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Tradition

Einladung zum Tee in London – auch im Doppeldecker

Die vielleicht britischste aller britischen Traditionen erlebt ein Comeback – und wird in London in ausgefallenen Varianten angeboten.

Der Tee-Klatsch findet in einem knallroten Routemaster-Doppeldecker aus den 50er-Jahren statt, wie man sie nur noch selten sieht.

Foto: pr / PR

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London.  Erst ist die Handtasche von Prada nach drei Bissen verschwunden. Dann folgt zu einer Kanne Tee Stück für Stück auch noch der Rest der aktuellen Kollektion. Diese Modenschau en miniature, die im silbrig spiegelnden Collins Room des Londoner Luxushotels The Berkeley serviert wird, ist im wortwörtlichen Sinn zum Anbeißen: Der Bikini und der Stiletto sind detailliert verzierte Kekse.

Die Kleider – unter anderem im Design von Stella McCartney – kommen in Form kleiner Biskuit-Küchlein oder stecken als fruchtig-leichte Creme mit Merengue in Shot-Gläsern. Insgesamt neun der exquisiten Konditorenköstlichkeiten findet man beim sogenannten Prêt-à-Portea auf der Etagere, allesamt inspiriert von Trends und Kreationen berühmter Designer.

„Ich dekonstruiere die Designs und interpretiere sie für den Afternoon Tea neu“, sagt Chef-Konditor Mourad Khiat im Berkeley über seine ausgefallene Variante des Nachmittagstees, der seit jeher weit mehr ist als nur eine Pause mit der Tasse Tee, die die Briten ja so lieben.

Auch im Berkeley werden zu den Süß­teilchen ganz klassisch deftige Häppchen und feine Variationen der Finger-Sandwiches gereicht. Räucherlachs und Currysoße ist darauf oder Gurke, Erdbeeren und Frischkäse.

Ältere verdrehen bei den modischen Teas die Augen

Zwar sitzen im Collins Room vor allem Frauen verzückt beim „Prêt-à-Portea“, viele nicht älter als 40. Hier sieht man, dass die wohl britischste aller britischen Tradi­tionen längst nicht mehr nur genussvoller Zeitvertreib älterer Ladys ist. In den vergangenen Jahren erlebte sie auch bei der jüngeren Generation ein Comeback. Auch die extravaganteren Ideen wie im Berkeley sind keine Ausnahme.

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Mittlerweile buhlen zahlreiche Varianten um die Genießerfraktion, die keine Angst vor Kalorien hat. In London sind moderne, exzentrische und experimentelle Afternoon Teas im Angebot. Mal mit „Alice im Wunderland“ als Thema, mal mit Einflüssen der neuen baskischen oder sogar japanischen Küche.

Die beiden älteren Herren aus Cambridge, die im plüschigen, von Marmorsäulen umrahmten Promenade Restaurant des Nobelhotels The Dorchester am Nebentisch sitzen, verdrehen beim Gedanken an neumodische Motto-Teas nur die Augen.

Afternoon Tea im Dorchester seit 1931

„Ich mag es nicht, wenn alles in kleinen Gläschen gebracht wird, wenn man für das meiste einen Löffel braucht oder sie ­Zitrone in den Tee tun. Ich brauche auch keine Miso-Suppe oder solche Dinge. So was wird heute gemacht, um Touristen zu begeistern“, sagt einer von ihnen in feinstem British English seufzend, bevor er am Tee in der Porzellantasse nippt und der Klavierspieler im Hintergrund „Time to Say Goodbye“ spielt.

Einmal pro Woche pflegen die beiden ihr Ritual so, wie sie die Auszeit lieben: traditionell. Und dafür ist das Promenade eine der ersten Adressen in London. Seit ­der Eröffnung 1931 wird im Dorchester der Afternoon Tea serviert.

Üppige Teestunde wurde als Zwischenmahlzeit erfunden

Wie man auch dort schnell sieht, handelt es sich um eine reichhal­tige Angelegenheit. Wer die Etagere mit all den Sandwiches und Küchlein geleert hat, denkt sicher nicht im Traum daran, etwas später wieder zu Abend zu essen.

Un­vorstellbar scheint daher, dass der Afternoon Tea vor nicht ganz 200 Jahren als Zwischenmahlzeit erfunden wurde: Die Tradition soll zurückgehen auf die Hof­dame Anna, die 7. Herzogin von Bedford und Freundin von Queen Victoria.

Sie begann, die Hungerstrecke zum Dinner mit Tee und einem Snack zu überbrücken. Nach und nach entwickelte sich das mit ihren Freundinnen zu einem gesellschaftlichen Ereignis – und über die Jahrhunderte zu dem, was man heute als Afternoon Tea kennt.

Mit der Etikette wird es nicht mehr so streng genommen; man muss den Löffel also nicht in einer bestimmten Richtung rühren. „Früher gab es strikte Regeln. Heute gibt es kein Falsch. Wir sind da nicht streng, wir haben schließlich 2017“, sagt Petar Loncar, der Manager des Promenade, und lacht. „Wir wollen Werte erhalten, aber mit der Zeit gehen.“

Bis heute unterscheidet man dennoch unterschiedliche Varianten: Eine abgespeckte Version ist der sogenannte Cream Tea. Der beschränkt sich beim Gebäck auf die runden Scones, die kuchen­artigen Brötchen, die mit Marmelade und Clotted Cream bestrichen werden, also jenem dicken Rahm, der leicht, sahnig und damit reichlich trügerisch ist.

Der High Tea hingegen, den es vor allem zu besonderen Anlässen gibt und zu dem auch warme Gerichte gehören, ist näher am Dinner. Dazwischen liegt der Afternoon Tea mit seiner Abfolge kleiner Köstlichkeiten in deftig und süß.

Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade

Die dekadentesten Nachmittagstees starten mit Rosé-Champagner, erst dann kommt der Tee. Im Dorchester fällt die Wahl auf den Dorchester Blend, der in mintfarbenes Porzellan gegossen wird. „Die Auswahl des Tees ist eine persön­liche Sache, je nach Vorliebe. Ich beispielsweise mag am liebsten den normalen English Breakfast Tea mit etwas Milch und Zucker“, sagt der Restaurantleiter Loncar. „Der beste Tee ist der, der schmeckt und Vergnügen bereitet.“

Vergnügen bereitet im Dorchester außerdem alles, was den Tee begleitet. Es beginnt mit exquisiten Amuse-Bouches: Lachs mit Kaviar und Fois Gras mit einem Blattgoldblättchen. Als zweiter Gang folgen Finger-Sandwiches. Zwischen den präzise geschnittenen Weißbrotscheiben befindet sich ganz klassisch Ei mit Kresse, ebenso Gurke mit Frischkäse, Räucherlachs und Hühnchen.

„Das ‚Coronation Chicken‘-Sandwich gehörte zu den ersten und ist heute noch eines der Lieblingssandwiches der Queen.“ Zur Halbzeit sorgt ein „Gaumenreiniger“ aus Erdbeer-Merengue für einen sanften Übergang auf die süße Seite, zu den Gebäckstückchen: Erdbeertarte, Zitronentörtchen, Macarons. „Die Schokolade ist eher modern, aber jedes Hotel fügt eben etwas Persönliches hinzu“, erklärt der 34-Jährige.

Das Finale, als wäre alles davor nicht schon ausschweifend genug, wird mit Scones, Clotted Cream und hausgemachter Erdbeermarmelade bestritten. „Die Scones müssen noch warm sein, sodass die Clotted Cream darauf etwas schmilzt – das ist eine ganz andere Chemie, als wenn sie kalt serviert werden“, sagt Loncar, der sehr selbstbewusst ist, wenn es um die Scones im Dorchester geht. „Es ist ein klassisches Rezept, und wir sind stolz darauf, womöglich sind es die besten Londons: Sie krümeln nicht, haben eine Kruste und sind saftig.“

Die Bustour ist nur schwer zu toppen

Wenn Afternoon Teas zum Repertoire von Fünf-Sterne-Hotels wie dem Dorchester gehören, findet man sie heute auch in kleinen Patisserien und an verschiedensten Orten – sogar in einem Bus. Diese Kombination mag zunächst nach Kleckerei und verbrühten Fingern klingen.

Doch im Afternoon-Tea-Bus ist alles durchdacht: Nichts kann wackeln, herumrutschen oder herunterfallen. Die Happen holt man sich von der Etagere auf einen Plastikteller, und damit der Tee in einer Kurve nicht brühend heiß über die Finger schwappt, wird er in Trinkbecher mit Deckel eingeschenkt. Zu viel trinken sollte man ohnehin nicht. Eine Toilette ist nicht an Bord.

Natürlich ist dieser Afternoon Tea nicht so stilvoll und raffiniert wie in den Luxushotels. Dafür hat man die Möglichkeit, diese Tradition mit Sightseeing zu kom­binieren. Im Trend um immer ausgefallenere Ideen hatten die französischen Betreiber der B Bakery den Einfall, den Afternoon Tea in diese ungewöhnliche Umgebung zu verlagern.

„Wir haben nach einem Twist gesucht, anders als die an­deren zu sein, und überlegt, wie wir es noch britischer machen können“, sagt Jean-Philippe Boriau, der Guide an Bord. Und tatsächlich ist der Trip in Sachen ­Britishness schwer zu toppen: Der 90-minütige Tee-Klatsch findet schließlich in einem alten knallroten Routemaster-Doppeldecker aus den 50er-Jahren statt, wie man sie nur noch selten auf Londons Straßen sieht.

Beim Tee im Bus sieht man London vorbeiziehen

„Unser Afternoon Tea mischt englische und französische Küche“, erklärt der gebürtige Franzose. Bei den Savouries, den deftigen Happen, ist das Fingersandwich mit Gurke und Frischkäse typisch britisch, die Käse-Lauch-Quiche aber französisch und das würzige Küchlein mit Oliven eine Eigenkreation. Beim Süßen hingegen stehen die englischen Cupcakes neben französischen Macarons und den windbeutelartigen Chou à la Crème.

Während man die Teilchen verzehrt und seine Scones mit Butter bestreicht, sieht man beim Blick aus dem Fenster die Stadt London vorbeiziehen. Nach dem Start an der Victoria Station arbeitet sich der Bus im dichten Verkehr zu den touristischen Sightseeing-Hotspots vor: Royal Albert Hall, Harrods, Trafalgar Square, Buckingham Palace, Piccadilly Circus.

Dabei wird man auch selbst zur Tee trinkenden Attraktion, denn wenn die Touristen in den anderen Sightseeing-Doppeldeckern sehen, was da in dem Bus nebenan passiert, fotografieren sie drauflos. Für die beiden Herren aus dem Dorchester wäre das sicher nichts. Doch Tradition hin oder her: Es wäre viel zu schade, die kreativen und spaßigen Afternoon Teas, die dieses Comeback hervorgebracht hat, zu verpassen.

• Tipps & Informationen

Anreise ab Berlin zum Beispiel mit Eurowings oder British Airways nonstop nach London.

Übernachtung zum Beispiel im The Z Hotel Victoria, 5 Lower Belgrave, Tel. 0044/20/35 89 39 90, DZ ab 111 Euro.

Tee-Angebote Im Dorchester wird der Afternoon Tea täglich serviert. Der Champagne Afternoon Tea kostet ab ca. 72 Euro pro Person, der traditionelle
61 Euro.

Im Berkeley gibt es den Prêt-à-Portea täglich, für etwa 58 Euro pro Person; mit Champagner ab ca. 69 Euro.

Touren im Afternoon-Tea-Bus starten ab Victoria Station oder nahe Trafalgar Square, ab etwa 50 Euro.

(Die Reise wurde unterstützt von Visit Britain.)