Japan

Tokio ist ein Ort der Widersprüche

Die japanische Hauptstadt ist sehr modern, aber trotzdem den Traditionen verbunden. Leise, aber dennoch schrill.

Ein Blick über die Skyline Tokios.

Ein Blick über die Skyline Tokios.

Mit einer leicht kreisenden Handbewegung lässt Yoko Kumanaka sanft weiches gelbes Wachs in ein heißes Wasserbad träufeln. Vorsichtig legt sie eine gepellte Plastikgarnele auf die nun langsam fest werdende Platte. Noch ein, zwei Mal daran gezupft und sachte eingedreht - und schon hält Yoko Kumanaka eine verblüffend echt aussehende Garnele im Teigmantel in ihren Händen. "Shokuhin Sanpuru" nennen Japaner diese aus Wachs oder Plastik nachgebildeten Gerichte. "Fake food" würde man wohl auf Neudeutsch sagen. Seit den 1920-er Jahren gibt es diese Tradition, Essen nachzubilden. Damals gab es noch keine Farbfotografie, die Gäste sollten aber trotzdem wissen, was gleich auf ihren Tellern liegt. Egal ob Sushi, Ramen-Suppe oder Burger mit Pommes - praktisch jedes Restaurant, das Essen in einer Preisklasse zwischen 10 bis 20 Euro anbietet, stellt heute im Schaufenster seine Gerichte in Plastik gegossen aus. Vom späteren Original sind die Schaufensterteller kaum zu unterscheiden.

Was ist Schein und was Echt? Mehr als andere Megacities lebt Tokio von und mit enormen Kontrasten. Ultramodern ist die rund 38 Millionen Einwohner starke Stadt auf der einen Seite. Traditionsbewusst sind ihre Bewohner auf der anderen Seite. Tokio hat nicht ein Stadtzentrum, sondern dutzende. Mehrfach zerstört von Krieg und Unwettern, wurde Tokio allzu oft planlos und schnell wiederaufgebaut. Die Stadt ist eine Betonwüste, ihre Berge die unzähligen Wolkenkratzer. Der Verkehr fließen auf mehrstöckigen Autobahnen durch die Stadt. Wie in einem Dritt-Welt-Land ziehen sich Kabel wie Lianen in einem undurchdringlichen Wirrwarr über die Straßen. Die Stadt ist nicht schön. Nach Tokio kommt man um zu staunen.

Die Geschwindigkeit Tokios ist legendär

Im Stadtteil Shinjuku versperren Wolkenkratzer den Blick in den Himmel. An ihren Fassaden pulsieren sechs, sieben Stockwerke hohe LED-Leinwände im Takt der Großstadt. Eine Dauerwerbesendung im Freilichtkino. Über unzählige Lautsprecher werden Fußgänger über ganze Straßenzüge hinweg mit schriller japanischer Popmusik beschallt. Nachts leuchtet die Stadt in tausenden Neonfarben - Sterne sind keine zu sehen.

In den unteren Stockwerken der Hochhäuser gibt es unzählige Spielhallen. An einarmigen Banditen, in Spielzeugautos oder an nachgebildeten Trommeln verbringen die Tokioten ihren Feierabend. Es piepst und kreischt aus jedem einzelnen der blinkenden Computer, dazu dröhnt ohrenbetäubende Musik aus verschiedenen Boxen. Die Luft ist verraucht und alles schreit danach, diesen faszinierend-fremdartigen Ort möglichst schnell wieder zu verlassen. Unter den Hochhäusern liegt Shinjuku Station, der größte U-Bahnhof Tokios. Einer von insgesamt 425. Er hat über 50 Ausgänge, 3,6 Millionen Menschen passieren ihn täglich. Die Geschwindigkeit Tokios ist berauschend - und legendär.

Eine der bekanntesten und verkehrsreichsten Kreuzungen der Welt ist die Shibuya Crossing im gleichnamigen Stadtteil. Bis zu einer Million Fußgänger überqueren hier täglich die Straßen. Sofia Coppola hat die Kreuzung mit ihrem Film "Lost in Translation" berühmt gemacht. Wie ein Herzschlag wirkt da jede Grünphase, mit der tausende Menschen im pulsierenden Takt der Stadt in alle Himmelsrichtungen geschickt werden. An den Straßenecken locken junge Frauen Touristen in sogenannte "Maid"-Cafés. Gekleidet in hellblauen Lolita-Outfits mit Spitzenblusen und kleinen, weißen Schürzen, sind die Mädchen eher lebende Manga-Figuren als Dienstmädchen. Und ein fleischgewordener Traum für alle Instagram-Influencer, die mit Fotos der Maids die Speicherkarten ihrer Handys vollstopfen. Hier ist die Stadt so klischeehaft und schrill, wie man es sich vorstellt.

Wo die Moderne auf Tradition trifft

Wie diese Frauen, schlüpft auch Tokio immer wieder in eine neue Verkleidung, erfindet sich von Stadtteil zu Stadtteil neu, ist ein Chamäleon. Die Reichen und Schönen treffen sich in Omote-sando. Architekten von Weltrang haben hier den berühmtesten Modedesignern Einkaufstempel gebaut. Dort gehen Frauen ein und aus, deren Haut weiß wie Schnee und die Haare schwarz wie Ebenholz sind. Nicht wenige tragen einen farbenfrohen Kimono, das japanische Traditionsgewand. Passend dazu schlüpfen die Frauen in Holzsandalen, die Getas. So klackern sie über den rauen Asphalt Tokios. Zur Begrüßung verbeugen sie sich voreinander. Plötzlich ist die Tradition inmitten der ultramodernen Gebäude zum Greifen nah.

Wagt man einen genaueren Blick, ist das ursprüngliche Japan aber fast überall zu entdecken. Zum Beispiel in den kleinen Tempeln, die im Schatten zwischen den Wolkenkratzern stehen, in den prachtvollen buddhistischen Tempelanlagen oder Shinto-Schreinen. Oder in der Gärtnerei von Bonsai-Meister Kunio Kobayashi, der hier in einem unscheinbaren Hinterhof 700 Jahre alte Bonsai-Bäume pflegt.

Oder in den sogenannten "Yokocho"-Gassen, in denen sich winzige Bars, die es seit dem Zweiten Weltkrieg gibt und die höchstens fünf bis sechs Menschen Platz bieten, aneinander reihen. Aber Tradition ist in Tokio vor allem auch eine Lebensform. Die wichtigste ist sicherlich die Freundlichkeit. Nach dem Weg fragen und keine Antwort bekommen? Unmöglich! Es wird auf dem Handy rumgetippt, gegoogelt - und notfalls begleitet man den Suchenden eben ein Stück. Auffallend ruhig ist es in den U-Bahnen. Schließlich möchte man seinen Sitznachbarn nicht mit seinem Geplapper stören. Extremere Ausmaße nimmt es hingegen an, wenn man keinen Jahresurlaub nimmt - zehn Urlaubstage stehen jedem Japaner im Jahr zu - weil man den Kollegen nicht seine Arbeit aufdrängen möchte.

Genauso wie die tausend Lichter an den großen Straßenkreuzungen, hinterlässt Tokio tausend Eindrücke. Schrill, bunt, laut und schnell ist die Megacity. Unaufgeregt, höflich, still und zuvorkommend ihre Einwohner. Wohl kaum eine andere Stadt würde solch einen Kontrast aushalten. Tokio schon.

Tipps und Informationen

Die Anreise nach Tokio erfolgt zum Beispiel per Direktflug mit All Nippon Airways (ANA) von Düsseldorf, Frankfurt/Main und München.

Zum Übernachten vielleicht ins Hyatt Regency Tokyo nahe Shinjuku Station, DZ ab 170 Euro, www.hyatt.com/de-DE/hotel/japan/hyatt-regency-tokyo/tyoty. Oder im Park Hotel Tokyo im Shiodome Media Tower, DZ ab 200 Euro, www.en.parkhoteltokyo.com

Wer Kultur sucht, ist im Mori Building Digital Art Museum richtig, einem der neuesten Museen mit digitalen Technologien. Tagesticket für 24 Euro, www.borderless.teamlab.art

Mehr Auskunft: www.gotokyo.org/de (Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Tokyo Convention & Visitors Bureau und All Nippon Airways (ANA)).

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