Vielfalt

Exotische Insel in der Karibik: Curaçao treibt es bunt

Auf der Karibikinsel bieten 65 Nationalitäten nicht nur Abwechslung in der Küche. Über wie unter Wasser finden sich reiche Farbwelten.

Die in leuchtenden Farben gestrichenen Häuser im Hafen von Willemstad erinnern an die niederländischen Kolonialherren und zählen zum Unesco-Kulturerbe.

Die in leuchtenden Farben gestrichenen Häuser im Hafen von Willemstad erinnern an die niederländischen Kolonialherren und zählen zum Unesco-Kulturerbe.

Foto: HF / Michael Runkel/Robert Harding

Willemstad.  Die See kann rau sein. So wie heute, rund einen Kilometer von der Küste entfernt. Zwar sind die Wellen nur so hoch, wie ein durchschnittlicher Erwachsener groß ist – und damit weniger voluminös als in der Nacht zuvor – das reicht aber, um auf der "Queen Eli­zabeth" ordentlich durchgeschüttelt zu werden.

Unentwegt schaukelt der Holzkutter, der in Orange und Weiß gestrichen ist, hoch und runter. Zu viel für eine Mitreisende, die sich auf den Boden legt und den Horizont ins Blickfeld nimmt, damit der Mageninhalt dort bleibt, wo er hingehört. Herman Debrot macht das alles nichts aus. Der 65-Jäh­rige ist der Kapitän. Er zeigt mit dem Finger aufs Meer, während fliegende ­Fische in einem Höllentempo am Bug vorbeischießen. "Das ist für mich Freiheit", ruft er laut.

Der Weltenbummler hat sich mit seinem Geschäft in der Karibik einen Lebenstraum erfüllt, bietet für Touristen Schnorcheltouren an und fängt Thunfische, die er an Restaurants verkauft. Hier, in seiner Heimat, der Insel Curaçao, 64 Kilometer vor der Küste Venezuelas gelegen und mit 444 Qua­dratkilometern so groß wie Usedom. Was er noch an ihr schätzt? "Das Lebensgefühl. Es steckt an, bei uns gilt das Motto 'Cool down'."

Die reiche Unterwasserwelt zieht Hobbytaucher an

Es gibt noch weitaus mehr Argumente, den zehnstündigen Flug von Deutschland auf sich zu nehmen, was 2016 immerhin rund 22.000 Bundesbürger taten. Zum Beispiel Dutzende Buchten mit ihren feinsandigen Stränden samt kristallklarem Wasser. Dazu kommt eine reiche Unterwasserwelt, die Hobby- und Sporttaucher anzieht und bei 27 Grad Wasser- und 28 bis 32 Grad Lufttemperatur ganzjährig ein Vergnügen ist.

Auch kulturell hat das ­Eiland einiges zu bieten. Einen einfachen Zugang bietet der Blick in Töpfe und Pfannen. Die regionale Küche spiegelt die Vielfalt der Insel wider, dessen Bewohner sich aus 65 Nationalitäten zusammensetzen.

Herman Debrot verließ Curaçao im ­Alter von 17 Jahren, um in Amsterdam Sportwissenschaften zu studieren. Er hat als Judotrainer in Israel sowie Deutschland gearbeitet, eine Bremerin geheiratet, unter anderem in Hamburg gelebt, ehe er 2012 zurückkam.

Kunterbunte Vielfalt der gesprochenen Sprachen

Viele Einheimische gehen diesen Weg. Er ist unproblematisch, weil jeder Einwohner einen niederländischen Pass hat, was historisch bedingt ist. Seit dem 17. Jahrhundert war die von Spaniern 1499 entdeckte Insel niederländische Kolonie. Im Oktober 2010 wurde Curaçao ein autonomer Staat, der jedoch weiterhin zum Königreich gehört.

Amtssprache ist Niederländisch, doch auch mit Englisch und Spanisch kommen Besucher weiter. Zudem wird an Schulen die Ortssprache Papiamentu gelehrt. Sie verändert sich von Generation zu Generation rasant. Das führt dazu, dass Großeltern ihre Enkel nur schwer verstehen und umgekehrt. Ein Wort dieser bunten Kreolsprache, das den Charakter des Landes beschreibt und zugleich als wichtigster Ausdruck nie aussterben wird, ist "dushi". Es bedeutet so viel wie herrlich, süß, schön, lecker oder Schatz.

Viele der Häuser werden jedes Jahr neu angemalt

Dushi sind auch große Teile der Hauptstadt Willemstad, in der rund 125.000 der 159.000 Insulaner wohnen – ein tropisches Mini-Amsterdam. Die in Grün, Gelb, Pink oder Blau gestrichenen Häuser der Altstadt, die seit zehn Jahren zum Unesco-Kulturerbe zählt, sind im Rokoko- und Flamboyantstil gebaut. Viele von ihnen werden jedes Jahr angemalt, denn der Korallenstein an den Gebäuden schwitzt die Pigmente schnell wieder aus. Andernorts blättert jedoch der Putz – auf einer Insel, die nicht nur in dieser Hinsicht kontrastreich ist.

Auf dem Weg vom Flughafen in die City passieren wir große Industrie- und Hafenanlagen, aus Schornsteinen lodern Flammen. Ich rümpfe die Nase ob des Raffineriegeruchs. Neben dem Tourismus sind Erdöl und der Hafen die zentralen wirtschaftlichen Standbeine.

In der Stadt angekommen, fällt eines sofort auf: An jeder Ecke locken Smoothie-Stände. Dort gibt es das beliebte Getränk aus Früchten, Eis, Milch und reichlich Zucker – ein Sattmacher für zwischendurch. In den zahlreichen Bars und Restaurants lässt es sich am Abend angenehm verweilen. Oder man lauscht in den Gassen den Straßenmusikern, die karibisches Flair zaubern und zum Mittanzen animieren.

Bunte Schwingbrücke trennt die Stadtteile

Es lohnt sich, die einzige Stadt der Insel zu erkunden, insbesondere die bunten Stadtteile Punda und Otro­banda, die von der Hafeneinfahrt getrennt und durch eine Brücke ver­bunden sind. Das Besondere: Läuft ein Schiff ein, schiebt sich die aus Holz konstruierte und 1888 eröffnete Königin-Emma-Pontonbrücke zur Seite.

Wer es bis zum Alarmsignal nicht auf die ­sogenannte Swinging Old Lady schafft, muss einige Minuten warten oder auf die kostenlose Fähre ausweichen. Im Dunkeln wird das spektakuläre Bauwerk täglich mehrfarbig beleuchtet. Auch das sollten sich Besucher nicht entgehen lassen. Genauso wie den schwimmenden Markt in unmittelbarer Nähe. Von kleinen Booten aus verkaufen Händler verschiedenes Obst, Ge­müse und Gewürze. Sie kommen aus Venezuela angesegelt und offerieren Avocados, so groß wie Boxhandschuhe.

Beim Frühstück ist Zurückhaltung angesagt, damit die Portionen zu schaffen sind

Wen der Hunger treibt, der ist gegenüber in der Markthalle Marché Bieu gut aufgehoben. Diverse kleine Küchen zaubern zur Mittagszeit deftige lokale Spezialitäten in großen Portionen für wenig Geld auf die Teller. Zum Beispiel Parilla de Marisco (Platte mit gegrillten Meeresfrüchten) und Stobá mit Moro (Schmorfleisch mit Reis und Bohnen). Zudem gibt es Kaduschi, eine kalorienarme und eher geschmacksneu­trale Kaktussuppe. Man sitzt an langen Tischen und Bänken zusammen, trinkt dazu Zuckerrohrlimonade. Auf die gängigen Fast-Food-Ketten, die auch auf Curaçao mit Filialen vertreten sind, kann man getrost verzichten.

Allerdings ist bereits beim Frühstück Zurückhaltung angesagt, damit die Portionen in der Markthalle zu schaffen sind. Denn zu viel Pastechi, eine mit Käse, Fleisch, Gemüse oder Fisch gefüllte Teigtasche, erzeugt Völlegefühl und Bettschwere. Lecker ist das fetthaltige und handtellergroße Stück für umgerechnet 1,50 bis 2 Euro allemal.

Zartbesaitete Menschen, bei denen der detaillierte Vortrag über Gräueltaten aus der Vergangenheit mit Appetitlosigkeit einhergeht, sollten vor dem Besuch des Kura Hulanda Museums ausgiebig gegessen haben. Es beschäftigt sich mit der Geschichte der Sklaverei und zeigt Utensilien wie schwere Halsketten aus Stahl, mit denen die Menschen gequält und gefügig gemacht wurden.

Schnorcheln in Wasser, das so blau ist wie der bekannte Likör

Zu den Schattenseiten der südlichen Karibikinsel gehört nämlich, dass sie ein großer Umschlagplatz für den Sklavenhandel war. Als die Museumsführerin, eine Dame jenseits der 70, mit strenger Stimme davon berichtet, unter welchen Bedingungen Männer und Frauen hierher verschifft wurden und mitunter die Hälfte von ihnen auf der Überfahrt ihr Leben verlor, läuft es mir kalt den Rücken runter.

Ebenso ruhig wie im Museum geht es in der Mikvé Israel-Emanuel Synagoge in Willemstad zu, die 1732 erbaut wurde und die älteste durchgängig genutzte in der westlichen Hemisphäre ist. Der Boden des Gotteshauses ist aus Sand aus Israel.

Unschlagbar ist natürlich jener, der sich an den Stränden wiederfindet. Und genauso dushi ist es für Naturliebhaber auf Curaçao, das neben Aruba und ­Bonaire zu den ABC-Inseln gehört, insbesondere im Frühjahr nach heftigen Regenfällen im Winter. Obgleich diese Jahreszeit ihren Namen schon wegen der hohen Temperaturen gar nicht verdient.

Dann ist das Eiland in sattes Grün eingebettet, die Fahrt zu den weißen Stränden im Nordwesten der Insel, die von hohen Felsen umgeben sind, umso schöner. Einer davon trägt den Namen Grote Knip. Der Strand liegt zwischen den Dörfern Westpunt und Lagun und ist wegen seiner Nähe zu einem Korallenriff idealer Ausgangspunkt für eine Schnorcheltour. In einem Wasser, das so blau wie der Blue Curaçao ist. Was viele nicht wissen: Der Likör muss nicht jene Farbe haben, ihn gibt es dort auch in Rot, Orange oder Grün. Bunt und vielfältig, passend zur Insel.

So spürbar der Einfluss der Niederlande das Leben auf der Karibikinsel auch heute noch begleitet, in einem Punkt könnten die Unterschiede nicht größer sein: Während die einen zu den Fahrradnationen schlechthin gehören, sieht man in der einstigen Kolonie ausschließlich Touristen, mit Helmen ausgestattet, über die Straßen radeln.

Tipps & Informationen

Anreise zum Beispiel mit KLM über Amsterdam nach Willemstad. Von deutschen Flughäfen gibt es zurzeit keine Direktflüge.

Unterkunft Das inhaberge­führte Amalia Boutique Hotel ist nur 900 Meter von der Jan-Thiel-Bucht entfernt und bietet acht Apartments und neun Zimmer an. Die Unterkunft ist nur für Erwachsene. Doppelzimmer ab 99 US-Dollar pro Nacht, Frühstück ist zubuchbar, ww.amaliacuracao.com. Das Santa Barbara Beach & Golf Resort mit Strandlage bietet 350 Zimmer. Eine Woche im DZ ab 1170 Euro, all-inclusive ab 2221 Euro, (www.santabarbararesortcuracao. com).

Auskunft Curaçao Tourist Board, www.curacao.com


(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch das Curaçao Tourist Board.)

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