Reise

Nur Männer und Maria

Die Mönchsrepublik Heiliger Berg Athos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki darf von Frauen nicht besucht werden

Wie eine Legende erzählt, begab sich die Jungfrau Maria einst auf eine See­reise nach Zypern. Sie wollte dort ihren guten alten Freund Lazarus treffen, den Bischof von Larnaka – jenen Mann, der gestorben und von Jesus wiederbelebt worden war. Ihr Schiff geriet jedoch in einen Sturm und strandete auf einer Halbinsel, von deren Schönheit Maria überwältigt war. Spontan rief sie aus: "Hier möchte ich bleiben!" Und dann hörte sie Gottes Stimme sagen: "Diese Gegend soll dein Eigentum und dein Garten sein."

Die Schönheit der Halbinsel mit ihren strahlenden Stränden aus Granitsand, den duftenden Pinienwäldern, den Weinbergen und Olivenhainen überwältigt den Besucher auch zwei Jahrtausende später. Doch Marias Besuch hatte schwerwiegende Folgen – die Gottesmutter war von so reinem Herzen, dass danach nie wieder eine andere Frau einen Fuß auf dieses Land setzen sollte. Dazu kommen wir noch.

Die griechische Halbinsel Chalki­diki, von der die Rede ist, war im Altertum als Poseidons Dreizack bekannt und ragt weit in die Bläue des Ägäischen Meers hinein. Der linke und der mittlere ­Zacken, Kassandra und Sithonia, dienen heute wie viele andere Küstenstriche Griechenlands dem Tourismus.

Rund 2300 Mönche leben in 20 ortho­doxen Großklöstern

Ganz anders der östliche Zacken. Hier befindet sich ein so einzigartiges Gemeinwesen, dass man schon den Vergleich mit dem Vatikanstaat bemühen muss, um einen Eindruck zu erhalten. Allerdings ist die Autonome Mönchs­republik vom Heiligen Berg Athos mit knapp 336 Quadratkilometer Fläche 800-mal so groß wie der Vatikan. Rund 2300 Mönche leben in 20 ortho­doxen Großklöstern – 17 griechisch, eines russisch, eines serbisch, eines ­bulgarisch – sowie in etlichen Mönchssiedlungen rund um einen klösterlichen Zentralbau, den sogenannten Skiten, und mehreren Einsiedeleien. Das prachtvolle russische Kloster Panteleimonos, fast eine Stadt für sich, hat ­gelegentlich einen prominenten Gast: den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Völkerrechtlich ist die Mönchs­republik Teil Griechenlands, jedoch führt sie in Zeit und Raum ein Eigen­leben; es ist ein lebendes Monument. Befragt, ob er auch mal Nachrichten ­sehe und Zeitung lese, antwortet Bruder Serapion vom Kloster Simonos Petras mit mildem Lächeln: "Wir lesen die ­Lebensgeschichte unserer Heiligen. Das ist uns Information genug."

Die Mönche leben nach dem Julianischen Kalender, der unserem Gre­gorianischen um genau 13 Tage hinterherhinkt. Zudem gilt auf Athos die Byzantinische Zeit, bei der bei Son­nen- untergang bereits Mitternacht ist.

Die Republik mit der Hauptstadt Karyes hat ihren Namen vom Berg Athos, einem wuchtigen Kegel, der am Ende des östlichen Zackens unvermittelt 2033 Meter hoch aus dem Meer ragt.

Viele der Klöster sind, wie das eindrucksvolle Simonos Petras, fast 1000 Jahre alt, sitzen auf abfallenden Bergflanken hoch über dem Meer und haben festungsähnlichen Charakter – ein Tribut an damalige Überfälle von Piraten und Raubrittern. Die Mönche leben ein asketisches Leben, doch sie beten nicht nur – manche gehen auf Fischfang, andere bauen Oliven und Wein an. Einige der Weine vom Berg Athos wie der Metochi Chromitsa zählen zu den besten Griechenlands.

Frauen gibt es auf Athos nicht, und sie werden auch nicht geduldet. Der Athos heißt auch "To Perivoli Tis Panagias" – "Garten der Gottesmutter" und soll allein Maria vorbehalten bleiben. Das Zutrittsverbot für Frauen, der Avaton, gilt sogar für weibliche Haustiere und scheitert nur an den allgegenwär­tigen Katzen, die sich ja auch sonst nichts verbieten lassen. Frauen, die hier widerrechtlich eindringen – was immer mal wieder geschieht – können unter Umständen sogar im Gefängnis landen. Obwohl viele Klöster mit uralten Ikonen und religiösen Preziosen von unschätzbarem Wert angefüllt sind, bekommt kein Tourist sie je zu sehen.

Ein Besuch der Mönchsrepublik ist nur volljährigen Männern gestattet – und das auch gerade einmal zehn zurzeit. Zwischen einem Pilgerbesuch und dem Athos liegen Monate der Antragstellung und die berüchtigte griechische Bürokratie. Wer rechtzeitig einen Bittbrief ans Pilgerbüro in Thessaloniki richtet, der Hauptstadt der Region Zentralmakedonien, der dann positiv beschieden wird, kann sich eines Tages das begehrte Visum für die Mönchs­republik, das "Diamonitirion", in Ouranopolis, der "Stadt des Himmels" unweit der Grenze zum Athos, abholen. Das Visum berechtigt zum maximal viertägigen Aufenthalt. Eine Einreise auf dem Landweg ist verboten; der Pilger besteigt in Ouranopolis ein Schiff und landet unweigerlich im winzigen Hafen von Daphni an, hinter dem sich Ehrfurcht gebietend der Heilige Berg erhebt. Interessierte Frauen dürfen zumindest mit einem Schiff entlang der Athos-Küste fahren und zu den eindrucksvollen Klöstern empor­blicken – allerdings darf sich kein unbefugtes Boot der Küste dichter als 500 Meter nähern. Die Grenze wird von der Polizei streng bewacht. Wer als Pilger auf Athos übernachten will, wird einem der 20 Klöster zugeteilt und darf am strengen mönchischen Leben teilnehmen. Auch wenn hier die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Beim Essen heißt es ­Beeilung – denn wenn der Abt satt ist, lassen auch alle anderen Mönche im ­Refektorium, dem Speisesaal des Klosters, ihre Löffel sinken.

Ostchalkidiki feiert einmal im Jahr ein kulinarisches Festival

Die mönchische Kost kann im Wesent­lichen als vegan plus Meeresfrüchte und Wein charakterisiert werden. Fleisch gibt es nicht. Doch diese mediterrane Diät mit viel Salat, Gemüse und ­Olivenöl ist dennoch so abwechslungsreich, gesund und schmackhaft, dass die Region Ostchalkidiki seit sieben Jahren immer vom 15. Mai bis zum 15. Juni das kulinarische Festival Mount Athos Area Kouzina veranstaltet. Es gibt Koch­wettbewerbe und Demonstrationen der Kochkunst in Dörfern, Städten und ­Hotels, bei denen die traditionelle athonische Küche in vielen verschiedenen Varianten vorgeführt wird.

Auch die Mönche beteiligen sich ­gelegentlich: Im Athos Bar Restaurant am Strand von Ouranopolis bereitet Bruder Nikitas ein traditionelles Gericht zu. Es besteht aus Fisch, den er am Morgen ­gefangen hat und der nun in einem dicken Sud aus Zwiebeln und Knoblauch gedünstet wird. Ab August werden im Internet die Termine für das Festival 2018 veröffentlicht.

Wem es zu anstrengend ist, bis zu den Mönchen vom Berg Athos vorzudringen, der kann auf Chalkidiki Nonnen besuchen. In Ormylia – an der Basis des mittleren Zackens – gibt es das Kloster Evangelismos Tis Theotokou, sozusagen ein weiblicher Ableger von Simonos Petras. Mehr als 100 Nonnen leben hier in dieser weitläufigen und wunder­schönen, 100.000 Quadratmeter umfassenden Anlage. Sie bauen Gemüse an und hüten Schafe, kümmern sich um insgesamt 7500 selbst gepflanzte Oliven­bäume und fertigen daraus unfassbar gutes Öl. Schwester Katarina aus Leipzig lebt hier seit zehn Jahren. Die 38-Jährige mit den sanften Augen erzählt, wie erschrocken ihre Eltern waren, als sie ihnen eröffnete, orthodoxe Nonne in Griechenland werden zu ­wollen. Aber sie versichert, dass sie hier absolut glücklich sei.

Ständig bauen die Frauen am Kloster weiter; hochbegabte Künstlerinnen unter ihnen haben den kompletten Innenraum der schönen Klosterkirche mit Heiligenbildern ausgemalt. Das Kloster kann besucht werden; Übernachtungen sind aber nur nach telefonischer Vor­anmeldung möglich.

Chalkidiki ist zudem Schatzkiste für historisch und archäologisch Interessierte. Besonders attraktiv ist das antike Stageira. In der winzigen Hafenstadt nahe Olympiada an der Ostküste wurde im Jahr 384 vor Christus der Philosoph Aristoteles geboren. Die Grundmauern der antiken Stätte sind erhalten. Hier beginnt und endet auch der Aristotelesweg, eine rund 25 Kilometer lange Wanderroute von der Küste in die Berge zum modernen Stageira.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.