Reise

Wenn die Gondeln Raureif tragen – Venedig im Winter

Von Tristezza keine Spur: Venedig lohnt auch im Winterschlaf. Nirgendwo Schlangen, frische Luft und die Venezianer sind entspannt.

Drückt im Winter der Scirocco Wasser landeinwärts, bekommt man auf dem Markusplatz nasse Füße.

Drückt im Winter der Scirocco Wasser landeinwärts, bekommt man auf dem Markusplatz nasse Füße.

Foto: Rosmarie Wirz / Getty Images

Venedig.  Prächtige Paläste, romantische Gondeln und Straßen aus Wasser – Venedig ist immer eine Reise wert. Der Reiz der Lagunenstadt zeigt sich jedem Besucher, ob bei einem Tagesbesuch oder während längerer Aufenthalte. In den Wintermonaten gewährt die Stadt einen intimen Einblick in ihr Innerstes, in den Teil, den sie normalerweise verborgen hält vor Touristenmassen im Sommer. Fünf Winteraktivitäten in Venedig:


Rundfahrt durch die Kanäle

Warm glänzt das Holz des Bootes in der tief stehenden Sonne. Hat es vielleicht schon George Clooney zum Lido gebracht? Hübsch genug wäre es. Galant reicht Gianni, der Fahrer, die Hand zum Einsteigen. „Geht nach hinten und schiebt das Verdeck auf“, brummt er.

Er weiß, was Touristen mögen, auch wenn er selbst sich lieber hinter die schützende Plastikplane zurückzieht. Schließlich kennt er alle Sehenswürdigkeiten. Ein kurzes Nicken und dann: Leinen los. Venedig zu Fuß ist schon beeindruckend und vom Vaporetto, dem Wasserbus, aus bietet es eine andere Perspektive. Aber ein Boot für sich alleine zu haben, das durch die vergleichsweise ruhigen Kanäle, Rii genannt, gleitet, ist ein Erlebnis für alle Sinne.

Es duftet nach Backwaren und Meer

Gondeln mit kichernden Chinesinnen ziehen vorbei, die Gondolieri steuern sie, bekleidet mit den typischen schwarz-weißen Ringelpullovern. Einige singen italienische Gassenhauer. Oder sagt man besser Kanalhauer? Die Luft riecht nicht wie in den Sommermonaten faulig, sondern frisch und nach Meer, Möwen segeln umher und die Sonne reflektiert ihr Licht von den Wellen auf die Häuserfassaden. Beim Gleiten durch den Canale Grande präsentieren die Häuser und Paläste ihre ganze Schönheit. Für die Wasserseite sind sie erbaut worden. Besuch fuhr in Gondeln und Booten vor, die Bediensteten kamen durch die Hintereingänge.

Viel zu sehen gibt es in den Seitenkanälen. Etwa ein Krankenhaus mit Ambulanz-Booten oder die Polizeiwache, deren Einsatzfahrzeuge an Masten schaukeln, sogar eine Krippe mit lebensgroßen Figuren ist noch auf einem Wasserbalkon zu erspähen. Bäckereien verströmen Düfte übers Wasser. An anderer Stelle wird in einer Gondelbau-Werkstatt das Material für eine neue Gondel geprüft. Aus sieben verschiedenen Hölzern werden sie originalgetreu gefertigt.


Besuch in Burano

Ein Kontrastprogramm zu Venedigs morbidem Charme ist die Insel Burano östlich der Wasserstadt. Natürlich kann man sich auch hierher mit dem Wassertaxi fahren lassen, jedoch sind die öffentlichen Verkehrsmittel zeitnah aufeinander abgestimmt und gerade im Winter eine lohnende Alternative. Warten muss um die Jahreszeit niemand.

Die Fahrer und Schaffner kennen ihre Gäste, fragen nach der Familie und halten Schwätzchen, oder helfen beim Ein- und Aussteigen. Angekommen in Burano erwarten den Besucher neben einem schiefen Turm, der Pisa alle Ehre machen würde, Häuser in Regenbogenfarben. Die sind keineswegs aufeinander abgestimmt, sondern im wahrsten Sinne bunt gewürfelt.

Klöppelarbeiten und Spitzenweber

Bei einem Bummel entlang der Kanäle gewinnt man den Eindruck, dass die Bewohner die Farbigkeit ihrer Häuser noch durch liebevolle Details in Fensterrahmen oder vor den Haustüren ergänzen und hervorheben möchten. Selbst die Wäsche, die zum Trocknen aushängt, fügt sich in die Farbenpracht.

Ist Murano für sein Glashandwerk bekannt, so gibt es in Burano besonders schöne Spitzenweber- und Klöppelarbeiten. In der Fußgängerzone reihen sich Geschäfte mit Handarbeitswaren und Aquarellen aneinander, dazwischen einladende Trattorien und Bars. Genau der richtige Ort, um einen Cappuccino in der Wintersonne zu genießen.


Strandspaziergang am Lido

Auf dem Rückweg nach Venedig bietet sich ein Halt am Strand an. Der Lido di Venezia ist vor allem für zwei Dinge bekannt: die Filmfestspiele und die luxuriösen Strandhotels. Bei einem Bummel durch Europas älteste Strandbäder, vorbei an der beeindruckenden Fassade des Hotel Excelsior, flaniert im Geiste Marlene Dietrich in ihren berühmten weiten Hosen vor einem über den Strand, und Thomas Mann hält kurz mit dem Schreiben der Novelle „Tod in Venedig“ inne. Fans von George Clooney können sich vorstellen, dass auch er genau hier gewandelt sein könnte, während er zu Gast im Excelsior war.

Wem das alles zu kitschig ist, oder wem das Meer mit seinen Winterwellen zu wüst ist, der findet in der Hauptstraße, der Gran Viale Santa Maria Elisabetta, zahlreiche Boutiquen, Restaurants und Bars. Aber aufgepasst: Hier dürfen Autos fahren.


Flüssiger Schatten in den Bàcari

Bei Schmuddelwetter lohnt ein Besuch in einer der traditionellen Weinbars, Bàcari genannt. Getrunken wird flüssiger Schatten, die kleinen Portionen Wein, nicht mehr als 0,1 l, heißen hier Ombra.

Zu einem Glas Rot- oder Weißwein schmecken die Cicchetti, kleine Happen, belegte Toasts oder Frittiertes. Jede Bar hat ihre eigenen Rezepte, oft von Nonna, der Großmutter, und fast immer streng geheim.

Die venezianische Spezialität „sarde in saor“, eingelegte Sardinen mit Zwiebeln, Rosinen und Pinienkernen stehen fast überall auf der Karte und sollten unbedingt probiert werden. Ombra und Cicchetti haben nichts mit einem Mittag- oder Abendessen zu tun, eher mit einem ausgiebigen Aperitif.

Jedem seine Bàcaro

Die beste Zeit ist zwischen 5 und 8 Uhr abends. Bàcari, abgeleitet vom Weingott Bacchus, gibt es viele, die Bewohner der sechs venezianischen Viertel, die Sestieri, schwören auf die Viertel-eigene Bar. Es ist ein ausgesprochen angenehmes Unterfangen herauszufinden, welche einem am besten gefällt. Harrys Bar in der Calle Vallaresso fällt zwar nicht in die Kategorie der Bàcari, jedoch ist der weltberühmte und liebevoll zubereitete Bellini durchaus ein schöner (und nicht ganz günstiger) Einstieg oder Abschluss einer solchen Schattentour.


Kultur ohne Schlange stehen

Wer hat bei 40 Grad schon Lust auf Kultur und langes Stehen in der Sonne? In den Wintermonaten sind die Sehenswürdigkeiten zwar nicht menschenleer, jedoch deutlich einfacher zugänglich als zu jeder anderen Jahreszeit.

Der Dogenpalast verdeutlicht mit seinen immensen Raumdimensionen, Gemälden und Ausschmückungen den früheren Reichtum der Lagunenstadt. Wer nicht unter Klaustrophobie leidet, sollte sich die berühmten Kerker und den Gang über die Seufzerbrücke nicht entgehen lassen. Wie nahe Prunk und Pein zusammenliegen, wird hier auf beeindruckende Weise klar.

Alles, was glänzt

Und weil Macht und Kirche einander ebenfalls lieben, liegt der Markusdom direkt neben dem Dogenpalast. Wer glaubt, der Petersdom oder der Dom zu Florenz seien reich geschmückte Kirchen, wird in Venedig eines Besseren belehrt. Beide Baudenkmäler wetteifern darum, den Spruch über Glanz und Gold zu widerlegen: Dort ist alles, was glänzt, aus purem Gold. Und es glänzt eigentlich überall.

Nach so viel Pracht und Geschichte ist eine heiße Schokolade im berühmten Caffè Florian am Markusplatz der ideale Abschluss. Bei den Preisen kann sich fast ein jeder und eine jede wie ein reicher Doge fühlen.

Tipps & Informationen

Ab Berlin fliegt zum Beispiel Easyjet nonstop nach Venedig. Mit
Alitalia geht es über Rom, mit Lufthansa über München.

Zum Übernachten geht es zum Beispiel ins Hotel San Moisè, S. Marco, Tel. 0039/041/5203755, www.sanmoise.it, Doppelzimmer für zwei Personen und zwei Nächte ab 199 Euro. Oder ins Hotel Torino, Calle delle Ostreghe, Tel. 0039/041/ 5205222, www.hoteltorino.com, Doppelzimmer für zwei Personen und zwei Nächte ab 150 Euro.

Fahrten im Bus-Boot Vaporetto sind nicht billig, aber wunderschön. Einzelfahrt 7,50 Euro, Tagesticket 20 Euro, zwei Tage 30, eine Woche 60 Euro. Motorboote werden am besten an den offiziellen Anlegestellen der Taxiboote (Motoscafi) gemietet oder direkt bestellt bei Consorzio Motoscafi Venezia, Castello, 4512, Tel: 0039/041/ 2406711, www.motoscafivenezia.it.

Für einen Ausflug nach Burano zum Beispiel mit der Linie 4.2 von Zattere nach Murano und von dort weiter mit der Linie 12 nach Burano (Fahrzeit ca. 40 Minuten). Für einen Stopp am Lido di Venezia nimmt man von Burano die Nummer 12 nach Treporti und dann die Nummer 14 zum Lido. Zum Lido di Venezia von Venedig aus: Am einfachsten geht es mit der Linie 1, zum Beispiel von der Piazza San Marco, Fahrzeit ca. 20 Minuten.

Bàcari (Ombra und Cicchetti): Cantinone Gia’Schiavi, Dorsoduro 992, Fondamenta Nani oder Can­tina Do Mori, San Polo 429 oder Enoteca Do Colonne, Sestiere Cannaregio 1814.

Nach dem Dogenpalast ins Caffè Florian auf dem Markusplatz,
Tel. 0039/041/5205641.

Allgemeine Auskunft bei APT della Provincia di Venezia, San Marco 2637, Tel. 0039/041/529 87 11, www.turismovenezia.it.