Kreuzfahrt

Westfriesische Inseln – Im Wattenmeer dem Stress davonsegeln

Auf der „Iselmar“ können Passagiere zwischen den Westfriesischen Inseln kreuzen. Eines der schönsten Naturschutzgebiete Hollands.

Die „Iselmar“ auf dem niederländischen Wattenmeer.

Die „Iselmar“ auf dem niederländischen Wattenmeer.

Foto: Iris Schaper

Groningen.  „Raufkommen, Segel setzen!“ Sobald Mirjam Bajema ruft, strömen alle an Deck und helfen mit. Ein unvergleich­liches Gefühl, wenn der Wind die riesigen Stoffbahnen erfasst und das Schiff vorantreibt. Runterkommen. Stille. Nur unterbrochen von Möwen, dem leisen Knarren der Masten und dem flüsternden Flattern der Segel. Die Sonne wirft Glitzerlichter auf die Nordsee.

„Ich hab Salzwasser im Blut“, sagt die rothaarige Mitvierzigerin lachend. „Der Hafen zog mich schon als Kind magisch an.“ Besonders Plattbodenschiffe hatten es ihr angetan – voll mit Fracht und trotzdem wenig Tiefgang, perfekt fürs Wattenmeer. So wie die „Iselmar“, die Mirjam Bajema gekauft und gemeinsam mit ihrem Mann umgebaut hat.

Unser Schiff legt im Hafen von Terschelling an, nach Texel die zweitgrößte der Westfriesischen Inseln. Mit ­E-Bikes fahren wir Richtung Osten. Ziel des Ausflugs ist das Wrackmuseum, das der engagierte Hille van Dieren in seinem ehemaligen Elternhaus aufgebaut hat. Vom Treibholz über den alten Taucheranzug bis zu schweren Ankern und Kanonen reicht die Spannbreite im Museum. „Schon seit 1965 tauche ich und habe auch vorher schon viele Dinge am Strand aufgesammelt“, erzählt Hille.

Das Navigieren ist schwierig, dauernd gibt es neue Untiefen

„Jutter“ heißen hier die Strandgut­sammler. Für sie ist jeder Sturm ein Fest. Ein richtiger Sturm, das ist fast wie Weihnachten, besonders bei Nordwestwind. Dann strömen die Jutter aus und sammeln alles, was die Nordsee ihnen schenkt. Zusätzlich geht Hille van Dieren auf Tauchstation, denn rund 4000 Wracks ruhen in niederländischen Gewässern. Aber die Geschichte vom wichtigsten Strandgut der Insel, die kann ein anderer Bewohner von Terschelling noch besser erzählen.

Gleich um die Ecke steht im Örtchen Lies die Natuurschuur, die Naturscheune der Staatlichen Forstverwaltung. Dort wartet Flang Cupido vom Kochstudio Flang in de Pan. Seine blauen Augen funkeln, als er berichtet, wie sein Urgroßvater Pieter Sipkes im Jahr 1845 nach einer stürmischen Novembernacht ein schweres Fass fand. Pieter Sipkes hoffte auf einen guten Tropfen. Stattdessen lagen da für ihn wertlose rote Früchte.

Enttäuscht warf er sie in die Dünen. Es waren Cranberrys, die damals amerikanische Seeleute gegen die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut mit sich führten. Seitdem haben sich die Pflanzen überall auf der Insel vermehrt. Heute gibt es Cran­berry-Schnaps, Cranberry-Saft, sogar Wurst mit Cranberry-Stückchen. Cranberry-Produkte sind zu Terschellings wichtigstem Exportgut geworden.

Ums Essen geht es auch bei der Exkursion mit Wildhüterin Feline Zwaan. Sie ist keine gebürtige Insulanerin. „Ich habe vor 20 Jahren hier gecampt und mich verliebt – in die Insel und meinen Mann“, erzählt sie. In ihrer Holzkiste landen die jungen Blätter des Strand­flieders, Löwenzahn, Gänseblümchen, Kletten-Labkraut, Fichtenspitzen und junge Spitzwegerich-Blätter. Ganz nebenbei erfahren wir viel über die Zusammenhänge in der Natur.

Der Kapitän ist eine Frau: Skipperin Winnie Haring

Die Ziegen halten die Freiflächen kurz, damit Kaninchen sich wohlfühlen. Denn wo Kaninchen ihre Höhlen bauen, da kann auch die bedrohte Brandgans in deren verlassenen Bauten nisten. Alles hängt mit allem zusammen. Zurück in der Naturscheune, hat Flang schon eine Brennnesselsuppe vorbereitet und Nudeln mit Pesto aus Weinberg-Lauch – sowie den frisch gesammelten Wildkräutern. Zum Nachtisch gibt es Pofkes, Pfannkuchen mit getrockneten Cranberrys, Urgroßvater Pieter sei Dank.

Auch der Käpt’n der „Iselmar“ ist eine Frau: Skipperin Winnie Haring. Mit ihrem strohblonden Haar, der von der Sonne geküssten Haut und den blauen Augen gleicht sie einer Wikinger-Seefahrerin. Winnie lebt auf dem Plattbodenschiff und fährt bereits das siebte Jahr als Skipperin zur See. Spätestens, als sie die Seekarte erklärt, wird allen Mitfahrern klar, wie schwer es ist, im Wattenmeer zu navigieren. Der Sand bewegt sich ständig, manche Durch­fahrten werden unmöglich, anderswo entstehen neue Wege. „Am Jahresende wird diese Karte hier nicht mehr aktuell sein“, sagt Winnie und zeigt darauf. „Du musst die Gegend gut kennen.“

Die Insel Ameland liegt im Osten von Terschelling. André Ruygh, der ­letzte Leuchtturmwärter der Insel, führt hier durch seinen ehemaligen Arbeitsplatz. Bis 2004 sorgte er gemeinsam mit Kollegen in Rund-um-die-Uhr-Schichten dafür, dass das Leuchtfeuer den Schiffen zuverlässig den Weg wies. Heute wird alles von der Zentrale auf Terschelling gesteuert.

Von der Aussichtsplattform auf rund 50 Meter Höhe gibt es einen fantastischen Rundumblick auf die Insel und das Meer. „Die 2000-Watt-Birne hier oben hält ein Jahr und leuchtet 50 Meilen weit“, sagt André. „Jeder Insel-Leuchtturm hat einen anderen Blinkrhythmus und lässt sich darüber von den Seefahrern identifizieren.“

Im Schlauchboot geht es über unruhige Wellen in einer windigen Fahrt

Im Dorf Nes werden wir später noch ein weiteres Highlight von Ameland ausprobieren: Hier flattern am breiten Sandstrand bunte Segel im Wind. Sander Graafsma vom Outdoor Centre Beach Ameland verteilt Handschuhe und Helme und führt die Gruppe zu kleinen Gefährten mit vier Rädern.

Heute versuchen wir uns im Strandsegeln: „Mit den Füßen lenkt ihr“, sagt Sander. „Wenn ihr das Seil straff zieht, werdet ihr schneller. Wenn ihr locker lasst und gegen den Wind fahrt, werdet ihr langsam.“ Klingt einfach – und ist es nach einer kleinen Gewöhnungsphase auch. Alle drehen immer schneller ihre Runden. Sobald das Gefährt im Wind segelt, nimmt es richtig Fahrt auf, und die frische Nordseebrise rauscht um Nase und Ohren.

Am nächsten Tag wartet eine Überraschung auf die Besatzung: Rettungswesten und Gummistiefel anziehen, es wird unruhig und spritzt! In einem Schlauchboot springen wir über die Wellen, eine wilde, windige Fahrt, die die Haare zerzaust und die Wangen ­rötet. Das Boot wird langsamer, eine Sandbank mit vielen schwarzen Punkten taucht auf. Robben, Hunderte!

Zu Besuch bei den Kegelrobben

English Corner heißt diese Sandbank, weil hier 1666 ein englischer Admiral die niederländische Flotte vernichtend schlug. Noch heute finden sich alte Wracks auf dem Grund der Nordsee. „Dieser Teil des Wattenmeeres ist ein wichtiges Gebiet für die Fortpflanzung der Robben“, erklärt Folkert Janssens, naturbegeisterter Insulaner von Vlieland. „Es gibt zwei Spezies. Die Großen da drüben, das sind Kegelrobben. Und die Kleineren da hinten sind Seehunde.“

Neugierig schwimmen manche von ihnen bis nah heran an das kleine Rettungsboot. „Sie haben wenig Scheu vor Menschen.“ Mit Folkert fahren wir nun in Richtung seiner Heimatinsel Vlieland. Vor deren Küste reihen sich die Seehundbänke wie eine Miniaturausgabe der Westfriesischen Inseln auf.

Der Wind hat die Dünen im Osten der Insel zu einer Hügellandschaft auftürmt. Auf einer Anhöhe steht der Leuchtturm, Ginsterbüsche tupfen sattes Gelb in die Dünen. Nur das Kreischen der Seevögel ist zu hören, ganz selten mal das Brummen eines Autos. Die meisten Vlieländer haben ihre Gefährte auf dem Festland. Denn auf der zweitkleinsten Westfriesischen Insel ­erreicht man alle Ziele bequem per Fahrrad – auch das Vogelschutzgebiet bei den Kroon’s Polders.

In einem Schutzgebiet nisten 128 verschiedene Vogelarten

Der Vogelwart ist ein Mann mit einem langen weißen Bart und ebensolchen Haaren, ein echtes Original. Bei Herman Vogel ist der Name Programm: „Ich ­habe mich schon immer für Vögel interessiert, schon als kleiner Junge“, erzählt er. Heute führt er regelmäßig Besuchergruppen durch das Schutzgebiet.

Kroon’s Polders ist eines der wichtigsten Nistgebiete für Vögel in der Region. „1850 gab es hier einen starken Sturm, und es bestand tatsächlich die Gefahr, dass die Insel auseinanderbricht.“ Danach legte man Polder an. Süß-, Brack- und Meer­wasser, alle Lebensräume sind dort auf engem Raum vereint. Noch weiter im Westen ist die Insel militärisches Sperrgebiet, das Besucher nur an den Wochenenden betreten können.

Und wo der Mensch fernbleibt, da gedeiht die Natur. 128 verschiedene Vogelarten wurden hier gezählt, ob Löffler, Strandläufer oder Brandgans, und allein 800 Kormoranpaare nisten an den Poldern. Seit Ende 2016 erlauben eine neue Vogelbeobachtungshütte und ein umzäunter Weg mit Gucklöchern den Besuchern weite Einblicke in das Nist­gebiet, ohne die Tiere beim Brüten zu stören. „Hier fliegen wahrscheinlich gleich Vögel hoch, aber nur, weil die Flut kommt“, sagt Herman. Dann legt er den Finger an den Mund und bittet darum, ganz leise zu sein. Jetzt hören es alle, ein seltsames Ouuu-Ouuu. „Das sind die Erpel der Eiderenten“, erklärt er. „Die haben gerade Paarungszeit.“

Als die „Iselmar“ zurück nach Harlingen schippert, scheint die Sonne mit voller Kraft. Wehmut kommt auf. Auch Schiffseignerin Mirjam wird der Nordsee nicht müde. „Am Ende der Saison bin ich froh, dass Ruhe herrscht und alle weg sind“, sagt sie in ihrem unnachahmlichen holländischen Akzent. „Aber einen Monat später vermisse ich sie schon wieder furchtbar, die Gäste, das Schiff und natürlich die See.“

Tipps & Informationen

Anreise z. B. von Berlin mit der Bahn über Amelo und Zwolle bis Leeuwarden, anschließend per Bus oder Taxi zum Hafen Harlingen.

Übernachtung Gruppen-Basispreis für eine Fünf-Tages-Tour mit 34 Personen auf der „Iselmar“ ist 5600 Euro.

Auskunft www.wadtodo.de

Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Merk Fryslân, Provinz Friesland.

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