Abenteuer

Eine Kreuzfahrt auf der Ostsee – mit dem Frachtschiff

Auf einem Frachtschiff wie der „Vera Rambow“ sind Passagiere Zaungäste. Dafür bekommen sie Einblick in einen erstaunlichen Mikrokosmos.

Der Großsegler „Artemis“ und das Containerschiff „Vera Rambow“, auf dem der Autor die Ostsee bereist hat.

Der Großsegler „Artemis“ und das Containerschiff „Vera Rambow“, auf dem der Autor die Ostsee bereist hat.

Foto: Hinrich Bäsemann / picture alliance / Hinrich Bäsemann

Hamburg.  Es ist die andere Seefahrt, die notwen­dige, die ernsthafte, bei der es nicht ums Vergnügen der Gäste geht, sondern um Arbeit. Auf Frachtschiffreisen sind Passagiere zwar zugelassen, stehen jedoch nicht im Mittelpunkt. Sie werden höflich, ja sogar freundlich behandelt, haben sich aber den Notwendigkeiten an Bord unterzuordnen.

Passagiere sind hier Zaungäste und haben als solche die faszinierende Chance, Einblicke in einen erstaunlichen Mikrokosmos zu erhalten, in dem jeder seine Rolle spielt, vom Kapitän bis zum Auszubildenden, vom Chief bis zum Decksmann, vom Chief Mate bis zum Koch. Als Passagier eines Frachtschiffs ist man dabei, ohne wirklich dazuzugehören.

1400 Container kann die „Vera Rambow“ befördern

Hamburger Hafen, an einem eis­kalten Freitagnachmittag: Die mit allen erdenklichen Gütern aus allen erdenklichen Ländern vollgepackten riesigen farbigen Metallkästen in den Standardmaßen von 20 und 40 Fuß, an denen wir auf dem Weg zum Burchardkai im Auto vorbeifahren, sind zu regelrechten Gebirgslandschaften aufgetürmt. Irgendwo müssen wir den Wagen abstellen, gehen zur Kontrollstelle und füllen Formulare aus.

Ein Shuttlebus wird gerufen, er bringt mich zu meinem Frachtschiff, der „Vera Rambow“. 168 Meter lang und 26 Meter breit ist der Feeder, der bis zu 1400 Container befördern kann – kein Riese zwar, aber schon ein ziemlich beachtliches Schiff.

Igor, der 1. nautische Offizier, begrüßt mich an der Gangway, irgendwer nimmt mir den Koffer ab, man zeigt mir meine Kammer. Zweckmäßig, nicht luxuriös, aber gemütlich ist meine Bleibe für die nächsten zehn Tage auf der Reise über die Ostsee.

Auf die Brücke dürfen Gäste jederzeit, bei Tag und Nacht

Wohin es geht, ist einigermaßen klar, kann sich aber jederzeit ändern. Oben auf der Brücke lerne ich den Kapitän kennen, der Deutscher ist wie auch der Chief. Alle 16 Schiffe der im niedersächsischen Drochtersen/Assel ansässigen Reederei Rambow fahren mit deutscher Schiffsleitung, die Hälfte außerdem unter deutscher Flagge. Der in der fünften Generation geführte Familienbetrieb legt auch Wert auf die Nachwuchsförderung, zum Beispiel mit der Aus­bildung zum Schiffsmechaniker.

Wann darf ich auf die Brücke? Jederzeit, antwortet Kapitän Jürgen Rambke, Tag und Nacht. Was auf Kreuzfahrtschiffen undenkbar wäre, hier ist es normal. So treffe ich mich mit den drei übrigen Passagieren meistens auf der Brücke und beobachte den Kapitän und die Offiziere bei der Arbeit.

Rambke ist sichtlich stolz auf sein Schiff, das vor zehn Jahren auf der Sietas-Werft gebaut wurde und noch immer fast wie neu aussieht. In die Maschine dürfen wir Passagiere aus Sicherheitsgründen nur im Hafen, also nutzen wir die Zeit und folgen Chief Udo Dibbern nach unten.

Der Maschinenraum wirkt beinah klinisch sauber

Obwohl zurzeit nur der Hilfsdiesel läuft, ist es furchtbar laut, weshalb wir Kapselgehörschützer aufsetzen müssen. Vom Kontrollraum steigen wir in die Maschine hinunter, die viel größer und imposanter ist als wir vermutet haben. Aber vor allem ist es hier unfassbar sauber, fast klinisch rein wirkt der Maschinenraum. „Wie kriegt man das hin?“

Der Chief grinst: „Andere Schiffe sehen anders aus, doch bei uns ist das so. Das macht ziemlich viel Arbeit, lohnt sich aber“, sagt er und genießt unsere staunenden Blicke.

Um sieben Uhr gibt es Frühstück, zwölf Uhr Mittagessen und 17 Uhr das Dinner, für uns Passagiere stets in der Offiziersmesse. Kapitänsdinner gibt es also täglich, allerdings ohne Dresscode. Der philippinische Smutje kocht für die Mannschaft asiatisch, für die Offiziere und uns aber sehr deutsch, sehr deftig und sehr reichhaltig. 19 Personen sind bei dieser Reise an Bord, 15 Mann Besatzung und wir vier Passagiere.

Los geht’s, mitten durch die Hamburger Stadtlandschaft

Verholen, so heißt das erste neue Wort, das ich während dieser Reise lerne. Irgendwann wird die „Vera Rambow“ vom Burchardkai zum Terminal Altenwerder verholt, wo sie weitere Container aufnimmt. Fasziniert verfolgen wir von der Brücke aus den Ladevorgang, der hier schon weitgehend autonom funktioniert, Tag und Nacht, ohne Pause.

Am Sonnabendmittag geht die Reise Richtung Ostsee schließlich los, als Panoramafahrt durch den Hafen und mitten durch die Hamburger Stadtlandschaft, die von der Brücke aus wie ein Miniaturwunderland in der Wintervariante aussieht, mit reichlich Puderzucker bestäubt. Die Wochenendspaziergänger in Oevelgönne und Blankenese winken uns zu, am Schulauer Fährhaus werden wir mit der Nationalhymne verabschiedet.

Als wir den Canal Grande, wie Kapitän Rambke den Nord-Ostsee-Kanal nennt, erreicht haben, wird es schon dunkel. Stundenlang müssen wir vor der Schleuse warten, Schlange stehen sozusagen. Als die „Vera Rambow“ endlich in die Brunsbütteler Schleuse einfahren darf, schlafen die Passagiere längst.

Bei Sonnenaufgang nehmen wir Kurs auf Aarhus

Dafür sind sie am nächsten Morgen um 6 Uhr alle auf der Brücke, als wir in der Morgendämmerung Kiel-Holtenau passieren und wenig später bei glutrotem Sonnenaufgang Kurs auf Aarhus nehmen.

Von der dänischen Hafenstadt war erst nicht die Rede, aber die Dinge ändern sich schnell. Auf die Frage, wann wir im Hafen sein werden oder wann wir wieder ablegen, antwortet der Kapitän, wenn überhaupt, nur unter Vorbehalt.

Es gibt zu viele Unwägbarkeiten, manches kann sich innerhalb kurzer Zeit verschieben und verändern. Deshalb tut man als Frachtschiffpassagier gut daran, aus dem Fenster zu schauen, die Unendlichkeit der See zu genießen und herunterzudimmen.

Völlig ungestört lese ich einen 1300-Seiten-Roman. 7 Uhr, 12 Uhr, 17 Uhr – die Mahlzeiten bestimmen den Rhythmus an Bord, der für die Passa­giere eine wohltuende Entschleunigung mit sich bringt.

Es wird mehr Kaffee getrunken als gesprochen

Man kann in die Sauna gehen (wenn man sie rechtzeitig zuvor angeschaltet hat), bei aller gebotenen Vorsicht Spaziergänge an Bord unternehmen und sich dabei von der eiskalten und sauberen Seeluft durchblasen lassen. Und natürlich jederzeit auf die Brücke gehen, wo sich ein 360-Grad-Panoramablick eröffnet.

Normalerweise herrscht dort eine fast meditative Ruhe, es wird nicht viel gesprochen, dafür aber umso mehr Kaffee getrunken. Sonntagmittag kommt der dänische Lotse an Bord, steigt über eine Jakobsleiter zu uns aufs Schiff. Jetzt wird es lebhafter, der Funkverkehr intensiver.

Beim Anlegemanöver in Aarhus leitet der stets gutmütige russische Chief Mate Igor die Temperamentsausbrüche von Kapitän Rambke per Sprechfunk an die Festmacher am Kai in einer freundlichen Variante weiter: „Please a little bit faster.“

Landgänge sind natürlich möglich, unterliegen aber dem allerersten Gebot: Vorrang hat der Frachtverkehr. Wer an Land will, erkundigt sich nach der voraussichtlichen Liegezeit, die sich jedoch schnell mal ändern kann, weshalb man unbedingt seine Mobilnummer hinterlassen muss. Ansonsten ist Eigeninitiative gefragt. Kapitän und Chief Mate geben zwar Tipps, aber wie die Dinge in den jeweiligen Häfen aktuell geregelt sind, das muss man schon selbst rausfinden.

Durch die vereiste Ostsee im Finnischen Meerbusen

In Aarhus dürfen wir, allerdings mit Helm und Schutzweste ausgestattet, zu Fuß durchs Hafengelände zum Ausgang gehen – und von dort weiter in die Stadt. Im schwedischen Norrköping können wir zwei Tage später ein Taxi am Hafengate ordern, im finnischen Kotka fährt es sogar direkt bis an die Gangway, und in Helsinki gibt es einen kostenlosen Shuttlebus, der uns vom Schiff zum Hafentor bringt, direkt zu einer Haltestelle für den Bus, der bis zur Metroendstation fährt.

Für die Landausflüge sollte man sich vorab gut informieren, denn meistens ist die Zeit knapp. Aber wichtiger als Stadterkundungen, die sich sicher per Flugzeug einfacher organisieren lassen, ist die Fahrt mit dem Frachtschiff selbst.

Absoluter Höhepunkt unserer Tour ist die Fahrt durch die vereiste Ostsee im Finnischen Meerbusen von Kotka nach Helsinki: Von der Brücke schaue ich auf eine schier endlose Eisfläche, die sich unter strahlend blauem Himmel vor uns ausbreitet.

Meterlange Eisschollen türmen sich auf

Mühelos bahnt sich die „Vera Rambow“ ihren Weg, schneidet sich mit dem Bug durchs Eis, schiebt es zur Seite, ­sodass sich zwei, fünf oder sogar acht Meter lange Schollen beiderseits des Schiffsrumpfs auftürmen, um in immer kleinere, manchmal geometrische, meist aber bizarre Formen zu zerbrechen, deren Splitter manchmal weit über die geschlossene Eisdecke schlittern und sich im Sonnenlicht prismenartig brechen.

Nie zuvor hatte ich ein solches Naturerlebnis. Und nie zuvor habe ich so intensiv empfunden, dass der Weg tatsächlich das Ziel sein kann wie in dieser Winterwoche an Bord der „Vera Rambow“.

Tipps & Informationen

Diese und ähnliche Frachtschiff­reisen kosten pro Tag je nach Kabinengröße etwa 100 bis 130 Euro. Im Preis enthalten sind drei tägliche Mahlzeiten in der Offiziersmesse. Zimmerservice gibt es nicht, sein Bett muss man selber machen. Vermittelt werden die Touren über Veranstalter wie Frachtschiffreisen Pfeiffer, Tel. 0202/45 23 79, www.frachtschiffreisen-pfeiffer.de oder Frachtschiff-Touristik Kapitän Zylmann, Tel. 04642/965 50, www.zylmann.de.

Da sich eine Reise unter Umständen um einen oder sogar mehrere Tage verlängern kann, sollten interessierte Mitreisende terminlich flexibel sein.

Ein Lesetipp von Peer Schmidt-Walther: „Frachtschiffreisen. Als Passagier an Bord“. Köhler Verlag, 24,95 Euro