Expedition

Voll ins Schwarze – eine Wanderung durch das Hölloch

So ist Trekking in Europas zweitgrößtes Höhlensystem in der Schweiz. So dunkel und leise haben Sie die Welt noch nie zuvor gesehen.

Die richtige Ausrüstung hilft dabei, sich einen Weg durch die Höhle zu bahnen.

Die richtige Ausrüstung hilft dabei, sich einen Weg durch die Höhle zu bahnen.

Foto: Frank Heuer / Frank Heuer/www.srt-bild.de

Muotathal.  Ohne Nachdenken tauche ich kopfüber in ein schulterbreites Loch. Krabble im Schein der Stirnlampe die Felsebene nach unten, die Knie und Handballen auf buckligem Stein, links und rechts viel Platz, nicht aber über dem Kopf. Was zur Hölle mache ich hier? Ich stecke in der Klemme, im Wiedergeburtskanal.

Vor mir gibt Guide Marcel Rota Kommandos. „An der Wasserstelle bücken und auf den Knien rutschen!“ Ich hingegen rutsche ins hüfttiefe Becken ab, das rechte Bein pitschnass. Mit leichtem Ziehen im Rücken schiebe ich mich durchs Loch oberhalb der Lache. Und muss lachen, als ich zurückblicke: Durch diese Schrägspalte bin ich durch? Da fühl ich mich doch angesichts des 25 Meter hohen „Wasserdoms“, wo ich jetzt stehe, in der Tat wie neugeboren.

Aus einer Ecke sprüht ein Wasserfall, dessen Gischt sich in einem Becken sammelt, als Bach weiterrinnt und hinter der „Wiedergeburt“ im Fels verschwindet. Hier ein „Kiesstrand“, dort sich auftürmende Felsen – wer hätte ­gedacht, dass sich tief im Inneren der Schwyzer Alpen solche Schönheiten befinden? Und so viel Leben.

26 Stunden ohne natürliches Licht

Farblose Niphargus-Flohkrebse zum Beispiel. „Im Hölloch leben 56 Tierarten, vor allem Würmer, Krebse, Spinnen und Insekten“, sagt Guide Marcel. Kein Wunder, dass Höhlenforscher hier Tage unter Tage verbringen. Und Abenteurer.

Sonnabendfrüh rein, Sonntagmittag wieder raus – so der Plan. 26 Stunden ohne natürliches Licht, ohne gewohnte Geräusche und Gerüche. Und ohne Zeitgefühl: Uhren und Smartphones bleiben in der Hütte. Es folgt ein kurzer Außenaufstieg zum Höhleneingang. Danach eine halbe Stunde, die sich leicht angeht.

Eingeebnete Wege, Treppen, Reste einer Stromversorgung, die beim Hochwasser 1910 zerstört wurde. Danach war die 1875 von dem Bauern Alois Ulrich entdeckte Höhle lange verwaist, auch in den 1950ern wurde auf Scheinwerfer, Beschallung und Bahnen verzichtet. An der „Kanzel“ betreten wir den „wilden“ Höhlenteil ohne Wege, Beschilderung und Beleuchtung. Nur wenige Schlüsselstellen sind mit Seilen oder Leitern gesichert.

Der Guide hat eine Uhr dabei, verrät aber die Zeit nicht

Die Karawane passiert das „Windtor“, an dem der Gang mit Holzlatten verengt, gar komplett geschlossen werden kann. Am deutlich spür- und hör­baren Sogeffekt merkt man, ob die Luft von den Höhlenausgängen rund 900 Höhenmeter weiter oben kommt oder dorthin strömt. So lassen sich Rückschlüsse aufs Wetter ziehen.

Weht die Luft durch das Windtor hinauf, ist es oberhalb von 2000 Metern kälter; Niederschlag fällt dort meist als Schnee, fällt er als Regen, könnte zu viel Feuchtigkeit durchsickern und – mit etwa sieben Stunden Verzögerung – ernsthafte Probleme in der Höhle verursachen. Vielleicht auch für uns: Für Sonntagfrüh ist Starkregen angesagt.

„Wenn wir morgen um 14 Uhr nicht draußen sind, setzen sich 60 Retter in Gang“, erklärt Marcel die Alarm-Organisation. Als Einziger hat er eine Uhr dabei, verrät uns aber nie die Zeit.

Seit 25 Jahren führt Marcel Gruppen ins Hölloch – und sprüht immer noch vor Begeisterung. „Ich bin 120 Tage im Jahr in der Höhle.“ In seiner Höhle, könnte man sagen, wenngleich sie formal der Trekking Team AG gehört, die 1995 die touristischen Nutzungsrechte kaufte.

Aufgrund der Lage im Naturschutzgebiet unterliegen sie strengen Auflagen. Die Nachfrage steigt seit Jahren, von Gruppen für Coachings bis Einzelpersonen. Die Hälfte aller Teilnehmer sind Frauen, die meisten zwischen 25 und 40 Jahren alt.

Ein beherzter Schritt auf eine Leiter, die ins Dunkel führt

Flott geht es voran. Vor uns erhebt sich die „Böse Wand“. 40 Meter führt eine Eisenleiter hoch, ein normaler Klettersteig, doch das Dunkel sorgt für besondere Stimmung. Oben angekommen, geht der weitere Weg munter rauf und runter.

Wir fühlen uns wie Bergsteiger, nur die Erhabenheit fehlt, der Horizont, die Weite. Wobei manche Passagen überraschende Dimensionen haben, wie der „Riesensaal“ oder manche übermannshohe, lange Gänge.

Es folgen aber auch niedrigere Abschnitte; Hänge, bei denen man die Hände zu Hilfe nimmt oder auf dem Hosenboden rutscht. Ab und an gilt es, sich zu verrenken und den Rucksack abzunehmen, bis wir schließlich das Nacht­lager erreichen.

Tropfsteine, rutschige Hänge und Spalten

Das alte Lager, das wir zuvor passierten, wurde vor Jahren durch Fluten zerstört. Das neue liegt ­sicher über der Wassergrenze. Dort lagern Vorräte, Kerzen, Karbidlampen und ein Benzinkocher, mit dem wir sogleich Tee und Kaffee kochen.

Danach geht es ohne Rucksack, aber mit frischer Energie auf zu Runde zwei – mit noch stärkerem Expeditionscha­rakter. Tropfsteine in unterschiedlicher Ausprägung, rutschige Hänge und Spalten, wo wir uns ohne große Sicht nach unten in Klemmtechnik ablassen, bis wir mit den Füßen Halt spüren. An ­anderer Stelle gilt es, beherzt einen weiten Schritt auf eine windige Leiter zu machen, die ins Dunkel führt.

Allein fände man kaum des Ausgang

Wieder woanders geht es auf Knien und Unterarmen weiter. In einem noch engeren Gang muss sogar kurz der Helm ab. Als Größter der ­Gruppe ziehe ich zudem den Pulli aus. Nur so komme ich durch den finalen Spalt. Dahinter ­legen wir uns hin und machen einer nach dem anderen das Licht aus. So dunkel kennt man die Welt sonst nicht. Und so leise.

Die Ruhe endet am „Dom-Biwak“. Nun ist Teamarbeit gefragt: Tisch decken, Baguettes schneiden, Fondue zubereiten. Irgendwann geht es ab ins Bett – ein Podest, auf dem bis zu 20 Leute ihren Schlafsack ausrollen können.

Wie spät es wohl ist? Die Rate-Antworten liegen zwischen 22 und 3 Uhr. Ich jedenfalls fühle mich trotz tiefster Dunkelheit hellwach, und als wir von Marcel im nahezu unveränderten Dunkeln geweckt werden, kann ich nicht sagen, ob ich zehn Minuten oder zehn Stunden geschlafen habe.

Auf dem Heimweg reift die Erkenntnis: Selbst wenn man einige Wege bereits gegangen ist – allein fände man kaum den Ausgang. Überall Abzweigungen, ähnliche Kulissen.Wir passieren die „Alligatorenschlucht“, das „Aquarium“ und den Abzweig zum „Nirwana“. Das weitläufige obere Höllochsystem ist Profis vorbehalten.

Als wir wieder das Tageslicht sehen, haben wir nur einen Miniausschnitt erlebt. Wie spät es ist, fragen wir Marcel. „Demnächst 14 Uhr, ich geb rasch Bescheid, damit die Retter nicht ausrücken.“ Und wann wir geschlafen hätten? „Von halb zwei bis halb sieben.“ Macht also über 20 Stunden auf den Beinen, rund zehn Kilometer und mehr als 1000 Höhenmeter.

Tipps & Informationen

Der Eingang des Höllochs liegt im deutschsprachigen Ort Muotathal (Weiler Stalden) im Schweizer Kanton Schwyz. Die Anreise in die gleichnamige Kleinstadt dauert ab Zürich mit der Bahn eine Stunde. Weiter mit Postbussen bis zum Ortszentrum Muotathal.

Das Hölloch, in der eine Temperatur von konstant rund sechs Grad und teils 100 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen, ist nur mit Guide erlebbar. Trekking Team als alleiniger Veranstalter (Tel. 0041/41/ 390 40 40, www.trekking.ch) bie- tet neben Mehrstunden- auch Mehrtagesexkursionen inklusive Biwakübernachtung an. Eine Zweitages-Tour (Start: 10 Uhr, Ende:
17 Uhr am Folgetag) für 435 CHF ist von Anfang November bis Mitte März möglich. Die Gruppengröße beträgt fünf bis neun Personen, Einzelpersonen können sich Gruppen anschließen.


Für die Tour, die Wanderungen in weglosem Gelände entspricht, ist einige Kondition nötig, Spezialkenntnisse sind nicht erforderlich.

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