Reise

Rundtour über Pellworm

Die kleine Nordseeinsel lässt sich gut mit einem E-Bike erkunden. So macht eventueller Gegenwind nichts aus

Es ist ein schöner Abend auf der Ter­rasse der Gaststätte "Nordseeblick". Der Blick fällt auf den kleinen Hafen von Tammensiel auf der Nordseeinsel Pellworm. Krabbenkutter liegen am Kai, Möwen schreien verhalten, und ein leiser Wind streift vorüber. Lange, nied­rige Wellen laufen in Staffeln in das ­Hafenbecken. Und laufen auf und laufen auf. Das Wasser steigt stetig. Still schwappen die sachten Wellen über den Rand. Die Nordsee kommt – und sie kommt ganz leise.

"Springflut", sagt Dörte Koch, die Wirtin des "Nordseeblicks", lapidar und serviert Spezialitäten von der Nordseeküste. "Aber keine Sorgen, höher steigt das Wasser nicht." Zweimal im Monat stehen Sonne und Mond in einer solchen Konstellation, dass sie einen enormen Flutberg anziehen – der das Wasser eben extrem hoch auflaufen lässt. Der Blick nachts vom Balkon der Ferienwohnung im "Nordseeblick" auf den Hafen; von den Krabbenkuttern ist auf den ersten Blick nichts zu sehen. Sie sind nicht weg, sie liegen nur ganz tief – Springtide heißt das, ein ganz tiefes Niedrigwasser.

Am kommenden Tag klettert Stefan Koch, Schwager der "Nordseeblick"-Wirtin, auf seinen Krabbenkutter "Maja", der zur Ausfahrt fertig gemacht wird. Käpt'n Koch hat ein paar Minuten Zeit, er muss sowieso die passende Tide abwarten, um dieselsparend mit hinaus auf See gezogen zu werden. Der Bootsmann schleppt Bettzeug an Bord. Sieht's draußen gut aus, sind also viele Krabben im Netz, wird so lange gefischt, bis der Kutter bestenfalls voll ist, dann bleiben sie draußen auf See, ankern und schlafen zwischendurch ein paar Stunden, sagt Stefan Koch und schaltet die Ge­räte ein. Bis vor Amrum wollen sie heute rausfahren.

Schmecken Ihnen noch Krabben, Herr Koch? "Immer besser", sagt der Käpt´n vom Krabbenkutter und lacht, "…gekocht auf dem Kutter und vom ersten Hol nehme ich mit immer sofort eine Handvoll!"27 Kilometer sind es am Deich entlang rund um die Insel

Pellworm ist die schöne, stille Insel draußen im Wattenmeer, 37 Quadrat­kilometer groß, einmal komplett umdeicht, grün und gemütlich. Außer Tammensiel gibt es nur Streusiedlungen. Ich packe meinen Rucksack mit Verpflegung für eine Radtour um und über die Insel: Brot, Käse, Wurst. Auf Pellworm gibt es wieder eine Molkerei, aus Pellwormer Milch wird auch Käse hergestellt. Die Wurst ist ein Produkt der Marke Uthlande, eines Zusammenschlusses von Produzenten der Insel- und Halligwelt, also auch ein Produkt von hier draußen.

Das E-Bike gibt es in Tammensiel, die Karte und ein paar handfeste Tipps in der Kurverwaltung. Mit elektrischer Unterstützung also auf dem Rad Richtung Norden. Immer am Deich lang, einmal rundherum sind es 27 Kilometer. Das erste Ziel ist die Windmühle, und ein Stopp auf dem Deich lohnt eigentlich immer. Wie kann man sich am Wasser, am Watt und der Weite jemals sattsehen? Dann führt der Weg wieder über die Insel.

Wo die Sonne die Backsteinwände der heimeligen Häuser erwärmt hat und die Rosenstöcke blühen, duftet es herrlich. Vermengt mit dem Aroma der See eine wunderbare Melange. Dazu wispert der Wind in den Blättern. So können die Stunden, ach was: ganze Tage faul und gemütlich dahinziehen. An den Höfen stehen Obstbäume. So auch auf dem Clausenhof. Ein prachtvoller Friesenhof, mehr als 250 Jahre alt, gelegen am Naturschutzgebiet Waldhusentief, einem See voller Vögel. Im Clausenhof gibt es Ferienwohnungen – jede hat ihren eigenen Charakter, gemein ist ­ihnen die Verwendung natürlicher Materialien und historischer Farben. Altes und Neues zu nordischer Klarheit verbunden. Ein Friesenhof wie aus dem ­Bilderbuch mit einem Garten zum Träumen: Im Obstgarten stehen Apfel- und Birnbäume, alte wie junge, Garant für reiche Ernte im Herbst ebenso wie ein wundersamer Rückzugsort. Es gibt hier auch kleine Karrees, angelegt als Themengärten – solche für Küche und Kräuter beispielsweise. Und natürlich die Rosen: "Neben dem Gartentor liegt der viergeteilte Rosengarten", sagt Anke Stephan, "mit wunderbar duftenden ­Rosen – und alle in verschiedenen Rosatönen. "

Nicht weit vom Clausenhof befindet sich nahe der Straßensiedlung Tilli im Süden der Insel die "Lüttschool", ein großer Vogelbeerbaum steht davor. Beim Eintritt in die "Lüttschool" scheint es so, als ob das Reich der Nostalgie betreten würde: In der alten Lehrerwohnung – Schulbetrieb war bis 1958 – gibt es Frühstück. Der Dielenfußboden knarrt verhalten, ein opulenter Kristallleuchter wirft funkelndes Licht auf diese Bühne des Genusses. Auf den Tischen Leinendecken, die Gerichte werden auf Etageren gereicht, Kaffee aus schönen alten Thermoskannen.

Wer sich hier an den Tisch setzt, wird verwöhnt. "Lassen Sie sich über­raschen – als Gast wissen Sie nicht genau, was es gibt", sagt Barbara Pastoors, die diesen Ort mit ins Leben rief. Beim Blick vorher in den kleinen Laden und die Küche dürfte klar sein, was auf den Tisch kommen könnte: Marmeladen und Chutneys von süß bis pikant, der Duft frischen Brotes hat sich selbst ­verraten. "Wir versuchen die Produkte so lokal und saisonal wie möglich anzubieten. Brot und Brioche backen wir selbst. Die Chutneys und Marmeladen stelle ich auch mit dem Obst aus dem eigenen Garten her. Und auf Salami und Schinken muss auch niemand verzichten – die stammen aus den Uthlanden", sagt Barbara Pastoors. Dass es endlich wieder Pellwormer Käse gibt, dürfte sie, als die perfekte Gastgeberin und Botschafterin des guten Geschmacks, besonders freuen.

In dem kleinen Laden gibt es die Produkte für zu Hause, auch Senf, den sie selbst herstellt – mit Birnen oder Quitten zum Beispiel. Im Garten stehen die alten Obstbäume und Spalierobst, alte Sorten wie der Apfel Finkenwerder Herbstprinz. Und die Blumen blühen hier vom Frühjahr bis in den Herbst: Malven und Astern, wilde Kamille und Lavendel stehen unter der großen alten Esche. Und noch die Rosen, die natürlich auch. Es ist eine reine Gartenlust und Gaumenfreude gleichermaßen, hier in der alten kleinen "Lüttschool" auf Pellworm.

In einem Imbiss am Hafen gibt es selbst geräucherten Aal

Auf der Lindenallee geht es durch ­Tilli, mittendrin das Restaurant von ­Anne und Klaus Jensen; "Unter den Linden" heißt es, und zehn Linden halten Wacht davor. Eine Landwirtschaft mit Schankwirtschaft war es einst, ein schöner Landgasthof mit feiner boden­ständiger Küche ist es immer noch. Bei der Fahrt und dem Blick über die Insel dürfte eines auch in der Küche klar sein – Land und Meer sind eng beieinander. Krabben und Lamm, zum Beispiel, heißt das in diesem Fall. Anne Jensen steht in der Küche und kocht die Krabbensuppe und den Lammeintopf. Den sauren Hering legen sie selbst ein; in Essig, mit ­Piment, mit Zwiebeln und Zucker. Zum Nachtisch möchte man zur roten Grütze greifen, aber Anne Jensen hat da eine andere Idee: "Ich bringe Ihnen ein Pharisäer-Parfait." Den Küstenklassiker mal anders – gefroren in der Tasse.

An der Westküste steht die mächtige und weithin sichtbare Turmruine der alten Kirche. Der Genuss-Stopp an dieser Stelle: das "Café Rosengarten". Karin Kobauer backt Obstkuchen und die Friesentorte täglich frisch. Kuchenklassiker mit Blick auf den Kirchturm im Bauerngarten. In großer Runde geht es um den Süden der Insel zurück. Am Hafen in Tammensiel sind die Tagesgäste wieder verschwunden, ein gemütlicher Feierabend-Frieden liegt über dem Ort. Wer guten Fisch will, geht in den Fischimbiss am Hafen. In "Leo's Fisch- und Grillimbiss" gibt es die Klassiker. Und Aal. Leonhard Brunner bekommt ihn von Pellwormer Hobbyfischern, räuchert ihn und beliefert den Imbiss.

Gute Exemplare werden mehr als einen Meter lang und ein deutliches Pfund schwer, die kommen dann bei Leonhard Brunner in den Ofen; mit 40 Jahren Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl räuchert er die Fische. "Der Verlauf der Temperatur ist ganz wichtig", so viel verrät Leonhard Brunner dann doch, "es wird kalt geräuchert, und es wird warm geräuchert. Und ­Späne von Erlenholz sorgen für eine schöne, dunkle Farbe und einen richtig guten Geschmack." In der Hauptsache wird klassisch über Buchenholz ge­räuchert. Und das nicht über 100 Grad; Gutes braucht auch hier Zeit und Ruhe. Und Liebe und Leidenschaft, aus dem Einfachen etwas Besonderes zu ­machen.

Da hinten am Horizont taucht ein Krabbenkutter auf, dann noch einer. Die Pellwormer Fischer kehren heim in einer kleinen, stolzen Parade.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.