Natur

Unterwegs auf dem Gezeitenstrom Saltstraumen in Norwegen

Vor allem der Norden des Landes ist durch seine Fjorde geprägt. Mit einem RIB-Boot über das Wasser zu flitzen, ist eines der vielen Abenteuer.

Der Gezeitenstrom Saltstraumen bewegt in sechs Stunden 400 Millionen Kubikmeter durch die Meerenge zwischen Saltfjord und Skjerstadfjord – und wird so zum gewaltigsten Mahlstrom der Erde.

Der Gezeitenstrom Saltstraumen bewegt in sechs Stunden 400 Millionen Kubikmeter durch die Meerenge zwischen Saltfjord und Skjerstadfjord – und wird so zum gewaltigsten Mahlstrom der Erde.

Foto: Patricia Hamilton / Getty Images

Bodø.  Das wird wild. Schon vom Ufer aus sieht man die Schaumkronen auf dem Wasser tanzen. Der Strom wälzt sich mit enormem Tempo in Richtung offenes Meer. Während sich die Passagiere noch dicke Overalls und Schwimmwesten anziehen, Fellmützen über den Kopf stülpen und eine Art Taucherbrille überstreifen, steht Meike Zylmann schon auf dem Holzsteg.

Da liegt das Boot, ein schwarzes Schlauchboot mit 250-PS-Motor – damit soll es rausgehen auf den Fjord.

„Wir müssen starten“, drängelt die erfahrene Bootsfahrerin. Der Gezeitenstrom Saltstraumen im arktischen Norden Norwegens ist ihr Revier. Alle sechs Stunden zwängen sich 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch eine Meerenge zwischen dem Saltfjord und den Skjerstadfjord – und machen mit einer Geschwindigkeit von 20 Knoten das Gewässer zum gewaltigsten Mahlstrom der Erde.

Mahlstrom als Sinnbild entfesselter Naturgewalten

Meike Zylmann wirft noch mal einen Blick über die Ausrüstung ihrer Passagiere, dann lenkt sie das RIB-Boot mittenrein in das brodelnde Blau. Es gluckst, zischt und spitzt.

Sie reitet über die Wellen, klatscht wieder auf.Schnell wird klar, warum die Brille eine gute Sache ist bei dieser Tour. Am Ufer ziehen harsch-­kantige Felsformationen vorbei, manche schneebedeckt. In der Ferne erhebt sich eine Gebirgskette. Aber meist hängt der Blick auf dem Strom. Bloß nichts verpassen! Plötzlich fängt das Wasser vor dem Boot an, sich zu drehen.

Eine steile Er­hebung des Meeresbodens zwingt es vom Boden an die Oberfläche, sodass es beschleunigt. Immer schnellere Wirbel, türkisfarben mit weißen Spitzen. Es scheint, als wolle eine Macht alles hinabziehen. Unwillkürlich denkt man an ­Romane von Edgar Allan Poe und Jules Verne, mit dem Mahlstrom als Sinnbild entfesselter Naturgewalten.

Wärmer als 15 Grad wird es in der Provinz Nordland selten

Führerin Zylmann umrundet mit geübten Wendungen die Strudel, jagt den Motor wieder hoch, auf der Suche nach mehr und wilderen Wasserwirbeln. Seit mehr als 20 Jahren lebt die Deutsche, die aus einer Schifffahrtsfamilie stammt und im schleswig-holsteinischen Maasholm aufwuchs, inzwischen in der Region Nordland – 200 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Der Wind pfeift hier meistens eisig. Die dunklen Winter sind lang, die Sommer kurz und sehr hell. Wärmer als 15 Grad wird es selten. Eine Welt der Kontraste. Mit Polarlicht und Mitternachtssonne, kahlen Felswänden und weißen Stränden.

Die Norweger nennen ihre liebe zur Natur „Friluftsliv“ – Freiluftleben

Meike Zylmann hat im dänischen Aarhus Kunst studiert und zog mit ihrem Ehemann in die norwegische Wildnis. Viele Seeadler leben in der Umgebung, Elche und Rentiere, auch Bären. „Es ist eine fantastische Natur“, sagt die 43-Jährige, die seit vielen Jahren als Guide arbeitet und mit ihrer Familie in der ­Nähe der Provinz-Hauptstadt Bodø wohnt.

Friluftsliv, übersetzt Freiluftleben. So nennen die Norweger ihre Liebe zum ­In-der-Natur-aktiv-sein. Vermisst sie Deutschland? Meike Zylmanns blaue Augen blitzen. „Das Leben hier hat viele Abenteuer.“ Nur im Frühling, sagt sie, packe sie manchmal das Heimweh. Knapp vier Stunden Flugzeit liegen zwischen Hamburg und Bodø.

Für eine Reise in den arktischen Winter ist Bergen ein gutes Ausgangspunkt

Ziemlich genau in der Mitte an der Westküste liegt Norwegens zweitgrößte Stadt Bergen mit 280.000 Einwohnern. Bekannt ist sie vor allem als Starthafen für die traditionsreiche Postschifflinie Hurtigruten, die seit 1893 die Orte der über 2700 Kilometer Küste verbindet.

Für eine Reise in dennoch ziemlich unentdeckten arktischen Winter ist Bergen, umgeben von sieben Fjorden und sieben Bergen, ein guter Ausgangspunkt. Es mischen sich die Zeugnisse des hanseatischen Außenpostens im Welterbe-Stadtteil Bryggen mit modernem Großstadtleben – Museen, Geschäfte, Hotels, Restaurants und Cafés inklusive. Doch Vorsicht: In Bergen regnet es oft, dafür aber meist nicht lang.

Der Komponist Edvard Grieg hat in der Fjord-Stadt gelebt und seinen Peer Gynt komponiert. Auch heute gibt es eine quirlige Musik- und Kunstszene. Der Krimi-Autor Gunnar Staalesen ist Bergener, Kult-Schriftsteller Karl Ove Knausgård hat hier fast ein Jahrzehnt ­gewohnt. Und, man mag es angesichts der restriktiven Alkoholgesetze Nor­wegens kaum glauben, Stig Bareksten brennt in seiner Destillerie am Stadtrand einen Gin mit 26 Pflanzenextrakten, der 2018 zum besten der Welt gekürt wurde.

Wenn Bareksten, Typ Wikinger mit langen grauen Haaren und immer mit einer Dose Snus in der Tasche, von Geschmack und Aromen schwärmt, hat das viel mit der Natur seines Heimatlandes zu tun: Erdig, waldig, beerig und frisch soll sein Gin schmecken. Auf der Internetseite ist der 46-Jährige zu sehen, wie er durch einen tiefen Wald wandert. Auch eine Form von Friluftsliv.

Bis Juni finden Skitouren und Hundeschlittenfahrten statt

Wenn in Bergen schon der Frühling naht, lässt sich knapp 1500 Kilometer weiter im Norden noch bis in den Mai Winter erleben. In der Küstenstadt Bodø, 67 Grad 17 Nord, kommt der Wind meist von West. Bis März lockt die Hoffnung, in klaren Nächten das Nordlicht zu sehen. Ein magisches Farbspektakel am Himmel, das entsteht, wenn elek­trisch geladene Teilchen von der Sonne auf Gasteilchen der Luft treffen.

Langlaufloipen und Abfahrten sind bis in die Nacht beleuchtet. Voll ist es hier selten, trotz der nordwärts fahrenden Hurtigruten-Schiffe, die täglich um 12 Uhr mittags für drei Stunden in Bodø anlegen. Die 1816 als Konkurrenz zu Bergen gegründete Handelsstadt mit 52.000 Einwohnern liegt abseits großer Touristenströme, ist aber die am schnellsten wachsende Kommune Norwegens.

Überall wird gebaut, Straßen und Hotels, ganze Wohnviertel entstehen – unter dem Beifall der Einwohner. Bodø investiert in Kultur. Man muss nicht lange suchen, um mit jemandem über das 2014 ­eröffnete Kulturzentrum Stormen mit Bibliothek und Konzerthalle ins Gespräch zu kommen. Beim Spaziergang durch die Straßen findet man an vielen Häusern großformatige Graffiti.

Bodø hat es in die Finalrunde für den Titel Europäische Kulturhauptstadt geschafft

Alle zwei Jahre richtet die Stadt, die vor allem von Fischfang und Lachszucht lebt, eine Kunst-Biennale mit über die Region hinausgehender Resonanz aus. 2016 zogen dabei viele Bewohner für den US-Fotografen Spencer Tunick aus und posierten für die spektakuläre Fotoserie „Body­shape“, von denen noch einige Exemplare zu sehen sind. Bei der Auswahl für den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2024 hat die Nordland-Stadt es in die Finalrunde geschafft.

Dass Bodø dabei ist, sich neu zu erfinden, hat auch mit der Geschichte zu tun. 1940 wurde die Stadt bei einem Angriff der deutschen Luftwaffe nahezu komplett zerstört. Im Norwegischen Luftfahrtmuseum wird davon und auch von der Zeit während des Kalten Krieges als Nato-Stützpunkt erzählt.Dabei geriet das Städtchen einmal sogar in den Brennpunkt internationaler Politik: Als der Pilot Francis Gary Powers 1960 mit dem amerikanischen Spionageflugzeug U-2 auf dem Flug nach Bodø über der UDSSR abgeschossen wurde und eine schwere diplomatische Krise auslöste. Heute wird der Flughafen nur noch zivil genutzt.

Und Bodø ist Ausgangspunkt für touristische Frilufts-Entdeckungen in der Region Salten, mit spektakulären nördlichen Fjordlandschaften, Nationalparks wie Sjunkhatten und Rago und Nordeuropas größtem Gletscher Svartisen. In der Umgebung siedeln sich Start-ups an.

So wie Mathilde und Haavard Winther, die in ihrer Manufaktur Han Sylte im malerischen Dörfchen Valnesfjord süße arktische Karotten zu leckerer Marmelade verarbeiten und aus dem Grünzeug eine Art Superfood-Pesto kochen. Das Geschäft läuft. „Wir bauen jetzt ein Bed & Breakfast aus“, sagt Mathilde Winther. Schon jetzt kann man in dem gemütlichen Holzhaus essen und selbst gebrautes Bier trinken.

Der Blick auf den Fjord ist nicht nur während der Langlauf-Ski-Saison ein Geheimtipp.

In einen Regionen im Inland gibt es Schnee bis in den Juni

Weiter im Landesinneren, nahe der schwedischen Grenze, liegt auf 600 Metern die ehemalige Kupfer­mine Sulitjelma. Viele der alten Arbeiterhäuser sind verlassen, die Förderanlagen verfallen seit der Schließung 1991. Street-Art-Künstler aus ganz Europa waren schon hier und haben in den Bauten in der überwältigenden Schneelandschaft ihren Blick auf die Welt hinterlassen. „Wir wollen das hier wieder beleben“, sagt Erik Jensen Liland, dessen Großväter noch unter Tage schafften und der selbst in der Minensiedlung aufgewachsen ist.

Gemeinsam mit seinem Vater und dessen Frau hat er in der idyllischen Holzhaussiedlung Jakobsbakken eine Lodge eröffnet. „Hier kann man den arktischen Winter erleben“, sagt der geschäftstüchtige Betriebswirt. Friluftsliv mit viel Schnee bis in den Juni. Angeboten werden Skitouren, Hundeschlittenfahrten und natürlich die größte Sehenswürdigkeit der Region: Nordlichttouren. Jeder Führer hat dafür sein Geheimrezept. Trotz diverser Vorhersage-Apps allerdings ohne Sicht-Garantie.

Das gilt für alle – ganz demokratisch.

Chloé ist mit ihrem Freund mit den Hurtigruten extra aus Paris gekommen, um die tanzenden Lichter der Polar­nächte zu sehen. „Hunting the Northern Lights“ nennen sie das hier. Mit dem Bus ist sie an diesem Abend aus Bodø gekommen. Jetzt steht sie am Atlantikstrand und starrt nach oben. Der Himmel hat sich nach einem strahlenden Sonnentag zugezogen, die Chancen auf das magische Himmelsspektakel schwinden mit jeder Wolke.

Die anderen Teilnehmer sitzen in einen Kugelbau mit Ofen, den der Veranstalter aufgebaut hat, und schürfen heißen Tee. „Es ist mein Traum, das Nordlicht zu sehen“, sagt die Französin. Für sie ist es das erste Mal. Andere hat es so gepackt, dass sie immer wiederkommen. Das Unkalkulierbare macht den Reiz aus, sagt Chloé und versucht die Enttäuschung wegzulächeln. Das gehört auch zum Friluftsliv. Dann steigt sie in den Bus. Für dieses Mal.

Tipps & Informationen

Die norwegische Regionalfluglinie Widerøe fliegt zweimal in der Woche direkt von Hamburg (dreimal ab 30. März) nach Bergen. Ab Berlin geht es über Oslo nach Bergen, von dort gibt es Anschlüsse nach Bodø. Vom 1. Juli bis 31. August wird ein Explorer-Ticket für unbegrenzte Flüge in zwei Wochen angeboten (www.widerøe.no).

In Bergen gibt es Übernachtungsmöglichkeiten zum Beispiel im Radisson Blue Royal Hotel Bergen, ab 142 Euro/Nacht, im Scandic Bodø, ab 127 Euro/Nacht. Ein Apartment im Jakobsbakken Mountain Resort für acht Personen kostet etwa 600 Euro/Nacht.

Die Winter-RIB-Safaris auf dem Saltstraumen bietet Stella Polaris, ab 36 Euro/Person (nur Gruppen/ab März buchbar); Nordlicht-Touren zum Beispiel von Polar Tours ab 90 Euro/Person (bis März 2019).

(Diese Reise wurde unterstützt durch Visit Norway und Widerøe.)