopf davon abhält, Dinge zu tun, die unser Körper eigentlich kann.

Immerhin komme ich die 100 Meter mit 15 Metern Höhendifferenz heil runter, bremse dabei auf der Hälfte der Strecke bis zum Stillstand, sause wieder los, jetzt viel zu schnell. O nein, das lerne ich nie! Rummms!!! Neben mir brettert jemand fast ungebremst in den großen Schneehaufen vor Ellmi’s Zauberteppich. Das ist ein überdachtes Laufband, ähnlich wie die Kofferbänder am Flug­hafen, das die angehenden Skiläufer wieder den Hang hinaufbringt.

Ein weiterer Übermütiger hat seinen Schwung unterschätzt, kriegt die Kurve nicht und verkeilt sich vor dem Laufband. Die Erschütterung führt zur Blockade, innen steht alles still. Das soll mir nicht passieren. Behände die Bindungen geöffnet und in Skischuhen aufs Band gestellt. Der bärtige Lucky, der von einer Kabine am Laufbandende den Betrieb überwacht, grinst mich breit an.


Plötzlich klappt es – ich denke nicht mehr, ich fliege!

Erneut am Hang, wiederhole ich im Stillen die Abläufe und nehme Fahrt auf. Will ich nach links, lege ich das Körpergewicht auf die Innenkante des rechten Ski, während der linke, dem Hang zugewandte Fuß mit Schuh, Bindung und Brett nur sporadisch Bodenkontakt hat. Etwas zitternd schlurft er über die Unebenheiten der Piste, um kurz vor der nächsten geplanten Rechtskurve – ebenfalls an der Innenkante, also ungefähr unterm großen Zeh – selbst voll belastet zu werden. Wie von selbst führt das zur Wende, diesmal ist der rechte Fuß am Hang und „geht so mit“. Plötzlich klappt es – ich denke nicht mehr, ich fliege!

Immer wieder rauf auf den Zauberteppich, nun auch mit Skiern. Und wieder runter, was für ein Spaß! Es hört sich für mich an wie ein Slalomrennen im Fernsehen: „Krrrsch–fjjuuuuu, krrrsch– fjjuuuuuuu …“ Auf dem harschen Schnee erzeugen die Bretter diese Melodie, die mich von nun an glücklich stimmt.

„Richtig gut machst du das“, sagt am nächsten Tag die 22-jährige Lisa, unsere Skilehrerin aus dem holländischen Friesland. Und fügt auf mein überrascht-stolzes Grinsen hinzu: „Wirklich, man würde nicht meinen, dass du gestern das erste Mal auf Brettern standst. Und das in deinem Alter!“ Was für ein Kompliment! Lisas Landsmann, der Gelehrte Erasmus von Rotterdam, sagte einst: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“

Tipps & Informationen

Von Berlin ins Skigebiet Wilder Kaiser gelangt man nonstop zum Beispiel mit Easyjet oder Lufthansa, ab Hamburg fliegen Easyjet und Eurowings nonstop nach Salzburg. Weiter im Mietwagen oder mit der Bahn bis St. Johann und dem Bus bis Ellmau. Mit dem eigenen Auto geht es in knapp sieben Stunden über die A 9.

Das Designhotel Tirol Lodge ist aus Lärchen- und Fichtenholz gebaut und wurde im Dezember 2018 neu eröffnet. Es steht direkt neben der Talstation der Gondelbahn. Doppelzimmer ab ca. 80 Euro. Tel. 0043/358/232 05 00, www.tirollodge.tirol

Während der SuperSkiWochen vom 16. bis zum 31. März gibt es vergünstigte Skipauschalen samt Unterkunft, Skipass und Skischule.

(Die Reise wurde unterstützt durch die Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental.)