Sommerfrische

Sandstrände und mondäne Seebäder: Die Küste der Normandie

An Frankreichs Nordwestküste machen malerische Seebäder und Fischerdörfer Lust aufs Meer – mit Klippen und Sandstränden als Kulisse.

Der Hafen von Trouville-sur-Mer bei Ebbe. Früher war der Ort ein Fischerdorf. Strandvillen, Grandhotels, Casinos schufen später den stimmigen Rahmen für die Erholungsambitionen der Hautevolee.

Der Hafen von Trouville-sur-Mer bei Ebbe. Früher war der Ort ein Fischerdorf. Strandvillen, Grandhotels, Casinos schufen später den stimmigen Rahmen für die Erholungsambitionen der Hautevolee.

Foto: Godong / Getty Images

Barneville-Carteret.  Auf der Terrasse des kleinen Hotels im französischen Barneville-Carteret haben die Kellner alle Hände voll zu tun. Frische Austern und fette Gänseleber, gebratener Fisch und süße Apfeltarte verlassen die Küche in ansprechenden Portionsgrößen und werden vor den Restaurantgästen auf feinem Porzellan in Stellung gebracht. Ein erster glücklicher Bissen, ein erster Schluck kalter Cidre, während uns die Abendsonne noch für ein Weilchen Gesicht und Rücken wärmt und eine schwache Brise das Klappern des Bestecks bis zum Strand trägt.

Im Eiltempo hat die Ebbe das Wasser verschlungen, hat die Strandfläche vergrößert und damit den Tisch für die Möwen gedeckt. Das Dunkelblau des Ärmelkanals fließt ruhig bis zum Horizont, der eine scharfe Linie zur milchigen Trübe des Himmels zieht. Lediglich gestört von der Silhouette Jerseys, der größten Kanalinsel im britischen Kronbesitz, die gut 25 Kilometer entfernt eine verschwommene Landmarke setzt.

Aber Moment mal. Alles auf Anfang. Denn wir sind hier auf der Westseite der Halbinsel Cotentin ja schon am Ende einer Reise, die Tage zuvor ganz im Osten der Normandie, nicht weit von der Grenze zur Picardie, begann. In Dieppe nämlich, dem ersten Seebad Frankreichs, wo 1822 mit der Eröffnung einer Badeanlage der Startschuss fiel für den Tourismus, der im Laufe des 19. Jahrhunderts aus zahlreichen rauen Fischerdörfern glanzvolle Seebäder machte.

Bereits Claude Monet war von den Kreidefelsen fasziniert

Es war vor allem die Pariser Bourgeoisie, die in Dieppe und anderswo die Sommerfrische genoss, sich selbst von der beschwerlichen Anreise mit der Postkutsche nicht abschrecken ließ, bevor der Ausbau der Eisenbahn für ein bequemeres Herkommen sorgte. Schon bald mischten sich Gäste aus England unter den französischen (Geld-)Adel, schlenderten an der 600 Kilometer langen normannischen Küste über Promenaden und verspielten in mondänen ­Casinos ihr Geld.

Inzwischen sind fast 200 Jahre ins Land gegangen, seit unterhalb des Diepper Châteaus die Herzogin von Berry in die Fluten stieg. Und noch immer lockt die größte Stadt der Alabasterküste mit viel maritimem Charme Touristen an, die im Schatten beängstigend steiler Kreideklippen ihr Handtuch auf dem groben Kiesstrand ausbreiten.

Die durch Les Tourelles, das letzte von ehemals sieben mittelalterlichen Stadttoren, die Altstadtstraßen mit ihren oft braunen Backsteinhäusern und den schwarz vergitterten Balkonen betreten und sich vor der barocken Pracht der Kirche Saint-Rémy oder am Yachthafen einen „petit café“ genehmigen.

Bleiben wir fürs Erste an der Côte d’Albâtre, die sich von Le Tréport bis zur Seine-Mündung erstreckt. Auch Fécamp liegt an diesem östlichsten Küstenabschnitt – die erste Hauptstadt der normannischen Herzöge und für Jahrhunderte Ausgangshafen der Neufundland-Fischerei, die Geburts­stätte des Kräuterlikörs Bénédictine, dessen Werden im gleichnamigen Palais – einst pompöser Firmensitz von Weinhändler Alexandre Le Grand, heute Brennerei und Museum in einem – erlebt und gekostet werden kann.

Claude Monet oder Georges Seurat malten Liebeserklärungen

Und dann ist da gerade mal 16 Kilometer entfernt Étretat mit seinen berühmten weißen Kreidefelsen, der Touristenmagnet der Region schlechthin. Maler wie Claude Monet oder Georges Seurat hielten das für spätere Reiseführer obligatorische Postkartenmotiv auf Leinwand fest.

Richteten ihre Liebeserklärung mit zartem Pinselstrich an eine Naturschönheit, die sich am besten aus luftiger Höhe bewundern lässt: von der Chapelle Notre-Dame de la Garde, einer kleinen Seefahrerkirche aus grauem Stein, die auf der 84 Meter hohen Klippe der Falaise d’Amont beharrlich Wind und Wetter trotzt.

Tief unter ihr drängen sich auf dem engen Raum zwischen Wald und Wasser die dunklen Dächer des Seebads Étretat, dessen Vergangenheit als einst ruhiges Fischerdorf längst verblasste Erinnerung ist. Menschen in Ameisengröße bevölkern die Promenade am Meer, vor der sich ein Kiesstrand bis zur Falaise d’Aval ausrollt, aus der die Elemente einen viel fotografierten, einem Elefantenrüssel gleichenden Torbogen herausgemeißelt haben.

Es wird Zeit, Abschied zu nehmen von dem Küstenstreifen des Départements Seine-Maritime: Hinter Le Havre schwingt sich der Asphalt des Pont de Normandie als futuristisch anmutende Brückenkonstruktion über den Mündungstrichter der Seine, die sich, von Paris kommend, in gewagten Mäandern durchs Land pflügt.

Hier beginnt die ­Region Calvados, und hier liegt das Pays d’Auge, dessen Landschaft all jene Bilder im Überfluss liefert, aus denen Urlaubsträume gestrickt sind: von unüberwindbar scheinenden Wallhecken zerteilte Felder, zauberhafte Gärten voller Hortensien, Obstwiesen und Weiden, auf denen die normannischen „Brillenkühe“ mit dunkel umrandeten Augen friedvoll grasen. Dazwischen Häuser in romantischem Fachwerk und Bauernhöfe, auf denen Cidre, Calvados und Käse entstehen.

Seebäder wie das feine Deauville ziehen heute viele an

An der Küste eröffnet indes die Côte Fleurie zwischen dem südlichen Seine-Ufer und Sallenelles an kilometerlangen, flachen Sandstränden einen Reigen prominenter Seebäder: Honfleur, Houlgate, Cabourg. Und mittendrin das piekfeine, auf dem Reißbrett entworfene Deauville und seine ungleich traditionsreichere Schwester Trouville auf der anderen Seite des Flüsschens Touques.

Letzteres hat die Zeugnisse seines gesellschaftlichen Aufstiegs weitestgehend bewahrt – einer Zeit entrissen, als das Bad im Meer ge­rade zur Mode wurde und Strandvillen, Grandhotels, Casinos einer Theater­kulisse gleich den stimmigen Rahmen schufen für die Erholungsambitionen der Hautevolee.

Aber auch das Ursprüngliche ist geblieben – als Trouville-sur-Mer noch ein abgeschiedener Ort an der Blumenküste war, dessen Bewohner vom Fischfang lebten. „Es gibt heute 29 Fischkutter, die jeden Tag rausfahren und uns mit Fisch und Meeresfrüchten eindecken“, erzählt Fischhändler Logan Sanchez, der seine Ware fangfrisch am Hafen ­einkauft und auf dem Marché aux Poissons seinerseits zu Geld macht.

Neben dem 21-jährigen Normannen mit dem ungewöhnlichen Namen arbeiten noch eine Reihe weiterer Poisonniers auf dem historischen Fischmarkt an der Hauptstraße, in dessen neun Ständen außer Muscheln, Garnelen, Hummer und weiterem Krustengetier je nachdem Wolfsbarsch, Seezunge, Scholle oder Steinbutt auf Eis liegen. Und natürlich die Makrele, die Nummer eins bei Trou­villes Fischern.

Ein Küstenwanderweg führt um die Halbinsel Cotentin

Probieren kann man an Ort und Stelle. Oder man setzt sich in die Lokale auf der anderen Straßenseite und die Brasserien vorn am Strand. Wo eine ewig lange Promenade aus Holzplanken, die 1867 entstandene Promenade des Planches, wie ein Laufsteg durch den feinen weißen Sand führt – auf der einen Seite begleitet von gestreiften Sonnenschirmen, auf der anderen von einem prachtvollen Architekturaufgebot, dessen Erbauer sich von der großzügigen Noblesse unterschiedlichster Stilrichtungen inspirieren ließen.

Im weiteren Küstenverlauf Richtung Westen wird aus Betriebsamkeit Beschaulichkeit. Die Strände haben hier englische Namen und erinnern an ein düsteres Kapitel jüngerer Geschichte: an die des Zweiten Weltkriegs, als an Sword Beach oder Omaha Beach die ­alliierten Streitkräfte landeten, wovon die Hinterlassenschaften von Besatzern wie Befreiern gleichermaßen zeugen.

Es bleibt ruhig, wenn das Département La Manche das Calvados ablöst und sich die Abgeschiedenheit des Cotentin vor uns entblößt. In Isigny-sur-Mer macht sich der Zöllnerpfad, ein 446 Kilometer langer Küstenwanderweg, auf, die Halbinsel zu umrunden, bis der Mont-Saint-Michel mit viel touristischem Tamtam das Ende der norman­nischen Küste verkündet.

Doch nicht bevor wir an der Côte des Isles mit ihren typischen Granithäusern noch ein letztes Mal Quartier beziehen, wo Sümpfe, Priele und Marschland die hügelige Landschaft prägen und weite, dünengesäumte Strände zwischen Felsen das Küstenbild formen. Und wo uns das Dorf Portbail hinter seinem trutzigen, schiefergedeckten Kirchlein Notre-Dame über eine Brücke an den Strand lotst, aus dem die Gezeiten bei Ebbe ein Paradies für Strandsegler machen.

Aber aus der „Seifenkistenfahrt“ wird heute nichts. Der Wind spielt nicht mit und schlägt sich auf die Seite von Spaziergängern und Muschelsuchern. Auch gut!

Tipps & Informationen

Anreise Zum Beispiel Direktflug nach Paris mit Air France oder Easyjet oder nach Rennes in der Bretagne, beispielsweise mit Air France über Paris. Jeweils weiter mit dem Mietwagen.

Unterkunft zum Beispiel im „Les 2 villas“ in Trouville-sur-Mer: Boutiquehotel hinter historischen Mauern in ruhiger, zentraler Lage nicht weit vom Strand, Doppelzimmer mit Frühstück ab 98,40 Euro (www.les2villas.fr); oder im Hôtel des Isles in Barneville-Carteret: charmantes Hotel mit gutem Restaurant am Meer, 30 Zimmer im maritimen Stil, Doppelzimmer/Frühst. ab 140 Euro (www.hoteldesisles.com/de).

Reiseführer zum Beispiel „Normandie“ von Ralf Nestmeyer, Michael
Müller Verlag, 456 S., 21,90 Euro; oder „Normandie“ von Klaus Simon, Dumont direkt, 120 S., 11,99 Euro.

Auskunft www.normandie-urlaub.com

(Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Normandie)

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.