Wintersport

Tiroler Ötztal: Skifahren, Biathlon-Anlage und Hüttenzauber

Niederthai will kein Remmidemmi. Der kleine Ort bietet Langläufern 31 Kilometer sauber gespurte Loipen sowie eine Biathlon-Anlage.

Niederthai liegt auf rund 1500 Metern Höhe. Die Loipen verlaufen rund um den Ort herum.

Niederthai liegt auf rund 1500 Metern Höhe. Die Loipen verlaufen rund um den Ort herum.

Foto: HF

Niederthai.  Das Kratzen der Schaufeln weckt mich und gleichzeitig die Hoffnung auf Schnee – wie einst in Kindertagen. Ein Blick aus dem Fenster reicht zur Bestätigung. Es hat erneut geschneit. Und wie! 60 Zentimeter Neuschnee in einer Nacht. Ganz Niederthai liegt unter einer milchig-weißen Decke. Dicke Flocken fallen vom Himmelund verwirbeln in der Luft. Die Sicht beträgt nur wenige Meter.

Ich kann gerade noch die Hotelangestellten erkennen, die mit viel Kraft versuchen, die üppigen Schneemassen vor dem Hotel per Hand zur Seite zu schieben, bevor die Bagger anrücken und den Rest übernehmen. Gut, dass die Outdooraktivitäten bereits in den Tagen zuvor absolviert wurden. Denn auf diesem frischen, weichen Untergrund ist heute im Tiroler Ötztal kein Skilaufen mehr möglich.

Einführungskursus im Langlaufen

Zwei Tage vorher: „Hopp, hopp, hopp“, ruft mir Michi zu. „Nimm den hinteren Ski ein wenig hoch, drück dich mit dem anderen Fuß kräftig ab. Das gibt dir den nötigen Schwung!“ Jaja. Ich werfe dem Trainer einen meiner grimmigsten Blicke zu.

Er sieht ihn aber nicht. Erstens, weil er längst bei einem anderen Teilnehmer ist, während ich noch darauf konzentriert bin, mich mit dem rechten Ski abzudrücken, zweitens weil ich eine coole Pokerface-Sportbrille trage.

Bedauerlicherweise nicht als Sonnenschutz, sondern als Schnee- und Windschutz: Es schneit in Niederthai. Und weht. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Einführungskursus im Langlaufen.

Aber die Loipen auf dem 1500 Meter hoch gelegenen Plateau sind sauber ­gespurt. Die Übungsfläche weitestgehend windstill. Die beiden Trainer Michi und Gerd ­charmant. Die Häuser drumherum typisch ­alpin.

Das Österreich-Wintersport-Klischee ist erfüllt. In fast allen Bereichen – wenn ich an das Abendessen am Tag zuvor denke. An die Knödel und Etztåler Håsnar mit Kraut, die süßen Topfenstrudel und die pikanten Kasspatzn, nicht zuletzt das sehr süffige Kellerbier. Was jedoch fehlt, sind große Liftanlagen, lange Pisten und ausufernde Après-Ski-Partys.

Niederthai hat das Prädikat Ötztaler Langlaufzentrum

In Niederthai liegt der Fokus auf Langlauf und Entschleunigung. „Wer zu uns kommt, sucht die Abgeschiedenheit und Ruhe, die er in großen Wintersportorten wie Sölden nicht findet“, sagt Michi, eigentlich Michael Leitner. Auch Niederthai hätte sich anders entwickeln können.

Als die Entscheidung vor einigen Jahren anstand, ob ein großer Lift gebaut werden sollte, haben sich die Anwohner dagegen entschieden – und heute sind alle froh darüber. „Lieber toll gespurte und gepflegte Loipen und einen ruhigen Ort mit wenigen Touristen als Remmidemmi wie in anderen Tälern“, sagt der 40-Jährige.

Konditionstraining, Muskelaufbau und altersunabhängig erlernbar

Die 31,5 Kilometer Loipen, von denen ein kleiner Teil nachts beleuchtet ist und befahren werden kann, drei Schlepplifte und vier Kilometer Piste reichen. Qualität statt Quantität. Ruhe statt Trubel. Niederthai hat sich entschieden und geht diesen Weg entschlossen weiter. Erster Erfolg und Bestätigung: das Prädikat „Ötztaler Langlaufzen­trum“.

Langlauf ist ein Trend, der sich neben Abfahrtsski als gleichwertige Sportart durchsetzt. Da sind die gesundheitlichen Vorteile – Konditionstraining und Muskelaufbau. Dazu ist es altersunabhängig erlernbar und macht auch noch Spaß.

Kleine Einschränkung: Wenn es bergauf geht, kommt man ziemlich ins Hecheln. „Es ist viel anstrengender als alpin“, sagt Michi. „Schon ein kleiner Hügel kommt einem vor wie ein großer Berg, der mit aller Kraft erklommen werden muss!“

Recht hat er! Aber bei ihm sieht jede Bewegung so leicht aus. Es ist zwar nicht mein erstes Mal auf Langlaufskiern, aber nach zwei Jahren Pause fühle ich mich wie ein Anfänger. Und Kondition? Kaum.

Eine Höhepunkt ist das Schießen auf der Biathlon-Anlage

„Macht nichts“, sagt Michi, der neben seiner Trainer-Funktion auch Zimmermann und Landwirt ist sowie Ferienwohnungen vermietet. „Jeder kann fahren, wie es für ihn gut und richtig ist. Die Älteren und Untrainierten wandern mehr auf den Skiern, die anderen probieren die sportliche Variante mit Doppelstockschub!“

Doppelstockschub? Auch das wird geübt. Beine parallel. In die Knie gehen. Stöcke auf Bindungshöhe in den Schnee einstechen. Und vorwärts! Ein paar Zentimeter schaffe ich. Als alles Theoretische geübt worden ist, geht es von der leichten blauen auf die etwas hügelige rote Loipe. Es herrscht Stille. Jeder ist mit sich, seinen Ski und Stöcken beschäftigt, genießt die verschneite Landschaft und spürt kaum die Anstrengungen in den Gliedern.

Ein Höhepunkt des Trainings ist die professionell ausgestattete Biathlon-Anlage, die Touristen nach Anmeldung kostenlos zur Verfügung steht. Die Kombination aus Langlauf und Schießen begeistert, heißt es im Werbetext. Tut es das? Wir probieren es aus. Erste Lektion: Wir fahren nicht klassisch, sondern im Skating-Stil.

Eine Runde fahren, dann im Stehen schießen

Wie das geht, zeigen uns die beiden kernigen Tiroler. Leicht und locker ziehen sie ihre Bahnen vor uns her. Rechts, links, rechts, links. Mal mit, mal ohne Stockeinsatz. Einfach. Wie Rollschuh- oder Schlittschuh­laufen. Falsch gedacht! Schnell wird klar, dass es viel schwerer ist als Schlittschuhlaufen. Und als der klassische Langlaufstil.

Schon die Ausrüstung unterscheidet sich. Die Skier sind kürzer und glatter, die Schuhe wesentlich fester und höher, um den Knöchel zu schützen. Ich stehe auf den Brettern, aber komme kaum vorwärts. Der richtige Stockeinsatz muss auch noch geübt werden. Schwung holen. Und weiter! Schon nach wenigen Runden bin ich völlig außer Atem. Das Herz rast. Jetzt schießen?

Die Anlage ist vorbereitet. Die Matten liegen vor den hölzernen Gewehr­haltern. Stöcke weg. Auf die Knie. Bäuchlings hinlegen. Bloß nicht mit den Füßen verhaken! Lasergewehr anlegen. Ziel suchen. Acht Schuss. Fünf Treffer. Immerhin. Aufstehen. Eine Kunst für sich mit den Skiern unter den Füßen. Wieder eine Runde fahren und dann im Stehen schießen. Mein Puls rast, ich muss das Gewehr ruhig halten, treffe leicht zitternd gerade mal zwei Scheiben.

Dann verlässt mich die Kraft. „Im Stehen muss man schneller schießen, sich nicht lange mit Konzentrieren aufhalten, weil die Armkraft einfach nachlässt“, sagt Gerd. Ob erfolgreich oder nicht, egal. Es macht Spaß. Noch zwei Runden im Skating-Stil auf dem Plateau. Dann ist Schluss.

Traditionen werden hier gepflegt und gelebt

Niederthai hat rund 370 Einwohner, drei ­Hotels, ein paar Pensionen sowie Apartments. Dazu einen Bäcker, Skiverleih. Weitere Geschäfte sucht man vergeblich. Viel ist das nicht. Wer shoppen möchte oder auch nur ein paar Lebensmittel braucht, muss über die ­enge Serpentinenstraße ins Tal.

Niederthai möchte aber seine Gäste durch ihr Tourismuskonzept und mit der noch jungen Nieder­thai-Card, die viele Vergünstigungen und ­Rabatte bietet, am Ort behalten und nicht an umliegende Regionen verlieren. Reicht denn das Angebot dafür aus? Und – haben ­junge Menschen wie Gerd und Michael sich nie überlegt, fortzugehen?

„Nein, niemals!“ sagt Michi ohne zu überlegen. Er habe hier alles, was er braucht. Vor allem die Natur. Und die lockt in jeder Jahreszeit. Nur wenige würden den Ort verlassen, um woanders zu leben.

Michel Regensburger sieht das differenzierter. Er und sein Bruder Joachim haben zwar das Schafwollzentrum von Vater Johannes in Umhausen übernommen. „Aber ganz ohne Diskussionen ging es nicht.“ Jetzt sei er zufrieden, sagt er und sortiert bunt gefärbte Wollfladen. Im Familienbetrieb kann Wolle der hiesigen Schafe abgegeben werden, wird dort gereinigt und verarbeitet oder zur eigenen Verarbeitung vorbereitet.

Eine Welt, die heil und gemütlich wirkt

Eine Tätigkeit, die eng mit dieser Region verwoben ist. Wie überhaupt Traditionen gepflegt werden und Heimatverbundenheit für die Einwohner eine Selbstverständlichkeit ist. Das zeigt sich überall. In der Architektur. Den Gasthäusern. Auf den Speisekarten. Selbst auf der Kleidung. „Tirol. Dir halt ich die treu!“ ist auf dem Gürtel eines Wirts zu lesen. Ein ungewohnter Stolz, der nur einem starken Selbstbewusstsein entspringen kann.

Für Hotelier Peter Falkner ist es wichtig, dass er einer von oben ist (Nieder­thai) und keiner von unten (Umhausen). „Schließlich lebten die Götter auch oben auf dem Olymp“, sagt er und lacht dröhnend, während er uns in seinem urigen Weinkeller verschiedene Tropfen und Scheiben von altem Berg­käse anbietet. Alles aus regionaler Produktion. Versteht sich!

Vielleicht ist es genau das, was diese Gegend außer der Natur für Touristen so anziehend macht. Sie kommen hier in eine Welt, die heil und gemütlich wirkt. In eine Atmosphäre, die sich wie ein schützender Mantel um einen legt. Wo Traditionen gelebt werden. Wo hinter knorrigen Typen viel Herzlichkeit steckt. Wo auch in angespannten Situationen häufig überraschend gelassen reagiert wird.

Wie die mit der Baggerschaufel, die beim hektischen Schneeschieben zu hoch eingestellt ist und dadurch eine noch neue ­Regenrinne des Falknerhofes in Sekunden ­geschrottet hat. Falkners Sohn hat es genau gesehen und holt seinen Vater. „Papa, guck mal!“ ruft der Junge empört. Der Vater aber wirft nur einen Blick auf den Schaden, zuckt mit den Schultern und sagt: „Ja mei. Passiert!“ Schnee drüber.

Tipps & Informationen

Die Anreise ab Berlin oder Hamburg z. B. nonstop mit Easyjet nach Innsbruck, weiter per Auto.


Übernachten z. B. im Hotel Falknerhof, DZ/F ab 77 Euro, www.falknerhof.com; Hotel Gasthof Stuibenfall, DZ/HP ab 150 Euro, www.stuibenfall.at.


In der Niederthai-Card enthalten sind unter anderem Nutzung der Liftanlagen, Langlaufloipen, ein Schnupperkurs, Biathlon, Laternenwanderung.


Auskunft
www.umhausen.com


(Die Reise wurde unterstützt von Ötztal Tourismus.)