Reise

Kunst und Kultur statt Schlote und Stahl

Vorbei die Zeit, als Schwerindustrie Pittsburgh prägte – heute gibt sich die Stadt ökologisch und innovativ

Rachel Carson sieht blendend aus an diesem wolkenlosen Sonnabendmorgen. Und Andy Warhol erst. Majestätisch die eine. Eisenhart der andere. Blass senffarben beide. Imposant sowieso. Ohne sie und ihre 444 stählernen Brüder und Schwestern wäre Pittsburgh eine geteilte Ansammlung von Kiezen. Da die Viertel jenseits des Alleghenny River. Hier die Quartiere am Monongahela River. Wer als Tourist auf der Aussichtsplattform am Mount Washington steht und hinabblickt ins Tal, wo die graubraunen Ströme sich im 1600 Kilometer langen Ohio River vereinen, erkennt schnell: Erst die Brücken, von denen es hier in der Hügellandschaft Pennsyl­vanias mehr gibt als in Venedig, machen aus Pittsburgh das, was es ist: die florierende Zentrale einer Ex-Stahl- und Kohleregion, die heute mit sauberer Technologie und tonnenweise Kunst und Geschichte glänzt.

Elf Millionen Gäste kommen jährlich in die von New York wie von Washington aus mit dem Auto in gut vier Stunden erreichbare Region und sichern in den knapp 260 Hotels mit rund 29.000 Betten rund 55.000 Arbeitsplätze. Dass die Zahlen voraussichtlich steigen werden, sagt Tinsy Labrie, Vizepräsidentin des örtlichen Tourismusverbandes, hat mit zwei neuen Fluglinien aus Europa zu tun, die seit Juni den Pittsburgh International Airport mehrmals unter der Woche ansteuern wollen. Und mit Donald Trump.

Seit der Präsident so ziemlich alles falsch gemacht hat, als er sich in einer Rede im Rosengarten des Weißen Hauses Pittsburgh als P wie Patron andiente und die Abgrenzung zu P wie Paris (wie Klimaschutz) suchte, hat die Zahl der wohlwollenden Stadtporträts erheblich zugenommen. Nirgends fehlt der Verweis, dass Bürgermeister Bill Peduto Demokrat ist, Trumps Rivalin Hillary Clinton im November in Pittsburgh 75 Prozent der Stimmen geholt hat und die Stadt mit Klimawandelleugnern rein gar nichts anfangen kann. "Wir wissen schließlich, wie es hier ausschaute, als der Himmel grau war vor Gestank", sagt Labrie.

Die Stadt schämt sich ihrer Vergangenheit nicht

In einem schmerzhaften Erneuerungsprozess hat sich Pittsburgh nach der Kernschmelze der Schwerindustrie in den 70er-Jahren seiner qualmenden Schlote entledigt und eine einladende ökobewusste, wissensbasierte Landschaft kultiviert, in der Uber seine fahrerlosen Autos testet und an der renommierten Carnegie-Mellon-Universität weltweit umworbene Robotikexperten tüfteln. Dass Pittsburgh seine indus­trielle Vergangenheit dabei nicht verschämt wegretuschiert, konnte die Welt in Ansätzen schon 2009 sehen. Damals verschaffte Barack Obama der Metropole, in der die verehrten Puck-Jäger der Penguins gerade wieder den begehrten Stanley Cup im Eishockey gewonnen haben, durch den G20-Gipfel globale Aufmerksamkeit. Die Überbleibsel der Montanindustrie, und das wirkt auf Anhieb sympathisch, werden hier weniger aufdringlich inszeniert als im Ruhrgebiet, wo Kokerei-Riesen wie Zollverein in Essen dreistellige Millionenbeträge erhalten haben, ohne dass sich die erhofften Synergie-Effekte einstellten. Der große Hochofen der Carrie Furnace Steel Mill etwa ragt noch immer wie ein abgebrochener, fauler Backenzahn in den Himmel.

Wo in den 60er-Jahren 15.000 Stahlarbeiter schufteten, herrscht heute rostbraune Stille. Und gelegentlich Jim Capuso. Der alte Mann mit slo­wakischen Wurzeln führt Besucher durch die maroden Hallen, erklärt, wie es war, als hier "1000 Tonnen Eisen produziert wurden – täglich". Nach der Schließung 1978 hat sich in der Ruine lange Zeit wenig getan. Das Bewusstsein für das industrielle Erbe musste erst geweckt werden. Das übernahm die gemeinnützige Organisation Rivers of Steel Heritage. "Hier ist immerhin das Eisen für das Empire State Building in New York und für den Panamakanal gegossen worden", erzählt der Kurator Ronald Baraff beim Gang übers Gelände, "wir dürfen diese Zeit nicht einfach ausradieren."

Inzwischen ist das Areal nationales Kulturerbe. Erschließen kann sich der Besucher das Ganze am besten per Fahrrad. 50 Ausleihstationen stehen im Stadtgebiet zur Verfügung. Der knapp 45 Kilometer lange Heritage Trail ist bestens ausgebaut. Station sollte man danach unbedingt in Downtown machen. Dort überragt der Büro-Silo von US Steel mit 256 Metern alle anderen Hochhäuser. Das medizinische Zentrum der örtlichen Universität – mit 50.000 ­Beschäftigten der größte Arbeitgeber – hat auch hier seine Zelte aufgeschlagen und verkörpert den Strukturwandel hin zur Dienstleistungsmetropole, die wegen ihres überdurchschnittlichen Kulturangebots das Paris der Appalachen genannt wird.

Knapp 4000 Werke von Andy Warhol sind hier ausgestellt

Das liegt vor allem an den hervorragenden Museen, die auf den Stahlmagnaten Andrew Carnegie zurückgehen. Das Museum of Natural History ragt wegen seiner stattlichen Dinosauriersammlung ebenso heraus wie die Frick-Sammlung. In ständiger Konkurrenz natürlich: das Andy Warhol Museum in der Sandusky Street. Dem Sohn slowakischer Einwanderer ist hier auf sieben Etagen das größte Einzel-Künstler-Museum Amerikas gewidmet – knapp 4000 Werke. Nur hier sind frühe Arbeiten und Kindheitsfotos zu bewundern. Der stolze Eintrittspreis von 20 Dollar halbiert sich freitags zwischen 17 und 22 Uhr.

Davon unabhängig hat sich eine lebendige Szene entwickelt, in der etwa die Mattress Factory mit Werken von James Turrell und Yayoi Kusama oder Randyland, eine Villa Kunterbunt mit Artefakten und allerlei Krimskrams des Lebenskünstlers Randy Gilson, beständig Zuschauer anzieht, die in den verwinkelten Stadtteilen nach Erbauung suchen.

Wer etwa durch Deutschtown wandert, stößt früher oder später auf ein Kleinod namens City of Asylum. Verfolgte Künstler und Schriftsteller, die aus Ländern wie China oder Burma ins Exil fliehen mussten, finden hier eine neue Bleibe. Größen wie der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka haben das Projekt vor vielen Jahren mit angestoßen. Der chinesische Dichter Huang Xiang hat seine Freiheit mit Kunst am Bau gefeiert. Sein Haus im Sampsonia Way ist mit Kalligrafien seiner Arbeit übersät. Die Zentrale des von einem gemeinnützigen Verein getragenen Projekts ist in einem behutsam renovierten Freimaurerhaus an der North Avenue untergebracht. "Mit einem Buchladen, einem Café und einer Bühne", berichtet Manager Adam Stokes, "sind wir hier inzwischen ein echter sozialer Treffpunkt ­geworden."

Warum das "Forbes"-Magazin Pittsburgh zu den zehn lebenswertesten Städten in den USA zählt, erschließt sich gerade an den Wochenenden am Strip, einem ehemaligen Industrie-Areal in Sichtweite der Heinz-Ketchup-Fabrik unten am Fluss, das leise gentrifiziert wurde. Der Open-Air-Markt mit Restaurants, Garküchen, Musik, Malern und Straßentheater ist eine Bühne für die gesamte Stadtgesellschaft. Hier hat die Brennerei Wigle gerade ihren ersten, fünf Jahre gelagerten Rye-Whiskey abgefüllt. Hier bereiten die Primanti-Brüder seit 1930 Sandwiches mit der typisch pittsburghischen Füllung zu: frisch geschnittene Fritten, Pastrami, Provolone-Käse, Coleslaw und Tomaten. Nicht weit entfernt davon betreibt der Gastro-Riese Richard DeShanz zwei seiner volksnahen Food-Schmieden: "Gi-Jin" für Meeresfrüchte. Und "Pork & Beans" für Deftiges zwischen Fleisch und Bohnen. Dass Pittsburgh für Kulinariker ein Quell der Freude ist, hat sich inzwischen bis zu CNN herumgesprochen. Neulich saß Kochtopf-Entdecker Anthony Bourdain im "Squirrel Hill Cafe", um für eine neue Sendung aus der Reihe "Parts Unknown" mit der literarischen Lokalgröße Stewart O'Nan den berühmten Cage-Burger zu verzehren. Später soll man die beiden an der Bar des Ace-Hotels gesehen haben. Die Vier-Sterne-Herberge in der East-Liberty-Gegend ist in einem ehemaligen YMCA untergebracht. Nach den göttlichen Cocktails und hervorragenden Menüs kann der Gast in der hauseigenen Turnhalle die Kalorien wieder abtrainieren. Der Schweiß fließt in Strömen. Die typische A/C gibt es nicht. Aus Klimaschutzgründen.

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