Urlaubstipp

Bilderbuchorte mit viel Flair jenseits der Cinque Terre

Heimatverbundene Ligurier kümmern sich um die Bewahrung des Schönen – in Italiens noch nicht von Touristen überlaufenen Küstenorten.

Foto: Bun Kiat Lim / EyeEm / Getty Images/EyeEm

Genua.  Ligurien ist in zwei Teile geteilt, und Genua liegt unentschlossen genau mittendrin. Westlich der Hafenstadt, in der Christoph Kolumbus um das Jahr 1451 geboren wurde, liegt die Riviera di Ponente (frei übersetzt: wo die Sonne untergeht). Gemeint ist die Küstenlinie bis zur französischen Grenze bei Ventimiglia mit so verlockenden Ortsnamen wie San Remo und Alassio.

In der entgegengesetzten Richtung, östlich von Genua, an der Riviera di Levante (wo die Sonne aufgeht), locken die Cinque Terre, die fünf malerischen Küstenörtchen, mit einem Panorama, das sich selbst geniale Postkartenmaler nicht besser ausdenken könnten. In dieser von natürlicher Schönheit so reich gesegneten Region gibt es aber zwischen Genua und dem ligurischen Osten bei La Spezia jenseits der bekannten Touristenpfade Perlen zu entdecken, die gerade dabei sind, ihre vollen Reize zu entfalten.

Die Tradition wird gepflegt

Das Ungewöhnliche daran: Die Belebung der verborgenen Schönheiten wird in erster Linie nicht angetrieben von Tourismusmanagern oder von politischer Seite. Nein, es sind heimatverbundene Ligurier, die sich auf Traditionelles besinnen, Ursprüngliches wieder aufleben und Besucher daran teilnehmen lassen. Sie verbindet ein Gedanke: „Ligurien ist weit mehr als Cinque Terre.“

Ein Paradebeispiel dafür ist Carla Iannitello, die ihren gut bezahlten Job samt Karriere in einer Mailänder Werbeagentur aufgab, ihr Leben vor drei Jahren umkrempelte und jetzt im seelenruhigen Montemarcello Magra mit ihrer Freundin Monica Nandzui das Café ­delle Ragazze (Café der Frauen) betreibt.

Sie haben ein Mini-Monopol. Denn in dem Dörfchen auf dem Kap Caprione, gut 260 Meter über dem Meeresspiegel, kann man sonst nirgendwo einkehren. Fünf Tische stehen im Schatten zweier Olivenbäume. Hier war sicher deutlich mehr los, als der römische Konsul Marcus Claudius Marcellius, der Namens­geber des Ortes, 155 Jahre vor Christus in der Region die Apuaner besiegte.

Der Blick vom Aussichtspunkt führt von La Spezia bis Porto Venere

Ein paar Schritte weiter im Netz der engen Gassen, deren rechtwinklige Zuschnitte noch den Ursprung des römischen Lagers offenbaren, verkauft die im Nachbarort Ameglia aufgewachsene Cafébesitzerin als zweites Standbein Obst, Gemüse und Kräuter, alles frisch und garantiert über kurze Transportwege hergeschafft. Warum ist sie aus der Metropole in die Provinz gezogen? „Ich möchte mithelfen, das Gute und Schöne bei uns zu bewahren.“

Wie schön es hier ist, zeigt der Blick vom Aussichtspunkt auf die Bucht von La Spezia bis Porto Venere. Es lohnt sich aber auch, das Hinterland im Tal von Liguriens größtem Fluss Magra (die Dünne) zu überblicken. Dann fährt man 15 Kilometer ins Landesinnere und klettert die Stiegen in dem 30 Meter hohen Turm am Bischofspalast in Castelnuovo Magra auf dem Monte Bastione hinauf. Im ­Rücken die hellen Hänge der Steinbrüche des Carrara-Marmors, voraus das Ligurische Meer, zu Füßen das Dorf für Besucher, die das Ursprüngliche lieben.

Dass Touristen hier noch nicht den Ton angeben, ist leicht zu erkennen. Die Pfarrkirche Maria Magdalena ist unbewacht und ohne Eintrittsgeld zu besichtigen, nur eine unscheinbare Tafel links im Seitenschiff verweist auf die „Kreuzigung“, ein Gemälde, das Pieter Brueghel dem Jüngeren zugeschrieben wird, dem berühmten flämischen Maler der Spätrenaissance. Hohe Kunst fernab vom Prunk und der Präsentation edler Museen.

Viele einst einfache Trattorien haben sich zu beachtlichen Restaurants gewandelt

Mehr los ist in Sestri Levante, wo Hans Christian Andersen, Dänemarks bekanntester Dichter, im 19. Jahrhundert häufig zu Gast war. Schon er schätzte die beiden Buchten (Due Mare) der Halbinsel. Im Frühjahr und Sommer, vor allem an den Wochenenden, machen viele Genueser einen Abstecher hierher und lassen sich in einem der zahlreichen Lokale mit ligurischen Fischköstlichkeiten verwöhnen, von einer Küche, die auf Traditionelles setzt.

Rote Fladen aus Kichererbsenmehl (Farinata) oder Weizen (Focaccia), Mangoldkuchen (Torta di bietole), die typischen, etwa zwei Zentimeter langen Spiralnudeln (Trofie), außerdem Sardellen, Hornhechte und Krustentiere, frisch gefangen im Ligurischen Golf. Viele Trattorien, früher familiäre Lokale mit einfachen Speisen, haben sich zu beachtlichen Restaurants gewandelt, mit vorteilhaftem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Verlockende Zutaten für die ligurische Küche bieten die Markthändler an, zum Beispiel sonntags in Moneglia. Der Ort wirbt ein wenig trotzig mit dem Titel, einer der „schönsten Orte Italiens“ (I borghi più belle d’Italia) zu sein dank einer offiziellen Zertifizierung. Für die knapp 3000 Einwohner eine Chance, auch was vom Touristenstrom abseits der Cinque Terre abzubekommen. Endlich. Moneglia trägt seinen Namen seit der römischen Antike. „Monilia“ heißt so viel wie kostbare Juwelen, eine Anspielung auf die üppige Vegetation an den fruchtbaren Hängen.

Noch mehr beeindrucken heute die Zeugen der wechselhaften Geschichte: die Barockkirche Santa Croce, erbaut auf den Fundamenten eines Baus von 1130, oder San Giorgio in typischer Gotik aus dem 14. Jahrhundert. Dicht ans Gemäuer gebaut ist ein franziskanischer Kreuzgang des 13. Jahrhunderts. Die ausgedienten Zellen der Mönche sind zeitgemäße Luxussuiten des Hotels Abbadia San Giorgio, eines stilvollen Quartiers hinter historischen Doppelbögen. Wieder so ein Beispiel, Altes zu bewahren, aber neu auszugestalten.

Mit dem Fahrrad geht es entlang der Bucht am „Golf der Dichter“

Nur ein paar Schritte weiter den Berg hinauf lockt ein Turm mit eigener Suite. „Jeder kennt die Cinque Terre, aber wir haben hier auch etwas zu bieten“, sagt Orietta Schiaffino, die mit Tochter Francesco das Hotel Villa Edera betreibt, ein Familienbetrieb seit über 50 Jahren. Anfangs gab es eine Handvoll Zimmer mit einem Bad für alle.

Heute ist jeder der 27 Räume individuell gestaltet, viele von modernen Künstlern. Neben einem Quartier gibt es hier Genuss-, Wein- und Wanderangebote oder Kochkurse in den Feinschmeckerwochen. Die Familie ist wie alle Ligurier stolz auf ihr Land, auf die steile Küste, die einsamen Buchten, auf ihre Küche, die alten Rezepte.

Je abgelegener das Ziel an Liguriens Küste, desto mehr empfiehlt es sich, für Ausflüge auf die Bahn als Transportmittel zurückzugreifen oder das Rad zu nehmen. Strecken mit Steigungen sollten nicht abschrecken. E-Bikes, die zum Standardangebot von Vermietern gehören, bewältigen steile Hänge auf bequeme Weise.

Zum Beispiel vom Startpunkt Levanto immer entlang der breiten Bucht am „Golf der Dichter“. Wer will, kann zum E-Bike eine Tour plus Guide buchen (Halbtagestour ab circa 30 Euro). Fahrradguide Damiano Cassola versichert: „Unsere Routen sind auch für Gelegenheitsfahrer geeignet.“

Zur Mole vom Porticciolo kommt man nur zu Fuß, per Rad oder Boot

Dabei geht es nicht darum, Strecke zu machen, sondern sehenswerte Ziele anzusteuern, wie die versteckte Mole von Porticciolo. Nur zu Fuß, mit dem Rad oder Boot kommt man dorthin. Die kürzeste Route von Levanto nach Bonassola führt durch die 150 Jahre alte Bahntunnelröhre direkt an der Küste. Vor 40 Jahren wurde die Strecke stillgelegt, als die neue Bahnstrecke weiter weg von der Küste gebaut wurde. Erst seit einigen Jahren ist der schmale Tunnel mit zwei Spuren für Räder und einem für Fußgänger neu geöffnet.

Einheimische und Touristen nutzen ihn gern. Die sechs Kilo­meter lange Strecke bietet sich auch an heißen Tagen als schnelle, angenehm kühle Verbindung an. Für den Wanderweg über die Anhöhe braucht man alternativ mehrere Stunden. „Der Tunnel ist ein Schatz, den wir endlich wieder nutzen“, sagt Guide Damiano Cassola.

Alte Schätze zeitgemäß einsetzen. Nutzen. Darauf setzt auch Eugenio Boccardo. Der 25-jährige Genueser stammt aus einer Familie, die seit Generationen Pralinen und andere Schokoladenprodukte herstellt. Als vor einiger Zeit im Keller eine 150 Jahre alte Walzenmaschine auftauchte, mit der früher warme Karamellmasse zu mandelgroßen Stücken geformt wurde, setzte er das Teil wieder ein. Ebenso wie die ähnlich betagte Steinmühle, die Kakaobohnen zu Kakaobutter mahlt, immer noch angetrieben von Lederriemen.

Mit einem aromatischen Pesto nimmt man sich das Urlaubsgefühl mit nach Hause

Einziges Zugeständnis an die Moderne: Früher kam die Kraftübertragung aus einer Dampfmaschine, heute vom Elektromotor. Wer im Verkaufsraum, der nicht größer ist als eine Garage, nachfragt, kann mit Glück einen Blick auf die Produktion werfen (Romeo Viganotti, Vico dei Castagna 14R, Genua). Lohnenswert ist auch die Jugendstil-Friseurstube Giacalone von 1922 (Vico Caprettari 14R), einer von 40 historisch sehenswerten Läden Genuas.

Und wen nach dem Ligurienurlaub die Sehnsucht packt, der lässt sich einfach mal die schnellen Handgriffe zeigen, mit denen ein Original-Pesto entsteht, ob im Mixer oder traditionell im Marmormörser mit hölzernem Stößel.

Zwei Esslöffel Pinienkerne und eine Knoblauchzehe zu einer cremigen Paste zerreiben, dann zwei Handvoll Basilikumblätter mit zerquetschen, einen halben Teelöffel grobes Salz und einen Esslöffel geriebenen Parmesan hinzufügen und alles zu einer Masse verreiben. Mit Olivenöl auffüllen und in ein Glas füllen. Liguriens Aroma für die Ewigkeit.

Tipps & Informationen

Anreise Von Berlin nach Genua zum Beispiel nonstop mit Easyjet oder mit Lufthansa über München.

Übernachtung Etwa im Grand Hotel di Castello in Sestri Levante, mit Aufzug durchs Bergmassiv runter zum Hafen (Doppelzimmer ab 200 Euro pro Nacht), www.hoteldeicastelli.it; Hotel Villa Edera, zentral auf einer Anhöhe in Moneglia (Doppelzimmer ab 130 Euro), Restaurant mit Bioküche, www.villaedera.com

Rad-Rundtour Mit E-Bikes und Guide,
z. B. Levanto, Soviore, Reggio, Vernazza, zurück mit dem Zug, etwa vier Stunden, 28 Kilometer, 55 Euro, www.ebikein.com

Auskunft www.ligurien-info.de

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch „In Liguria“.)

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