Klosterleben

Orte der Stille – Baukunst, Musik und Andacht im Kloster

Mehr als 20 Klöster zwischen der Weser und dem Teutoburger Wald laden weltliche Besucher ein. Spirituelle Begegnungen sind garantiert.

Das karolingische Westwerk im Kloster Corvey.

Das karolingische Westwerk im Kloster Corvey.

Foto: JTB Photo / UIG via Getty Images

Höxter.  Zwischen Weser und Teutoburger Wald sucht die Dichte an Klöstern seinesgleichen. Mehr als 20 klösterliche Bauten und Einrichtungen laden als Orte der Spiritualität zur Begegnung mit Architektur, Musik und modernem Klosterleben, aber auch mit sich selbst. Forstwege und mittelalterliche Kirchpfade führen zur Abtei Marienmünster, einem koptischen Kloster in Brenkhausen und zur ehemaligen Benediktinerabtei Corvey, die zum Weltkulturerbe gehört.

Für ein erstes Eintauchen in diese Natur ist Kulturlandführerin Gisela Reineke genau die richtige. Zum Auftakt ihrer Wildkräuter-Wanderung schenkt sie Apfelsaft mit Brennnessel-Note ein. "Da wird Schlacke gelöst und ausgespült", sagt die Kräuterpädagogin. Während es weitergeht, wird das viele Grün am Wegesrand von ihr namentlich unterteilt: hier der Gundermann, dort Ahornstab, Waldmeister, Bärlauch. Und überhaupt: "Wildpflanzen sind die ehrlichsten Lebensmittel. Da ist eben die ganze Grünkraft drin."

Klostergärten als mittelalterliche Apotheke

Schon ist der ­Bogen zur Benediktinerin Hildegard von Bingen geschlagen. "Viriditas" hieß ­diese Kraft, die der Natur innewohnt, bei ihr. Grünkraft sei Lebenskraft, so die Mystikerin, und Lebenskraft sei Gotteskraft, Schöpfungskraft und Heilkraft. "Im Mittelalter wurde in den Klöstern auch geheilt, die Klostergärten waren dafür die Apotheke", erzählt Reineke.

Und heute? Die Benediktinerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz liegt in Herstelle hoch über der Weser. Anders als erwartet ist es kein altes Gemäuer, sondern moderne Architektur mit Gästehaus. Liefen die Nonnen nicht in ihrer Tracht herum, könnte es auch ein Tagungsort sein oder gar ein Sportleistungszentrum. Doch neben dem Gästehaus lädt ein kleiner "Garten des Wandels" zu Besinnung und Meditation ein. Ein spiralförmiger Weg aus Holzbohlen windet sich an Farnen vorbei auf eine kleine, steinerne Stele zu. Symbol eines Mittelpunkts, vielleicht des eigenen.

Im Kloster ist jeder Mensch mit sich selbst konfrontiert

Schwester Lucia gehört mit 51 Jahren zu den Jüngeren in der Abtei und ist für Public Relations zuständig. "Wir sind ein lebendes Kloster, kein Museumsstück", sagt sie lächelnd. Ora et labora, bete und arbeite. Der Klosterladen bietet auch Spirituelles an.

Das liturgische Morgengebet Laudes beginnt um zwanzig nach sechs. Das Kirchenschiff ist über Eck gebaut, Kirchgänger und Nonnen können sich nicht sehen. Die hellen Sopranstimmen erklingen aus dem Verborgenen, was ihre meditative Wirkung verstärkt. Fünfeinhalb Jahre musste sich jede ­dieser Stimmen prüfen, bevor sie auf Lebenszeit hier aufgenommen wurde. "Aber wer draußen nicht zurechtkommt, wird hier drinnen erst recht nicht zurechtkommen", mahnt die Ordensfrau. "Man ist mit sich selbst konfrontiert, es gibt nicht die Ablenkungen, die es draußen gibt."

Der Weg der Stille ist am geschwungenen S erkennbar

Ein Stück nordwestlich des Weserlaufs ragen die schlanken Türme der ­Abteikirche von Marienmünster aus der Landschaft. Dies ist eine Station auf einem 40 Kilometer langen "Weg der Stille", unterwegs am geschwungenen S auf grünem Grund zu erkennen. Dieser Weg verläuft weiter über Brenkhausen nach Corvey. Doch nicht immer ist es in der 1128 gegründeten Kloster­anlage still. Neben ihrer religiösen Bedeutung als Pilgerstätte in Ruhe und ­Abgeschiedenheit wird heute in den Wirtschaftsgebäuden regelmäßig ein vielfältiges Konzertprogramm angeboten.

Ein musikalisches Juwel wartet in der Abteikirche Marienmünster: eine Johann-Patroclus-Möller-Orgel aus dem Jahr 1738. "Das sind westfälische Spezialitäten für die Ohren", sagt Hans Hermann Jansen von der Kulturstiftung Marienmünster, bevor er die Orgel erklingen lässt. "Es ist reine Musik, die will nirgendwohin. Die Mitteltöne stimmen, die Bleipfeifen haben eine schöne Wärme – musikalische Bio-Qualität."

Auf dem Aussichtsturm ist man dem Himmel besonders nah

Neben dem "Kloster der Klänge" steht ein neu eröffnetes, multimediales Informationszentrum. "Wir haben uns gefragt, wie man sich am besten auf die Begegnung mit spirituellen Orten vorbereiten kann", erklärt Jansen. Als Hommage an die Benediktiner-Regel "Höre mein Sohn, höre auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens" wurde die sich drinnen entfaltende Bilderwelt mit besonderen Klängen untermalt. Heraus kam eine Landkarte, die auf den Boden projiziert wird und die beim Betreten der angezeigten Ortsnamen ein multimediales Bild-Ton-Erlebnis an den Wänden in Gang setzt.

Wer von der Abtei Marienmünster weiter dem "Weg der Stille" folgen will: Er führt zunächst auf den Hungerberg. Ist nach dem Anstieg auch der Aussichtsturm erklommen, "ist man dem Himmel besonders nah", verspricht eine Meditationsstation neben der Hungerbergkapelle. Der Blick reicht weit in die Landschaft hinaus, bis zum Teutoburger Wald und dem Hermannsdenkmal.

Das koptisch-orthodoxe Kloster Kloster Brenkhausen ist ist ein religiöses Zentrum

Wieder unten angelangt verläuft der Weg durch eine schöne Allee, vorbei am jüdischen Friedhof und durch kleine Ortschaften, bis am Ende dieses Abschnitts ein historischer Klosterweg zum koptisch-orthodoxen Kloster Brenkhausen führt. Anba Damian, ­Generalbischof der Kopten in Deutschland, begrüßt zu Kaffee und Kuchen im Habit des koptisch-orthodoxen Mönchs. Seit 1994 entstand in den Mauern, die über Jahrhunderte Zisterzien­serinnen und Benediktinerinnen beherbergten, ein neues religiöses Zentrum. Ägyptische Mönche und ihre Helfer sanierten einen Teil der lange Zeit unbenutzten Gebäude. Heute können Besucher hier viel über die Spiritualität der koptischen Kirche erfahren.

Beim Gespräch über Religion kann angesichts der wiederholten Anschläge in Ägypten die Weltpolitik nicht ausgeklammert bleiben. Und Damian scheut sich nicht, klar Stellung zu beziehen: "Niemand wird als Terrorist geboren. Aber wenn der Imam Hass predigt, wird die Moschee mit Hass im Herzen verlassen." Leider sei diese fanatische Haltung sehr ausgeprägt. "Muslime halten uns für verrückt, weil wir an die göttliche Dreieinigkeit glauben, weil einer davon gekreuzigt wurde und weil wir von einer Mutter Gottes sprechen. Deswegen sind wir für sie gottlose Menschen."

Wer dem Pilgerweg folgt, wird zum Weserufer geführt

Das Kloster Brenkhausen hat viele Besucher, sowohl christliche Gemeinden wie auch Gruppen und einzelne Gäste. "Es kommen alle Konfessionen und Altersgruppen, sogar Angehörige der Bundeswehr, Polizeiseelsorger und Leiter von Altenheimen", sagt Damian. Ohne jeglichen Missionseifer zelebriert er ägyptische Gastfreundschaft. Schließlich habe Ägypten damals auch der Heiligen Familie Asyl gewährt. Die einst maroden Räume zieren heute farbenprächtige Bilder und Symbole der koptischen Religion. Und es gibt viel bislang Unbekanntes kennenzulernen: von der Gestaltung der Gottesdienste bis zu den Taufzeremonien.

Wer dem Pilgerweg weiter folgt, wird schließlich Schritt für Schritt aus der Stille heraus mitten durch die historische Fachwerkstadt Höxter zum Weserufer geführt. Von dort geht es zum ehemaligen Benediktinerkloster und der Schlossanlage Corvey. "Es hat zwar 20 Jahre gedauert, aber dann wurde Corvey Weltkulturerbe."

Schlossherr Viktor Prinz von Ratibor und Corvey spricht mit österreichischem Tonfall. "Und das karolingische Westwerk aus dem 9. Jahrhundert ist das Gesicht des Welterbes", ergänzt Gästeführer Josef Kowalski. Wer vor dem hoch aufragenden Portal mit seinen zwei Türmen steht, wird rasch verstehen: Heute wie damals ist Corvey mit seiner 1200-jährigen Geschichte ein kultureller Leuchtturm.

Eine reich gefüllte kulturelle Schatzkammer

"Nach der Eroberung Sachsens wollte Karl der Große die Christianisierung in dem neu gewonnenen Gebiet durch die Gründung eines Reichsklosters festigen und fördern", erzählt Kowalski. "Corvey wurde Zentrum für die Weitergabe des Christentums, was die Grundlage der Europawerdung war."

Hinter den alten Mauern der Schlossanlage wartet eine reich gefüllte kulturelle Schatzkammer: ein Kreuzgang, eine Äbtegalerie, ein prächtiger Kaisersaal, Prunk- und Wohnräume aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie eine Bibliothek mit 75.000 Bänden, in der Hoffmann von Fallersleben als Bibliothekar wirkte. Mit Corvey steht am Ende der Reise durch das Kulturland im Kreis Höxter ein Ort mit großer Ausstrahlung für Kirche und Gesellschaft. Hier verschmelzen Glaube und Künste. Und wenn man dem Besucherstrom ein wenig ausweicht, findet sich auch hier ein Eckchen, von dem aus diese Pracht still zu erleben ist.

Tipps & Informationen

Wildkräuter-Wanderung mit Gisela Reineke, Kontakt Tel. 05272 9329 oder
g.reineke@ naturparkfuehrer.org

Weg der Stille www.weg-der- stille.de

Übernachtung z. B. in der Benediktinerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz Herstelle, Tel. 05273/804-114, www. abtei-herstelle.de, oder im Schloss Gehrden in Brakel-Gehrden, Tel. 05648/ 963 20-0, www.schloss-gehrden.de

Auskunft www.kulturland.org

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