Gourmetreise

Das Warten auf die Ernte des Erdbeerbaums in Portugal

Die Serra de Monchique ist das gebirgige Hinterland der Algarve. Im Herbst verarbeiten Schnapsbrenner der Region das Obst zu Bränden.

Caldas de Monchique ist ein hübscher kleiner Ort – eher ein Garten mit ein paar Häusern darin, sagt man. Dort leben nur wenige alte Menschen, die jungen verlassen die Gegend.

Caldas de Monchique ist ein hübscher kleiner Ort – eher ein Garten mit ein paar Häusern darin, sagt man. Dort leben nur wenige alte Menschen, die jungen verlassen die Gegend.

Foto: MyLoupe / UIG via Getty Images

Monchique.  Der Lichtschein, der durch das Dach der alten Scheune von Elena Nunez bricht, erhellt den nackten Steinboden. Rund um die fünf mannshohen Eichenholzfässer und den betagten Destillierapparat herrscht gähnende Leere.

In wenigen Wochen aber wird die Schnapsbrennerin in dem abgelegenen Algarve-Dörfchen Lameira ernste Schwierigkeiten haben, sich überhaupt einen Weg durch die Scheune zu bahnen. Hofft sie zumindest. Denn dann werden wieder unzählige Landarbeiter und Tagelöhner den alten Gutshof in der Serra de Monchique ansteuern und aus geflochtenen Bastkörben wertvolle Fracht auf den Boden der Scheune kippen. Der Herbst ist die Erntesaison für die Früchte des Erdbeerbaums, den die Portugiesen Medronheiro nennen.

Pro Liter zwölf Kilogramm Obst

Wie reich die Lese wird, steht in den Sternen, die Erträge werden von Jahr zu Jahr weniger. „Vergangenes Jahr war es ganz schlimm“, sagt Elena und wischt schnell noch ein bisschen Staub von den wenigen mit Schnaps gefüllten Glasflaschen, die auf einem Bord neben dem Eingang stehen. Es ist der spärliche Rest der vergangenen Saison.

Gerade mal 1000 Liter des an der Algarve berühmten und auch bei Touristen beliebten Obstbrands Medronho habe sie 2016 brennen können, klagt die 53-jährige Farmersfrau, pro Liter benötigt sie etwa zwölf Kilogramm von dem Obst. „Es ist jedes Jahr ein Glücksspiel“, schließlich wisse man nie, wie viele der leuchtend roten Früchte die sengende Sommersonne und vor allem dichte Schwärme von Vögeln übrig lassen.

Viele Portugiesen haben einen Nebenjob als Erntehelfer

Die gefiederten Obsträuber sind der Grund dafür, dass besonders Ornitho­logen die Monchique schätzen. Die Täler, Auen und Höhen des nur etwa 30 Kilometer von den Stränden der Algarve entfernten Mittelgebirges sind beliebte Brutplätze für Kraniche und Königsreiher, Habichte und Bussarde, Eisvögel, Zaunkönige oder Meisen. Die Tiere nisten in Felsspalten oder den unzähligen Korkeichen und Eukalyptushainen, die im subtropischen Klima des südwestlichsten Zipfels Kontinentaleuropas hervorragend gedeihen.

Doch während diese Bäume hier in großflächigen Parzellen kultiviert werden, wachsen und wuchern die Medronheiros wie wild und strecken überall ihre knorrigen Äste in die Höhe – ob am Straßenrand oder ­irgendwo mitten im Feld, im Vorgarten eines Bauernhauses oder in den zahlreichen Orangenplantagen der Region.

Viele Portugiesen haben einen Nebenjob als Erntehelfer

Und wenn sich die Postkarten-Strände von Faro bis zum Kap São Vicente leeren und die meisten ausländischen Touristen abgereist sind, verdingen sich viele Portugiesen nur ein paar Kilometer nördlich in der Monchique als Erntehelfer für die unzähligen kleinen und großen Medronho-Produzenten. Für die meisten sei es ein willkommenes Zubrot, sagt Elena. Der gesetz­liche Mindestlohn in Portugal liege derzeit bei etwa 600 Euro pro Monat – rund ein Viertel dessen, was in Deutschland gilt.

Zwar sind Lebensmittel noch verhältnismäßig günstig, der Kaffee in der Bar an der Ecke kostet weniger als einen Euro. Aber Mieten, die Kosten für ein Auto oder Benzin liegen preislich auf mitteleuropäischem Niveau. „Mit nur einem Job kommen die wenigsten hier aus“, sagt Elena.

Auch sie und ihr Mann Paolo, der Vorsitzende der örtlichen Destiller-Vereinigung, können vom Schnapsverkauf allein nicht leben, Orangen-Plantagen und Süßkartoffeln tragen ebenfalls zum Familieneinkommen bei. Das reicht ge­rade aus, um den alten Gutshof in Lameira zu unterhalten und die vielen Erntehelfer zu bezahlen. Manche geben sich auch mit ein paar Flaschen Schnaps aus vergangenen Produktionen zufrieden, um sich während der harten Feldarbeit neue Lebensgeister einzuhauchen. Doch das sei eher selten, sagt Elena. „Betrunken kann man diesen Job nicht machen.“

Rennradteams machen sich auf den Straßen fit für die Saison

Schließlich müssen die Tagelöhner die richtigen und reifen Exemplare erkennen, nur diese lassen sich ver­wenden. Maschinell lässt sich das nicht bewerkstelligen. Wie ein Heer von Ameisen streifen die Bewohner der Monchique deswegen im Herbst durch die Felder und ziehen von Baum zu Baum, um mit ihren Hirtenstäben die vollreifen Früchte von den Ästen zu klauben.

Ein lokales Spektakel, das sich über Wochen hinzieht – und nicht selten von den wenigen Touristen beobachtet wird, die es im Herbst in die Monchique verschlägt. Vor allem Outdoorfans schätzen die Mittelgebirgsregion, die immer noch Geheimtipp-Status genießt. Wanderer zumeist, die über von Eukalyptusbäumen und Korkeichen beschattete Wege stapfen, von einem kleinen Bauernhaus zum nächsten ziehen oder einfach nur die zahlreichen Verbindungswege zwischen den versprenkelten kleinen Ortschaften nutzen, um ihr Tagespensum zu nutzen. Auch Radfahrer haben die Region längst entdeckt.

Rennradteams trainieren am Berg Foía

Internationale Rennradteams machen sich auf den mäandernden und steilen Straßen fit für die kommende Saison, während Mountainbiker vor allem die unterschiedlichen Touren hinaus auf den Berg Foía wählen. Die 902 Meter zum Gipfel lassen sich in wenigen Stunden bewältigen – und einmal oben angekommen, entschädigt der famose Fernblick jegliche Mühen. Hinter den bewaldeten Tälern und malerischen Schluchten ragen die weißen Hotelbauten von Portimao und Lagos auf, dahinter der glitzernde Atlantik – der Aufstieg lohnt.

Ebenso wie die rasante Abfahrt, die viele über die N266 nach Caldas de Monchique führt; ein malerischer Ort, den Jorge Barrios nicht als einen solchen bezeichnen würde. Es sei eher „ein Garten mit ein paar Häusern drin“. Der Fremdenführer in Diensten des nahen MacDonald Monchique, des einzigen Fünf-Sterne-Hotels der Region, macht jeden Freitag mit Gästen eine mehrstündige Tour durch die Caldas, und ­nahezu alle sind von der Ortschaft verzückt.

Grobe Kopfsteinpflasterwege ziehen sich durch dichte Kamelienbeete, aus mehreren Quellen entspringt Thermalwasser und gluckert in ummauerten Bächen, die von niedlichen Holzbrücken überquert werden. Hier und da wuchert Efeu, Eukalyptusbäume und Zypressen überschatten die Wege, und aus den Gerippen verrosteter Uralt-Land-Rover grüßen sattgelbe Blumen.

Die Caldas ähnelt eher einem Park oder Biotop, nur wenige Menschen leben hier. „15 vielleicht“, schätzt der 32-jährige Jorge, „alles Rentner.“ Die Jungen haben den Ort schon lange verlassen und suchen anderswo ihr Glück, in Porto, Lissabon oder Faro.

Ein Erdbeben und Unwetter zerstörten die schöne Caldas

Dabei waren die Voraussetzungen für Wohlstand einst gegeben. Bereits die Römer kurten in den heißen Quellen, später folgten gekrönte Häupter und Staatsmänner in der Caldas, bis eine missgünstige Laune der Natur ihr folgenschweres Gesicht zeigte. Ein Erdbeben im Jahr 1969 schlug breite Schneisen in die Gebäudestruktur, und nach erfolgreichem Wiederaufbau folgte der nächste Schicksalsschlag: Schwere Unwetter schwemmten 1997 die Straßen und den alten Baumbestand der Caldas weg. Das einst stolze Thermalbad verkam zu einem Trauerspiel.

Vier Jahre dauerte der Wiederaufbau – doch die Menschen kamen nicht zurück, die meisten Gebäude sind unbewohnt. In der Kirche des Ortes finden schon lange keine Gottesdienste mehr statt, die morschen Bänke sind leer und verstaubt, die Pforten verschlossen. Der einst von den Behörden angelegte Trimm-dich-Pfad, der auf sieben Stationen durch die Caldas führt, ist verwaist, die Beschilderung verwittert.

Der Medronho beschließt jede Mahlzeit

Doch wer den drahtigen Jorge mit seinem weißen Hemd und der schwarzen Baseball-Cap auf seiner Tour begleitet, landet am Ende im eigentlichen Zen­trum des Ortes: einem von Platanen überdachten kleinen Platz, neben dem Maria Celena ihre mit Choriço-Wurst gefüllten Brotlaibe aus einem alten Holzkohleofen holt. Eigentlich arbeitet die Mittfünfzigerin in der benachbarten Bar O Tasco, der einzigen in Caldas de Monchique. Doch um ihr schmales Gehalt aufzubessern, schmeißt sie viermal am Tag den alten Ofen an und verkauft den wenigen Touristen, die den Weg hierher finden, diese lokale Delikatesse. Pro Laib fordert sie 3,50 Euro, gut ein Drittel davon darf sie behalten.

Den Rest behält Wirt Manolo für sich, der in den jahrhundertealten Gewölben der Bar eine Auswahl weiterer örtlicher Spezialitäten bereithält. Das pikant gewürzte Hühnergericht Frango Piri Piri oder der portugiesische Stockfisch-Klassiker Bacalhao stehen auf seiner Karte, genauso wie Medronho: der obligatorische Absacker, der in der Monchique so ziemlich jede Mahlzeit beschließt. „Sáude“, sagt Jorge, hebt ein Glas mit dem klaren Schnaps und leert es in einem Zug: „Zum Wohl.“

Tipps & Informationen

Anreise Von Berlin oder Hamburg nach Faro z. B. mit Germanwings oder Easyjet. Weiter mit dem Mietwagen nach Monchique.

Lage Die Serra de Monchique liegt ca. 60 Kilometer nordwestlich von Faro, 20 Kilometer nördlich von Portimão.


Übernachtung
z. B. in der Villa Termal Das Caldas de Monchique Spa Resort, Ü/F im DZ ab 71 Euro p. P.; im Macdonald Monchique: Ü/F im DZ ab 99 Euro p. P.; im Quinta do Tempo Turismo Rural: Ü ab 75 Euro p. P.


Auskunft
Fremdenverkehrsamt Visit Portugal, www.visitportugal.com/de

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Olimar Reisen und Segara Kommunikation.)

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