Expedition

Polarlichter: Faszinierende Aurora borealis in Lappland

Die Abisko Aurora Station in Lappland gilt als aussichtsreiche Loge für das Beobachten von Polarlichtern. Doch sie sind unberechenbar.

Polarlichter zeigen sich in verschiedenen Farben.

Polarlichter zeigen sich in verschiedenen Farben.

Foto: Arctic-Images / Getty Images

Abisko.  Einheimische nennen die himmlischen Erscheinungen auch „The Tempera Lady“. Mal kommt sie, mal nicht. Einem Date darf man zwar erwartungsfroh entgegensehen, sollte aber Zeit mitbringen, auch mit einem Korb rechnen und es der Diva nachsehen, wenn sie nach kurzem Erscheinen flugs wieder verschwindet. Statt eines Naturschauspiels gigantischen Ausmaßes erwartet die Jäger des Lichts dann nur eine farblose Posse.

Lange bevor in Deutschland findige Manager damit begannen, Einöden touristisch aufzupeppen und zu vermarkten, war es in Schweden gelungen, robuste, eher unspektakuläre Landstriche Naturfreunden und Aktivurlaubern schmackhaft zu machen.

Bis zu minus 40 Grad im schwedischen Abisko

Auch Abisko (Meereswald) mit seinen 200 Einwohnern liegt in einer rauen Steppen- und Gebirgslandschaft, in der sich Vielfraß und Lemming gute Nacht sagen. Wintersportler schätzen indes die einsamen Tundren und Berge als ursprüngliches Abenteuerland, in dem es schon mal bis zu minus 40 Grad kalt werden kann.

An diesem Tag hat das Thermometer bei minus 10 Grad seinen Tiefpunkt erreicht. Am Sessellift unweit der ­Abisko-Touristenstation haben sich ein Dutzend Nachtschwärmer zur Fotoexkursion auf den 1170 Meter hohen Nu­olja eingefunden. Eingepackt in Thermo-Overalls und ausgerüstet mit Kameras warten sie darauf, mit etwas Glück Zeuge einer farbenprächtigen Begegnung von Erde und Weltall zu werden.

Grauer Himmel sorgt für lange Gesichter

Ein kalter Wind tobt um die Holzhütte und stiebt Schnee vom Dach in die mit Tüchern geschützten Gesichter. Als der Lift 260 Meter den Nuolja hinaufsurrt, sind kleine, helle Lücken im zerfransten Wolkenknäuel die bisher einzigen Lichtquellen über dem dunklen Tal.

Auf der Gipfelstation wartet bereits Peter Rosén. Es ist 19.15 Uhr. Mit einem skeptischen Blick zum Himmelsgrau führt er seine Gäste in die rustikale Panorama-Schenke. Deren Gesichter werden allmählich länger und länger – was zweifelsfrei nicht an den servierten Maränen auf Weinblättern und dem Sekt aus der Mädesüß-Staude liegt.

So entsteht die Aurora borealis

In Lappland seien Nordlichter im Durchschnitt alle zwei bis drei Nächte zu sehen. „Zuletzt waren sie gestern am Horizont“, fügt Peter kleinlaut, fast entschuldigend hinzu, macht seiner Gruppe dann aber wieder Mut: „Mit größter Wahrscheinlichkeit zeigt sich das Polarlicht zwischen 21 Uhr und Mitternacht.“

Die bunten Wischer entstünden in kalten, klaren Nächten in 100 bis 1000 Kilometer Höhe und seien am deutlichsten weit entfernt von anderen künstlichen Lichtquellen zu erkennen. Das Phänomen Aurora borealis trete auf, wenn von der Sonne weggeschleuderte, energiereiche Partikel in die Erdatmosphäre eindringen.

Wovon die Farbe der Polarlichter abhängt

Eine Kollision mit Stickstoff und Sauerstoff lässt dann die polaren Gemälde entstehen. Ihre Farben seien davon abhängig, in welcher Höhe das Rendezvous mit welchem Gasmolekül stattfinde.

Meistens sei es Sauerstoff, der ein Grün oder in sehr großer Höhe Rot erzeuge. Ein Crash mit Stickstoffatomen lasse den Himmel blau leuchten. Hier oben, über dem 70 Kilometer langen Torneträsk-See, hänge das „Blaue Loch von Abisko“. Da öffne sich selbst bei dicken Wolken ein Stück klarer Himmel, erklärt Peter weiter. Das hebt die Stimmung sofort.

Mit der eingestellten Kamera wird auf das Motiv gewartet

Eingemummelt in dicke Schals und Fellmützen stapfen die Fotoscouts auf eine kleine Bergkuppe. Wer kein eigenes Fotoequipment hat, bekommt von Peter das robuste Stativ mit Profikamera und Weitwinkelobjektiv in den Schnee gestellt. Unten im Tal macht sich finstere Nacht breit. Über dem Bergplateau funkeln hinter einer aufgerissenen, dünnen Wolkendecke die ersten Sterne.

„Belichtungszeit 10 bis 30 Sekunden“, ruft der Meister in die Runde und: „Stellt die Kamera auf 800 ISO oder höher und das Objektiv auf unendlich ein. Die Blende sollte zwischen f 2.0 und 4.0 geöffnet sein“, die Belichtungszeit dürfe zwischen 5 und 60 Sekunden liegen. Die Einstellung sei abhängig von der ISO- und Blendenwahl sowie von der Intensität des Polarlichtes: „Schaltet die Stirnlampen ein, und korrigiert die Belichtung von euren Probeaufnahmen“, gibt Peter weitere Tipps.

Na schön, aber wo bleiben die Motive? Eifrig drehen und drücken die Fotografen an ihrem Gerät. Währenddessen steigt Peter zu einem roten Zelt hinab und schaltet darin ein Licht an. Wenn im Vordergrund kein Baum, Busch oder Gebäude stehe, gebe eine Requisite dem Objektiv Halt und dem Bild ein „gewisses Etwas“.

Angeblich kann man die Polarlichter knistern hören

Es ist kurz nach Mitternacht. War da ein Flackern? Nö! Nach und nach gibt die Wolkenarmada aber den Blick auf das Firmament frei. Das in Lappland indigene Volk der Samen nennt das Licht auch „Guovssahas“. Sie sagen, es knistere, und man könne es hören, berichtet Peter … Kein Knistern, kein Laut. Nichts stört das Schweigen der erstarrten Natur.

Doch urplötzlich kündigen bunte Blitze den Karneval am Himmel an. Flammende grüne Schleier, die sich in Wellen zu riesenhaften Wesen wandeln, schweben über die scheinbar endlose weiße Weite. Atemlos, wie hypnotisiert schauen alle dem ungezügelten Tanz zu. Als sich sprühende Kegel gelb und violett in das fantastische Spektakel mischen, scheint das Herz für einen Moment stillzustehen. Pause. Zeit, die Kamera in Position zu bringen.

Wieder glimmt ein grünes Licht. Das Leuchten zerfällt in kleine Fackeln, formt sich dann aber zu einer mächtigen Lichtwand, die wie ein zerrissener Vorhang über dem Berg hängt. So schnell wie Aurora borealis gekommen ist, verschwindet das Feuerwerk wieder. Schließlich wabern nur noch blasse Farbfetzen im weiten Dunkel. „Aufgepasst!“, ruft Peter. „Gleich geht es wieder los!“

Konzertsaal im Iglu mit Platz für 170 Zuschauer

An den kommenden Tagen wölbt sich ein schwermütiger Himmel über die schneebeladene Landschaft am Polarkreis. Mit Bus, Hundeschlitten und Snowmobilen erreichen die Besucher das Ice-Hotel in Jukkasjärvi. Dürfen dort mit Hämmerchen und Beitel aus Eisblöcken eigene Skulpturen kreiert werden, liegt das Instrumentarium in Lulea in anderen Händen.

Eiskünstler Tim Linhart baut im Winter einen Iglu-Konzertsaal, in dem die coolsten Musiker der Welt spielen. Sitzplätze für 170 Zuschauer, Bühne Instrumente – alles aus Eis. Ob Cello, Xylofon und Marimbas, Gitarre oder Schlagzeug, die Geräte formen der Amerikaner und seine schwedische Frau. „Wir wünschen uns, dass die Eishalle jeden Winter neu entsteht“, sagt Tim Linhart.

Als bei minus 5 Grad die Musiker zu ihren farbig illuminierten Eisinstrumenten gehen, vergleicht Linhart die Szenerie mit Polarlichtern: Beides ziehe seine Faszination aus der Vergänglichkeit und sei nur im Zusammenspiel von Natur, Zeit und Raum möglich. Dann rockt Jani Ruuskanens seine Gitarre wie einst Chuck Berry. Rock ’n’ Roll, Pop, Volksweisen und Country stehen auf dem Programm. Und natürlich ABBA.

Tipps & Informationen

Ab Berlin bieten SAS oder Norwegian Flüge über Stockholm bis Kiruna an, ab Hamburg geht es mit SAS über Stockholm, ab Düsseldorf mit zwei Stopps über Kopenhagen und Stockholm.

Doppelzimmer im Icehotel Jukkasjärvi ab circa 275 Euro, www.icehotel.com

Siebentägige Busreise von Dertour ab/bis Kiruna im DZ mit Schneesafari, inkl. Flug ab 2197 Euro, www.dertour.de

Auskunft, Zimmer und Ausrüstung über Abisko Turiststation, www.abisko.nu
(Unterstützt durch Dertour.)